Pessach, auch Passa, Passach, Passah oder Pascha genannt (, ; aramäisch ; ), gehört zu den wichtigsten Festen des Judentums. Das Fest erinnert an den Auszug aus Ägypten (Exodus), also die Befreiung der Israeliten aus der Sklaverei, von der das 2. Buch Mose im Tanach erzählt. Die Nacherzählung (Haggada) dieses Geschehens verbindet jede neue Generation der Juden mit ihrer zentralen Befreiungserfahrung.
Pessach wird von Juden in der Woche vom 15. bis 22., in Israel bis zum 21. Nisan gefeiert, welcher Ende März beginnt. Es wird auch als Familienfest mit verschiedenen Riten begangen, das mit dem Sederabend am 14. Nisan eingeleitet wird und mit einem einwöchigen Verzehr von Matzen einhergeht, weswegen es auch „Fest der ungesäuerten Brote“ heißt.
In der Zeit des zweiten Jerusalemer Tempels, also zwischen etwa 530 vor und 70 nach Chr., gehörte Pessach neben Schawuot (dem Wochenfest) und Sukkot (dem Laubhüttenfest) zu den drei israelitischen Wallfahrtsfesten, an denen die Gläubigen zum Tempelberg pilgerten. mini|Sedertisch mit Haggada-Büchern
Übersicht und Einordnung Die Festtage, die im Judentum als bezeichnet werden, sind halachisch (laut jüdischem Religionsgesetz) so definiert:Die sechs Tage, an denen die Tora Arbeitsverbot gebietet, sind der erste und der siebte Tag des Pessachfestes, der erste und der achte Tag des Laubhüttenfestes (Sukkot), das Wochenfest (Schawuot) sowie der erste Tag des siebten Monats (Rosch ha-Schana). Diese Tage werden als Feiertage (Jamim towim) bezeichnet.Pessach ist also einer der Festtage, an denen die Torah für den ersten Tag und den siebenten Tag des Festes ein Arbeitsverbot gebietet.
Bezeichnung Die Etymologie des Wortes ist umstritten. Das Alte Testament deutet es von der Wurzel „hinken“, „vorübergehen“Otto: Pascha. In: Manfred Görg (Hrsg.): Neues Bibel-Lexikon. Band 3: O–Z. Benziger, Düsseldorf u. a. 2001, ISBN 3-545-23076-7, Spalte 77. und bezieht sich auf das „Vorübergehen“ an allen Häusern, an deren Türpfosten, auf Gottes Anordnung hin, Lämmerblut gestrichen war, während JHWHs Strafgericht an den ägyptischen männlichen Erstgeborenen in der Nacht des Auszugs (). Die Hebräer seien dabei verschont geblieben, weil sie ihre Türen mit einem Schutzzeichen markiert hätten . Vermutlich handelt es sich dabei jedoch um eine sekundäre, theologische Deutung. Die LXX akzentuiert dies durch die Verwendung des Verbes „schützen, bewahren“ für .
Möglich ist auch, dass sich die Wurzel auf „springen“, „einen kultischen Hinketanz vollführen“ bezieht und so ein vorisraelitisches Fest aufnimmt (vgl. ). Einen solchen religiösen Hintergrund versuche die Deutung in zu überwinden.
Die im Deutschen von Nichtjuden oder Christen gebräuchlichsten Namensformen sind Passa (Lutherbibel, evangelische Liturgie), Pascha (ausgesprochen als Pas’cha, Loccumer Richtlinien, Einheitsübersetzung, katholische Liturgie). Die revidierte Einheitsübersetzung von 2016 verwendet im Alten Testament die Schreibung Pessach.
Pascha ist in der Vulgata ein Lehnwort aus dem Griechischen. Mit Wortableitungen vom lateinischen pascha bezeichnen die meisten europäischen Sprachen das christliche Osterfest (siehe dort).
Biblische Begründung mini|Opferung des Lamms während der Plagen (1880), Pfarrkirche Andelsbuch (Vorarlberg) mini|Video: Hochfeste der Religionen (Pessach, Karwoche und Ramadan)
Das Pessach wird in als Gebot Gottes zwischen Ankündigung und Vollstreckung der letzten der Zehn Plagen eingesetzt. Einige spätere Bestimmungen ergänzt .
Im biblischen Zusammenhang beendet dieses Fest die Knechtschaft Israels: Als sich die Ägypter weigern, die Hebräer ziehen zu lassen, kündet Gott ihnen nach neun erfolglosen Plagen die Tötung der Erstgeborenen von Mensch und Tier an. Um verschont zu bleiben, solle jede israelitische Familie abends ein männliches, einjähriges fehlerloses Jungtier von Schaf oder Ziege schlachten, mit dessen Blut die Türpfosten bestreichen und es dann braten und gemeinsam vollständig verzehren. An den so markierten Häusern werde JHWH in derselben Nacht vorübergehen (, ) und dem Verderber (hebr. Maschechit) nicht erlauben, in die Häuser zu kommen, während er Gottes Strafaktion an Ägypten vollstreckt. Danach drängt der Pharao die Israeliten zum Verlassen des Landes, worauf sie gemäß Gottes Anweisungen vorbereitet sind.
Neben Schlachtung und Verzehr der Pessachtiere begründet das Kapitel auch das Festdatum, Ysop zum Bestreichen der Türen, das Auskehren allen gesäuerten Teiges, das siebentägige Matzenessen, das gegürtete, angekleidete Durchwachen der Auszugsnacht und Versammlungen am ersten und letzten Festtag. ergänzt das Opfer (Tier) bzw. die Weihe (Mensch) der männlichen Erstgeburt und das erzählende Erinnern der Auszugsnacht als Antwort auf die Frage eines Sohnes nach Herkunft und Sinn des Pessach.
Bestimmungen aus der späteren Königszeit in geboten das Pessach als zentrales Kultfest und verboten die Hausschlachtung. Als Opfertiere durften auch Rinder gewählt werden; sie mussten am selben Abend gekocht und restlos verzehrt werden. Das siebentägige Matzenessen sollte von der Auskehr allen Sauerteiges aus Israel während der Festwoche begleitet sein, „damit du dein ganzes Leben lang des Tages gedenkst, an dem du aus Ägypten gezogen bist“ (V. 3). Der siebte Festtag sollte als Ruhetag mit einer Versammlung begangen werden.
wiederholt die Pessachregeln von und ergänzt: Wer aus irgendeinem Grund – etwa einer weiten Reise oder einer kultischen Unreinheit – an der Teilnahme gehindert ist, darf Pessach im folgenden Monat (am 14. Ijjar) nachfeiern (Pessach scheni: „zweites Pessach“, auch „kleines Pessach“ genannt). Das zweite Pessach dauert nur einen Tag, das Verbot des Gesäuerten gilt nicht. Dennoch werden zum Andenken auch an diesem Tag u. a. Matzen gegessen.
beschreibt ein Pessach der zweiten Wüstengeneration beim Übergang zur Sesshaftwerdung in Kanaan. Damit habe Gott die „ägyptische Schande“ endgültig von den Israeliten abgewälzt; von jenem Fest an sei das Manna als wunderbare Wüstennahrung nicht mehr notwendig gewesen.
Entstehung und Wandel
Herkunft Drei landwirtschaftliche FesteGrafik zum jüdischen Jahreskreis mit den Monaten und Festtagen (Jüdischer Kalender): , in: sind von Bedeutung:Alle Übersetzungen gemäß: Gesenius. 18. Auflage, 2013, S. 322 f.
der Chag ha-Mazzot () der Chag ha-Schawuot () der Chag ha-Sukkot (), auch als Chag ha-Assif ()
Die alten Festkalender der Tora (; ) nennen nur Chag ha-Mazzot als eins von drei regelmäßigen, noch nicht genau datierten Wallfahrtsfesten. Die Notiz erwähnt nur das Pessach vor dem Aufbruch aus Ägypten; auch erwähnt Chag ha-Mazzot nicht. Erst nennt Pessach- und Mazzotfest nebeneinander und legt die Rahmentage der Festwoche fest. Deshalb nimmt die alttestamentliche Forschung vielfach an, dass Tier- und Brotritus ursprünglich getrennt und verschiedener Herkunft waren.
Das Fest der ungesäuerten Brote kennzeichnet den Beginn der GerstenernteNils Stein: Gerstengenom aus 6000 Jahre alten Samen rekonstruiert. Steinzeitliches Getreide aus dem Fruchtbaren Halbmond – Neue Erkenntnisse zur Domestikation der Gerste. Max-Planck Institut für Geoanthropologie, 15. Juli 2016, auf shh.mpg.de in der Levante und wurde mit der Zeit zu einem siebentägigen Fest erweitert. Es wird auch als Fest der Erstlingsfrucht () bezeichnet und nach dem ersten Tag des Pessachfestes begangen. Die ungesäuerten Brote werden auf ein bäuerliches Fest der Wintergetreideernte zurückgeführt, bei dem altes, zur Säuerung verwendetes Saatgut von neuem Getreide getrennt und bis zur Säuerung des ersten neuen Mehls nur ungesäuertes Brot gegessen wurde. Der Ursprung des Pessach lag nach weitgehendem Konsens der Alttestamentler im halb- bzw. nomadischen Milieu, bei dem die Schafs- und Ziegenhirten, bevor sie im Rhythmus der Jahreszeiten auf die Frühlingsweiden aufbrachen, ein Schaf opferten, um die künftige Fruchtbarkeit ihrer Herden zu sichern. Pessach, am Vorabend des Mazzotfestes begangen, gewann größere Bedeutung als jenes, und darum erhielt das Gesamtfest nach Verschmelzung beider Feste seinen Namen.Hans-Peter Mathys: Gottesdienst. In: Walter Dietrich (Hrsg.): Die Welt der Hebräischen Bibel. Umfeld – Inhalte – Grundthemen. 2., erweiterte Auflage. Kohlhammer, Stuttgart 2021, ISBN 978-3-17-039323-3, S. 263–276, hier S. 269.
Theorien zur Zusammenlegung Wann Pessach- und Mazzotfest zu einem Fest verbunden wurden, ist in der Forschung umstritten. setzt die Verschmelzung beider Feste voraus, lässt aber erkennen, dass Pessach ein Wallfahrtsfest war, das Mazzotfest aber in den jeweiligen Wohnorten gefeiert wurde. Angeredet ist Israel als Kollektiv; die gemeinsame Pessachfeier am Zentralheiligtum soll ein Erlebnis von Gemeinschaft ermöglichen. Die während der Festwoche verzehrten Mazzen, im Deuteronomium interpretiert als „Brot des Elends“, halten die Erinnerung an den Auszug aus Ägypten präsent. Israel soll sich daran erinnern, dass es das sesshafte Leben im Land der Verheißung seinem Gott JHWH verdankt. Daher ist Pessach im Deuteronomium in besonderer Weise ein Fest „für JHWH.“Karin Finsterbusch: Deuteronomium. Eine Einführung (= UTB.Band 3626). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2012, S. 120 f.
Christliche Erklärungen Nach den evangelischen Theologen Ernst Axel Knauf und Hermann Michael Niemann (2021) läge dem Rhythmus des Pessachfestes die Transhumanz zugrunde, ein Verfahren, das für das „orientalische Dorf“ seit 5000 Jahren bekannt ist, wenn es im direkten Umland kein Weideland besaß. Während der Vegetationsperioden zogen einige Mitglieder der sesshaften Dorfgemeinschaft mit ihren Herden in entferntere Weidegebiete, um diese von den Feldern fernzuhalten.Ernst Axel Knauf, Hermann Michael Niemann: Geschichte Israels und Judas im Altertum. De Gruyter, Berlin / Boston 2021, ISBN 978-3-11-014543-4, S. 36.
Der Theologe Leonhard Rost erklärte die Tierschlachtung zum Bestreichen der Türen als nomadischen Schutzritus, um Wüstendämonen aus der Behausung fernzuhalten.Leonhard Rost: Josias Passa. In: Leonhard Rost: Studien zum Alten Testament (= Beiträge zur Wissenschaft vom Alten und Neuen Testament. Band 101 = Folge 6, Heft 1). Kohlhammer, Stuttgart u. a. 1974, ISBN 3-17-001479-X, S. 87–93. Das Rösten des Fleischs in der Vollmondnacht und das ungesäuerte Hirtenbrot sah Rost als weitere Merkmale eines nomadischen Festes.Leonhard Rost: Weidewechsel und altisraelitischer Festkalender. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins. Band 66, 1943, S. 205–215. Die seinerzeit weit rezipierte These Rosts scheitert daran, dass sie Annahmen zur nomadischen Frühzeit Israels macht, die aus Sicht der neueren Forschung nicht haltbar sind. Die nomadischen Züge des Pessach lassen sich ohne Rosts Hypothese so erklären: Die Ähnlichkeit mit dem von vorislamischen Arabern praktizierten rağab-Opfer macht wahrscheinlich, dass das Pessach-Opfer aus nomadischen Gruppen stammt, die zu dem entstehenden Israel stießen. Der Pessach-Ritus ähnelt dem Ritus des ḏabīḥa-Opfers der vorislamischen Araber, bei dem Zelt- oder Haustürpfosten mit dem Blut des Opfertieres bestrichen wurden, das anschließend von der Familie gemeinsam verzehrt wurde; das ḏabīḥa-Opfer war allerdings nicht an einen bestimmten Termin gebunden. Auch die älteste Pessachüberlieferung, zum Beispiel die (für den Tempelkult nicht belegte) Vorschrift, das Opfertier zu kochen, weist auf einen familiären Kontext.
Zentrales Tempel- und Wallfahrtsfest Die Verlegung des Familienfestes zum zentralen Tempelfest zeigt . Dabei verlangt V,7 gegen das Kochen, nicht Braten des Opfertieres, das den ursprünglich häuslichen Festcharakter bestätigt. Nach folgte König Josia diesen wiederentdeckten Geboten des Deuteronomiums und feierte ein Pessach als Staatsfest beim Tempel. Dies wird als etwas Neues bezeichnet, wohl nicht, weil zuvor kein Pessach üblich gewesen wäre, sondern weil das Fest in den Familien und nicht zentral begangen wurde.