mini|Blick aus der Schwabinger Leopoldstraße durch das Siegestor in Richtung Universität und Münchner Innenstadt mini|Kunstakademie mini|Walking Man in der Leopoldstraße mini|Trambahn- und Bushaltestelle an der Münchner Freiheit mini|Kaufhaus in der Leopoldstraße (2012) mini|hochkant|Seehundbrunnen, Viktoriaplatz

Schwabing ist ein Stadtteil im Norden Münchens, der als Bohème-Viertel der Prinzregentenzeit zu literarisch-künstlerischer Berühmtheit gelangt ist und heute zu den Szenevierteln der bayerischen Landeshauptstadt zählt. Seit der Neugliederung des Stadtgebiets im Jahr 1992 umfasst Schwabing den Stadtbezirk 4 (Schwabing-West) und Teile des Bezirks 12 (Schwabing-Freimann).

Lage Im Süden wird Schwabing ab Höhe Georgenstraße/Siegestor durch die Maxvorstadt begrenzt, im Osten durch die Isar, im Westen entlang der Lothstraße durch Neuhausen und im Norden ab dem Petuelpark durch Milbertshofen sowie nordwestlich der Leopoldstraße bis zur Eisenbahnstrecke Nordring durch Freimann. Nur zwei kleine Ausschnitte südlich der Gleise des Nordrings gehören nicht zu Schwabing, sondern zu Freimann: Davon liegt der eine westlich der Trambahngleise der Tram 23 und nördlich der Domagkstraße und der zweite östlich der Ungererstraße und nördlich der Crailsheimstraße sowie westlich der Rohmederstraße. Der nördliche Teil des Englischen Gartens befindet sich weitgehend auf Schwabinger Gebiet. Ein erweiterter Schwabing-Begriff ergibt sich dadurch, dass viele Schlüsseladressen aus der Zeit der Schwabinger Bohème im Stadtteil Maxvorstadt liegen.

Geschichte Das Dorf Schwabing (die Gründung Svapinga eines Svapo) wurde bereits 782 urkundlich erwähnt und ist damit erheblich älter als das im 12. Jahrhundert gegründete München. Vermutlich hatte sich ein zugereister Schwabe hier niedergelassen und dem Ort seinen Namen gegeben; sein Nachfolger vermachte den verschuldeten Besitz dem Kloster Schäftlarn – gegen die ausdrückliche Erwartung, dafür vom Fegefeuer verschont zu bleiben. Spätere Nachkommen bauten eine kleine Burg, die bald verfiel. Das Dorf lag etwa 2½ km nördlich von München und bestand aus einigen Gebäuden um den späteren Feilitzschplatz (seit 1947 „Münchner Freiheit“) herum. Im Schloss Suresnes, das zu Anfang des 18. Jahrhunderts auf einem Vorgängerbau von Kurfürst Max Emanuel für seinen adligen Kabinettssekretär errichtet worden war, und in einer Reihe weiterer Schlösser war Schwabing seit langem auch vornehmer Wohnsitz höher gestellter Persönlichkeiten (vgl. An Jackl packst am End am Stiel, „Vom Dorf zur Stadt“). Schwabing war als vornehmes ländliches Idyll geschaffen für kulturellen Müßiggang und geistiges Leben: Folgerichtig entstanden an der Landstraße nach Norden unter König Ludwig I und seinem Sohn Maximilian zahlreiche Prachtbauten, darunter die Ludwigskirche, die Bayerische Staatsbibliothek und die 1840 errichteten Gebäuden der Universität, außerdem die Maxvorstadt mit der später hinzugekommenen Kunstakademie. Das sich nördlich anschließende Schwabing entwickelte sich zum außerakademischen geistigen Mittelpunkt weiter. 1886 wurde Schwabing zur Stadt erhoben und am 20. November 1890 nach München eingemeindet.

Wappen der ehemaligen Stadt Schwabing 120px|links Im Zuge der Stadterhebung verlieh Prinzregent Luitpold am 29. Dezember 1886, mitgeteilt durch die Regierung von Oberbayern, Kammer des Innern, ein eigenes Stadtwappen ab dem 8. Januar 1887: Es zeigt im blauen Schild zwölf goldene Ähren, deren Halme von einem silbernen, zu einer Schleife verschlungenen Band zusammengehalten werden.

Nach der Eingemeindung in die kgl. Haupt- und Residenzstadt München 1890 besitzt der Stadtrat der Landeshauptstadt München sämtliche Rechte zur Verwendung und Führung des Wappens.

Schwabing und seine große Zeit Mit der Verlegung der Universität von Landshut nach München 1826 und der Neugründung der Kunstakademie 1885 durch die bayerischen Könige entwickelte sich München zu einem geistigen Zentrum und schließlich zur „Kunststadt“ (die „Malerfürsten“ Friedrich August von Kaulbach, Franz von Lenbach oder Franz von Stuck sind zu erwähnen), im Gefolge davon später Schwabing und die daran angrenzende Maxvorstadt zum Künstlerviertel Münchens. In den Künstlerlokalen verkehrten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert Maler wie Max Nonnenbruch, Ernst Ludwig Kirchner, Lovis Corinth, Ernst Oppler oder Paul Klee und aus der Malervereinigung „Blauer Reiter“ Wassily Kandinsky, Alexej Jawlensky, Gabriele Münter, Marianne von Werefkin und Franz Marc. Es war die Zeit der Münchner Moderne in Kunst und Literatur.

Zu Ende des 19. Jahrhunderts hatte sich in Schwabing außerdem eine Bohème-Szene gebildet, die jenen in Paris, Berlin oder Wien vergleichbar war. Auch Literaten sind seit der Mitte des 19. Jahrhunderts hier besonders zahlreich anzutreffen: Schon Gottfried Keller hatte hier studiert (und beschrieb später ein Schwabinger Faschingsfest in seinem Roman Der grüne Heinrich). König Max II. scharte gar einen ganzen Dichterkreis um sich, genannt „Die Krokodile“.Johannes Mahr (Hrsg.): Die Krokodile. Ein Münchner Dichterkreis. Reclam, Stuttgart 1987

In der folgenden (alphabetischen) Liste sind die bekannteren jener Literaten aufgeführt, die mindestens Teile ihres Lebens in Schwabing verbracht haben, seit der Stadtteil die beschriebene Rolle spielte. Die allermeisten von ihnen wiesen in ihren erzählerischen, kulturkritischen oder autobiographischen Werken oder sogar in der Lyrik deutlich auf Schwabing und München hin (Titel, in denen Schwabing bzw. München eine wesentliche Rolle spielt, in Klammern beigefügt).Vgl. auch Walter Schmitz (Hrsg.): Die Münchner Moderne. Stuttgart (Reclam) 1990

Peter Paul Althaus (In der Traumstadt, 1951) Paul Alverdes Alfred Andersch (Der Vater eines Mörders, 1980), Anonymus (Der Weg ins neue Reich, 1913) Anita Augspurg Hugo Ball Johannes R. Becher (München in meinem Gedicht, 1946) Leo Benario (Die neue Religion, 1912) Margarete Beutler (Leb wohl, Bohème, 1911) Otto Julius Bierbaum (Prinz Kuckuck, 1908) Helene Böhlau (Halbtier, 1899) Bertolt Brecht Lena Christ (Erinnerungen einer Überflüssigen, 1912) Michael Georg Conrad (Was die Isar rauscht, 1888) Anna Croissant-Rust Albert Daudistel (Die lahmen Götter, 1924) Max Dauthendey Ludwig Derleth (Proklamationen, 1904) Otto Falckenberg (Das Buch von der Lex Heinze, 1900) Lion Feuchtwanger (Erfolg, 1930) Leonhard Frank (Die Räuberbande, 1914) Friedrich Freksa (Der rote Föhn, 1925) Alexander Moritz Frey (Solneman der Unsichtbare, 1920) Ludwig Ganghofer Stefan George Marie Amelie von Godin (Unser Bruder Kain, 1919) Catherina Godwin (Begegnungen mit Mir, 1910) Claire Goll (Der gestohlene Himmel, 1962) Oskar Maria Graf (Wir sind Gefangene, 1927), Wilhelm Herbert (Stehauferl, 1922) Hans von Gumppenberg Johannes von Günther Max Halbe (Die Elixiere des Glücks, 1942), Hans von Hammerstein (Februar, 1914) Ernst Heimeran (Lehrer, die wir hatten, 1954) Franz Hessel (Der Kramladen des Glücks, 1913) Alfred Walter Heymel Paul Heyse (Im Paradiese, 1875) Rolf von Hoerschelmann (Leben ohne Alltag, 1947) Ludwig Hollweck (Von Wahnmoching bis zur Traumstadt, 1969) Korfiz Holm (Ich – kleingeschrieben, 1932) Friedrich Huch Ricarda Huch Norbert Jacques (Dr. Mabuse der Spieler, 1922) Hermann Jaques (Münchens Ende, 1903) Erich Kästner Bernhard Kellermann (Yester und Li, 1904) Eduard von Keyserling (Beate und Mareile, 1909) Klabund (Marietta, 1920) Ludwig Klages Wolfgang Koeppen (Tauben im Gras, 1951) Annette Kolb (Daphne Herbst, 1928) Maximilian Krauß (Unter den Frauentürmen 1901) Alfred Kubin (Die andere Seite, 1909) Isolde Kurz (Vanadis, 1931) Gustav Landauer (Aufruf zum Sozialismus, 1919) Heinrich Lautensack Gert Ledig (Faustrecht, 1957) Mechtilde Lichnowsky (Der Lauf der Asdur, 1936) Josef Maria Lutz (Das himmelblaue Fenster, 1948) Carl Georg von Maassen (Der grundgescheute Antiquarius, 1920 ff.) Heinrich Mann (Die Jagd nach Liebe, 1925) Thomas Mann (Doktor Faustus, 1947) Kurt Martens (Roman aus der Décadence, 1897) Ret Marut (= B. Traven) (Der Ziegelbrenner, 1917–1921) Gustav Meyrink Christian Morgenstern Erich Mühsam (Namen und Menschen, 1949 posthum) A. de Nora (Nazi Semmelbachers Hochzeitsreise, 1910) Dr. Owlglass (d. i. Hans Erich Blaich, Der saure Apfel, 1904) Oskar Panizza (Abschied von München, 1897) Anton von Perfall (Die Malschule, 1907), René Prévot (Seliger Zweiklang Schwabing / Montmartre, 1946) René Prévot (Kleiner Schwarm für Schwabylon, 1954) Stanisław Przybyszewski Georg Queri, Irmgard Prestel (Peperl und die Frauentürm, 1935) Friedrich Percyval Reck-Malleczewen (Bockelson, 1937) Hans Reiser (Yatsuma, 1926) Gabriele Reuter (Aus guter Familie, 1895) Fanny Gräfin zu Reventlow (Herrn Dames Aufzeichnungen oder Begebenheiten aus einem merkwürdigen Stadtteil, 1913) Rainer Maria Rilke Joachim Ringelnatz (Mein Leben bis zum Kriege, 1931) Roda Roda (Schwabylon oder der sturmfreie Junggeselle, 1921) Eugen Roth Josef Ruederer (Das Erwachen, 1916) Oscar A. H. Schmitz (Wenn wir Frauen erwachen, 1913) Benno Rüttenauer (Tagebuch einer Dame, 1907) Peter Scher Rudolf Alexander Schröder Alfred Schuler Ina Seidel (Drei Städte meiner Jugend, 1960) Willy Seidel (Jossa und die Junggesellen, 1930), Walther Siegfried (Tino Moralt, Kampf und Ende eines Künstlers, 1890) Sigi Sommer (Und keiner weint mir nach, 1953) Edgar Steiger Carl Sternheim Ludwig Thoma (Münchnerinnen, 1923) Ernst Toller (Eine Jugend in Deutschland, 1933) Karl Valentin Jakob Wassermann (Die Geschichte der jungen Renate Fuchs, 1901) Frank Wedekind Wilhelm Weigand (Wunnihun, 1920) Karl Wolfskehl Ernst von Wolzogen (Das dritte Geschlecht, 1899).

Kein einziger unter den Genannten war geborener Schwabinger, nur wenige geborene Münchner oder Altbayern. Die allermeisten kamen aus den andern Landesteilen Bayerns, aus dem Reich oder dem Ausland in das damals besonders attraktive Schwabing.

Viele der bekanntesten Künstlerkneipen werden zwar zu „Schwabing“ und dem damit assoziierten Lebensgefühl gezählt, liegen aber in der innenstadtnäheren Maxvorstadt im Umkreis der Universität. So etwa die in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg sehr bekannte Kneipe „Simplicissimus“ in der Türkenstraße, heute unter dem Namen „Alter Simpl“ noch am gleichen Ort – Joachim Ringelnatz war dort der „Hausdichter“ – oder das Café Stefanie in der Amalienstraße (heute nicht mehr vorhanden).

Das Schwabinger Satireblatt Simplicissimus (ab 1896) aus dem Verlag von Albert Langen mit seinem Signet, der roten Bulldogge, wurde zum Symbol für beißende Kritik an politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, Thomas Theodor Heine, Olaf Gulbransson, Bruno Paul, Eduard Thöny, Rudolf Wilke waren die berühmtesten dort tätigen Künstler, Thomas Mann eine Zeitlang Redakteur.

Die Kulturzeitschrift Jugend, ebenfalls ab 1896, verlegt von Georg Hirth, gab der deutschen Variante des Art Nouveau, dem Jugendstil, ihren Namen. Einige prächtige Jugendstilhäuser im Stadtteil sind Zeugen dieser damals revolutionären Kunstrichtung.

mini|Schwabing bei Nacht in den 1960er Jahren