Georg Hermann Huntemann (* 10. Juni 1929 in Bremen; † 13. Februar 2014 ebenda) war ein deutscher evangelischer Theologe und Hochschullehrer.

Biografie Huntemann war der Sohn des Fabrikanten Heinrich Huntemann. Er studierte evangelische Theologie in Hamburg, Erlangen, Zürich, Tübingen, Göttingen und Bern. In Erlangen promovierte er 1953 zum Dr. phil. und 1957 in Bern zum Dr. theol. Er wurde 1957 in Bremen ordiniert. 1957/58 war er erstmals Pastor der Martinikirche Bremen. Nach seiner Tätigkeit an der Bremer Rembertikirche bis 1967 und in der Epiphanias-Gemeinde kehrte er 1974 an die Martinikirche zurück und blieb dort bis zu seiner Emeritierung 1987, zuletzt als Pastor primarius. Er hat die Martinigemeinde nachhaltig geprägt. Die bis heute gültige Ordnung der Gemeinde geht maßgeblich auf seine Vorstellungen zurück. Traditionell hielt er, solange seine Gesundheit dies zuließ,Olaf Latzel: 'Predigt zum Altjahresabend 2012' (MP3; 25,3 MB) jedes Jahr zu Silvester den Gottesdienst in St. Martini.

Seit 1970 war er Professor für Ethik und Apologetik an der Staatsunabhängigen Theologischen Hochschule Basel (STH) und von 1985 bis 1995 an der Evangelische Theologische Faculteit, Leuven (ETF). Er gehörte zu den Gründungsmitgliedern der STH Basel (gegründet als FETA) und gehörte ihr bis zu seiner Emeritierung im Jahre 2005 an.Christian Frei: Georg Huntemann, einer der markantesten und originellsten Theologen wird 80. In: STH-Postille 3, S. 3.

Huntemann war phasenweise aktiv in der Bekenntnisbewegung, insbesondere im Theologischen Konvent der Konferenz Bekennender Gemeinschaften in den Evangelischen Kirchen Deutschlands. Die Wahl von Maria Jepsen im Jahr 1992 zur Bischöfin und somit ersten Frau an der Spitze einer evangelisch-lutherischen Kirche wurde schon im Vorfeld von konservativen und evangelikalen Theologen vehement kritisiert: Huntemann forderte die Pastoren auf, ihr das Abendmahl zu verweigern. In einem 1998 erschienenen Buch setzte er seine scharfen Angriffe auf Jepsen als Bischöfin fort: Jepsen repräsentiere „das Modell eines gesellschaftlichen Anschlussverfahrens des Christentums an die gegenwärtige Realität dieser Gesellschaft“ und pervertiere mit diesem Ziel das Neue Testament. Der „gute, persönliche Wille“ Jepsens solle in keiner Weise bestritten werden, wenn Huntemann schreibt, dass „Frau Bischöfin Jepsen – religionsgeschichtlich gesehen – zum Totengräber einer Religion“ werde.Huntemann: Die Selbstzerstörung des Christentums überwinden. S. 16.

Sein „Lieblingsphilosoph“ sei Martin Heidegger, erklärte er in einer Predigt Ende 2008.

Huntemann war verheiratet und hatte drei Töchter.

Theologische Standpunkte In seinen frühen Jahren war Huntemann ein Vertreter liberaler theologischer Ansichten. So erklärte er die Jungfrauengeburt zu einer „Erfindung der Kirche“. Später vollzog sich ein grundlegender Wechsel in seinen Standpunkten. Einige Evangelikale sehen darin eine Bekehrung, Huntemann selbst vermied diesen Begriff jedoch, weil er der Ansicht war, dass der Mensch aus eigener Kraft nicht fähig sei, sich Gott zuzuwenden. Seither vertrat er einen konservativen Evangelikalismus. In reformiert-calvinistischer Tradition ließ er konsequent nur die Bibel als Erkenntnisquelle gelten. Dementsprechend bekannte er sich zur Authentizität der biblischen Wunder und lehnte Neuerungen wie beispielsweise die Frauenordination ab.

Huntemann unternahm es, in ausführlicher Weise zu Zeit-Fragen aus theologischer und ethischer Sicht Stellung zu beziehen. Eines der frühesten Zeugnisse seiner Auseinandersetzung mit zeitgeschichtlichen Ereignissen ist sein Buch »… und was die Bibel dazu sagt« (Weg und Irrweg der Sexualität. Gütersloh 1964. 148 S.)

Huntemann wählt als Motto dieses Buches eine Aussage Teilhard de Chardins, in der dieser sinngemäß äußert, dass sich ein Standpunkt finden lassen müsse, von dem aus Christus und die Erde aufeinander bezogen erscheinen, so dass nur derjenige Christus zu besitzen vermag, der die Erde umfasse, dass nur derjenige in Gemeinschaft mit Christus treten könne, der mit der Erde verschmelze, dass nur derjenige absolut Christ sein könne, der ganz Mensch sei.

In dem Vorwort (S. 9–10) erklärt Huntemann sein an de Chardin angelehntes Vorgehen:

1. Huntemann erklärt, dass er als Seelsorger einer Großstadtgemeinde an der St.-Remberti-Kirche in Bremen-Schwachhausen immer wieder habe erfahren müssen, dass der moderne Mensch zwischen seinen sexuellen Problemen und der Bibel keine Verbindung herstellen könne. Der moderne Mensch wisse nicht, dass die Bibel und die protestantische kirchliche Lehre ihm über das menschliche Sexualleben Entscheidendes zu sagen habe. Huntemann will diese bestehende Mauer des Nichtwissens, die zwischen der menschlichen Geschlechtlichkeit und dem Glauben an der Bibel aufgerichtet worden ist, niederreißen. Er ist der Ansicht, dass es keinen Bereich menschlichen Lebens gebe, der nicht durch den christlichen Glauben erlöst werden könne.

2. Über die menschliche Sexualität von dem Standpunkt des christlichen Glaubens aus zu schreiben, heiße nämlich, sie nicht nur als eine Angelegenheit der Haut und des Verstandes zu betrachten, sondern sie auch als eine Sache des Herzens anzusehen, denn gerade die menschliche Sexualität stünde in einem Kreuzfeuer zwischen Gur und Böse. Wer urteilen wolle, was in dem Bereich menschlicher Sexualität gut oder böse sei, errege offensichtlich eine allgemeine Angefasstheit und Reizbarkeit, die in ihr nur Verbote zu sehen vermögen. Verbote können aber keine Lebenspraxis anleiten, von der jeder Mensch betroffen ist, gleichgültig, ob ein Mensch an dem Rande von Gesellschaft oder Kirche oder außerhalb ihrer lebe.

3. Das Missverständnis der Psychologen und Soziologen bestehe in ihrer Auffassung, dass das Sexualleben eines Menschen zeitweise nicht funktioniere. Zu dieser falschen Auffassung geselle sich eine gewisse Laxheit in der Beurteilung eindeutig sexueller Irrwege. Aus diesem Grunde soll in rücksichtsloser Offenheit eine Antwort auf die Frage nach dem richtigen Maßstab für Gut oder Böse in der Sexualethik, der nur in der Bibel selbst gefunden werden könne, gesucht werden. Die Absolution, die von Psychologen und Soziologen über offensichtliche Vergehen in dem geschlechtlichen Bereich und über dem Menschen von dem Standpunkt der Bibel aus gesehen abträgliche geschlechtliche Verhaltensweisen ausgesprochen werden, berauben den Menschen seine ihm durch Christus eröffnete Freiheit. In diesem Absolutionsverhalten wird ein Tanz um einen goldenen Stier inszeniert, der dem Akt der Anbetung menschlicher Sexualität gleichkomme.

4. Das Modell dieser Absolution, die sich die Gesellschaft selber erteilt, ist der Kinsey-Report, der in Europa noch kein gleichwertiges Gegenstück gefunden hat. Sprecher dieser Gesellschaft wiesen darauf hin, dass ihr Handeln den allgemeinen, in der Gesellschaft geübten Praktiken und Gewohnheiten entspreche, also natürlich sei. Aus diesem Grunde werde in den einzelnen Kapiteln ein Dialog mit dem Kinsey-Report geführt, dessen angeblichen Erkenntnisse immer mehr als ein Allgemeinwissen von den Europäern aufgenommen werde.

Georg Huntemann als Rezensent der Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte

1. Theophil Spoerri: Grundkräfte der europäischen Geschichte. Wie die Welt von Grund auf anders werden könnte. Furche-Bücherei. H. 84. Hamburg 1951. 38 S. In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte. Hrsg. v. Hans Joachim Schoeps. Bd. 4. Jg. 1952. H. 3. S. 278.

Spoerri geht von der Geschichtsphilosophie Arnold Joseph Toynbees »A Study of History« (6 Bde. Issued under the Auspices of the Royal Institute of International Affairs. London 1934–1939. – Bd. 1: 1934. XVI, 476 S. – Bd. 2: 1934. VIII, 452 S. – Bd. 3: 1934. VI, 552 S. – Bd. 4: 1939. XVI, 656 S. – Bd. 5: 1939. VI, 712 S. – Bd. 6: 1939. VI, 634 S.) aus. Toynbee, wie Erich Roth urteilt (Toynbees Geschichtsphilosophie in evangelischer Sicht. In: Zeitschrift für Theologie und Kirche. Bd. 51. Jg. 1954. H. 2. S. 186–215), habe allerdings die strenge philologisch-historische Methode, die er gründlich beherrscht und durch die er das universale historische Material aufbereitet hat, „zugleich mit den Mitteln der Psychologie, Philosophie, Anthropologie, Religionswissenschaft und Theologie“ (S. 187) verarbeitet, denn er war der Meinung, wie er anderer Stelle einmal äußerte, dass Historie in Theologie übergehe. In dem gleichen Sinne äußert sich auch Huntemann: Toynbee verstehe Geschichte als Herausforderung und Antwort und als Aufgabe des Menschen. Spoerri übernehme und meditiere, wie Huntemann richtig sieht, die Hauptepochen der europäischen Philosophie. Er schreibt. Da es an der Auswirkung des Glauben in der Liebe gefehlt habe, sei die europäische Einheit des katholischen Mittelalters in ein kühles, unpersönliches und privates Zeitalter des Bürgertums zerfallen das durch einen überdimensional stark entwickelten Trieb nach Sicherheit, der durch Besitz der Dinge gewährleistet sein soll, gekennzeichnet gewesen. Von dieser Attitude der Verdinglichung sei auch der Marxismus infiziert worden, der allerdings zu recht betone, dass die Wahrheit in menschlichem Handeln zu suchen sei. Spoerris Grundintention seiner kleinen Schrift liege in der ethischen Umwandlung des Menschen, wie die ‚Initiatives et changement#, eine internationale Bewegung, die in der schweizerischen Stadt Caux in dem Kanton Waadt angesiedelt ist, sie als moralische Aufrüstung anstrebe.

2. Denker in zerbrochener Welt. (Gabriel Marcel: Geheimnis des Seins. [Le mystère de l’être. Paris 1951. Bd. 1: Réflexion et mystère. 236 S. Bd. 2: Foi et réalité. 188 S.] Wien 1952. 534 S. u. Ferdinand Ebner: Das Wort und die geistigen Realitäten. Pneumatologische Fragmente. 2. Aufl. 1952. Wien 1952. 362S.) In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte. Hrsg. v. Hans Joachim Schoeps. Bd. 6. Jg. 1954. H. 1. S. 79–82.

3. Der Gedanke der Selbstentfremdung bei Karl Marx und in den Utopien von E. Cabet bis G. Orwell. In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte. Hrsg. v. Hans Joachim Schoeps. Bd. 6. Jg. 1954. H. 2. S. 138–146.

4, Um das Geschichtsbild des Protestantismus. (Martin Werner: Der protestantische Weg des Glaubens. Bd. 1: Der Protestantismus als geschichtliches Problem. Bern 1955. XVI, 990 S.) In: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte. Hrsg. v. Hans Joachim Schoeps. Bd. 8. Jg. 1956. H. 1. S. 63–67.