mini|Josef H. Reichholf (2009)

Josef Helmut Reichholf (* 17. April 1945 in Aigen am Inn) ist ein deutscher Zoologe, Evolutionsbiologe und Ökologe.

Leben Reichholfs Vater starb während des Zweiten Weltkrieges in Polen vor der Geburt des einzigen Sohnes. Josef Reichholf wuchs bei seiner Mutter und Großmutter in Niederbayern am Inn auf. Dort faszinierte ihn schon als Kind die Natur und Wildnis des unteren Inns. Nach seinem Studium der Biologie, Chemie, Geografie und Tropenmedizin ermöglichte ihm ein Stipendium einen einjährigen Aufenthalt in Brasilien, wo er über die tropische Artenvielfalt forschte.

Zusammen mit Bernhard Grzimek, Horst Stern und Hubert Weinzierl gründete er Anfang der 1970er Jahre in München die „Gruppe Ökologie“, eine Keimzelle des später gegründeten Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND).Naturgeschichte(n): Über fitte Blesshühner, Biber mit Migrationshintergrund und warum wir uns die Umwelt im Gleichgewicht wünschen. Knaus, München 2011, ISBN 978-3-8135-0378-4.

Reichholf ist Honorarprofessor der Technischen Universität München„Querdenker und Provokateur im Naturschutz“. In: nodium 7, TU München, Dezember 2014, Udo Weilacher im Gespräch mit Josef Reichholf, S. 4–9 (PDF; 356 kB). und war von 1974 bis 2010 Sektionsleiter Ornithologie der Zoologischen Staatssammlung München.Josef Reichholf: Vortrag: Dem Glück auf der Spur – Evolutionsbiologische Betrachtungen. In: TU München, 30. Januar 2006, Vorlesungsreihe der Carl von Linde-Akademie zum Thema „Glück“.Zoologische Staatssammlung München: Reichholf war Präsidiumsmitglied des WWF Deutschland. 2005 wurde er mit der Treviranus-Medaille des Verbands deutscher Biologen ausgezeichnet, 2007 erhielt er für seine allgemeinverständlichen Beiträge zur Ökologie den Sigmund-Freud-Preis für wissenschaftliche Prosa der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung.

Reichholf ist Autor zahlreicher Bücher über Natur und Naturschutz, Ökologie, Evolution, Klima- und Umweltschutz. Zu diesen Themen hält er auch öffentliche Vorträge, gibt Interviews und tritt in Diskussionsrunden im Fernsehen auf.Judith Rauch: Der Tausendsassa – Josef H. Reichholf. In: Bild der Wissenschaft, Oktober 2002, Druckversion. Er wird in der Öffentlichkeit als streitbarer Querdenker und Provokateur wahrgenommen.Warum das Klima an den Kreuzzügen schuld war. Ein Gespräch mit dem streitbaren Biologen Josef Reichholf. In: Zeit Campus, 2007, Nr. 4, S. 54 f.

Seit Oktober 2018 ist Reichholf einer der beiden Ehrenpräsidenten des Vereins für Landschaftspflege und Artenschutz in Bayern. Darin folgte er dem 2018 verstorbenen Enoch zu Guttenberg nach.

Thesen Reichholf sieht Schulterschlüsse von Wissenschaft und Politik oder Industrie, zum Beispiel beim Klimaschutz oder der Drittmittelforschung, kritisch, da sie die Unabhängigkeit der Wissenschaft gefährdeten. In: NovoArgumente, Nr. 93, 3–4, 2008.

Der Bewegung zum Klimaschutz wirft Reichholf Dogmatismus vor.Olaf Stampf und Gerald Traufetter: Interview mit Josef H. Reichholf: Wir sind Kinder der Tropen. In: Der Spiegel, Nr. 19, 7. Mai 2004. Er spricht unter anderem bei Klimaschutz und Waldsterben von „Katastrophismus“ und fordert, „die falschen Propheten“Die falschen Propheten: unsere Lust an Katastrophen. Wagenbach, Berlin 2002, ISBN 3-8031-2442-5. für die Folgen ihrer düsteren Prognosen zur Rechenschaft zu ziehen, sofern diese überhaupt überprüfbar seien.Wer sich irrt, soll zahlen! Interview in Bild der Wissenschaft, 2008, Nr. 10, S. 42

Klimaerwärmung und Artenverlust. In seinem Buch Eine kurze Naturgeschichte des letzten JahrtausendsEine kurze Naturgeschichte des letzten Jahrtausends. S. Fischer, Frankfurt am Main 2007, ISBN 3-10-062942-6. widerspricht Reichholf der These, dass die Klimaerwärmung zum Artenverlust führen werde, da die wissenschaftliche Erforschung von Lebensräumen einen anderen Befund zeige (Zu- und Abwanderung von Arten). So habe beispielsweise die Erfindung des Kunstdüngers zu einer immer massiveren Überdüngung (Eutrophierung) und zum Zuwachsen ganzer Landstriche geführt, die früher „ausgeräumt“ und kahl gewesen seien. Dadurch komme am Boden immer weniger Sonne an, so dass wärmeliebende Arten abwanderten. Die Fixierung auf die Klimaerwärmung lenke von weitaus realeren und drängenderen Problemen wie Eutrophierung, Futtermittelimporte, Biodiversität usw. ab, die uns und die Natur direkter und unmittelbarer beträfen. Hier bestehe dringender Handlungsbedarf.

Artenschutz. Gerade im Naturschutz sind laut Reichholf Veränderungen notwendig. In seinem Buch Naturschutz. Krise und ZukunftNaturschutz: Krise und Zukunft, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-518-26031-9. favorisiert er sogar die Idee, statt die Rote Liste gefährdeter Arten von Jahr zu Jahr immer länger und unüberschaubarer werden zu lassen, prinzipiell „jede Tierart zu schützen“ und nur in begründeten Ausnahmefällen den Schutz aufzuheben. Mit einer solchen Umkehrung des bestehenden Systems (bisher muss begründet werden, warum eine (Tier-)Art schützenswert ist) werde der moralischen Grundposition der Gleichheit aller Arten Rechnung getragen (warum sollten nur Singvögel geschützt werden und zum Beispiel Kleinsäuger nicht?).

Invasive Arten. Auch sieht Reichholf keinen Grund, neue Tier- und Pflanzenarten (Neozoen, Neophyten) per se mit Misstrauen zu betrachten. Die Gründe für ihren Erfolg seien meist vom Menschen verursachte Missstände (wie etwa Überdüngung); gegen diese gelte es vorzugehen, nicht gegen die Einwanderer.Alexandra Rigos, Johann Grolle: Spiegel-Streitgespräch: „Bulldozer gegen Rhododendron“. In: Der Spiegel, 4. Januar 1999, Nr. 1, mit dem Ökologen Josef Reichholf und dem Tropenmediziner Rüdiger Disko.

Jagd. Reichholf kritisiert auch, dass die an der Natur Interessierten aus Naturschutzgebieten ausgesperrt würden, während Jäger und Angler freien Zutritt und Besitzansprüche geltend machen könnten. Die Allgemeinheit, der steuerzahlende Bürger, müsse sich ideologisch begründeten Gesetzen im Interesse einer kleinen Minderheit (Jagd) unterwerfen.Naturschutz: Krise und Zukunft, Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, ISBN 978-3-518-26031-9.

Reichholf hat sich verschiedentlich zur Jagd geäußert, so kritisiert er, dass andauernde Bejagung zu vermehrter Scheu und Nachtaktivität bei Wildtieren führe. Angesichts der Wildschäden in der Landwirtschaft betrachtet Reichholf die Jagd auf Wildschweine zur Regulation der Population als erforderlich und empfiehlt hierfür den verstärkten Einsatz von Schalldämpfern und Nachtsichtgeräten sowie kurze, aber intensive Drückjagden als für das Wild störungsarme und zugleich effektive Methoden zur Reduktion der Wilddichte.

Sesshaftwerdung des Menschen. Unter dem Titel „Am Anfang war das Bier“ wurde Reichholfs These bekannt und vielfach in Presse und Fernsehen diskutiert,ZDF Nachtstudio: „Rätsel Sesshaftigkeit – Am Anfang war das Bier.“ Diskussion, gesendet am 7. September 2008. dass der Ursprung von Ackerbau und Sesshaftwerdung des Menschen die Lagerhaltung und Verarbeitung von berauschenden Nahrungsmitteln gewesen sei. Im Osten beginne mit dem Mohn die „Opium­zone“, am Indischen Ozean seien es Betelnuss und Khat, in Mittelamerika der Peyote-Kaktus und in Südamerika der Cocastrauch. Im Mittleren Osten sei die Bierbrauerei auf Basis des Gerstenanbaus lange vor der Erfindung der Brotbäckerei eine wesentliche Triebkraft gewesen. Bier als Nahrungsmittel war im Gegensatz zu Getreide lagerfähig und man konnte berauschende gemeinschaftliche Feste feiern. Die Aufbewahrung von Bier wie auch der Getreidevorräte und die dazu benötigten Tontöpfe und -fässer hätten die Mobilität der Jäger und Sammler verringert. Reichholf widerspricht der gängigen These, dass die Sesshaftwerdung des Menschen mit einer Verknappung von jagdbarem Wild einhergegangen sei. Josef H. Reichholf: „Warum die Menschen sesshaft wurden“. Das größte Rätsel unserer Geschichte. S. Fischer, Frankfurt am Main 2008; Drogen des Fortschritts. Warum die Menschen sesshaft wurden. Josef H. Reichholf im Gespräch mit Alexander Kluge. In: dctp.tv, 8. Februar 2009, aufgerufen am 7. Juni 2018.

Produktivität der Natur. Reichholf vertritt die Auffassung, dass die Produktivität der Natur (z. B. die Bodenfruchtbarkeit) und das Klima den Bestand oder Niedergang von Kulturen und Weltreichen bestimmt hätten und sich viele verschiedene Ereignisse der Menschheitsgeschichte durch Klimaveränderungen erklären ließen. So gingen beispielsweise die Kreuzzüge im Mittelalter und die Epoche der Romantik im 18. und 19. Jahrhundert letztlich auf das damalige warme Klima zurück.

Reichholfs evolutionäre Betrachtung der Geschichte beruht auf drei Prinzipien: Aus dem Einen geht Vielfalt hervor. Leben ist steter Wandel. Es gibt keine besten oder einzig richtigen Zustände. Die Zukunft ist offen. Reichholf plädiert für „überlebensfähige Ungleichgewichte“. Gleichgewicht bedeute Stillstand, nur Spannung erzeuge Aktivität.

Religion. Reichholf hat sich auch zum Spannungsfeld von Naturwissenschaften und Glauben geäußert. Die Hauptfunktion des Glaubens ist für Reichholf die Reduktion der realen Komplexität, um sie begreifbar zu machen. Religion erfülle in sozialen Gruppen einen konkreten Zweck; sie trage zur Ordnung innerhalb der Gruppe bei und sei somit als evolutionärer Vorteil zu verstehen.

Stuttgart 21. Im Oktober 2010 warf Reichholf Gegnern des Großbauprojekts Stuttgart 21, die sich aus Naturschutzgründen gegen das Fällen von Platanen wandten, eine Instrumentalisierung des Naturschutzes vor. Da die Platanen und die auf ihnen lebenden Juchtenkäfer nichtheimische Arten seien, müssten sie aus Gründen des Naturschutzes eher bekämpft als geschützt werden.Ges: Union will Baugegner zur Kasse bitten. In: Focus Money, 10. Oktober 2010.

Kontroversen Reichholfs Publikationen haben verschiedentlich öffentliche Kontroversen ausgelöst. Nach Ansicht von Bernd Lötsch verstehe sich Reichholf als „Hefe im Sauerteig“ und vertrete „immer die gegenteilige Meinung“.Martin Kugler: Ein Grad Erwärmung stecken wir locker weg. In: Die Presse, 5. März 2008.