mini|Darstellung des Ensembles um das Alte Rathaus mit neugotischen Schaugiebeln zum Alten Markt hin auf einer Ansichtskarte um 1920 mini|Virtuelle Rekonstruktion des Rathauses und seiner Nachbargebäude im Zustand des Jahres 1909 mini|Lage des Rathauses im heutigen Stadtbild (Fotomontage). Die Bauflucht an der Südseite wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nach Süden verschoben, daher würde das Rathaus heute hervorstehen. Das Alte Rathaus in Dortmund war ein im Kern romanisches Gebäude und bis zu seiner Zerstörung 1943/45 und nachfolgendem Abriss der Ruine 1955 das älteste steinerne Rathaus des deutschen Sprachraums nördlich der Alpen. Es befand sich an der Südseite des Alten Marktes im Zentrum der einstigen Reichsstadt und bildete ein bauliches Ensemble mit der sich östlich anschließenden Schreiberei (auch Waage oder Brothaus genannt).
Historische Ereignisse Das Gebäude wurde am 19. Februar 1241 zusammen mit Brothaus, Fleischbänken, Schuhbänken und dem Richthaus durch den Rat der Stadt Dortmund vom Grafen von Dortmund erworben. Die Kaufurkunde ist erhalten und befindet sich im Stadtarchiv Dortmund. Sie ist zugleich das älteste Dokument, auf dem der Rat der Stadt Dortmund erscheint. Bereits zum Zeitpunkt des Ankaufs hatte das Bauwerk ein Ober- und ein Untergeschoss, wie aus dem Vertrag hervorgeht. Auch wird die herausragende Stellung des Gebäudes sichtbar, da es von allen Erwerbungen als erstes genannt wird.
Bereits seit seiner Funktionsübernahme als Gebäude des städtischen Rates war das Alte Rathaus mit der gerichtlichen Oberhoffunktion Dortmunds verbunden. 1241 bestimmte Dietrich von Kleve, dass die Bürger Wesels ihre Streitfälle, die dort nicht zu entscheiden waren, in Dortmund auf dem Rathaus vortragen sollten und um eine endgültige Regelung ersuchen sollten.
Durch die Chronik des Dietrich Westhoff ist überliefert, dass 1378, beim Besuch Karls IV. und seiner Frau Elisabeth von Pommern in der Reichsstadt, die Kaiserin im Alten Rathaus mit dem Rat und mit Mitgliedern vornehmer Familien der Stadt zusammentraf. Bei dieser Gelegenheit gab es dem Chronisten zufolge auch Musik und Tanz im Rathaus.
Nutzungen Im Mittelalter wurde das Rathaus für drei verschiedene, räumlich getrennte Nutzungszwecke verwendet: als Sitz des Rates, Ort des Niedergerichts sowie als Ort des Handels. Der Rat nutzte den großen Saal im Obergeschoss für Sitzungen und öffentliche Empfänge. Die große Halle im Erdgeschoss hinter den Lauben wurde von den Tuchhändlern als Gewandhaus verwendet. Dort wurden Tuche gelagert und gehandelt. Zur Funktionstrennung verfügten dabei alle Geschosse über eigene Eingänge.
Das Niedergericht tagte bis ins 16. Jahrhundert in den Lauben des marktseitigen Giebels. Der Stadtrichter saß hierzu auf der zehnten Stufe der Treppe. Den Gerichten kam dabei im mittelalterlichen Dortmund eine herausragende politische Bedeutung zu, da an ihnen der Übergang von einer Herrschaft des Grafen zu einer Herrschaft des Rates abzulesen ist. Der Stadtrichter fungierte wiederum als Vertreter des Rates beim Erwerb des Rathauses. Die achtzehn Ratsherren waren zugleich Schöffen des Gerichts. Erst mit der Einführung des römischen Rechts zwischen 1495 und 1521 zog das Gericht in den Ratssaal. Das hohe Blutgericht hingegen residierte nicht im Rathaus, sondern im Richthaus am Ostenhellweg.
Im Laufe der Jahrhunderte kamen weitere Einrichtungen hinzu, andere fielen weg. So werde durch Beurhaus für 1760 folgende Räumlichkeiten genannt: eine „große und kleine Ratsstube, die Cämmerei, die Rent-Cammer, die Rats-Registratur, das Stadt-Archiv, der Rats-Kornboden, die Hauptwache, samt allerhand Gefängnissen, Keller, Kriegs-Rüstungs-, auch Spritzen- und mehrere Feuergerätschafts-Remisen etc“. Anderes, wie die Nutzung als Brothaus für den Schreibereianbau, ist jedoch nicht historisch verbürgt. Vielmehr entstammt die Zuordnung dem späten 19. Jahrhundert und geht auf eine Verwechslung zurück. So gab es im Mittelalter am Markt zwar ein Haus, welches Brothaus und Waage in sich vereinte. Dieses lag jedoch an der Ostseite. Die Bezeichnung Stadtwaage für den Schreibereianbau geht ebenso auf das 19. Jahrhundert zurück, obwohl sich wahrscheinlich bereits seit Jahrhunderten die zu Eichzwecken verwendete Ratswaage im Rathaus befand.
Mit dem Ende der Reichsunmittelbarkeit diente das Rathaus ausschließlich Verwaltungszwecken sowie als Landgericht. Dementsprechend waren Erd- und Obergeschoss und kleine Zimmer unterteilt worden. Ein Ratssaal existierte nicht mehr.
Zwischen 1899 und 1905 beherbergte das Alte Rathaus die Sammlung des Städtischen Museums Dortmunds, heute das Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Die hierfür verwendete Tuchhalle musste jedoch 1921 an die benachbarte Bücherei als Lesesaal abgegeben werden. Mit dem Umbau und der Vergrößerung des Kellers zog 1899 auch eine Gaststätte in das Untergeschoss des Rathauses ein.
Baubeschreibung und Baugeschichte Die zum Markt gerichtete Giebelseite des Rathauses hatte im Untergeschoss eine Laube mit zwei gotischen Bögen. Eine Treppe führte unter der Laube zur Halle des unteren Stockwerks. Im Obergeschoss des Hauses, über der Halle, befand sich ein weiterer Saal. An den Traufseiten des Gebäudes waren teilweise romanische Fensteröffnungen erhalten. An der Südseite befand sich als Anbau der Archivturm. Östlich grenzte die ehemalige Schreiberei an das Rathaus an. Beide Gebäude waren seit 1554 baulich verbunden.
Anfänge (13. und 14. Jahrhundert) mini|Rekonstruktion des marktseitigen Giebels um 1240 nach Eberhard G. Neumann Wann mit dem Bau des Rathauses begonnen wurde, ist unbekannt. Am Häufigsten wird von einem Baubeginn unmittelbar nach dem großen Stadtbrand von 1232 ausgegangen. Reimann hingegen vermutet eine Entstehung bereits in der Stauferzeit im Zusammenhang mit dem Bau der Marienkirche als Pfalzkapelle. Bei der Wiederherstellung ab 1897 wurden Brandspuren entdeckt, welche sowohl 1232 als auch beim Stadtbrand von 1297 entstanden sein können. Ebenso ist unklar, ob es einen Vorgängerbau gab. Teilweise wird vermutet, dass ein solcher Bau in der Nähe der Reinoldikirche am Ostenhellweg gelegen hat. Andererseits gibt es wegen des Verlusts des städtischen Archivs 1232 keinerlei Unterlagen mehr darüber. Erstmals urkundlich erwähnt wurde das Gebäude in der bereits erwähnten Urkunde betreffend die Regelung von Streitfällen für die Bürger von Wesel.
Zum Zeitpunkt seiner Errichtung war das Rathaus noch freistehend und gliederte sich in vier Einheiten: den Lauben unter dem Nordgiebel als Niedergericht, der Tuchhalle im Erdgeschoss, dem Keller als Lagerraum und dem Ratssaal im Obergeschoss mit Zugang über eine Außentreppe an der Südostecke. Der Anbau der Schreiberei existierte noch nicht. Nach dem Stadtbrand von 1297 musste das Rathaus renoviert werden. Kurz nach 1300 zog dann das Gewandhaus in ein separates Gebäude am Markt. Die Halle im Erdgeschoss wurde in ein Lager umgebaut. Dabei sind alle Türen und Fenster an der Längswand im Erdgeschoss zugemauert und stattdessen schmale Oberlichter hereingebrochen worden. Dieser Zustand blieb bis zur Renovierung 1897 erhalten. Die Vermauerungen sind auf Fotos aus der Zeit gut erkennbar.
Im Jahr 1350 erfolgte dann unter Leitung von Meister Wilhelm von Hamm ein tiefgreifender Umbau. Nun wurden auch die seitlichen Öffnungen zugemauert und stattdessen an der Nord- und Südseite große Kreuzpfostenfenster in die Giebel gebrochen. Während für die Zeit davor eine freitragende Deckenkonstruktion angenommen wird, kamen nun vier Stützen im Ratssaal hinzu, welche mittig auf einer Linie im Raum standen. Im Erdgeschoss befanden fortan acht Stützpfosten. Als weitere Änderung wurden in der Nordwand des Ratssaals noch zwei Nischen eingefügt, welche liturgischen Handlungen vor Ratssitzungen oder Gerichtsverhandlungen dienten. Eine fungierte dabei als Lavabo, die andere nahm einen Reliquienbehälter auf. Nischen wurden ferner auch in den Pfeilern der Nordwand im Ratssaal eingefügt. Sie nahmen Kästen mit Urkunden auf. Der Archivturm war noch nicht errichtet. Drei der Urkundenbehälter haben sich bis heute erhalten. In dieser Fassung präsentierte sich das Rathaus beim Besuch Kaiser Karls IV 1377 und Kaiserin Elisabeths 1378.
Wandel zum Verwaltungsgebäude (15. und 16. Jahrhundert) mini|Dortmund um 1610, Kupferstich von Detmar Mulher. Im Plan ist das Rathaus mit F markiert.Um 1400 wurde der Ratssaal im Obergeschoss das erste Mal unterteilt. Am Südgiebel entstanden eine große Stube für Gerichtssitzungen und eine Schreibstube. Es wurden nun auch vermehrt Gerichtsprozesse des Hoch- oder Blutgerichts (Richthaus) im Rathaus verhandelt. Der restliche Teil des Obergeschosses wurde weiterhin als Ratssaal genutzt. Dabei wurde es auch mit Fresken ausgemalt, möglicherweise durch Conrad von Soest selbst. Bei der Sanierung wurden 1897 noch Reste dieser Malereien an der Südseite im Bereich der großen Stube aufgefunden. Im Zuge dieses Umbaus wurden die beiden Nischen an der Ostseite bereits wieder vermauert.
Im 16. Jahrhundert wandelte sich das Rathaus immer mehr zu einem Verwaltungsgebäude. 1510 wurde die Außentreppe zum Ratssaal an der Südostecke abgebrochen. An ihre Stelle trat ein neuer Zugang aus der Tuchhalle heraus. Die Treppe wurde dabei an der Nordostecke hinaus in den Bereich der Lauben geführt. Gleichzeitig wurde die Vorhalle grundlegend umgestaltet. Zu beiden Seiten der Treppe wurden Gadder ergänzt. Auch die beiden seitlichen, bisher als Durchgänge dienenden Bögen wurden vermauert. Dieser Zustand, einschließlich der Treppe, blieb bis zum Umbau von 1897 erhalten und ist auf Fotos dokumentiert. Zu dieser Zeit zog auch das Niedergericht in das Obergeschoss um, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Einführung des römischen Rechts anstelle des bisherigen sächsischen. Die Vorhalle diente von nun an allein Zugangszwecken.
Mitte des 16. Jahrhunderts folgten dann die beiden einzigen Erweiterungen des Rathauses. 1546 wurde der Archivturm an der Südseite durch Bernd von Deventer angebaut. Dafür musste die Fenstereinteilung geändert werden. Waren es zuvor wie an der Nordseite je vier Fenster gewesen, gab es jetzt nur noch jeweils drei, von denen eines exakt mittig im Giebel saß. 1554 folgte dann die Schreiberei an der Ostseite, welche im Obergeschoss mit dem Rathaus verbunden war. Das Erdgeschoss des Anbaus diente als Wagenhaus und war nach Süden offen.
Auch im Inneren gab es im 16. Jahrhundert, unabhängig von den bereits beschriebenen Umbauten, Veränderungen. So wurden zwei Kachelöfen und zwei Kamine installiert. Von einem der Kachelöfen – er wurde 1572 durch Meister Anton Wennedahl aus Köln konstruiert – wurden beim Umbau 1898 noch Reste gefunden, nach denen ein neuer Ofen rekonstruiert wurde. Die Bruchstücke befinden sich heute im Museum für Kunst und Kulturgeschichte. Auch Sandsteinreste eines Kamins konnten 1898 als Vorlage verwendet werden. Ferner wurden nun auch die Decken bemalt. Im Keller wiederum wurden in dieser Zeit Teile eingewölbt und unterteilt zwecks Herstellung sicherer Verliese für Gefangene.
Aus dem Jahre 1610, unmittelbar vor Beginn des Dreißigjährigen Krieges und dem Niedergang der Stadt, liegt mit dem Stadtplan von Detmar Mulher die älteste gesicherte Darstellung des Rathauses vor. Durch die Ansicht von Süden und die relativ kleine und in Teilen ungenaue Darstellung lassen sich Einzelheiten nur eingeschränkt feststellen. Erkennbar ist jedoch, dass das Rathaus über zwei gotische Treppengiebel verfügte. Auch die Fenstereinteilung passt zu den Befunden. Möglicherweise zeigt auch bereits der in der Propsteikirche befindliche Rosenkranzaltar von Meister Hilgardus aus dem Jahre 1523 den Treppengiebel des Rathauses. Dies ist jedoch nicht abschließend gesichert.
Niedergang (17. bis 19. Jahrhundert) mini|Das Alte Rathaus, rechts, 1894 von der Marktseite, kurz vor der Instandsetzung, noch mit barockem Giebel. Links schließt sich die Waage an.