Die Organisation der Volksmudschahedin Irans (), von arabisch Mudschāhid, ist eine iranische oppositionelle Organisation mit schiitisch-islamischer und antiklerikaler Ausrichtung, die gegen das Regime der Islamischen Republik Iran kämpft. Sie galt 2001 als die aktivste iranische Oppositionsgruppe.Kenneth Katzman: “Iran: The People's Mojahedin Organization of Iran”. in Albert Benliot (Hrsg.): Iran: Outlaw, Outcast or Normal Country? Nova Science Publishers, Inc. Huntington, NY 2001. S. 97–110. Hier S. 97. Die Organisation, die sich seit 1981 im Exil befindet, war früher bewaffnet und wurde als Terrororganisation eingestuft, hat sich aber mittlerweile in eine politische Gruppierung verwandelt, die hauptsächlich Lobbyarbeit betreibt. Die Volksmudschahedin, die sich ursprünglich stark an marxistischen Theorien des Klassenkampfes orientierten und auch den Begriff des Mudschāhid in diesem Sinne umdeuteten, spielten nach ihrer Gründung im Jahre 1965 eine bedeutende Rolle in der Oppositionsbewegung gegen Schah Mohammed Reza Pahlavi. Die frühe Schiitenbewegung interpretierten die Volksmudschahedin wie Ali Schariati als sozialrevolutionäre Protestbewegung gegen staatliche Unterdrückung und Klassenausbeutung. Aus dieser Denktradition bezogen sie auch ihre Verherrlichung des Märtyrertums.Wilfried Buchta: Who Rules Iran? The Structure of Power in the Islamic Republic. Washington Inst., 2000. Digitalisat

Im Frühjahr 1979 trugen die Volksmudschahedin maßgeblich dazu bei, Ajatollah Ruhollah Chomeini an die Macht zu bringen. Nach der Islamischen Revolution wurden sie zu einer der wichtigsten Kräfte in der iranischen Politik. Als laienreligöse radikale GruppierungErvand Abrahamian: Radical Islam. The Iranian Mojahedin. I.B. Tauris, London 1989. gerieten sie jedoch immer stärker in Opposition zu der klerikal geführten Islamisch-Republikanischen Partei (IRP), die im Madschles die Mehrheit besaß, bis es im Juni 1981 zum offenen Machtkampf kam und ihr Anführer Massoud Rajavi nach Paris flüchtete. Dort gründete er im August 1981 zusammen mit dem ersten iranischen Präsidenten Abolhassan Banisadr den Nationalen Widerstandsrat Iran, der zunächst als eine Art Exilparlament fungierte, im Laufe der Zeit aber zu einem reinen politischen Organ der Volksmudschahedin wurde.

Im Juni 1986 führten diplomatische Gespräche zwischen Frankreich und Iran über die Freilassung von französischen Geiseln im Libanon zur Ausweisung der Mudschahedin aus Frankreich. Diese verlegten daraufhin ihre Aktivitäten in den Irak und nahmen mit ihrer Nationalen Befreiungsarmee Irans (persisch arteš-e āzādībaḫš-e mellī-ye Īrān) auf irakischer Seite am Krieg gegen Iran teil. Sie ließen sich in dem Lager Camp Ashraf nieder, von wo aus sie ihre Aktionen gegen den iranischen Staat fortsetzten und dabei politische, finanzielle und militärische Unterstützung von Saddam Hussein erhielten. Im Rahmen des Irakkriegs (Dritten Golfkriegs) wurden die irakischen Volksmudschahedin im Mai 2003 entwaffnet und unter den Schutz der Koalitionstruppen gestellt. Gleichzeitig kam es zu einer Annäherung der Organisation an die Vereinigten Staaten von Amerika. Nachdem irakische Sicherheitskräfte 2009 Camp Ashraf gestürmt hatten und zunehmend aggressiver gegen die Volksmudschahedin vorgingen, wurden diese ab 2013 auf amerikanisches Betreiben nach Albanien umgesiedelt, wo ein neues Hauptquartier der Organisation aufgebaut wurde. Massoud Rajavi, der seit Mitte der 1980er Jahre von seinen Anhängern kultartig verehrt wurde, ist seit 2003 verschwunden. Sichtbare Anführerin der Organisation ist seitdem seine Ehefrau Maryam Rajavi.Jeremiah Goulka u. a.: The Mujahedin-e Khalq in Iraq: A Policy Conundrum. Rand National Defense Research Institute, Santa Monica 2009. Digitalisat Nach Einschätzung von Ervand Abrahamian besaß die Organisation der Volksmudschahedin schon 1987 alle wesentlichen Merkmale einer religiös-politischen Sekte. Der Vorwurf des Sektencharakters wurde später von zahlreichen Aussteigern aus der Organisation wiederholt. Sie berichteten auch von Menschenrechtsverletzungen gegenüber dissidentischen Mitgliedern sowie Mitgliedern, die die Organisation verlassen wollten.

Nach der englischen Schreibung ihres persischen Namens Mojahedin-e Khalq wird für die Volksmudschahedin auch die Abkürzung MEK verwendet. Das Regime der Islamischen Republik verwendet jedoch für sie meist die entstellende und abwertende Bezeichnung Monafeqin („Heuchler“), die von dem arabischen Wort Munāfiq abgeleitet ist und bereits vom Schah-Regime propagandistisch gegen sie eingesetzt wurde.

Gründung Die Wurzeln der Volksmudschahedin (ab hier der Einfachheit halber: Mudschahedin) gehen zurück auf die Iranische Freiheitsbewegung, eine nationalistische, liberale und laienreligiöse Partei, die Anfang der 1960er Jahre von Mehdi Bazargan und Mahmud TaleghaniAbdollah Vakily: “In Search of ‘Revolutionary Islam’: the Case of Ṭāleqānī and the Mojāhedīn” in The Muslim World 88 (1998) 22-46. gegründet wurde. Der Aufstand vom 5. Juni 1963 verursachte einen Generationenkonflikt innerhalb dieser Bewegung. Wenige Monate nach dem Aufstand gründeten drei jüngere Mitglieder eine kleine Diskussionsgruppe, um neue Wege im Kampf gegen das Schah-Regime zu erkunden. In einem geheimen Brief an die Führer der Partei machten sie diese für das „Desaster“ verantwortlich und dafür, dass sie es nicht geschafft hätten, „dem Schah eine wirksamere Herausforderung zu bieten“. Diese Diskussionsgruppe bildete später den Kern der Volksmudschahedin. Eines der frühen Mitglieder der Organisation beschrieb später, das „barbarische Verbrechen“ des Schahs, Tausende wehrlose Bürger niederzumähen, habe viele jüngere Mitglieder der Befreiungsbewegung wie ihn selbst dazu gebracht, nach neuen Wegen im Kampf gegen das Regime zu suchen. Notwendig, so meinten sie, sei nun der bewaffnete Kampf. Die Mudschahedin sollten später den 5. Juni 1963 zu einem Wendepunkt in der iranischen Geschichte erklären.

Die drei Gründungsmitglieder der Mudschahedin waren Mohammad Hanifnezhad, Said Mohsen und Ali-Asghar Badizadegan. Ausgehend von Teheran versammelten sie am 6. September 1965 (= 15. Schahrewar 1344 des iranischen Kalenders) etwa zwanzig Freunde aus ihrer Studien- und Militärzeit und gründeten eine geheime, gut strukturierte, aber noch unbenannte Diskussionsgruppe, um aktuelle Themen zu diskutieren. Der Tag des ersten Treffens dieser Gruppe gilt heute als Gründungsdatum der Organisation. Die Jahreszahl 1344 am unteren Innenrand des Kreises des Mudschahedin-Logos nimmt auf dieses Gründungsdatum Bezug. Die Mudschahedin verbrachten einen Großteil der Zeit zwischen 1965 und 1968 mit der Entwicklung ihrer Ideologie: Sie veranstalteten Diskussionsgruppen, schrieben Pamphlete und sannen über den heutigen Iran nach, insbesondere die Bauernfrage, die Landreform von 1963 und den kurzen Bauernaufstand, der in den Jahren 1967 und 1968 in Kurdistan aufflammte.

Nach drei Jahren der Diskussion richtete die Gruppe ein Zentralkomitee ein, um eine revolutionäre Strategie auszuarbeiten, und ein Ideologisches Team, das die Organisation mit ideologischen Handbüchern ausstatten sollte. Zum Zentralkomitee gehörten neben den Gründungsmitgliedern neun weitere Männer, darunter Mahmud Asgarizadeh, Ahmad Rezai und Massoud Rajavi. Letzterer wurde nach der Islamischen Revolution zum herausragenden Führer der Organisation. Das Ideologische Team setzte sich aus zehn Männern zusammen, von denen sechs auch Mitglied des Zentralkomitees waren. Zu den Mitgliedern des Ideologischen Team gehörten auch Hoseyn Rouhani und Torab Haghschenas. Ersterer war Sohn eines Geistlichen, letzterer der einzige Anführer der Mudschahedin mit einer theologischen Ausbildung. Er hatte in Ghom Arabisch und Islamische Theologie studiert und seinem Lehrer Ayatollah Motahhari bei der Publikation eines antimarxistischen Traktats geholfen. In späteren Jahren wurden sowohl Ruhani als auch Haghschenas Marxisten und spielten eine wichtige Rolle in den hitzigen ideologischen Debatten der Mudschahedin. Die meisten der frühen Anführer der Mudschahedin waren jung. Sie verfügten über eine Universitätsausbildung, viele von ihnen hatten an technischen Hochschulen Irans studiert, und sie waren „Söhne der traditionellen, provinziellen und religiös geprägten Basar-Mittelschicht“.

Ideologie der Anfangsjahre Die Volksmudschahedin gelten als die erste iranische Organisation, die systematisch eine moderne, revolutionäre Interpretation des Islam entwickelte. Diese Auslegung unterschied sich deutlich sowohl vom konservativen Islam und der traditionellen Geistlichkeit als auch von der in den 1970er-Jahren vom Ajatollah Chomeini vertretenen populistischen Version. Die modernistische Auslegung des Islams durch die Volksmudschahedin sprach die gebildete Jugend an, die zwar kulturell noch mit dem Islam verbunden war, aber die altmodischen, klerikalen Deutungen ablehnte. Anders als die Geistlichkeit übernahmen sie westliche Konzepte, besonders solche der Sozialwissenschaften.

Obwohl die Mudschahedin bewusst vom modernen und klassischen Marxismus beeinflusst waren, leugneten sie vehement, Marxisten zu sein. Bereits in ihren frühen Jahren erklärte die Organisation, dass sie zwar bereit sei, von der marxistischen Soziologie zu lernen, die marxistische Philosophie jedoch ablehne. Sie akzeptierte den historischen, nicht aber den ökonomischen Determinismus; den Klassenkampf, nicht jedoch die Verneinung Gottes; die Dialektik, nicht aber die atheistische Metaphysik. Die Volksmudschahedin haben sich auch nie selbst als sozialistisch, kommunistisch oder marxistisch bezeichnet.

Die grundlegenden ideologischen Handbücher Das Ideologische Team der Volksmudschahedin erarbeitete eine Reihe von Broschüren, die sowohl eine Grundlage für weitere Diskussionen bieten als auch ihre allgemeinen Ziele in eine systematischere Weltanschauung überführen sollten. Die Reihe bestand aus folgenden Büchern: Takāmol („Evolution“) und Šenaḫt („Erkenntnistheorie“), zwei philosophische Werke, die überwiegend von Hanifnezhad verfasst wurden; Eqteṣād ba-zabān-e sāde („Wirtschaft in einfacher Sprache“), eine freie Übersetzung von Karl Marx’ Lohnarbeit und Kapital, die hauptsächlich von Asgarizadeh angefertigt wurde; Mutālaʿāt-e Mārksīstī („Marxistische Studien“), eine kurze Zusammenfassung der materialistischen Geschichts- und Gesellschaftsauffassung, die hauptsächlich von Mohsen zusammengestellt wurde; Čegūne Qorʾān be-āmūzīm („Wie studiert man den Koran?“), eine zweibändige Einführung in den Islam. In diesem Buch propagierten die Mudschahedin eine neue Methode der Interpretation der religiösen Grundlagentexte des Islams, wonach man sich beim Studium islamischer Texte an die folgenden Richtlinien halten müsse: Erstens müsse man die Texte in ihren wahren historischen, besonders sozioökonomischen Kontext stellen; zweitens müsse man aus den Erfahrungen revolutionärer Bewegungen in anderen Teilen der Welt lernen; und drittens müsse man im Auge behalten, dass diese Texte die Welt nicht bloß interpretieren, sondern sie verändern und eine unitarische Ordnung (neẓām-e touḥīdī) errichten wollen, die den Mudschahedin zufolge per Definition eine klassenlose Gesellschaft einschließt. Rāh-e anbiyā rāh-e bašar („Der Weg der Propheten: der Weg der Humanität“). In diesem Buch vertraten die Mudschahedin die Lehre, dass „der Prophet nicht deshalb auf die Erde gekommen war, um eine neue monotheistische Religion (maẕhab-e touḥīdī) durchzusetzen, sondern um eine klassenlose Gemeinschaft (ommat-e touḥīdiyye) mit dynamischen, konstanten Merkmalen zu gründen, die zu Fortschritt, Egalitarismus und letztendlicher Vollkommenheit tendieren.“Moisés Garduño: “La Articulación de Intereses de los Moȳāhedīn-e Jalq-e Iran: de la Revolución Islámica al Movimento Verde.” in Estudios de Asia y Africa. Band 51, Nr. 1, 2016 S. 105–135. Digitalisat