mini|Fassade des One Two Two heute

Das One Two Two, kurz 122, war eines der berühmtesten Bordelle im Paris des 20. Jahrhunderts. Namensgebend war die Adresse in der Pariser Rue de Provence 122 im 8. Arrondissement, die englische Aussprache war eine Anspielung auf die zahlreichen englischen Besucher dieses Etablissements während der Zwischenkriegszeit. Gegründet und geleitet wurde es von Marcel Jamet, genannt „Fraisette“ (nach einem um die Zeit äußerst beliebten Cocktail aus Erdbeersirup und Vichy).Das goldene Zeitalter des Bordells, Alphonse Boudard und Romi, Wilhelm Heyne Verlag, München ISBN 3-453-05181-5, S. 65/One Two Two.

Geschichte Jamet hatte dank seiner ersten Lebensgefährtin, die für ihn als Prostituierte arbeitete, nach dem Ersten Weltkrieg in Argentinien ein kleines Vermögen verdient und war danach nach Paris zurückgekehrt. Zunächst erwarb er in der Avenue Junot eine kleine Villa und kaufte 1924 ein bescheidenes Bordell in der Rue de Provence 122, das spätere One Two Two. Jamet plante, daraus das beste Bordell von Paris zu machen. So ließ er das gesamte Haus umbauen, entließ die alten und stellte ganz neue Frauen ein.Paris Eros – Das imaginäre Erotikmuseum, Hans-Jürgen Döpp, Parkstone Press Ltd., New York 2004 (deutsche Fassung), ISBN 1-85995-759-5, S. 233.

Jamet füllte eine Marktlücke: eine Kombination aus Bordell und Edelrestaurant. Die Kellnerinnen servierten in ausgefallenen Kostümen bzw. ganz nackt nur mit kleiner Schürze Boef à la ficelle (Rindfleisch am Faden), man(n) aß mit echtem Tafelsilber von feinstem Porzellan und trank edelsten Champagner aus Kristallgläsern. Der französische Schriftsteller Alphonse Boudard nannte es die Comédie-Française des Beischlafs zur Entrostung städtischer Schwänze und schrieb:

Zweiter Weltkrieg Das 122 erwirtschaftete hohe Einnahmen: 1939 waren in Paris zwei Cadillacs zugelassen, einer gehörte Sacha Guitry, der andere Marcel Jamet. Nach der deutschen Besetzung von Paris 1940 herrschte im 122 Hochbetrieb, wobei Jamet eine doppelte Rolle spielte: Auf der einen Seite engagierte er sich für die Résistance, auf der anderen war das Nobelbordell Hauptanlaufstelle der Offiziere der deutschen Wehrmacht. Die deutschen Offiziere erhielten Broschüren wie Das Bordellwesen in Paris (hrsg. 1940–41) oder Absteigehotels für durchreisende Offiziere, die unter deutscher sanitärer Überwachung stehen mit ausführlicher Bebilderung durch Fotografien von Zimmern und Personal der Etablissements.Hans-Jürgen Döpp: Paris Eros – Das imaginäre Erotikmuseum. Parkstone Press Ltd., New York 2004 (deutsche Fassung), ISBN 1-85995-759-5, S. 238. Neben den Offizieren der Wehrmacht wurde das Etablissement aus dem Gauner- und Schiebermilieu von Paris und der Carlingue, der französischen Gestapo, frequentiert. Fabienne Jamet, zweite Ehefrau des Bordellbetreibers, erinnerte sich:

Nach dem Krieg Nach der Befreiung von Paris wurde Jamet von Patrioten verhaftet unter dem Vorwurf, den Besetzern Dienste geleistet zu haben, aber es stellte sich heraus, dass er die ganze Zeit auch in der Résistance aktiv gewesen war. Als die britisch-französische Gesellschaft sogar schriftlich bestätigte, er habe den „alliierten Anliegen“ bedeutende Dienste geleistet, kam er frei.Hans-Jürgen Döpp: Paris Eros – Das imaginäre Erotikmuseum. Parkstone Press Ltd., New York 2004 (deutsche Fassung), ISBN 1-85995-759-5, S. 238/239.

Nach dem gesetzlichen Verbot aller Bordelle durch das am 13. April 1946 von einer Allianz von Christdemokraten (MRP) und Kommunisten beschlossene Gesetz Nr. 46658, genannt Loi Marthe Richard, musste Jamet das 122 schließen und das Haus verkaufen. Eingebracht wurde der Gesetzesvorschlag von Marthe Richard, einer ehemaligen Straßenprostituierten, die es durch Heirat zu Einfluss und Macht gebracht hatte und schließlich zur Stadtverordneten von Paris aufgestiegen war. Hans-Jürgen Döpp äußerte sich im Buch Paris – Eros folgendermaßen über sie: Ganz unpatriotisch äußerte sich Fabienne Jamet:

Rue de Provence 122 Die Zimmer Das erotische Angebot erstreckte sich über ein Venedig-Zimmer mit Originalgondel, ein nachgebautes Iglu mit Eisbärenfellen, Schlafwagen im Stile des Orient-Expresses mit vorbeifliegenden Landschaften vor dem Fenster und Zuggeräuschen, Schifffahrtsromantik mit eingebautem Bullauge und sogar Rettungsringen, ägyptische Kleopatra oder Loire-Schlösser-Flair, für die zart Besaiteten Landliebe mit Jungbäuerin, frischen Eiern und Vogelgezwitscher und für die Liebhaber etwas härterer Spiele ein Folterkämmerchen mit Halseisen, Kreuz mit Lederschlaufen und Peitschen.

Eine dort tätige Prostituierte erinnert sich:

Auch Rollenspiele gehörten zu dem Angebot. Fabienne Jamet schildert ihre Erlebnisse mit Gästen in ihrer Autobiografie Der nächste Herr, s’il vous plaît, Erinnerungen aus dem One Two Two, Rue de Provence folgendermaßen:Fabienne Jamet: Der nächste Herr, s’il vous plaît. Erinnerungen aus dem One Two Two, Rue de Provence. Rowohlt-Verlag, 1979, ISBN 3-499-14315-1.

Auch für ausgefallenere Wünsche hatte das 122 Verständnis. Jamet:

Das Publikum Innerhalb dreier Jahre war das Haus nicht nur zum berühmtesten Bordell Frankreichs geworden, sondern zu einem internen Treffpunkt von Kunst und Kultur. So gehörten nicht nur die Spitzen der Pariser („besseren“) Gesellschaft zur Stammkundschaft, sondern auch international wurde das Bordell zum kulturellen Begriff. Etwas salopp äußert sich Jamet über die Eigenheiten diverser Nationen: Hans-Jürgen Döpp: Paris Eros – Das imaginäre Erotikmuseum. Parkstone Press Ltd., New York 2004 (deutsche Fassung), ISBN 1-85995-759-5, S. 234.

Berühmtheiten gingen ein und aus, wie der belgische König Leopold III., der junge Randolph Churchill oder die französischen Leinwandstars Martine Carol und Michel Simon.Chimelli, Rudolph: Wo keiner hingeht (III): Der Sommerkorrespondent auf der Suche nach der verlorenen Lust Die Sphinx im Freudenhaus. In: Süddeutsche Zeitung, 17. August 1996, Seite 3, Reportagen. Auch Hollywood ließ sich blicken wie Marlene Dietrich, Katharine Hepburn, Humphrey Bogart, Cary Grant und Charlie Chaplin sowie Marcel Vertès mit seinem Freund Erich Maria Remarque;

Jamet schreibt in ihrer Autobiografie:

Verfilmungen Im Jahre 1978 wurde die Geschichte des Bordells auf der Basis der Erinnerungen Fabienne Jamets unter dem Titel Das Freudenhaus in der Rue Provence (One, Two, Two : 122, rue de Provence) unter der Regie von Christian Gion verfilmt.

Die im September 2018 zum 100. Jahrestag des Endes des Ersten Weltkrieges erstmals auf ARTE ausgestrahlte Doku-Drama-Serie Krieg der Träume stellt die Erlebnisse von Marcel und Fabienne Jamet episodisch dar. Sie wurden dabei von Robinson Stévenin und Emilie Gavois-Kahn gespielt.

Siehe auch Le Chabanais

Literatur Fabienne Jamet: One Two Two – 122 rue de Provence. Olivier Orban, Paris 1975. Fabienne Jamet: Der nächste Herr, s’il vous plaît. Erinnerungen aus One two two, Rue de Provence. Nacherzählt von Albert Kantof und René Havard. Aus dem Französischen von Helmut Kossodo. List, München 1976.

Weblinks

IMDb-Eintrag der Verfilmung Titelbild der Biographie Fabienne Jamets

Einzelnachweise

Kategorie:Bordell (Paris)