mini|Chirurgischer Eingriff in Dresden (1956) Die Chirurgie (über von „Arbeiten mit der Hand, Handarbeit, Handwerk, Handwirkung“) ist ein Teilgebiet der Medizin, das sich mit der operativen Behandlung von Krankheiten und Verletzungen beschäftigt.

Eine die Chirurgie oder Teilgebiete der Chirurgie ausübende Person wird Chirurg genannt (von lateinisch chirurgus). Das Wort bezeichnete bis ins 16. JahrhundertVgl. etwa Philippus Begardi: Index Sanitatis. Eyn schoens und vast nützlichs Buechlin, genant Zeyger der gesundtheyt […]. Worms 1539, Blatt IV. einen Wundarzt;Georges (1913). das heutige Synonym ist ein operativ tätiger Mediziner.Arnulf Thiede: Reflexionen zur chirurgischen Laufbahn: Gegenwart und Zukunft der Chirurgie. In Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 36/37, 2017/2018 (2021), S. 231–252, hier: S. 247. Dagegen wurde in der Antike und bis weit in die Neuzeit hinein ein Arzt als Chirurg (von griechisch , wörtlich „Handwerker“) bezeichnet, der eine (nicht notwendigerweise blutigeNoch für Girolamo Fabrizio (1533–1619) waren das Einrenken von luxierten Gelenken und die nichtoperative Therapie von Knochenbrüchen chirurgische Maßnahmen.) Manipulation am Körper des Patienten vornahm.

Die moderne Chirurgie entwickelte sich Ende des 19. Jahrhunderts, nachdem die Grundlagen der heutigen Asepsis und Antisepsis zur Verhütung von Wundinfektionen und Blutvergiftungen sowie die der AnästhesieVgl. etwa N. M. Greene: Anesthesia and the development of surgery (1848–1896). In: Anesthesiology, Band 58, 1979, S. 5–12. gelegt waren und sich ein tieferes Verständnis von Physiologie und Pathophysiologie entfaltet hatte.Ulrich von Hintzenstern, Wolfgang Schwarz: Frühe Erlanger Beiträge zur Theorie und Praxis der Äther- und Chloroformnarkose. Teil 1: Heyfelders klinische Versuche mit Äther und Chloroform. In: Der Anaesthesist, Band 45, Heft 2, 1996, S. 131–139, hier: S. 138.

Geschichte Steinzeit mini|Darstellung von chirurgischen Instrumenten an der Rückwand des Tempels zu Kom Ombo (331–304 v. Chr.) Schon aus der Steinzeit sind chirurgische Eingriffe nachgewiesen, die von den Patienten überlebt wurden. Diese Kunst war möglicherweise nicht auf den anatomisch modernen Menschen (Homo sapiens) beschränkt: Ein etwa 50.000 Jahre alter Skelettfund eines männlichen Neandertalers (Homo neanderthalensis) in der Shanidar-Höhle im Irak belegt eine mutmaßliche (allerdings umstrittene) Armamputation unterhalb des rechten Ellenbogens.Manfred Reitz: Steinzeitchirurgie. In: Pharmazeutische Industrie. Band 73, 2011, S. 1755–1757.Gerry Everding: Older Neandertal survived with a little help from his friends. Washington University, 23. Oktober 2017. Seit 12.000 Jahren lassen sich überlebte Trepanationen nachweisen. Das älteste akzeptierte Beispiel einer Amputation beim Menschen – eine Amputation von Fuß und Unterschenkel an einem Kind, die verheilte – fand sich 2020 auf Borneo (Liang-Teho-Höhle) und ist 31.000 Jahre alt.TimRyan Maloney, I. E. Dilkes-Hall, M. Vlok, Maxime Aubert u. a., Surgical amputation of a limb 31,000 years ago in Borneo. In: Nature, 2022 Davor war das älteste akzeptierte Beispiel ein 7000 Jahre altes Skelett aus der Jungsteinzeit in Buthiers-Boulancourt in Frankreich, dem der linke Unterarm teilweise amputiert wurde, das teilweise verheilte.

Antike und Mittelalter Operationen wurden in der Antike, besonders bei Ägyptern,Doris Schwarzmann-Schafhauser: Unter dem Primat des Totenkults? Die Chirurgie im Alten Ägypten. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 24, 2005, S. 73–81. GriechenMarkwart Michler: Alexandrinische Chirurgie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 32–38. (bereits bei Homer genannt) und Römern, mit speziellen (meist metallischen) Werkzeugen durchgeführt. Über die Erfolge und Heilungen ist wenig bekannt. Zu den Aufgaben der Chirurgie gehören seit jeher die Blutstillung bei VerletzungenWalter von Brunn: Zur Geschichte der Blutstillung. In: Die Medizinische Welt. Band 9, 1935, S. 107 f. sowie die Behandlung von Knochenbrüchen,Volker Zimmermann: Die mittelalterliche Frakturbehandlung im Werk von Lanfrank und Guy de Chauliac. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 6, 1988, S. 21–34.Volker Zimmermann: Zwischen Empirie und Magie: Die mittelalterliche Frakturbehandlung durch Laienpraktiker. In: Gesnerus. Band 45, 1988, S. 343–352. von eiternden Wunden und chronischen Geschwüren.Philippus Begardi: Index Sanitatis. Eyn schoens und vast nützlichs Buechlin, genant Zeyger der gesundtheyt […]. Worms 1539, Blatt IV: „Chirurgici, das seind Artzet, so alleyn mit der handtwirckung artznei brauchen, unnd heyssend Wundaertzet oder Schneidaertzet, als do seind die jhenen, so do heylen wunden, alte schaeden, beulen, eusserliche gewaechs am leib abschneiden, steyn und brüch schneiden, zerbrochen und verruckte glider wider in eynander richten, verbinden, verschienen, verwaren und heylen, mitsampt andern dergleichen gebresten.“ Auch konservative chirurgische Therapiemethoden sind seit dem Altertum bekannt. So werden im etwa 1550 v. Chr. entstandenen Papyrus Edwin Smith (der Abschrift eines älteren Textes) die Reposition und anschließende Ruhigstellung von Unterkieferfrakturen mit Schienen und Binden beschrieben.Gerhard Schargus: Der Wandel in der Therapie der Gesichtsschädelfrakturen. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 3, 1985, S. 211–224, hier: S. 211. Zu den antiken Zeugnissen für Schriften chirurgischen Inhalts gehören die im 5. Jahrhundert v. Chr. entstandenen Texte Über das Einrenken der Gelenke und Über die Knochenbrüche im Corpus Hippocraticum.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. 1989, S. 197 f. Als erster namentlich bekannter Fachschriftsteller der operativen Chirurgie gilt der im 1. oder 2. Jahrhundert v. Chr. in Ägypten wirkende (Klaudios) Philoxenos.Ferdinand Peter Moog: Philoxenos. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1152 f. Er wird in den Schriften des Galenos als cheirurgos bezeichnet und Aulus Cornelius Celsus sah in ihm einen der bedeutendsten chirurgischen Fachautoren.Markwart Michler (†): Alexandrinische Chirurgie. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 32–38; hier: S. 36. Gemäß Celsus war die Chirurgie mit der Diätetik (Regelung der Lebensweise) und der Pharmakotherapie eines der drei Teile der (antiken) Medizin.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. Philipp Reclam jun., Leipzig 1979 (= Reclams Universal-Bibliothek. Band 771); 6. Auflage ebenda 1989, ISBN 3-379-00411-1, S. 41. Zu den weiteren Pionieren chirurgischer Texte gehört der pneumatische Arzt Antyllos, der um die Mitte des 2. Jahrhunderts (in einer Zeit der Blüte der ChirurgiePaul Diepgen, Heinz Goerke: Aschoff/Diepgen/Goerke: Kurze Übersichtstabelle zur Geschichte der Medizin. 7., neubearbeitete Auflage. Springer, Berlin/Göttingen/Heidelberg 1960, S. 11.) wirkte.Jutta Kollesch, Diethard Nickel: Antike Heilkunst. Ausgewählte Texte aus dem medizinischen Schrifttum der Griechen und Römer. 1989, S. 198 (zu Aus dem Schriften des Antyll: Über Gefäßerweiterung).

Vom MittelalterGundolf Keil: Chirurg, Chirurgie. (Wundarzt, Wundarznei). In: Robert-Henry Bautier, Robert Autry und andere (Hrsg.): Lexikon des Mittelalters. Band 2, München/Zürich 1983, Sp. 1845–1860.Gundolf Keil: Mittelalterliche Chirurgie. In: Acta medicae historiae Patavina. Band 30, 1983/1984 (1985), S. 45–64. bis in die frühe Neuzeit wurde die Chirurgie auch als WundarzneiBernhard Schnell, William Crossgrove: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 222–225 (Chirurgie/Wundarznei). (älter Wundartzney, Wuntarzenîe usw.Vgl. auch Heinrich von Pfalzpaints Wundarznei „Bündth-Ertznei“) bezeichnet, während heute damit ältere chirurgische Werke (insbesondere wundärztliche Arzneimittel-HandbücherGundolf Keil: „blutken – bloedekijn“. Anmerkungen zur Ätiologie der Hyposphagma-Genese im ‚Pommersfelder schlesischen Augenbüchlein‘ (1. Drittel des 15. Jahrhunderts). Mit einer Übersicht über die augenheilkundlichen Texte des deutschen Mittelalters. In: Fachprosaforschung – Grenzüberschreitungen. Band 8/9, 2012/2013, S. 7–175, hier: S. 12–13.) benannt werdenChristine Boot: Die ‚Prager Wundarznei‘ des 14. Jahrhunderts, ein traumatologisches Feldbuch aus dem mittelalterlichen Schlesien. (Medizinische Habilitationsschrift, Würzburg 1989), Jan Thorbecke, Stuttgart 1993.Gundolf Keil: ‚Kopenhagener Wundarznei‘. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 5, Sp. 311–312. Vgl. auch Hs. 3484 (nördliches Elsaß 1468). Königliche Bibliothek, Gamle kongelige samling. Kopenhagen.Gundolf Keil: ‚Passauer Wundarznei‘. In: Werner E. Gerabek u. a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. 2005, S. 1110. Vgl. auch Heinrich Schubert: Die Passauer Wundarznei. Medizinische Dissertation München 1954.Knut Bentele, Gundolf Keil: Die ‘Würzburger Wundarznei’. Anmerkungen zu einem neugefundenen Arzneimittel-Handbuch des Spätmittelalters. In: Peter Jörg Becker, Eva Bliembach, Holger Nickel, Renate Schipke, Giuliano Staccioli (Hrsg.): Scrinum Berolinense. (Festschrift Thilo Brandis) 2 Bände, Berlin 2000 (= Beiträge der Staatsbibliothek Preußischer Kulturbesitz zu Berlin. Band 10), Band 1, S. 358–387.Hilde-Marie Groß, Gundolf Keil (Hrsg.): Die „Leipziger Wundarznei“. In: Sammeln – Erforschen – Bewahren. Zur Geschichte und Kultur der Oberlausitz. Ernst-Heinz Lemper zum 75. Geburtstag. Hrsg. von der Oberlausitzischen Gesellschaft der Wissenschaften zu Görlitz. 1999, S. 123–141. (Seit dem 10. Jahrhundert wurde – bei Richer von Reims – der chirurgicus bzw. chirurgus vom medicus unterschieden).Bernhard Dietrich Haage: Medizinische Literatur des Deutschen Ordens im Mittelalter. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 9, 1991, S. 217–231, hier: S. 222. Das Konzil von Tours verbot im Jahr 1163 den akademisch ausgebildeten, oftmals auch geistliche Ämter innehabenden, den Medizinern die als riskant angesehenen chirurgische Eingriffe, welche somit den Wundärzten vorbehalten waren.Daniel Carlo Pangerl: Amputation: Das Bein des Habsburgers. Eine neue Quellenauswertung lässt darauf schließen, wie die Beinamputation an Kaiser Friedrich III. ablief. In: Medizin im Mittelalter. Zwischen Erfahrungswissen, Magie und Religion (= Spektrum der Wissenschaften. Spezial: Archäologie Geschichte Kultur. Band 2.19), 2019, S. 70–73, hier: S. 71–72. Ein bedeutender Vertreter der orientalischen Chirurgie im 9./10. Jahrhundert war Abulcasis.Bernhard D. Haage: Chirurgie nach Abū l-Qāsim im „Parzival“’ Wolframs von Eschenbach. In: Clio Medica. Band 19, 1984, S. 193–205.