mini|Ammianus Marcellinus, Res gestae 31,2 in der Handschrift Rom, Biblioteca Apostolica Vaticana, Vaticanus lat. 1873 (9. Jahrhundert) Ammianus Marcellinus (* um 330 vermutlich in Antiochia am Orontes, Syria; † um 395 [spätestens um 400] wahrscheinlich in Rom) war ein römischer Historiker. Er ist neben Prokopios von Caesarea der bedeutendste spätantike Geschichtsschreiber und schrieb in lateinischer Sprache, obwohl seine Muttersprache Griechisch war. Seine Res gestae sind das letzte klassizistische lateinische Geschichtswerk der Antike, das zu großen Teilen überliefert ist. Die erhaltenen Abschnitte behandeln die Jahre von 353 bis 378 und beschreiben die Zeit unmittelbar vor Beginn der Völkerwanderung, in der sich die antike Mittelmeerwelt grundlegend veränderte.
Ammianus hat als Soldat unter den Kaisern Constantius II. und Julian gedient und viele der von ihm geschilderten Ereignisse selbst miterlebt. Obwohl er mehr als andere antike Geschichtsschreiber um Objektivität bemüht war, wird seine persönliche Sicht bisweilen recht deutlich. So beurteilte er etwa Constantius II. teilweise sehr negativ, während er von Julian ein ausgesprochen positives Bild zeichnete. Der überragende Wert seiner Res gestae für die Erforschung des 4. Jahrhunderts ist dennoch unbestritten.
Das Römische Reich zur Zeit des Ammianus Marcellinus
Als Ammianus Marcellinus geboren wurde, herrschte Kaiser Konstantin bereits mehrere Jahre über das wiedervereinigte Imperium.Konstantin herrschte seit 312 uneingeschränkt im Westen und übte seit 324 die Alleinherrschaft über das gesamte Imperium aus. Zu seinen Lebensumständen vgl. die knappe Einführung von Bruno Bleckmann, Konstantin der Große, 2. Auflage, Reinbek 2003. Die Grenzen waren weitgehend gesichert, in seinen letzten Lebensmonaten bereitete Konstantin sogar einen Feldzug gegen das neupersische Sassanidenreich vor, den großen Rivalen Roms im Osten, der nur durch seinen Tod am 22. Mai 337 nicht zustande kam.
Das Imperium Romanum war in der Regierungszeit Konstantins einem tiefgreifenden Wandel unterworfen, der von der modernen Forschung als konstantinische Wende bezeichnet wird: Das nur Jahre zuvor teils sehr blutig verfolgte Christentum wurde nun privilegiert und Ende des 4. Jahrhunderts durch Kaiser Theodosius I. faktisch zur Staatsreligion erhoben. Das Heidentum hingegen – ein allerdings sehr unscharfer Begriff, der ganz verschiedene religiöse Vorstellungen umfasste, von den Mysterienkulten, über die traditionellen römischen Kulte bis hin zu vom Neuplatonismus beeinflussten Strömungen – hatte zur Zeit des Theodosius bereits deutlich an Lebenskraft eingebüßt und wurde am Ende nur noch von einer immer kleiner werdenden Minderheit der Bevölkerung praktiziert. Auch das Kaisertum wurde immer stärker christlich geprägt, bis hin zur Vorstellung, dass der Kaiser Gottes Vizekönig auf Erden sei.Einen umfassenden Überblick zum paganen Milieu am Ende des 4. Jahrhunderts bietet Alan Cameron, The Last Pagans of Rome, Oxford-New York 2011. Einen guten, wenngleich recht veralteten Überblick bietet auch die von Arnaldo Momigliano herausgegebene Aufsatzsammlung The Conflict Between Paganism and Christianity in the Fourth Century, Oxford 1963; vgl. allgemein David S. Potter, The Roman Empire at Bay, London/New York 2004, speziell S. 299 ff. (ab Konstantin).
Mit der fortschreitenden Christianisierung von Staat und Gesellschaft waren aber auch Probleme ganz neuer Art verbunden, wie der Arianische Streit deutlich macht: Der alexandrinische Presbyter Arius hatte zu Beginn des 4. Jahrhunderts behauptet, Gott-Sohn sei nicht wesenseins mit Gott-Vater. Der Arianismus (der keine einheitliche Strömung darstellte, sondern in mehrere Einzelgruppierungen zerfiel) fand vor allem in Teilen des Ostens des Imperiums einen Nährboden, während er im Westen scharf verurteilt wurde. Die diesbezüglichen christologischen Streitigkeiten, also die Frage nach dem wahren Wesen Christi, banden erhebliche Energien und wurden mit Leidenschaft nicht nur von Theologen, sondern auch von breiten Bevölkerungsschichten ausgetragen. Kaiser Constantius II., der ab 353 uneingeschränkt über das Imperium herrschte, versuchte während seiner ganzen Regierungszeit vergeblich, ein für die gesamte Reichskirche einheitliches, arianisches Bekenntnis durchzusetzen.Zu Details siehe den Artikel Constantius II. mit den dortigen Literaturangaben.
Währenddessen nahm der Druck auf die Grenzen immer mehr zu. Im Osten herrschte seit 337/338 ein fast permanenter Kriegszustand. Wiederholt fielen die Perser in die römischen Orientprovinzen ein, während kaiserliche Offensiven glücklos blieben. Im Westen wurde derweil Gallien wiederholt von germanischen Plünderern verheert, da es im Inneren des Reiches zu Usurpationen wie der des Magnentius kam, worunter die Sicherung der Grenzen litt. Das Imperium konnte sich dennoch behaupten, wenn auch mit einiger Mühe. Ammianus hat viele dieser Ereignisse selbst miterlebt, diese in seinem Geschichtswerk verarbeitet und damit der Nachwelt ein Panorama einer Zeit hinterlassen, in der die Alte Welt einen Transformationsprozess begann, der schließlich das Ende der Antike einläutete.
Leben
Über Ammianus’ Leben ist nur wenig bekannt, einiges erschließt sich jedoch aus seinem Werk.Rosen, Ammianus, bietet einen guten systematischen Überblick bzgl. der wichtigsten Forschungsprobleme (Forschungsstand bis 1979). Wichtige weitere Werke sind unter anderem Matthews, The Roman Empire of Ammianus, sowie Barnes, Ammianus; Drijvers/Hunt, Interpreting Ammianus Marcellinus und Kelly, Ammianus Marcellinus. Auf diese sei zu allen Detailfragen verwiesen. Einen allgemeinen knappen Überblick bietet Michael von Albrecht, Geschichte der römischen Literatur, Bd. 2, 3. Auflage (als TB), München 2003, S. 1127–1138. Siehe auch die Einleitungen in den Übersetzungen von Veh/Wirth, S. VII–XXX und Seyfarth, Ammianus [gemeint ist im Folgenden immer die lateinisch-deutsche Ausgabe von Seyfarth, 1968 ff.], S. 9–51. Er wurde um 330 in Syrien geboren, vielleicht in Antiochia am Orontes, einer der größten und bedeutendsten Städte des Imperiums,Grundlage dieser Annahme ist ein Brief (ep. 1063) des Libanios, der im Jahr 392 einem Antiochener namens Marcellinus schreibt und diesem zu seinen literarischen Erfolgen gratuliert. Traditionell nimmt man an, dass es sich bei dem Empfänger um Ammianus handelt. Abweichender Meinung von dieser communis opinio ist jedoch unter anderem (wie auch an anderen Stellen) Barnes, der annimmt, dass Ammianus die Stadt zwar bewunderte und längere Zeit dort gelebt hat, nicht aber dort geboren wurde: Barnes, Ammianus, S. 60. Glen W. Bowersock vermutet, dass Ammianus aus Alexandria gestammt habe (vgl. G. Bowersock: Review of John Matthews, The Roman Empire of Ammianus, in: Journal of Roman Studies 80 (1990), S. 244–250). Siehe auch weiter unten. wo er zumindest längere Zeit lebte. Er stammte wahrscheinlich aus wohlhabender griechischer FamilieGegen eine Herkunft aus dem Kurialenstand argumentiert Kelly, Ammianus Marcellinus, S. 121 f. Kelly nimmt eher eine Herkunft aus einer Familie mit militärischen oder administrativen Wurzeln an. und war offenbar sehr belesen. Seine Angabe, er sei nur ein miles (Soldat) gewesen, führt in die Irre: Vor allem im Bereich der lateinischen und griechischen Literatur scheint er gute Kenntnisse besessen zu haben, die auf eine kostspielige Ausbildung schließen lassen.Barnes etwa nimmt an, dass Ammianus auch die syrische Sprache beherrschte: Barnes, Ammianus, S. 60. Schon in jungen Jahren wurde Ammianus Offizier in der Armee und diente als Leibgardist (protector domesticus). In dieser Einheit dienten zwar teils auch altgediente Veteranen, vor allem aber junge Männer aus der Provinzelite. Als protector hatte Ammianus die Aufgabe, seinen Vorgesetzten, den Heermeister (magister militum) Ursicinus, persönlich zu begleiten und zu beschützen. Es wird vermutet, dass Ursicinus ein Förderer und Patron des Ammianus war.Zur ersten Zeit als protector domesticus und zu Ursicinus’ Patronage für den jungen Ammianus vgl. Matthews, The Roman Empire of Ammianus, S. 74–77, und Rosen, Ammianus, S. 18f.
354 begleitete Ammianus, damals nach eigener Aussage ein junger Mann, seinen Vorgesetzten nach Antiochia, wo er die Herrschaft des Caesar Constantius Gallus und seiner Frau Constantina miterlebte. 355 nahm er an der Mission zur Beseitigung des Usurpators Silvanus in Köln teil. Bis 357 hielt sich Ammianus in Ursicinus’ Gefolge in Gallien auf, wo zu dieser Zeit Julian, der Bruder des mittlerweile hingerichteten Gallus, als Unterkaiser (Caesar) regierte, den Ammianus später in seinem Geschichtswerk zum Helden stilisierte. Danach ging Ammianus mit Ursicinus wieder in den Osten des Reiches, wo er an den Kämpfen gegen den persischen König Schapur II. teilnahm. Während dieser Kämpfe kam es zu einem einschneidenden Erlebnis für Ammianus, als er den Persern, die 359 eine großangelegte Invasion der römischen Orientprovinzen unternahmen, während der Eroberung der römischen Festung Amida nur mit knapper Not als einer der wenigen Überlebenden entkam. Die Perser richteten unter den verbliebenen Römern ein Massaker an. Über die Belagerung und den Fall Amidas, damals eine der wichtigsten Festungen der römischen Orientverteidigung, berichtete Ammianus eingehend (19,1–8). Seine anschauliche Darstellung steht denen anderer großer antiker Geschichtsschreiber in nichts nach und wird zu den klassischen Schilderungen der römischen Historiographie gezählt.Matthews, The Roman Empire of Ammianus, S. 58. 360 wurde Ursicinus entlassen, Ammianus diente allerdings weiter in der Armee und nahm 363 an dem Perserfeldzug Julians teil, der in einem Fiasko endete.Julian war im Frühjahr 360 von seinen Truppen (wahrscheinlich in einem inszenierten Akt) zum Augustus akklamiert worden und hatte dann Ende 361, nach dem Tod des Constantius II., die Alleinherrschaft angetreten. Näheres dazu siehe im Juliankapitel.
363 schied Ammianus aus dem Heer aus und bereiste Griechenland, Thrakien und Ägypten. Wohl um 380 ging er nach Rom, wo er um 390/91 sein Geschichtswerk (Res gestae) verfasste; der genaue Titel seines Werkes ist jedoch nicht bekannt.Der Name (etwa: „Tatenbericht“) ist uns durch Priscian überliefert: Priscian, Gr. Lat. II. 487. Allerdings weiß man aus einem Brief des berühmten Rhetors Libanios,ep. 1063, in der Edition Foersters. mit dem Ammianus vielleicht bekannt war, dass sich das Werk großer Beliebtheit erfreute. Es wurde in jüngerer Zeit bezweifelt, dass der Briefpartner des Libanios tatsächlich Ammianus war, wofür aber einiges spricht.Rosen, Ammianus, S. 22, 26 f., und Matthews, The Roman Empire of Ammianus, S. 8 f. und 478 f., nehmen an, dass Ammianus der Empfänger des Briefes war, dem widerspricht jedoch etwa Charles W. Fornara: Studies in Ammianus Marcellinus I: The Letter of Libanius and Ammianus’ Connection with Antioch. In: Historia 41, 1992, S. 328–344. Eine gute und knappe Zusammenfassung der bekannten Lebensumstände zu Ammianus bietet Seyfarth, Ammianus, S. 15–23. Sowohl Libanios als auch Priscian ist der Autor des Werks nur als Marcellinus bekannt. Vermutungen, Ammianus sei vielleicht sogar in den Senat aufgenommen worden, lassen sich nicht beweisen, ebenso wenig wie sich genaueres über seine Beziehungen zu stadtrömisch-heidnischen Senatoren sagen lässt (siehe unten). Sein genaues Todesdatum ist unbekannt, als spätestes Datum gilt in der Forschung das Jahr 400, wenn auch oft der Zeitraum um 395 angenommen wird.Allgemein zur Biographie vgl. auch Kelly, Ammianus Marcellinus, S. 104 ff.
Werk
Der Aufbau der Res gestae mini|Titelseite der Ammianus-Ausgabe des Accursius (Augsburg 1533)