Haintchen ist ein Ortsteil der Gemeinde Selters (Taunus) im mittelhessischen Landkreis Limburg-Weilburg.
Geographische Lage mini|Taunuslandschaft in der Nähe von Haintchen
Haintchen liegt im östlichen Hintertaunus, auf einer Hochfläche, an der Wasserscheide zwischen den Tälern von Emsbach und Weil, an den nordwestlichen Ausläufern der Feldberg-Langhals-Pferdskopf-Scholle, nordwestlich des Großen Feldberg direkt an der Grenze zwischen dem Landkreis Limburg-Weilburg und dem Hochtaunuskreis im Naturpark Taunus.
Das Dorf erstreckt sich in einer nach Nordwesten öffnenden Talmulde des Eisenbachs, zwischen den Erhebungen des Koberg () im Süden und dem Blumenstück () im Südosten. Weitere Erhebungen sind der Hebenberg () im Südwesten, der Liewersberg () im Südosten und der südlich vom Koberg gelegene Suterkopf (). Die Höhenlage der Gemarkung liegt im mittleren Bachtalverlauf des Eisenbachs im Westen auf rund und erreicht in den Erhebungen im Süden bis . Die Gemarkungsfläche ist 12,02 Quadratkilometer groß, wovon 7,43 km² Waldfläche sind.
Von den höher gelegenen Stellen des Dorfes besteht bei klarer Wetterlage eine weite Fernsicht nach Westen über den Goldenen Grund zu den Ausläufern des Westlichen Hintertaunus. Nach Nordwesten über das Limburger Becken bis in den Westerwald. Nach Norden über die Ausläufer des Östlichen Hintertaunus und Weilburger Lahntalgebiet zum Westerwald und nach Nordosten in Richtung des Gladenbacher Berglands mit dem Basaltkegel des Dünsbergs. Dieser Fernblick erstreckt sich an kalten, klaren Wintertagen, wenn eine Inversionswetterlage besteht, teilweise bis 40 Kilometer Entfernung.
Nächste größere Städte in der Umgebung sind Bad Camberg (12 km südwestlich), Limburg a. d. Lahn (21 km nordwestlich) und Usingen (22 km östlich).
Die Gemarkung grenzt im Westen an Eisenbach und Münster. Im Norden und Nordosten schließen die Weilmünsterer Ortsteile Wolfenhausen, Laubuseschbach und Langenbach an. Im Osten und Südosten schließt sich der Hochtaunuskreis mit den Weilroder Ortsteilen Emmershausen und Hasselbach an.
Geschichte 2019 wurde die nahegelegene eisenzeitliche Ringwallanlage Herrnwäldchen entdeckt. Der dortige östliche Hintertaunus war in der Spätlatènezeit ein Zentrum der Erzgewinnung und -verarbeitung.
Ersterwähnung Die älteste bekannte urkundliche Erwähnung ist aus dem Jahr 1388 belegt. In der Erwähnung vom 25. Juli 1388 in einem von der Äbtissin Sophie von Lindau angelegten Fortsetzung des Zinsbuches des Zisterzienserinnenklosters Gnadenthal heißt es: „Item gebin wir alle jar der kyerchin zu dem Hayne 1/2 punt waisis un(d) 6 junge h. zu oistirn auch von Husin, unsim hoibe.“ (Somit geben wir alle Jahre der Kirche zu Haintchen ein halbes Pfund Wachs und sechs junge Heller zu Ostern auch von Hausen, unserem Hof.).
Bereits im Jahr 1388 bestand im Ort ein Vorgängerbau der heutigen Kirche, wegen der Lage an der alten Hessenstraße vermutlich ebenfalls dem Heiligen Nikolaus als Schutzpatron der Reisenden geweiht. Dazu kam ein umfangreicher Pfarrhof mit dem alten Pfarrhaus und der Scheune.
Landes- und Lehnsherren waren Diez, später Nassau und Kurtrier, der Amtssitz war das nahe Camberg. Der Ort ist vermutlich bereits im 11. oder 12. Jahrhundert als Rodungssiedlung entstanden. Der Name Haintchen lässt sich von dem alten Wort „Hain“, gerodeter oder lichter und gehegter Wald, ableiten. Auch die Lage an der alten West-/Ost-Fernstraße, die man erst in neuerer Zeit Hessenstraße nannte, spricht dafür, dass das Dorf schon einige Jahrhunderte bestand, als es mit seiner Kirche zum ersten Mal im Gnadenthaler Zinsbuch von 1388 genannt wurde. Ein bedeutendes Gut nahe dem Dorf war der Hof zu Hausen, der ebenfalls in dem Dokument aus dem Jahr 1388 erwähnt wird und noch heute besteht, allerdings inzwischen in der Gemarkung des Nachbarorts Eisenbach.
Frühe Schreibweisen: Hayne, Haynchen, Hayngen, Haingen, Haintgen.
Gang durch die Jahrhunderte mini|hochkant|Ortsansicht mit Pfarrkirche St. Nikolaus Die geschützte Tallage und die günstige Lage auf halber Höhe des Geländes ansteigend, mit einer weiten Fernsicht in das Umland, waren vermutlich ausschlaggebend für eine damalige Ortsgründung. Auch die Handelsstraße, die alte Hessenstraße, die durch das Dorf führt und die unmittelbar an Haintchen vorbeiführende Rennstraße, waren für das Dorf in jener Zeit wichtige Transport- und Umschlagwege.
Spätmittelalter In dieser Zeit war das Gericht Haintchen wohl schon dem Amt Camberg zugeordnet, dessen Anfänge als Verwaltungsbezirk um Burg und Stadt Camberg in jener Zeit zurückreichen. Seitdem blieb Haintchen unter den Erben und Pfandherren dieses Teils der Grafschaft Diez und Camberg verbunden. Die Herren von Eppstein erhielten im Jahr 1428 ein weiteres Viertel, das jedoch schon 1453 durch Kauf an die Grafen von Katzenelnbogen und 1479 als Erbe an die Landgrafen von Hessen kam. Zeitweise hatte Nassau-Dillenburg ein weiteres Achtel 1454 bis 1481 an Katzenelnbogen und später an Hessen verpfändet.
Frühe Neuzeit Im Jahr 1508 kam die Eppsteiner Hälfte an die Grafen von Königstein-Eppstein. Als diese 1535 ausstarben, nahm Kurtrier als Lehnsherr diese Hälfte gewaltsam in Besitz. Er war ein hoher Preis für die Familien der Erben, die gutgläubig der Übertragung der Lehnshoheit vom Reich an Kurtrier zugestimmt hatten. Im Frankfurter Vertrag, der den Streit um das Katzenelnbogener Erbe beendet, gab Hessen 1557 sein Viertel an Nassau-Dillenburg. Seitdem waren Kurtrier und Nassau-Dillenburg je zur Hälfte Herren dieser Gemeinschaft des Amts Camberg. Mehr als 200 Jahre änderten sich die Eigentumsverhältnisse für Haintchen nicht.
An der nassauischen Hälfte war 1607 bis 1628 Nassau-Hadamar zur Hälfte neben Nassau-Diez beteiligt. Danach war diese Hälfte der Gemeinschaft ein Teil der Grafschaft, seit 1655 des Fürstentums Nassau-Diez.
Vor dem Dreißigjährigen Krieg waren in Haintchen 40 Haushaltungen, also ungefähr 240 Einwohner. Die alten, verbürgten Nachrichten aus dem Wiesbadener Archiv lassen erkennen, wie furchtbar dieser Krieg gehaust hat. Im Jahr 1620 kam das spanisch-wallonische Heer unter Graf Spinola durch Haintchen und verbreitete Angst und Schrecken. 1622 wurden in Camberg 34 Mann aus Haintchen gemustert und auch eingezogen. Auch Marschall Tilly lagerte in dieser Gegend. Es ist bekannt, welche Unmengen an Geld, Lebensmittel und Futter für die Pferde abgegeben werden mussten. 1626 kam Wallenstein in diese Gegend und brachte als Geschenk des Krieges die Pest mit. Missernten und Krankheiten ließen die Bevölkerung nicht zur Ruhe kommen, und als endlich 1648 der Friede geschlossen wurde, lebten noch 16 Einwohner in Haintchen.
Die Dörfer Frohndorf, Steinbrechen, Wilhelmshain, Bruchhausen, Obernhain und Nahausen lagen in der Nähe des Ortes, überstanden aber den Dreißigjährigen Krieg nicht und waren vom Erdboden verschwunden. Jahrzehntelang musste der Pfarrer von Eisenbach auch Niederselters, Hasselbach und Haintchen pastorieren. „Er kam, die Kranken zu versehen und die Mühseligen zu trösten.“ Erst 1650 bekam Haintchen mit Hasselbach einen gemeinsamen Pfarrer.
Auf dem Kirchberg stand eine kleinere Kirche, vermutlich um die Mitte des 17. Jahrhunderts erbaut. Davor stand hier eine Kapelle, die sogenannte Alte Kapelle, mit der Burg Hohenfeld (auch als Schloss Hohenfeld genannt). Im Dreißigjährigen Krieg hatte sie wie auch die Dörfer Obernhain und Steinbrechen schwer gelitten und ging bei Friedensschluss ein. Von der Burghöhle im westlichen Eisenbachtal soll es einen unterirdischen Stollen zur Verbindung bis zur Burg Hohenfeld auf dem Kirchberg gegeben haben. Für ihren Bestand sprechen die Eintragungen im Stockbuch von Haintchen. In alten Kaufakten ist dort am Kirchberg ein Grundstück als Hohenfeldches Grundstück verzeichnet. Die Wiesenflächen südlich des Kirchbergs und der Straße sind als von Hohenfeldche Wiesen bezeichnet. Um das Jahr 1900 wurde von den Schulkindern bei einem Reigen ein Liedchen gesungen, das sich aus der Hohenfeldchenzeit erhalten hatte und auf die Gräfin gleichen Namens hinweist. Die Familie des „Statthalters des Nassauischen Landes“, Achatius von Hohenfeld war zu jener Zeit im Besitz des Gutshofs „Hof zu Hausen“. Diese Adelsfamilie stammte vom Schloss Aistersheim aus Oberösterreich und residierte im nahe gelegenen Camberg. Auf einer Karte aus dem Jahr 1711, dem Dorfe nahegelegenen Walddistrikt: Laubus, ist dort eine Kapelle zu Hohenfeld eingezeichnet.
Die ersten Anordnungen der Verhütung eines Brandes im Zusammenhang mit häuslichen Feuerstätten in Textform im Kurfürstentum Trier vom 9. Mai 1721 führten auch in Haintchen zu erheblichen Verbesserungen der Bauweise der Gebäude.
Haintchen gehörte seit 1743 mit seiner nassauischen Hälfte zum Fürstentum Oranien-Nassau. Im 18. Jahrhundert entstand eine Pferdewechselstation im Gasthaus „Zum Hirsch“ an der Hessenstraße. Die Route wurde für den Transport des kohlensauren Selterswassers aus dem Nachbarort Niederselters und für die Abfuhr der Eisen- und Silbererze aus den bei Haintchen gelegenen Gruben genutzt. 1749 bis 1750 wurde eine neue katholische Kirche im Barockstil erbaut und im Jahr 1751 vom Trierer Kurfürsten Franz Georg von Schönborn eingeweiht. mini|hochkant|Christkönigskapelle auf der Kerbes (in der Hessenstraße), neu aufgebaut im Jahr 1963, Ersterwähnung im Jahr 1821
Innerhalb des alten Amtes Camberg war Haintchen nach Camberg, Erbach und Würges der viertgrößte Ort. 1790 zählte es 312 Einwohner. In Haintchen lebten fünf herrschaftliche Freileute und 269 steuerpflichtige Untertanen und 38 Beisassen, Einwohner ohne volles Bürgerrecht und ohne eigenen Grundbesitz. Das alte Rathaus in Haintchen beherbergte nicht nur die Gemeindeverwaltung, sondern auch die Gemeindebäckerei.
Die zwei gleichberechtigten Landesherren Kurtrier und Nassau-Dillenburg waren Ende des 18. Jahrhunderts der Kurfürst und Erzbischof von Trier, Clemens Wenzeslaus von Sachsen, sowie der Fürst des Hauses Nassau-Oranien, Wilhelm V. In der Französischen Revolution, am 9. November 1792 rückten die von Königstein und Usingen kommenden französischen Truppen im Amt Camberg ein und besetzten auch kurzzeitig Haintchen, dessen nassau-oranischer Schultheiß und der Gemeinderat insgesamt 517 Gulden an Verpflegungs- und Einquartierungskosten zahlen mussten (Durch die Plünderungen verarmten die Ämter). Erst 1831 konnte der Schultheiß dem Gemeinderat mitteilen, Haintchen sei schuldenfrei.
19. Jahrhundert Am 31. Mai 1802 wurde der berühmte Räuber Johannes Bückler, auch Schinderhannes genannt, an der Grenze zwischen Haintchen und Wolfenhausen festgenommen. Die Festnahme war in der damals genannten Gemarkung: Almenseifen, heute heißt diese Hinterm Ziegengraben. Dort war die alte Grenze des ehemaligen Gemeinschaftlichen Amtes Camberg zu der Hoheit von Wied-Runkel.
Vor 1806 zerfiel der Ort in zwei Teile: Das Oberdorf und das Unterdorf. Haintchen gehörte früher politisch zum Kurfürstentum Trier, zum Teil zu Nassau-Oranien. Im Jahr 1816 kam das Dorf zum Amt Usingen.
Im Jahr 1839 wurde der erste Friedhof außerhalb des bestehenden Kirchhofs an der St. Nikolauskirche nordöstlich außerhalb des Dorfes angelegt, wo er sich heute noch befindet. Der Friedhof umfasste anfangs 3000 Quadratmeter Fläche. Anfang Juli 1843 wurde der Grundstein für den Schulneubau gelegt. Ein Jahr später, Ende Oktober 1844, wurde das Schulhaus öffentlich und feierlich eingeweiht.
Im Spätsommer des Jahres 1857 konnte eine weitere bedeutende Baumaßnahme begonnen werden: der Bau einer Brunnenleitung. Im März des darauffolgenden Jahres floss dann erstmals Wasser von der gefassten Quelle in den Dorfbrunnen. Um den oberen Teil des Dorfes besser versorgen zu können, wurde im selben Jahr im Walddistrikt Laubus Land erworben, um eine weitere Quelle zu erschließen.
Ruhrepidemie 1872