mini|Wolfgang Schorlau, 2014 Wolfgang Schorlau (* März 1951 in Idar-Oberstein) ist ein deutscher Schriftsteller und Autor politischer Kriminalromane, in denen er Kritik an den gesellschaftlichen und politischen Verhältnissen und Hintergrundrecherchen mit spannenden Erzählelementen verbindet. Mehrere Romane wurden verfilmt. Schorlau lebt als freier Schriftsteller in Stuttgart.

Leben

Wolfgang Schorlau kam 1951 in Idar-Oberstein als Sohn eines Eisenbahnbeamten zur Welt. Nach dem frühen Tode des Vaters erzog die Mutter ihre beiden Kinder zunächst allein. Als er elf Jahre alt war, schickte sie Wolfgang in ein Waisenheim der Bundesbahn in Freiburg im Breisgau. Seine Kindheitserfahrungen verarbeitete er später in seinem Roman Rebellen.

Im Jahr 1966 begann er in Freiburg im Breisgau eine Lehre als Großhandelskaufmann im Elektrohandel. In dieser Zeit schloss er sich der Lehrlingsbewegung an. Er demonstrierte gegen Ausbildungsbedingungen und Kommunalpolitik in Freiburg und beschäftigte sich statt mit seiner Ausbildung mit den Inhalten der „Mittwochsschulungen“. Die Lehrlinge lasen unter Anleitung von Studenten und Professoren Das Kapital und Was tun? von Lenin sowie Texte von Ernest Mandel, Sigmund Freud und Wilhelm Reich:Wolfgang Schorlau: In: Badische Zeitung. „Ich las Marx und wurde Azubi der Weltrevolution. Drei Monate vor der Gesellenprüfung flog ich aus der Lehre.“ Seine Mitlehrlinge überzeugten den Chef, dass er wenigstens die Prüfung antreten durfte, die er knapp bestand. In den 1970er Jahren war Schorlau außerdem im Kommunistischen Bund Westdeutschlands aktiv, er distanzierte sich später von dessen sektiererischem Dogmatismus.

In Westberlin holte er auf dem zweiten Bildungsweg das Abitur nach und wollte an der Universität Soziologie studieren, fand aber die Vorlesungen über Marx und Engels zu langweilig. Statt des Studiums absolvierte er eine Ausbildung zum Informatiker und machte sich mit einem kleinen Software-Unternehmen selbstständig.

Im Jahr 1995 erschien sein erstes Buch: Der PC im galvanischen Betrieb, und 2000 Down at Theresa’s, ein Bildband über den Blues.

Im Alter von Ende vierzig Jahren gab Schorlau 2000 seinen Beruf auf, um sich als freier Autor dem Schreiben politischer Krimis zu widmen. Seither erscheinen seine Bücher bei Kiepenheuer & Witsch.

Im November 2017 übernahm Wolfgang Schorlau die Poetik-Dozentur an der Universität Tübingen.

Wolfgang Schorlau lebt mit seiner Partnerin, der baden-württembergischen Wissenschaftsministerin Petra Olschowski, in Stuttgart.https://www.hz.de/lokales/herbrechtingen/krimi-und-blues-das-machte-die-lesung-von-wolfgang-schorlau-in-herbrechtingen-zum-erlebnis

Werke

Reihe „Privatdetektiv Georg Dengler“ Die blaue Liste. Denglers erster Fall. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2003, ISBN 3-462-03479-0. Das dunkle Schweigen. Denglers zweiter Fall. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2005, ISBN 3-462-03614-9. Fremde Wasser. Denglers dritter Fall. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2006, ISBN 978-3-462-03748-7. Brennende Kälte. Denglers vierter Fall. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2008, ISBN 978-3-462-03982-5. Das München-Komplott. Denglers fünfter Fall. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2009, ISBN 978-3-462-04132-3. Die letzte Flucht. Denglers sechster Fall. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2011, ISBN 978-3-462-04279-5. Am zwölften Tag. Denglers siebter Fall. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2013, ISBN 978-3-462-04547-5. Die schützende Hand. Denglers achter Fall. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2015, ISBN 978-3-462-04666-3. Der große Plan. Denglers neunter Fall. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2018, ISBN 978-3-462-04667-0. Kreuzberg Blues. Denglers zehnter Fall. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2020, ISBN 978-3-462-00079-5. Black Forest. Denglers elfter Fall. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2024, ISBN 978-3-462-05139-1.

Reihe „Commissario Antonio Morello“

Krimi-Reihe von Wolfgang Schorlau zusammen mit Claudio Caiolo: Der freie Hund. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2020, ISBN 978-3-462-05245-9. Der Tintenfischer. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2021, ISBN 978-3-462-00101-3. Falsche Freunde. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2023, ISBN 978-3-462-00303-1.

Weitere Werke mit Karin Herczog: Der PC im galvanischen Betrieb. Leitfaden für die Anwendung. Leuze, Saulgau 1995, ISBN 3-87480-110-1. mit Marc Po Kempner: Chicago blues: down at Theresa’s … ; the photographs of Marc PoKempner. Prestel, München 2000, ISBN 3-7913-2300-8. Sommer am Bosporus. Ein Istanbul-Roman. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2005, ISBN 3-462-03427-8. Ein perfekter Mord. Edition Nautilus, Hamburg 2008, ISBN 978-3-89401-579-4. Das brennende Klavier. Der Musiker Wolfgang Dauner. Edition Nautilus, Hamburg 2010, ISBN 978-3-89401-730-9. als Hrsg.: Stuttgart 21. Die Argumente. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2010, ISBN 978-3-462-04258-0. Rebellen. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2013, ISBN 978-3-462-04076-0. Der unaufhaltsame Aufstieg des Ministers Karsten Richter. Eine Satire. Kiepenheuer und Witsch, Köln 2026, ISBN 978-3-462-01810-3.

Die Romane um Georg Dengler

Der Protagonist von Schorlaus Kriminalromanen ist Georg Dengler, ein ehemaliger BKA-Ermittler, der sich als Privatermittler selbstständig gemacht hat. Zwar hatten schreibende Kollegen Schorlau gewarnt, dass Geschichten um Privatdetektive in Deutschland im Gegensatz zur angelsächsischen Kriminalliteratur keinen Erfolg haben würden, doch die Arbeit an seinem ersten Roman Die blaue Liste war zu diesem Zeitpunkt schon zu weit fortgeschritten, um das Konzept noch einmal zu ändern. Bis 2007 wurden erfolgreich drei Romane um den trinkfesten Bluesfan Georg Dengler, der im Stuttgarter Bohnenviertel seine Praxis betreibt, veröffentlicht. Für Das dunkle Schweigen erhielt Schorlau 2006 den dritten Platz des Deutschen Krimi-Preises.

Der Krimiplot dient Schorlau vor allem auch der politischen Stellungnahme zu brisanten Ereignissen der neueren deutschen Geschichte. Unter der Überschrift Finden und Erfinden erläutert Schorlau jeweils in einem Nachwort die Hintergrundrecherchen und Quellen zu seinen Romanen.

„Die blaue Liste. Denglers erster Fall“ Im ersten Roman der Reihe fügt Schorlau drei bisher nicht vollständig geklärte Ereignisse zusammen: die Ermordung des ersten Präsidenten der Treuhandanstalt Detlev Rohwedder am 1. April 1991 durch die RAF, den Absturz von Lauda-Air-Flug 004 am 26. Mai 1991 über Thailand, bei dem 223 Menschen ums Leben kamen, sowie die Ereignisse am 27. Juni 1993 in Bad Kleinen, bei denen der RAF-Terrorist Wolfgang Grams durch Suizid starb.

Der Plot geht davon aus, dass Rohwedder beseitigt werden musste, weil seine (angeblichen) Vorstellungen hin zu genossenschaftlichen Beteiligungsmodellen für DDR-Betriebe den Kapitalinteressen der Westkonzerne im Weg standen. Die als ahnungslos dargestellte 3. RAF-Generation wurde hiernach von Hintermännern (aus dem Staatsapparat?) mit dem Attentat instrumentalisiert. Die Beteiligten mussten später in Bad Kleinen als potentielle Mitwisser beseitigt werden, ebenso wie zuvor Wissenschaftler, die das Genossenschaftsmodell verteidigten. Einem von ihnen gelang das Überleben, weil er den sabotierten Flug verpasste. Dengler wird von Angehörigen mit der zunächst aussichtslos erscheinenden Suche nach diesem Wissenschaftler beauftragt, macht ihn schließlich in Italien ausfindig und bringt ihn durch seine Aktivitäten in Gefahr, weil auch die Hintermänner der Attentate nach ihm suchen.

„Das dunkle Schweigen. Denglers zweiter Fall“ Hier geht es Schorlau um einen wenig untersuchten Komplex des Zweiten Weltkriegs: die Fälle von Lynchjustiz an alliierten Soldaten (deren Zahl Schorlau auf über 1000 schätzt).

„Fremde Wasser. Denglers dritter Fall“ In diesem Thriller werden Bestrebungen zur Privatisierung der Wasserwirtschaft thematisiert. Schorlau beschreibt unter anderem den Guerra del Agua (Wasserkrieg) in Cochabamba und die Auswirkungen der durchgeführten Privatisierungen in Kiel und London. Der Titel des Romans zitiert ein Gedicht von Ingeborg Bachmann.

„Brennende Kälte. Denglers vierter Fall“ Schorlau beschäftigt sich in diesem Roman mit der Entsendung von Bundeswehrsoldaten in den Afghanistankrieg und einem dort spekulierten Einsatz und Test von Mikrowellenwaffen sowie den Folgen für die Soldaten. In einem Nebenstrang der Handlung befasst er sich mit der Einführung des neuen elektronischen Reisepasses in Deutschland. Die Marler Zeitung schreibt: „Was Schorlau an Horror inszeniert, ist der mögliche reale Schrecken von Waffensystemen, wie sie sich die Produzenten einfallen lassen, die mit dem Tod von Menschen Geld machen.“Leider keine Fiktion. In: Marler Zeitung. 1. Juli 2015, S. 14.

„Das München-Komplott. Denglers fünfter Fall“ In Denglers fünftem Fall geht es um das Bombenattentat auf das Oktoberfest 1980. In seinem Roman beteiligt sich der Verfassungsschutz beim Aufbau von Organisationen wie der NPD in den Neuen Bundesländern oder der Wehrsportgruppe Hoffmann in den 1970ern. Es geht um eine paramilitärische Geheimorganisation sowie ein geheimes United States Army Field Manual. Im Nachwort des Romans erzählt Schorlau, dass er nach der Kontaktaufnahme durch zwei Polizisten, die sich ihm nicht vorstellten, auf den Fall gebracht wurde. Die beiden Polizisten ermöglichten ihm angeblich das Aktenstudium von Unterlagen der Sonderkommission Theresienwiese und machten ihn auf einzelne Punkte in den Akten aufmerksam. Ebenso hätten sie ihn auf Ulrich Chaussys Buch Oktoberfest. Ein Attentat verwiesen. Die Literaturkritikerin Claudine Borries urteilte: „Ein wirklich großartiger Wurf ist Wolfgang Schorlau mit diesem Politthriller gelungen.“Kritik in der Leselupe

„Die letzte Flucht. Denglers sechster Fall“ Im Herbst 2011 veröffentlicht, erzählt Schorlau hier vom Fall eines fälschlich des Mordes und Kindesmissbrauchs angeklagten Professors an der Berliner Charité. Der eigentliche Hintergrund sind allerdings kriminelle Machenschaften der Pharmaindustrie um Anwendungsbeobachtungen. Bei seinen Ermittlungen lernt Dengler nicht nur die Dominaszene und die Küche in Frank Oehlers Speisemeisterei kennen – der Ermittler erlebt in einer Nebenhandlung auch die Proteste gegen Stuttgart 21. Zu diesem Thema hatte Schorlau als Herausgeber im Jahr 2010 bereits das Sachbuch Stuttgart 21. Die Argumente veröffentlicht.

„Am zwölften Tag. Denglers siebter Fall“ Der im Dezember 2013 erschienene Roman erzählt von Denglers Suche nach seinem verschwundenen Sohn Jakob und dessen Freunden. Er thematisiert die Praktiken in der Intensivtierhaltung sowie die Arbeitsbedingungen osteuropäischer Werkvertragsarbeiter.

Denglers Sohn hat sich einer Gruppe radikaler Tierschützer angeschlossen, wobei ein hübsches Mädchen, Aktivistin und Wortführerin des Veganismus, beteiligt ist. Beim Versuch, die unhaltbaren Zustände in einem niedersächsischen Schweine- und Putenmastbetrieb in der Nacht zu filmen, werden sie von einer Rockergang festgesetzt, die von einem Großindustriellen der Tierbranche engagiert wurden, mit renitenten rumänischen Billigarbeitern fertig zu werden und sich zugleich der wachsenden Probleme mit Tierrechtsaktivisten zu entledigen. Dazu wurde die Bauernfamilie geködert, den Hof vorübergehend zu verlassen. Das gesamte Anwesen soll abgebrannt und die Brandstiftung den jungen Aktivisten in die Schuhe geschoben werden, die dabei mit umkommen sollen. Dengler, der von seiner nervigen Exfrau auf die Suche geschickt wird, ist erst skeptisch und kann das Unheil erst in letzter Sekunde abwenden. Hierbei kommt der Bauer zu Tode. Der Großindustrielle wird letztlich festgenommen, nachdem er einen aufsässigen rumänischen Schlachtarbeiter wortwörtlich verwurstet hat.

Im Anhang sind zwei Predigten von Monsignore Peter Kossen (Der Missbrauch der Werkverträge als moderne Sklaverei und Erschreckende Menschenverachtung und mafiöse Strukturen) abgedruckt.

„Die schützende Hand. Denglers achter Fall“