mini|Deutsches Volkstum in aller Welt. Weltkarte mit NS-Propaganda aus dem Jahr 1938 Volkstum bezeichnet eine weltanschaulich, ethnisch oder kulturell begründete Gruppenidentität. Diese Identität wird entweder als Wesen bzw. Eigenart eines Volkes,So z. B. vom Duden, Eintrag Volkstum. einer Volksgruppe oder einer ethnischen Minderheit verstanden, wie sie empirisch wahrnehmbar ist, oder als utopisch-idealisierte Konstruktion in dem Sinne, dass die Zugehörigkeit zum als ethnisch homogen imaginierten Volkstum, unabhängig von allen Brüchen der Geschichte, als kontinuierlich gewachsen definiert wird.Björn Hofmeister: Volkstum. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2018. In diesem Verständnis ist Volkstum, ähnlich wie Volksgeist oder Volkscharakter, ein Geschichtsmythos, durch den sich eine Gruppe gegen andere abgrenzt, diese exkludiert oder abwertet.

Der Begriff wurde von deutschen Nationalisten im Kontext der Freiheitskriege geprägt und war ein Zentralbegriff der völkischen Bewegung und des Nationalsozialismus. In der NS-Zeit wurde er als Rechtfertigung der Volkstumspolitik des Regimes verwendet, mit der die Bevölkerung in den eroberten Gebieten in Ostmittel- und Osteuropa vertrieben oder ermordet wurde.

In der Gegenwart spielt der Begriff staatsrechtlich mit Bezug auf Spätaussiedler eine Rolle, die sich nach dem Bundesvertriebenengesetz zum deutschen Volkstum bekennen müssen.

Herkunft Der als „Turnvater“ bekannte Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) (Deutsches Volksthum, 1810Online-Ausgabe Friedrich Ludwig Jahn: Deutsches Volksthum, 1810. Abgerufen am 7. August 2010.) gilt als Erfinder des Wortes. Er übersetzte damit die ihm als Fremdwort suspekte Bezeichnung Nation und definierte:

Laut dem Kulturwissenschaftler Wolfgang Emmerich schuf Jahn damit einen auf „alles und nichts passenden, ahistorisch-holistisch-organologischen Topos par excellence“. Der Begriff sei eine „irrationale Leerformel“ – in seiner Ankündigung des Buches hatte Jahn 1809 das Volkstum als „ein unnennbares Etwas“ bezeichnet, das sich in jedem Volke finde.Wolfgang Emmerich: Zur Kritik der Volkstumsideologie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1971, S. 47 f. Im Buch verlangte Jahn Bürgerrechte und Rechtsgleichheit für alle Deutschen, eine staatsbürgerliche Erziehung im nationalen Sinne und die Bildung eines deutschen Nationalstaats. Um dieses Ziel zu erreichen, müsse die deutsche Volkstümlichkeit bzw. „Deutschheit“ und der Selbststolz der Deutschen wiedererweckt werden. Gleichzeitig sprach er sich gegen die seines Erachtens verbreitete „Ausländerei“ aus und legte fest: „Haß alles Fremden ist des Deutschen Pflicht“. In durchaus rassistischer Weise polemisierte er gegen „Völkermischung“, da „Blendlingsvölker“ angeblich kein eigenes „volkstümliches Fortleben“ hätten. Vereinzelt finden sich in diesem Zusammenhang auch erste antijüdische Aussagen Jahns. In einem Brief polemisierte er dann gegen ein „neues volkstumsloses, jüdelndes und junkerndes Weltbürgertum“.Werner Bergmann: Jahn, Friedrich Ludwig [Pseudonym: O.C.C. Höpffner]. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart Band 2: Personen De Gruyter Saur, Berlin 2009, ISBN 978-3-598-44159-2, S. 403–406. Ernst Moritz Arndt (1769–1860) und Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) veröffentlichten ähnliche Gedanken. Gegen diese Volkstumsideologie nahm der deutsche Schriftsteller Saul Ascher (1767–1822) 1815 in seiner Germanomanie Stellung. Das Buch wurde 1817 von nationalistischen Burschenschaftern beim Wartburgfest öffentlich verbrannt.Werner Bergmann: Germanomanie. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus. Band 3: Begriffe, Ideologien, Theorien. De Gruyter Saur, Berlin 2008, ISBN 978-3-598-24074-4, S. 108 f. Darüber, dass das deutsche Volkstum noch gar nicht existierte, sondern erst geschaffen werden musste, spottete Heinrich Heine 1843 in Deutschland. Ein Wintermärchen. Er erzählt dort von einem Reisegefährten, der meinte: Der Zollverein […] Wird unser Volkstum begründen, Er wird das zersplitterte Vaterland Zu einem Ganzen verbinden. Er gibt die äußere Einheit uns, Die sogenannt materielle; Die geistige Einheit gibt uns die Zensur, Die wahrhaft ideelle.Zitiert bei Andreas Etges: Von der „vorgestellten“ zur „realen“ Gefühls- und Interessengemeinschaft? Nation und Nationalismus in Deutschland von 1830 bis 1848. In: Jörg Echternkamp, Oliver Müller: Die Politik der Nation. Deutscher Nationalismus in Krieg und Krisen 1760 bis 1960. Oldenbourg, München 2002, ISBN 3-486-56652-0, S. 61–80, hier S. 71.

Bedeutungsentwicklung Der Begriff Volkstum verbreitete sich im Verlauf des 19. Jahrhunderts rasch, wobei mehrere Bedeutungsnuancen auftraten. Laut dem Historiker Hans-Ulrich Wehler war er zunächst sozialromantisch konzipiert; später sei er von den Vorläufern des Nationalsozialismus „als rassisch fundierte Volksgemeinschaft umdefiniert“ worden.Hans-Ulrich Wehler: Radikalnationalismus und Nationalsozialismus. In: Jörg Echternkamp, Oliver Müller: Die Politik der Nation. Deutscher Nationalismus in Krieg und Krisen 1760 bis 1960. Oldenbourg, München 2002, S. 203–218, hier S. 210 f. Die Sprachwissenschaftlerin Cornelia Schmitz-Berning unterscheidet einerseits Volkstum als Nationalität, also als rein äußerliche nationale Zugehörigkeit, andererseits als Bezeichnung der großen Masse des Volkes in ihrer jeweiligen Eigenart und Tradition. Die Mehrdeutigkeit des Wortes führte mitunter zu Kontroversen: Dem schon bei Jahn nachweisbaren Ausschluss der Juden aus dem deutschen Volkstum wurde etwa 1846 in der nationalliberalen Zeitschrift Die Grenzboten explizit widersprochen.Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2007, S. 675.

Auch in anderer Bedeutung wurde das Wort verwendet: Der Kulturhistoriker Wilhelm Heinrich Riehl (1823–1897), der die Volkskunde als empirische Wissenschaft etablierte,Wolfgang Emmerich: Zur Kritik der Volkstumsideologie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1971, S. 56 ff. fasste unter Volkstum regionales Brauchtum und Dialekt zusammen. Die Zeitschrift der Internationalen Arbeiterassoziation Der Vorbote versuchte mit dem Gegensatzpaar Bürgertum und Volkstum die Fremdwörter Bourgeoisie und Proletariat zu ersetzen. In ähnlicher Weise versuchte der Lexikograf Daniel Sanders Volkstum im demokratischen Sinne als Antonym zu Königtum zu etablieren. Verwendungen in diesen Bedeutungen blieben aber selten.Cornelia Schmitz-Berning: Vokabular des Nationalsozialismus. Walter de Gruyter, Berlin/New York 2007, S. 675 f.

Der Begriff ist im deutschen Sprachraum ganz spezifisch konnotiert. Fremdsprachige Entsprechungen wie oder ethnicity treffen seinen Bedeutungsgehalt allenfalls annähernd. Volkstum und die anderen Komposita mit dem Bestimmungswort Volk- unterscheiden sich in ihrer Definition von ihren nächsten fremdsprachlichen Entsprechungen dadurch, dass sie als metaphysische Emanation oder als kulturell bzw. biologische Ganzheit gemeint sind, das dem Individuum mit seinen Rechten übergeordnet ist. Insofern ist Volkstum vorstaatlich: Das deutsche Volkstum deckt sich nie mit dem jeweiligen deutschen Staat.Reinhart Koselleck: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: derselbe, Otto Brunner, Werner Conze (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Band 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, S. 406 f.

Der deutsche Schriftsteller Bertolt Brecht (1898–1956) widmete dem Wort 1938 einen Essay, in dem er vor allen „Tümlichkeiten“ wie Brauchtum, Königtum, Heiligtum und eben auch Volkstum warnte, „die einen ganz besonderen, sakralen, feierlichen und verdächtigen Klang an sich“ hätten, den man nicht überhören dürfe. In „sogenannten poetischen Fassungen“ werde dem Volk „seine unveränderlichen Eigenschaften, seine geheiligten Traditionen, Kunstformen, Sitten und Gebräuche, seine Religiosität, seine Erbfeinde, seine unversiegbare Kraft und so weiter und so weiter“ zugeschrieben, wobei die realen Ausbeutungsverhältnisse innerhalb des Volks verdeckt würden.Bertolt Brecht: Volkstümlichkeit und Realismus, 1938 auf der Website der Universität Graz, zitiert nach Wolfgang Emmerich: Zur Kritik der Volkstumsideologie. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1971 (= edition suhrkamp, Bd. 502), S. 7.

Kaiserreich Im Kaiserreich wurde der Volkstumsbegriff im ethnischen Sinne zugespitzt. Der antisemitische Schriftsteller Julius Langbehn (1851–1907) zum Beispiel sah das deutsche Volkstum zuvörderst im Bauerntum verkörpert, ein Gedanke, den die Nationalsozialisten später zur Blut-und-Boden-Ideologie ausbauten.Reinhart Koselleck: Volk, Nation, Nationalismus, Masse. In: derselbe, Otto Brunner, Werner Conze (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Band 7, Klett-Cotta, Stuttgart 1992, S. 375. In einer antisemitischen Polemik unterstellte der Historiker Heinrich von Treitschke dem Judentum die „zersetzende Kraft eines Volkstums, das die Maske verschiedener Nationalität annimmt“.Werner Conze: Rasse. In: derselbe, Otto Brunner, Reinhart Koselleck (Hrsg.): Geschichtliche Grundbegriffe. Band 5, Klett-Cotta, Stuttgart 1984, ISBN 3-12-903890-6, S. 175. Die völkische Bewegung stellte den Begriff des Volkstums in den Mittelpunkt ihrer Ideologie: Sprache, Rasse, Religion und Raum wurden als „arteigene“ Merkmale eines Volkes konzipiert. Gesellschaft dachte man sich zunehmend biologistisch als homogenen (bzw. zu homogenisierenden), organischen Volkskörper, der im Sinne des Sozialdarwinismus seinen „Lebensraum“ (Friedrich Ratzel, 1844–1904) zu sichern und zu erweitern hätte. Diese Ideen verbanden sich mit Vorstellungen der Geopolitik und des Krieges als angeblich notwendigen Entscheidungskonflikts zwischen rivalisierenden Völkern. Der Ausschluss der Juden aus dem deutschen Volkstum war dabei eine zentrale Forderung der völkischen Bewegung in ihrem Streben nach ethnisch-kultureller Homogenisierung und „Rassereinheit“ der deutschen Gesellschaft.Jörn Retterath: „Was ist das Volk?“ Volks- und Gemeinschaftskonzepte der politischen Mitte in Deutschland 1917–1924. Walter de Gruyter, Berlin/Boston 2016, ISBN 978-3-11-046454-2, S. 58 f.; Björn Hofmeister: Volkstum. In: Online-Lexikon zur Kultur und Geschichte der Deutschen im östlichen Europa, 2018. Im Zentrum dieser Volkstumsideologie sieht Wolfgang Emmerich die „Sehnsucht nach echter Gemeinschaft“, die die kapitalistische Gesellschaft des Kaiserreichs unbefriedigt gelassen habe. „Das Volk“ sei zu einem Wesen hypostasiert worden, das ganzheitlichen, organischen Gesetzen gehorche, also einer sozialen Hoffnung. Das nationalistische Moment sei demgegenüber sekundär gewesen.Wolfgang Emmerich: Zur Kritik der Volkstumsideologie. suhrkamp, Frankfurt am Main 1971, S. 79.

Mit der Novellierung des Staatsbürgerschaftsrechts 1913 wurde das seit 1842 in Preußen geltende Abstammungsprinzip auf das gesamte Deutsche Reich ausgedehnt. Um Auswanderer nicht aus dem deutschen Volkstum zu verlieren, wurde ihnen erlaubt, die deutsche Staatsangehörigkeit beizubehalten. Hierfür hatten sich verschiedene Interessengruppen wie der Alldeutsche Verband starkgemacht. Der Geograph Paul Langhans (1867–1952) hatte 1906 die überhöhte Schätzung vorgelegt, die „Volkszahl der Deutschen“ weltweit läge bei insgesamt 95 Millionen, wovon nur 55,7 Millionen im Reich leben würden.

Weimarer Republik