mini|Das Bild eines Edelmanns aus dem Museum der Accademia Carrara wird heute Altobello Melone (* 1490/91; † spätestens 1543) aus Cremona zugeschrieben. Es galt im 19. Jahrhundert als Porträt Cesare Borgias von Giorgione.Giovanni Lochis: La Pinacoteca e la Villa Lochis alla Crocetta di Mozzo presso Bergamo. Arnaldo Forni Editore, Seconda Editione Bergamo 1858, S. 22 books.google.de.
Cesare Borgia (* 13. September 1475 in Rom oder Subiaco; † 12. März 1507 bei Viana, Navarra), 1. Herzog von Valentinois (als solcher il Valentino genannt) und der Romagna, Fürst von Andria und von Venafro, Graf von Diois, Herr von Piombino, Camerino und Urbino, war ein unehelicher Sohn von Rodrigo Borgia, dem späteren Papst Alexander VI. aus der spanischen Familie Borgia, die ursprünglich aus Borja bei Saragossa stammte und ins Königreich Valencia eingewandert war.
Er galt als hochbegabt, wurde zum Kirchenjuristen ausgebildet, erhielt bereits in früher Jugend kirchliche Pfründen, wurde 1491 Bischof von Pamplona, 1492 Erzbischof von Valencia und 1493 Kardinal – alles ohne jemals zum Priester geweiht worden zu sein. Nachdem sein jüngerer Bruder, der die Dynastie fortsetzen sollte, 1497 ermordet worden war, gab Cesare 1498 seine kirchlichen Ämter auf, kehrte in den weltlichen Stand zurück und heiratete 1499. Er wurde päpstlicher Legat und Feldhauptmann der Kirche. 1500 wurde er als Gonfaloniere zum obersten Befehlshaber der päpstlichen Truppen ernannt.
Als Gegenleistung für Waffenhilfe gegen das Herzogtum Mailand erhob ihn der französische König 1498 zum Herzog von Valentinois. Nach der Eroberung Mailands unterwarf er an der Spitze französischer und päpstlicher Truppen in drei Feldzügen bis 1502 die Städte und Fürstentümer der Romagna, wobei Leonardo da Vinci ihm als Militäringenieur technische Hilfe leistete. Der Papst erklärte die Romagna zu einem erblichen Herzogtum und belehnte damit seinen Sohn. Das Fernziel des Papstes und seines Sohnes bestand darin, aus ganz Mittelitalien einschließlich dem Kirchenstaat ein Königreich der Borgia zu formen. Daher enteignete der Papst innerhalb des Kirchenstaats die mächtigsten Familien des päpstlichen Adels und belehnte seine eigenen Kinder mit ihren Herzogtümern. Die Borgia beherrschten 1503 neben der Romagna auch die Marken, Umbrien und Latium, somit den gesamten Kirchenstaat außer Bologna und dem Herzogtum Ferrara, wo Cesares Schwester Lucrezia Borgia mit dem regierenden Herzog verheiratet war. Nun versuchte Cesare, auch Florenz und die Toskana zu unterwerfen, obgleich diese unter dem Schutz der Franzosen standen, denen Cesare schließlich weichen musste.
Nach dem Tod seines Vaters im August 1503 besetzte er den Vatikan und plünderte dessen Kasse. Er hatte die zwölf spanischen Kardinäle auf seiner Seite, paktierte aber heimlich mit den rivalisierenden Franzosen, um seine Herrschaftsgebiete zu sichern. Vor der Wahl von Papst Julius II. della Rovere, einem alten Rivalen seines Vaters, hatte er diesem die spanischen Stimmen im Konklave verschafft, gegen Zusicherung seiner Position als Oberbefehlshaber sowie seines Herzogtums und der Ländereien der Familie Borgia. Doch entmachtete und verhaftete ihn der neue Papst sogleich; damit riss er nicht nur den Kirchenstaat aus den Klauen Cesares, sondern vergrößerte ihn um die von Cesare eroberte Romagna. Nach gelungener Flucht nach Neapel ließ ihn König Ferdinand II. als Gefangenen nach Spanien bringen, wo er nach erneuter Flucht in das Königreich Navarra auswich, in dem sein Schwager Jean d’Albret regierte. Er kämpfte in dessen Diensten, bis er 1507 während der Belagerung der Festung Viana in einen Hinterhalt geriet und getötet wurde.
Cesare Borgia ist das wohl bekannteste Beispiel für Nepotismus am Heiligen Stuhl. Seine Ziele verfolgte er mit militärischer Gewalt, politischer List und schreckte weder vor Verrat noch vor zahlreichen Morden, auch an engsten Verwandten, zurück. Wenige Jahre nach seinem Tod thematisierte um 1513 Niccolò Machiavelli die skrupellose Herrschaft Borgias in seinem Traktat Der Fürst (Il Principe) als vorbildhaft für die Regierung eines Alleinherrschers, der seine machtpolitischen Ziele mit jedem zu Gebote stehenden Mittel durchsetzt. Der Begriff Machiavellismus hat hier seinen Ursprung.
Herkunft Cesare Borgia wurde als Sohn des Kardinals Rodrigo Borgia und seiner Geliebten Vanozza de’ Cattanei geboren. Das genaue Geburtsdatum Cesares ist nicht bekannt, jedoch verweisen historische Quellen sowohl auf den 15. September 1475 als auch auf einen Apriltag im Jahr 1476.Alois Uhl: Papstkinder. Lebensbilder aus der Zeit der Renaissance. S. 80Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia. tredition, Hamburg 2011, ISBN 978-3-8424-1958-2, S. 23 Vanozzas Herkunft liegt ebenfalls im Dunkeln, ihre Liaison mit dem Kardinal begann wohl 1474. Dieser hatte bereits zuvor drei illegitime Kinder mit anderen Mätressen gezeugt. Wohl noch vor Cesares Geburt verheiratete er Vanozza mit einem Verwaltungsbeamten des Kirchenstaates, Domenico d’Arignano, der sich meist auf Dienstreisen befand. Eine Mätresse mit Kind hätte die weiteren Karriereaussichten des Kardinals behindert, der 1476 zum Kardinaldekan und Vorsteher des Kardinalskollegiums und damit zum aussichtsreichsten Papabile aufstieg.Joachim Brambach: Die Borgia – Faszination einer Renaissance-Familie. S. 93 Offiziell galten die Eheleute d’Arignano daher als Cesares Eltern, wodurch diesem der Makel nichtehelicher Herkunft in seiner Kindheit erspart blieb. Als weitere Kinder folgten 1476 Juan bzw. Giovanni,Er wird in der älteren Literatur durchwegs als Erstgeborener genannt, was aber nicht stimmt. 1480 Lucrezia und 1481 Jofré. Nach dem Tod d'Arignanos verheiratete der Kardinal seine Geliebte um 1481 erneut, und zwar mit Giorgio di Croce, einem apostolischen Sekretär Sixtus’ IV., der ebenfalls oft auf Reisen war. Seit der Wahl Rodrigo Borgias zum Papst 1492 und der kurz danach erfolgten Ernennung des erst 16-jährigen Cesare zum Erzbischof von Valencia war dessen Herkunft als päpstlicher Bastard allgemein bekannt (siehe: Nepotismus am Heiligen Stuhl). Er übernahm damit das fast schon offizielle Amt eines Kardinalnepoten seines Vaters.
Juan sollte nach dem Willen des Vaters der Stammhalter der Familie werden, während Cesare als Kardinal die Macht der Familie in der Kurie absichern und vielleicht sogar eines Tages zum Papst gewählt werden sollte. Nach der Ermordung seines Bruders Juan im Juni 1497, deren Anstiftung Cesare später verdächtigt wurde, fiel ihm die Rolle des Stammhalters zu und er – dem seine Kirchenkarriere immer widerstrebt hatte – trat mit dem Segen des Vaters dankbar in den weltlichen Stand zurück, begann eine Militärkarriere und dachte an eine Heirat.
Rodrigo Borgia entstammte dem valencianischen Geschlecht der Borgia. Dieses war einige Jahrzehnte zuvor nach Italien gekommen und hatte sich mit der Wahl von Rodrigos Onkel Alfonso Borgia zum Papst Kalixt III. neben den ansässigen italienischen Adelsgeschlechtern als Konkurrent um die Papstwürde etabliert. Für viele Italiener waren die Borgia verhasste Emporkömmlinge und wurden häufig diffamierend als Marranen bezeichnet – getaufte, aber ihrem Glauben treugebliebene spanische Juden.Joachim Brambach: Die Borgia – Faszination einer Renaissance-Familie. S. 11.
Obwohl Cesare Borgia in Italien aufwuchs, hatten die spanischen Wurzeln seines Vaters einen starken Einfluss auf ihn. So sprach er etwa mit der Familie spanisch, verwendete stets die spanische Version seines Namens – César –, umgab sich ein Leben lang mit spanischer Dienerschaft und beherrschte zur Verwunderung der Italiener den Stierkampf.Sarah Bradford: Cesare Borgia. His Life and Times. Weidenfeld and Nicolson, London 1976, S. 20 Ein Stierkampf auf dem Petersplatz im Jahr 1500 ist historisch belegt:
Sowohl Juan als auch Cesare werden als überdurchschnittlich groß und athletisch beschrieben. Beide hatten sie eine dunkle Gesichtsfarbe und dunkle Haare, die einen Zug ins Rötliche aufwiesen. Sie galten als gutaussehend, wobei jedoch Cesares Gesicht später durch Flecken und Narben entstellt wurde. Als Grund wird in den meisten Quellen eine Syphiliserkrankung genannt.Joachim Brambach: Die Borgia – Faszination einer Renaissance-Familie. S. 95.
Leben
Frühe Jahre und Ausbildung
Als uneheliches Kind einer verheirateten Frau und eines hohen Geistlichen wurde Cesare Borgias Existenz zwar mit Diskretion behandelt, und es ist dementsprechend wenig über seine Kindheit bekannt, doch wuchs er vom Vater bestens versorgt in Rom wie ein Fürstensohn auf.
Wahrscheinlich lebte er zunächst mit seinen Geschwistern im Haushalt der Mutter in dem nahe beim Vatikan gelegenen Palast an der Piazza Pizzo di Merlo in Rom, eventuell war er später auch wie seine Schwester Lucrezia bei Adriana de Mila untergebracht, einer Tochter von Rodrigo Borgias Cousin Don Pedro de Milà.Joachim Brambach: Die Borgia – Faszination einer Renaissance-Familie. S. 94. Sicher ist, dass er sich einen Haushalt mit seinem Bruder Juan teilte und von spanischen Hauslehrern wie Spaniolo di Maiorca und später Juan Vera de Ercilla eine umfassende, zeitgemäße Ausbildung erhielt. Diese beinhaltete neben Musik, Zeichnen, Arithmetik und euklidischer Geometrie auch das Studium des Französischen, Griechischen und Lateinischen. Er wurde dank intensiven körperlichen Trainings ein außergewöhnlich geschickter Reiter.
Cesare war ein brillanter Schüler und zeigte große Begabung und Wissensdrang. 1488 wurde ihm aufgrund seines Studieneifers ein Lehrbuch (Syllabica) gewidmet, in dem er als die „Zierde und Hoffnung“ des Hauses Borgia gepriesen wurde, die noch zu hohen Würden aufsteigen sollte.Susanne Schüller-Piroli: Die Borgia-Dynastie. S. 39f. An den Haushofmeister seines Vaters, den Humanisten Lorenz Beheim, richtete der vielseitig interessierte Junge zudem einmal einen Fragenkatalog, in dem er ihn unter anderem über Chiffreschriften, Gifte und Festungsbau ausfragte und wissen wollte, ob es möglich sei, ein künstliches Gedächtnis zu schaffen, unter Wasser zu atmen, einen Totenkopf zum Sprechen zu bringen oder ob man Apparate erfinden könne, um von einer Burg zur anderen zu sprechen.Susanne Schüller-Piroli: Die Borgia-Dynastie. S. 41.
Student und Bischof Sein Vater plante schon sehr früh eine Kirchenkarriere für Cesare. Die ersten von vielen kirchlichen Pfründen wurden ihm als Siebenjährigem übertragen – im März 1482 wurde er von Papst Sixtus IV. zum Apostolischen Protonotar der Kirche ernannt, und noch im selben Jahr erhielt er eine Kanonikerstelle in der Kathedrale von Valencia.Ferdinand Gregorovius: Lucrezia Borgia S. 46,