mini|hochkant=1.1|Der vitruvianische Mensch von Leonardo da Vinci (Feder und Tinte auf Papier, um 1490). Der Mann erscheint als normatives Zentrum von Mensch und Wissenschaft. Als Androzentrismus (von , Genitiv , ‚Mann‘, und „Zentrismus“) wird eine Weltbildern, kulturellen und institutionellen Praktiken zugrundeliegende Sichtweise bezeichnet, die den Mann als Zentrum sieht bzw. männliche Lebensmuster und Denksysteme zur Norm erklärt und so unterschiedslose Generalisierungen von „Mann“ zu „Mensch“ trifft,Metzler Lexikon Philosophie, abgerufen am 4. Juli 2024. verbunden mit einem Gender Bias. Andere Geschlechter, vor allem das „Weibliche“, werden dann als Abweichungen und besonders gegenüber dem Allgemein-Menschlichen konstruiert.
Es wird vermutet, dass die Ursache für diese männerzentrierte Sichtweise nicht unbedingt negative Überzeugungen gegenüber Frauen sind, sondern vielmehr gesellschaftliche geteilte kognitive Strukturen, die Männer als typischere Mitglieder der Kategorie „Mensch“ positionieren als Frauen. Androzentrismus wird dennoch mit Hinblick auf seine Auswirkungen als Form des Sexismus angesehen, (auch wenn er sich begrifflich davon trennen lässt) und befindet sich auf demselben Spektrum wie die Misogynie.
Die Beschäftigung mit dem Androzentrismus ist ein zentraler Bestandteil des Feminismus.
Einordnung Studien zufolge weisen Männer häufiger androzentrisches Denken auf als Frauen. Androzentrismus wirkt sich dennoch auf die Denkweise aller Menschen aus. In einer Studie von 2022, in der Menschen Bilder von „illusorischen Gesichtern“ gezeigt wurden, also von Objekten, in denen Menschen Gesichter erkennen, wurden beispielsweise 90 % der Objekt-Gesichter im Mittel von den Teilnehmenden als männlich eingeschätzt.
Der geschichtliche Androzentrismus führte in gewissen Fällen bis zur Infragestellung des Mensch-Seins von Frauen. Da in zahlreichen Ländern gewaltvoll und nicht konsensuell über das Leben und den Körper von Frauen entschieden wird, werfen einige Forschende die Frage auf, ob diese Ansicht heute global gesehen bereits völlig verschwunden sei. Aus feministischer Perspektive liefert Androzentrismus die Grundlage für sexualisierte Gewalt gegen Frauen und das Phänomen der Rape Culture.
Androzentrismus versteht den cisgeschlechtlichen Mann als Norm; dadurch werden nicht nur Frauen, sondern allgemein Personen mit anderen geschlechtlichen Identitäten benachteiligt. Hierarchien vom biologischen und sozialen Geschlecht hängen außerdem mit Hierarchien von Sexualität und Ethnie zusammen. Beispielsweise stellt eine Studie von 2024 Ergebnisse vor, die darauf hinweisen, dass es im Durchschnitt einen Bias hin zu weißen Personen als „Norm-Person“ gibt. Androzentrismus steht daher mit Ethnozentrismus, Heteronormativität und Cisnormativität in einer wechselseitigen Beeinflussung.
Zu beachten ist, dass Androzentrismus oft bestimmte Formen traditioneller Männlichkeit auswählt und davon abweichende Selbstverständnisse oder Verhaltensweisen, auch von Männern, ausblendet oder abwertet. Für Männer, die androzentrische Rollenbilder und Verhaltensmuster (selbst-)kritisch hinterfragen, hat sich der Begriff kritische Männlichkeit etabliert, wobei hier auch die Binnenhierarchie zwischen Männern untersucht wird.
Geschichte des Begriffs Die Bezeichnung Androzentrismus wurde 1911 in dieser Bedeutung erstmals von Charlotte Perkins Gilman in ihrem Buch The Man-Made World – Or, Our Androcentric Culture verwendet und definiert. Laut Perkins Gilman haben männliche Lebensmuster und Denksysteme den Anspruch der Universalität (Allgemeingültigkeit), während weibliche Lebensmuster und Denksysteme als Devianz (Abweichung) gelten.
1949 verarbeitete die Philosophin Simone de Beauvoir das Konzept in ihrem Buch Das andere Geschlecht, ohne jedoch den Begriff zu benutzen. Dabei liegt de Beauvoirs Leistung darin, zu zeigen, dass geschlechtliche Rollenmuster nicht auf biologische, sondern auf soziale Komponenten zurückzuführen sind. Ihrer Meinung nach hat die Erhöhung des Mannes zur allgemeinen Norm einen Diskurs der Abwertung von Frauen hervorgebracht, der jahrtausende lang Bestand hatte. Sie schrieb: „Die Vorstellung der Welt ist, wie die Welt selbst, das Produkt der Männer: Sie beschreiben sie von ihrem Standpunkt aus, den sie mit dem der absoluten Wahrheit gleichsetzen.“
In den 1980ern bildete sich die feministische Wissenschaftstheorie heraus. Diese versuchte nicht wie einige Ansätze zuvor, neue Disziplinen innerhalb der Wissenschaften zu etablieren, in denen sich Forschende ausdrücklich mit Frauen beschäftigten, sondern kritisierte den herkömmlichen Wissenschaftsbetrieb an sich, da dieser dem eigenen Anspruch an Neutralität und Universalität nicht gerecht werde. Es brauche daher eine feministische Wissenschaft, in der sämtliche Disziplinen daran arbeiten, patriarchales Denken aus ihren Methoden und Theorien zu eliminieren. Aus dieser Kritik ging letztlich die feministische Erkenntnistheorie hervor.
Als Versuch eines Korrektivs im Verhältnis zu einer androzentrischen Welt entstand in den 1970er und 80er Jahren der Gynozentrismus, eine Variante des Differenzfeminismus. Nach seiner Argumentation gibt es eine natürliche Differenz zwischen den Geschlechtern, wobei nur die Anerkennung von und Orientierung an weiblichen Eigenschaften und Tugenden die Überwindung des Patriarchats garantiere. Innerhalb der feministischen Forschung wird der Gynozentrismus kaum noch rezipiert. Antifeministische Gruppen wie beispielsweise Men Going Their Own Way argumentieren jedoch auch heute noch, dass heutige Gesellschaften gynozentrisch und gegen Männer gerichtet seien..
Feministische Wissenschaftstheorie mini|300px|Frauenanteil der Studierenden in Deutschland von 1911 bis 2023 mit den Daten von de.statista.com. Frauen wurden in den meisten Ländern ihre Menschenrechte lange in großem Umfang verwehrt. In Deutschland beispielsweise errangen Frauen erst Anfang des 20. Jahrhunderts das ihnen zustehende Wahlrecht, Recht auf Erwerbstätigkeit, Recht auf Bildung und Recht, zu studieren. Seitdem ist der Frauenanteil bei den Studierenden in Deutschland nahezu stetig gestiegen und erreichte im Jahr 2020 erstmals die 50 %. Die feministische Wissenschaftskritik stellt in diesem Kontext einen Androzentrismus im Wissenschaftsbetrieb fest, der sich wie folgt äußere: Durch den späten Zugang zu den Universitäten und zum Wissenschaftsbetrieb ist die weibliche Beteiligung insbesondere an der Grundlagenforschung gering. In den grundlegenden Prinzipien der Wissenschaften (z. B. Psychologie oder Medizin) seien daher überwiegend männliche Sichtweisen und Voreingenommenheiten vertreten. Die zu untersuchenden Problemstellungen seien einseitig ausgewählt und definiert. Dadurch sei Wissenschaft nicht universell, sondern habe einen Bias und ihre Objektivität und Rationalität müsse infrage gestellt werden.Donna Haraway: Situiertes Wissen: Die Wissenschaftsfrage im Feminismus und das Privileg einer partialen Perspektive. Übersetzt von H. Kelle. In: Donna Haraway: Die Neuerfindung der Natur: Primaten, Cyborgs und Frauen. Campus, Frankfurt am Main 1995, ISBN 3-593-35241-9, S. 73–97.
Androzentrismus in den Wissenschaften Medizin In der Medizin lässt sich ein Gender-Data-Gap, meist zu Ungunsten von Frauen nachweisen. Auch bei allgemein transgeschlechtlichen Personen werden Lücken bezüglich des Wissens über ihre Gesundheit beschrieben. Diese Geschlechter-Datenlücke kann zu einer Beeinflussung der Diagnostik führen, sowie zu Fehleinschätzungen bei Medikamentengabe und Dosierung. Ferner können auch Männer durch eine androzentristische (und dadurch von Geschlechterstereotypen geprägte) Humanmedizin benachteiligt sein. Männliche Patienten, die unter Krankheitsbildern leiden, die überwiegend Frauen zugeschrieben werden, wie zum Beispiel Depression oder Osteoporose, werden ebenfalls oft fehldiagnostiziert, da hier die klassischen Symptome an den Symptomen von Frauen festgelegt wurden und Männer oft von diesen abweichen.
Medizinische Forschung wurde in ihren Anfängen nahezu ausschließlich an männlichen Leichen betrieben und so die männliche Anatomie als Standard gesetzt.Imogen Learmonth: In: thred.com. 9. September 2020, abgerufen am 23. Juli 2023 (englisch). Man nahm an, dass sich weibliche und männliche Körper außer der Größe und den reproduktiven Merkmalen nicht unterscheiden. Die Frau wurde als „kleiner Mann“ angesehen und kaum erforscht. Mehrere Forschende kommen zu dem Ergebnis, dass die medizinische Forschung auch heute noch einen Gender Bias aufweist; beispielsweise weil in klinischen Studien überproportional viele Probanden männlich und cisgeschlechtlich ist. Dieselben Erkrankungen können jedoch z. B. bei den biologischen Geschlechtern unterschiedliche Symptome hervorrufen und geschlechterspezifische Therapiemaßnahmen nötig machen. Medikamente können bei Patientinnen andere Nebenwirkungen haben oder sogar ganz anders wirken als bei Patienten. Daher kann eine nicht ausreichende Berücksichtigung biologischer Frauen bei klinischen Studien deren Aussagekraft über die Wirkung und Verträglichkeit beeinflussen. Ein prominentes Beispiel ist der Herzinfarkt, bei dem Frauen oft Symptome wie Oberbauchschmerzen oder Übelkeit aufweisen, Männer eher Schmerzen in der Brust und Schulter. Durch eine Unbekanntheit weiblicher Symptome, wurden bzw. werden Herzinfarkte bei Frauen später oder sogar gar nicht erkannt („Yentl-Syndrom“). Aus diesem Grund weisen Frauen eine deutlich höhere Sterberate bei Herzinfarkten auf als Männer. Zusätzlich wird rückwirkend eine Vernachlässigung der Erforschung von Krankheiten, von denen mehrheitlich Frauen betroffen sind, häufig aufgrund mangelnder Finanzierung beschrieben; beispielsweise bei Lupus oder Endometriose.
Lehrbücher mit Abbildungen über die menschliche Anatomie zeigen etwa zweimal häufiger Männer als Frauen. Erst 2022 wurde in einigen Schulbiologiebüchern erstmals eine detailgetreue Abbildung der Klitoris gezeigt. Dettmer et al. machen einen großen Nachholbedarf bei der geschlechtersensiblen Ausbildung medizinischer Fachkräfte aus. Im Jahr 2016 ergab eine Umfrage des deutschen Ärztinnenbundes, dass an den medizinischen Fakultäten häufig keine ausreichende Gewährleistung dafür besteht, ob und wie geschlechterspezifische Medizin als Lehrstoff vermittelt werden. Laut einem Gutachten von 2020 sei ein Bewusstsein für die Relevanz von geschlechtersensiblen Aspekten angekommen und in den Fächern Kardiologie und klinische Pharmakologie einige wichtige gendermedizinische Aspekte in die Lehre integriert, es bestünden aber noch Defizite. Die Charité in Berlin ist die einzige medizinische Fakultät in Deutschland mit einem Institut für Geschlechterforschung in der Medizin.
Psychologie Einer der wichtigsten Mitbegründer der Psychotherapie war Sigmund Freud, dessen Theorien oft mit dem Mann als Modell und der Frau als Abweichung begannen. Er selbst gab zu, dass Psychoanalysten sich in ihrer Forschung gewohnheitsmäß auf männliche Kinder fokussierten, ohne daraus Konsequenzen zu ziehen. Paul Julius Möbius, von Freud selbst als einen „Vater der Psychotherapie“ bezeichnet, argumentierte in seiner Abhandlung Über den physiologischen Schwachsinn des Weibes, dass Frauen nicht studieren dürfen sollten. Er schrieb:
Die Schriftstellerin Johanna Elberskirchen urteilte in einer Gegenschrift: „Tatsache ist, daß die Gelehrten gegenüber dem Weibe in ihrem Urteil zu sehr Mann und zu wenig oder gar nicht wissenschaftlich urteilender Mensch sind. “Johanna Elberskirchen: Feminismus und Wissenschaft, 1903, S. 4