Pitcairn ist die Hauptinsel der Pitcairninseln () und liegt im Pazifik, etwa 5000 km von Neuseeland und rund 5400 km von Südamerika entfernt. Sie ist die einzige bewohnte Insel des Archipels. Weitere Inseln der Gruppe sind Oeno mit dem dazugehörigen winzigen Sandy Island, Henderson und das Atoll Ducie. In der Kreolsprache, dem Pitcairn-Englisch, heißt sie Pitkern.Peter Mühlhäusler: Pitkern-Norf’k. The Language of Pitcairn Island and Norfolk Island. (Dialects of English Bd. 17). Berlin: de Gruyter Mouton 2020. doi:10.1515/9781501501418 ISBN 978-1-5015-0141-8.

Pitcairn wurde am 2. Juli 1767 von dem Seekadetten Robert Pitcairn, Sohn des Marineoffiziers John Pitcairn, entdeckt und ist seit 1838 britische Kronkolonie bzw. britisches Überseegebiet. Die Pitcairninseln sind die letzte britische Kolonie im Pazifik.

Die Einwohner der Hauptinsel sind überwiegend Nachfahren der Meuterer von der Bounty und ihrer polynesischen Frauen. Hier wurde 1838 das erste nachhaltige Frauenwahlrecht eingeführt.

Geografie mini|links|Bounty Bay, „Hill of Difficulties“ und Adamstown im Morgenlicht mini|Südwestseite der Insel Die 4,5 km² große Insel liegt isoliert im Südpazifik. Die nächstgelegenen bewohnten Inseln sind im Osten die Osterinsel in 2000 km Entfernung und im Westen die Gambierinseln in 500 km Entfernung.

Pitcairn ist der Überrest eines geologisch jungen Schildvulkans, der aus Alkaliolivinbasalt, Hawaiit, Mugearit und Trachyt besteht. Die heutige Insel entstand in mehreren Ausbruchsphasen ungefähr zwischen 0,93 Mio. und 0,45 Mio. Jahren BP. Im Gegensatz zu vielen anderen Inseln des Südpazifiks fehlt der umgebende Korallensaum, sodass eine starke Brandung die ungeschützte Küste erreicht. Der Inselsockel ist schmal und fällt abrupt bis in Tiefen von über 3000 Meter ab. Die steilen Klippen der Insel erheben sich unmittelbar aus dem Meer, eine Küstenebene oder einen Strand gibt es nicht. Darüber befindet sich ein stark profiliertes Plateau mit den besiedelten und kultivierten Flächen. Die höchste Erhebung, Pawala Valley Ridge, liegt 347 Meter über dem Meeresspiegel.

Oxidierte vulkanische Schlacke verursacht die auffallend rote Färbung des Bodens. Die Erde ist fruchtbar und das feucht-subtropische Klima mit ergiebigen Regenfällen begünstigt üppiges Wachstum. Die Niederschlagsmenge ist mit jährlich etwa 1700 mm ungefähr zwei- bis dreimal so hoch wie in Augsburg, Deutschlands regenreichster Stadt. Die monatlichen Niederschläge weisen beträchtliche jahreszeitliche Unterschiede auf. In manchen Sommern kann es zu länger dauernden Trockenperioden kommen. Die Temperaturen liegen je nach Jahreszeit zwischen 13 und 28 °C.

Obwohl es insbesondere im Süden und Westen der Insel eine Reihe schluchtartiger Täler gibt, fehlen ganzjährig fließende Bäche, Flüsse und Seen. Die einzige Süßwasserquelle ist „Brown's Water“, westlich von Adamstown, die jedoch nur zeitweilig Wasser spendet und sich nicht zur Wasserversorgung der Insel eignet.N.N.: Guide to Pitcairn. Government of the Islands of Pitcairn, Henderson, Ducie and Oeno by the South Pacific Office, Suva 1963, S. 19 Für die Trinkwasserversorgung sind die Einwohner auf die Speicherung von Regenwasser angewiesen.

Die einzige Ansiedlung ist das auf dem Hochplateau oberhalb der Bounty Bay gelegene Adamstown, in der sämtliche Einwohner der Insel leben.

Flora und Fauna Flora mini|hochkant|Rest ursprünglicher Vegetation am Garnets Ridge Pitcairns Küstenregion ist geprägt von Steilküsten, sodass die charakteristische Strandvegetation pazifischer Inseln mit Ipomoea pes-caprae, Argusia argentea (syn.: Heliotropium arboreum) und Pemphis acidula nicht vorkommt. Die Uferbereiche am Fuß der Klippen sind wegen beständigen Salznebels nur spärlich bewachsen mit: Portulaca lutea, Asplenium obtusatum, Mariscus javanicus und Hibiscus tiliaceusDieter Mueller-Dombois, Raymond Fosberg: Vegetation of the Tropical Pacific Islands. Springer, New York 1998, ISBN 0-387-98313-9, S. 440

Große Bereiche des Hochplateaus sind von Eingriffen der ursprünglichen polynesischen und der europäischen Siedler geprägt, verbuscht und mit nichtheimischer Flora bedeckt. Weitere Gebiete sind als landwirtschaftliche Kulturflächen angelegt. Ausgedehnte Flächen sind mit dichten, monospezifischen Beständen des Rosenapfels (Syzygium jambos) zugewachsen. Einst als Brennholz eingeführt, hat sich dieser ursprünglich aus Asien stammende, immergrüne Myrtenstrauch, der bis zu 15 Meter hoch werden kann, ausgebreitet und bedroht nun die verbliebene ursprüngliche Flora. Altheimischer Pflanzenwuchs bedeckt mittlerweile weniger als 30 Prozent der Oberfläche, überwiegend Steillagen und abgelegene Täler. Eine Studie des botanischen Institutes des Trinity College in Dublin aus dem Jahr 2002 führt 81 heimische (davon 10 endemische), aber 250 von Menschen eingeführte Pflanzenarten auf. 18 Arten zählen zu den weltweit bedrohten. Die heimische Flora Pitcairns stammt ursprünglich aus Südost-Polynesien, wegen der isolierten Lage und des relativ jungen geologische Alters der Insel ist sie allerdings im Vergleich zu anderen polynesischen Inseln eher unterentwickelt.

Die Reste des heimischen Waldes – den man zu den subtropischen Bergnebelwäldern zählen kann – werden von dem endemischen Baum Homalium taypau dominiert, von den Insulanern Sharkwood Tree genannt, weil sich aus dem Holz Schnitzereien (Haie und Delfine) herstellen lassen. Hier findet sich auch die einzige altheimische Orchidee, die epiphytisch wachsende Taeniophyllum fasciola.Steve Waldren, Jacques Florence, Alex J. Chepstow-Lusty: A comparison of the vegetation communities from the islands of the Pitcairn Group. In: Tim Benton, Tom Spencer (Hrsg.): The Pitcairn Islands – Biogeography, Ecology and Prehistory. Academic Press, San Diego 1995, ISBN 0-12-089345-2, S. 121–144

Die abgelegenen, schattigen Taleinschnitte, vorwiegend im Osten der Insel, beherbergen einen ausgedehnten Bewuchs mit Farnen, dominiert von den in den Tropen verbreiteten Arten Dicanopteris linearis und Nephrolepis hirsutula. Endemisch und inzwischen sehr bedroht ist der nach Hugh Cuming benannte Wurmfarn Ctenitis cumingii. Eine weitere endemische Pflanze ist der zu den Korbblütlern zählende Bodendecker Bidens mathewsii, der überwiegend in den Kliffs der Südostküste wächst.

Im Norden und Osten der Insel sind die verbuschten Flächen von Hibiskus (Hibiscus), dem Schwarzen Baumfarn (Sphaeropteris medullaris, syn. Cyathea medullaris), Metrosideros collina sowie Pandanusbäumen (Pandanus) durchsetzt.

Zu den kultivierten Pflanzen gehören Kokospalme, Ananas, Zitruspflanzen, Banane, Papaya, Melone, Guave (die sich inzwischen ausgewildert hat), Zuckerrohr, Yams, Taro, Süßkartoffel und der Brotfruchtbaum.

Fauna Die ursprüngliche Fauna an Land beschränkt sich auf Insekten, Schnecken und kleine Reptilien. Alle anderen Tiere wurden vom Menschen eingeführt. Eine große Plage ist inzwischen – seit sie ausgewildert ist und nicht mehr kontrolliert als Nahrungstier gehalten wird – die von den ersten polynesischen Siedlern eingeführte Pazifische Ratte (Rattus exulans). Für den Menschen gefährliche Tiere oder Krankheitsüberträger gibt es nicht. Die seit Besiedlung durch die Meuterer auf der Insel gehaltenen Schweine wurden nicht weiter gezüchtet, nachdem Siebenten-Tags-Adventisten, die Schweine für unrein halten, die Inselbewohner missioniert und sich Ende 1890 sämtliche Einwohner zur Taufe entschieden hatten.

Pitcairn verfügt über eine interessante, aber nicht sehr artenreiche Vogelwelt. Der einzige endemische Landvogel auf Pitcairn ist der Pitcairnrohrsänger (Acrocephalus vaughani), der zur Ordnung der Sperlingsvögel (Passeriformes) zählt. In der Roten Liste der IUCN ist er seit 2008 als stark gefährdet (Endangered) eingestuft. Auf Pitcairn und den umgebenden steilen Felsen nisten zahlreiche Seevögel, zumeist sind es mehrere Arten von Seeschwalben, unter anderen: Feenseeschwalbe (Gygis alba), Weißkappennoddi (Anous minutus), Rußseeschwalbe (Onychoprion fuscatus), Brillenseeschwalbe (Onychoprion lunatus), außerdem Maskentölpel (Sula dactylatra) und Rotschwanz-Tropikvogel (Phaethon rubricauda).M. de L. Brooke: The Modern Avifauna of the Pitcairn Islands. In: Tim Benton, Tom Spencer (Hrsg.): The Pitcairn Islands, Biogeography, Ecology and Prehistory. Academic Press, San Diego 1995, ISBN 0-12-089345-2, S. 199–212

Die in der näheren Umgebung Pitcairns in Tiefen bis zu 20 m am häufigsten festgestellten Fische gehören zu den Lippfischen (Labridae), Doktorfischen (Acanthuridae), Riffbarschen (Pomacentridae) und Strahlenflossern (Actinopterygii). Die Inselzeitung „The Pitcairn Miscellany“ listet auf, welche und wie viele Fische die Bewohner gefangen haben. Darunter befinden sich hauptsächlich Haie, Doraden, Barrakudas, Red Snapper, Thunfische und gelegentlich ein Marlin.

Am Schelf gibt es Langusten, vorwiegend der Art Panulirus penicillatus (Antilopenlanguste), die von den Insulanern verzehrt, aber auch an vorbeifahrende Schiffe verkauft werden. Einmal im Jahr, im südlichen Winter, kommen Buckelwale (Megaptera novaeangliae) auf ihrem Zug durch den Pazifik vorbei. Auf dem Schelf, das die gesamte Insel umgibt, wurden 15 Arten von Steinkorallen verzeichnet.

Geschichte

Vorgeschichte Die Vorgeschichte Pitcairns liegt mangels schriftlicher Aufzeichnungen weitgehend im Dunkeln. Die polynesischen Völker haben – mit Ausnahme der Rapanui – keine Schrift entwickelt. Man nimmt heute an, dass Pitcairn zwischen 1000 und 1200 n. Chr. von der nordwestlich gelegenen Insel Mangareva im Rahmen der polynesischen Expansion besiedelt wurde.Guillaume Molle, Aimeric Hermann: Pitcairn before the Mutineers: Revisiting the Isolation of a Polynesian Island. In: Sylvie Largeaud-Ortega: The Bounty from the Beach: Cross-Cultural and Cross-Disciplinary Essays. Australian National University Press, Canberra 2018 (Kapitel 2) Der japanische Archäologe Yosihiko Sinoto datierte eine Holzkohleprobe von einer Produktionsstätte für Steinbeile bei Jim’s Ground (südlich von Adamstown) mit der Radiokarbonmethode auf das Jahr 1335 n. Chr. (± 105 Jahre).Yosihiko Sinoto: An analysis of Polynesian migrations based on the archaeological assessments. In: Journal de la Société des Océanistes, 1983, Jg. 39, Nr. 76, S. 61

In einem tradierten Mythos der Marquesas-Inseln heißt es, Te Agiagi, Sohn von Taratahi, dem mythischen Ahnherrn der Marquesas, habe die Insel kolonisiert und sie mit Brotfruchtbäumen bepflanzt.Honoré Laval: Mangareva. L'Histoire ancienne d'un peuple Polynésien. P. Geuthner, Braine-le-Comte 1938, S. 24 Er gab ihr den Namen Mata-Ki-Te-Ragi, übersetzt: „Anfang des Himmels“. Die Brotfrucht ist die Hauptnahrungspflanze der Marquesas, aus ihr wird Popoi hergestellt, ein fermentierter Brei, der sich lange in Vorratsgruben hält. Mata-Ki-Te-Ragi wird wahlweise mit der Osterinsel oder mit Pitcairn identifiziert, allerdings wachsen auf der Osterinsel klimatisch bedingt keine Brotfruchtbäume.Te Rangi Hīroa (Sir Peter Henry Buck): Vikings of the Sunrise. Whitcombe and Tombs, Christchurch 1964, S. 213

Als die Meuterer der Bounty die Insel betraten, fanden sie nicht nur zahlreiche Brotfruchtbäume vor, es waren auch noch Spuren der ursprünglich polynesischen Einwanderer sichtbar, darunter Zeremonialstätten mit Standbildern. Obwohl weitaus weniger kunstfertig bearbeitet, wiesen sie der Beschreibung nach eine gewisse Ähnlichkeit mit Bauwerken (Ahu) und Statuen (Moai) der Osterinsel und der Marquesas auf. Überreste davon konnte der britische Forscher Frederick William Beechey noch finden, als er im Rahmen einer Südseeexpedition 1826 die Insel Pitcairn besuchte. Er schreibt dazu:

Der belgische Geschäftsmann und Ethnologe Jacques-Antoine Moerenhout, der noch die Gelegenheit hatte, mit John Adams, dem letzten überlebenden Meuterer, zu sprechen, beschreibt offensichtlich die gleiche Zeremonialplattform, allerdings in einem weiter fortgeschrittenen Verfall: