Die Gemeine Fichte (Picea abies), auch Gewöhnliche Fichte, Rotfichte oder Rottanne, früher auch Schwarztanne oder Pechtanne genannt, ist eine Pflanzenart in der Gattung der Fichten (Picea). Der Nadelbaum ist in Europa und bis weit in das kontinentale Asien heimisch und die einzige in Mitteleuropa natürlich vorkommende Vertreterin der Gattung.

Natürlicherweise kommt die Fichte nur in kaltgemäßigten oder hochmontanen Klimaten – vor allem in den nordischen Nadelwäldern Skandinaviens und Russlands oder zum Beispiel im Gebirgsklima der Alpen oder des Hochharzes – vor, da sie ökologisch an solche Standorte angepasst und nur dort konkurrenzstark ist. Das natürliche Vorkommen wird in Deutschland im Bereich von 1000 Höhenmetern angesetzt. Auch außerhalb subalpiner oder borealer Gebiete verjüngt sich die Fichte natürlich, ist an solchen Standorten aber deutlich anfälliger gegen Störungen.

Da sie aufgrund ihrer Holzqualität und des schnellen Wachstums ein forstwirtschaftlich bedeutsamer Baum ist, wurde sie im letzten Jahrhundert großflächig in ganz Deutschland („Preußenbaum“) und in vielen anderen mittel- und osteuropäischen Ländern der kühlgemäßigten Zone außerhalb ihres natürlichen Wuchsgebietes angebaut. Jahrzehntelang war die Fichte die häufigste Baumart Deutschlands nach Waldflächenanteil.

Seit den späten Zehnerjahren zeigen sich steigende Absterberaten der Fichte aufgrund zunehmender Dürren im Rahmen der globalen Erwärmung. Auffällig war das bspw. in den Sommern 2018, 2019 und 2020, die in Deutschland und Europa stark von Hitzewellen und Dürren geprägt waren (siehe etwa Dürre und Hitze in Europa 2018 und Hitzewellen in Europa 2019).siehe Waldschadensbericht 2020, wdr.de Seit spätestens 2022 ist deshalb nicht mehr sie der häufigste Baum Deutschlands, sondern die Kiefer.BWI 2022, abgerufen am 3. August 2026. Ein weiterer Rückgang ihres Bestands wird erwartet. An den meisten Standorten im deutschsprachigen Raum gilt die Fichte aufgrund des Klimawandels allgemein als nicht zukunftsfähig.

Beschreibung mini|hochkant|Picea abies, kegelförmige Krone|alternativtext=|links mini|20 Tage alter Sämling|alternativtext= mini|hochkant|Picea abies, säulenförmige Krone|alternativtext=|links mini|hochkant|Junge Fichte

Gestalt und Wuchs Die gemeine Fichte ist ein aufrecht wachsender immergrüner Baum, der Wuchshöhen bis zu etwa 40 Meter erreichen kann; unter besonderen Bedingungen wurden schon 50 bis maximal 62 Meter gemessen. Damit ist sie neben der Weißtanne (Abies alba) der größte in Europa heimische Baum. Die Gemeine Fichte kann Stammdurchmesser bis über 1,7 Meter erreichen.Mit dieser Tanne wird falsche Werbung gemacht In: 20 Minuten. 7. August, 2020. Der durchschnittliche Zuwachs der gemeinen Fichte beträgt in Deutschland 15 m³ pro Hektar und Jahr.Bundeswaldinventur 3, 2012. Abgerufen am 12. März 2015.

Die Wurzelbildung der gemeinen Fichte ist von der Bodenbelüftung abhängig. Auf schweren Böden, bei Staunässe und hohem Grundwasserspiegel entwickelt sie ein tellerförmiges, flaches und weitreichendes Wurzelsystem, was eine erhöhte Windwurfgefährdung zur Folge hat. Sind die Böden tiefgründig und gut durchlüftet, bildet sich ein oft mehrere Meter tief reichendes und reich verzweigtes Wurzelsystem aus, allerdings ohne Pfahlwurzel.Stinglwagner, Haseder, Erlbeck: Das Kosmos Wald- und Forstlexikon. Kosmos-Verlag, ISBN 978-3-440-10375-3, S. 264 ff.

Die Krone der gemeinen Fichte bildet sich um den gerade wachsenden Stamm kegelförmig aus. Die Zweige sind quirlig angeordnet. Während sie in der oberen Stammhälfte gewöhnlich aufrecht oder gerade ausgerichtet sind, hängen sie in der unteren Stammhälfte meist gebogen nach unten. Letzteres ist besonders gut bei älteren Bäumen zu beobachten. Bäume im Freistand behalten ihre grünen Zweige lange Zeit bis zum Boden und wachsen so als Mantelfichten.

Bei der gemeinen Fichte haben sich auf Grund des großen Verbreitungsgebietes mit unterschiedlichen Standort- und Klimabedingungen Ökotypen entwickelt, die sich in Bezug auf Verzweigung und auch Nadeln unterscheiden. Dabei unterscheiden sich die Verzweigungstypen insbesondere bei den zuerst angelegten Ästen, den Ästen 1. Ordnung sowie den davon abgehenden weiteren Verzweigungen, den Ästen 2. und höherer Ordnung. Bei den sogenannten Plattenfichten gehen die Äste 2. Ordnung horizontal ab. Bei den Kammfichten hängen die Äste 2. und höherer Ordnung dagegen durch. Bis in ein Alter von etwa 20 Jahren weist die gemeine Fichte durchgängig eine plattenartige Verzweigung auf. Erst dann beginnt die Herausbildung dieser beiden Haupttypen der Kronenausformung.Böhlmann, S. 10. Die jeweilige Kronenausformung scheint vor allem von Lichtverhältnissen, Standortgüte und Wasserversorgung beeinflusst. Kammfichten finden sich vor allem auf gut versorgten Standorten, während Plattenfichten auf nährelementarmen Moorstandorten und extremen Höhenlagen dominieren. Plattenfichten können Streulicht und senkrecht einfallendes Licht besser nutzen und stehen deshalb vor allem im Unterstand sowie an Südhängen. Kammfichten, die schräg einfallendes Licht effektiver nutzen, finden sich eher auf Nordhängen sowie im borealen Nadelwald.Böhlmann, S. 11 Die Auflagefläche der Kammfichten ist gering, wovon sie in schneereichen Regionen profitieren. In stark windexponierten Lagen wie in Irland und Schottland findet man dagegen vor allem Plattenfichten, da ihre verkürzten Äste eine bessere Steifigkeit und ihre plattige Anordnung mehr Windschlüpfigkeit bietet. Die durchhängenden Äste der Kammfichte können in solchen Regionen dagegen leichter von starkem Wind abgerissen werden.Böhlmann, S. 12.

Neben den drei grundlegenden Verzweigungstypen Kamm-, Platten- und Bürstenfichte gibt es eine Reihe differenzierter Wuchs- beziehungsweise Kronenformen: Nach dieser Typisierung heißt die Kammfichte auch Hängefichte (var. viminalis, var. pendula), die Plattenfichte heißt Spitzfichte und die Bürstenfichte Pyramidenfichte (var. pyramidata). Subvarietäten sind zum Beispiel Trauerfichte (subvar. inversa) mit schlaff herabhängenden Primärästen, Schlangenfichte (subvar. virgata) mit am Stamm aufgerichteten, dann schlangenartig nach unten gekrümmten Primärästen und Säulenfichte (subvar. columnaris) mit einer zylindrischen Krone, die dicht mit kurzen Ästen versehen ist. Die Säulenform ist ebenfalls typisch für die nördlichen Breiten, in denen die Sonne immer tief am Horizont steht.

mini|hochkant|Rinde der Gemeinen Fichte|alternativtext=|links

Rinde Der Stamm zeigt in tieferen Lagen eine rötlich-braun gefärbte, feinschuppige Rinde, wogegen in Gebirgslagen die rötliche Farbe eher Grautöne annimmt. Die auffällige Rindenfärbung ist offenbar für die irreführende Bezeichnung „Rottanne“ verantwortlich. Die graubraune Borke älterer Bäume ist ein gutes Unterscheidungsmerkmal zur hellgrauen Rinde der Weiß-Tanne. Fichtenborke blättert in unregelmäßigen Schuppen ab, der Stamm der Weiß-Tanne ist wesentlich glatter.

Nadeln mini|Unbehaart, harzlose Knospen. Die Nadeln der Gewöhnlichen Fichte auf einem verholzten Blattkissen, während etwa die Nadeln der Tanne sich dem Zweig anschmiegen.

Die Nadeln stehen ausschließlich an Langtrieben. Sie sind stechend-spitz und im Querschnitt vierkantig, im Schatten etwas abgeflacht. Bei gesunden Bäumen werden die Nadeln 4 bis 7 Jahre alt, im Hochgebirge auch älter. Die Nadeln der Gemeinen Fichte weisen meist eine Länge von ein bis zwei Zentimetern und eine Breite von einem Millimeter auf. Bis auf eine schmale Naht an der Zweigunterseite verteilen sie sich rund um den Zweig. Sie sitzen an braunen Stielen. Beim Nadelabfall verbleibt der mit der Sprossachse verwachsene Blattgrund (Blattkissen) am Zweig. Die Zweige fühlen sich deshalb raspelig und rau an. Dieses ist auch ein Unterscheidungsmerkmal an älteren Zweigen gegenüber der Weiß-Tanne.

Blüten und Zapfen mini|Weiblicher Zapfen – grüne Form Die Gemeine Fichte entwickelt zwischen Mai und Juni, häufig nur im Abstand von drei bis vier Jahren, Blütenknospen und Blüten. In Gebirgslagen erreichen die Bäume gewöhnlich nur alle sieben Jahre die Blüte. Blüht die Fichte in kürzerem Abstand, so kann dies auf Nährstoffmangel, Wasserknappheit oder Kälteperioden hindeuten (sogenannte „Angstblüte“). Die schlanken, einhäusigen Knospen sind hellbraun gefärbt und kegelig geformt. Die einen Zentimeter großen männlichen Blüten stehen einzeln und werden bei älteren Bäumen an den Spitzen der Zweige des Vorjahres ausgebildet. Ihre Farbe geht allmählich von karminrot in gelb über. Die weiblichen Blüten stehen in Zapfen zusammen. Sie befinden sich bei jüngeren Bäumen dicht gedrängt in den oberen Astquirlen, bei älteren Exemplaren verteilen sie sich, kleinen roten, aufrechtstehenden Zapfen ähnelnd, über die gesamte Baumkrone. Die Einzelblüte besteht aus einem flachen Fruchtblatt und einem häutig bleibenden Tragblatt, der Deckschuppe. Das Fruchtblatt verholzt später zu einer festen Samenschuppe. Die Zapfen benötigen ein ganzes Jahr, um zur Samenreife zu gelangen. Die saftig rötlich-grünen Zäpfchen wandeln sich allmählich in die bekannten braunen, nach unten hängenden, trockenen und holzigen Zapfen. Diese weisen eine Länge von etwa 10 bis 15 Zentimetern und eine Breite von 3 bis 4 Zentimetern auf und werden nach der Reife bald als Ganzes abgeworfen. Die fettreichen Samen sind geflügelt. Bei den gemeinhin bekannten „Tannenzapfen“, die am Waldboden zu finden sind, handelt es sich um Fichtenzapfen, denn Tannen werfen ihre Zapfen nicht als Ganzes ab.

Chromosomenzahl Die Chromosomenzahl beträgt 2n = 24.

Vorkommen Verbreitung mini|Verbreitungskarten der Gemeinen FichteFarjon, A. 2017. Picea abies. The IUCN Red List of Threatened Species 2017: e.T42318A71233492. . Die Heimat der Gemeinen Fichte erstreckt sich über fast ganz Europa mit Ausnahme der Britischen Inseln und der Iberischen Halbinsel bis weit in das kontinentale Asien. Sie kommt vor allem in Nord-, Ost- und Mitteleuropa vor. Sie ist im Süden von den Alpen bis auf den Balkan verbreitet, kommt in einigen Mittelgebirgen und den Karpaten vor, und weiter nach Osten und Norden in Polen, Belarus, dem Baltikum und bestandsbildend in Russland sowie ganz Skandinavien. Sie zieht feuchtes und kühles Klima vor und ist daher in dem südlichen Bereich ihres Verbreitungsgebiets ein Gebirgsbaum, der zwischen 950 Meter im Harz und 2200 Meter im Wallis wächst,Böhlmann, S. 8 bis zu 2450 Meter auch im Ortlergebiet (Südtirol) als 80 cm hohes Gehölz.Hecker, S. 45 In den Allgäuer Alpen steigt sie im Tiroler Teil auf der Ellbogner Spitze bis zu 2460 Metern Meereshöhe auf.

Nur aufgrund anthropogener Anpflanzungen kommt sie in tieferen Lagen vor, in Wirtschaftswäldern oder als Zierbaum. Als Nutzbaum der Forstwirtschaft findet die Gemeine Fichte heute unter anderem in Nordamerika Verwendung.

Zwischen dem Ural und Finnland findet eine Hybridisierung mit der Sibirischen Fichte (Picea obovata) statt. Manchmal wird jene als Unterart der Gemeinen Fichte angesehen; die entstehenden Hybride werden als Picea × fennica (Regel) Kom. bezeichnet.

mini|Fichte – vom Brotbaum zum Notbaum