mini|Cem Özdemir (2020) klasse=notpageimage|rahmenlos|hochkant|zentriert|Unterschrift von Cem Özdemir, 2023 Cem Özdemir (; * 21. Dezember 1965 in Urach) ist ein deutscher Politiker (Bündnis 90/Die Grünen). Er ist seit Mai 2026 Ministerpräsident des Landes Baden-Württemberg.
Zuvor war er von Dezember 2021 bis Mai 2025 Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft. Von November 2024 bis Mai 2025 war er zusätzlich Bundesminister für Bildung und Forschung. Özdemir war der erste deutsche Bundesminister und ist der erste Ministerpräsident eines deutschen Bundeslandes mit türkischen Vorfahren.
Von November 2008 bis Januar 2018 war er einer von zwei Bundesvorsitzenden seiner Partei. Bei der Bundestagswahl 1994 zog er erstmals in den Bundestag ein und war damit zusammen mit der Sozialdemokratin Leyla Onur einer der ersten beiden Bundestagsabgeordneten mit türkischer Abstammung. Von 2004 bis 2009 war Özdemir Mitglied des Europäischen Parlaments und ab 2013 erneut Mitglied des Deutschen Bundestages, bei der Bundestagswahl 2017 traten Özdemir und Katrin Göring-Eckardt gemeinsam als Spitzenkandidaten der Grünen an.
Bei der Bundestagswahl 2021 errang er für die Grünen erstmals das Direktmandat im Wahlkreis Stuttgart I mit 40,0 % der Stimmen und erreichte damit das beste Erststimmenergebnis unter den Abgeordneten seiner Partei. Er nahm nach der Wahl an den Koalitionsverhandlungen zwischen SPD, Grünen und FDP teil.
Bei der Bundestagswahl 2025 verzichtete Özdemir auf eine erneute Kandidatur, um stattdessen bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg 2026 als Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten anzutreten. Die Wahl gewannen Özdemir und seine Partei schließlich knapp; er selbst erzielte mit seinen persönlichen Erststimmen im Landtagswahlkreis Stuttgart II das beste Ergebnis aller Politiker Baden-Württembergs. Er wurde schließlich zum Ministerpräsidenten gewählt und steht dem Kabinett Özdemir, einer grün-schwarzen Koalition mit der CDU, vor.
Leben Privates, Ausbildung und Beruf Özdemirs Vater Abdullah (verstorben 2015) stammte aus der Kleinstadt PazarRobert Klages: Türkische Stadt entzieht Özdemir die Ehrenbürgerschaft. In: tagesspiegel.de, 10. Juni 2016. in der türkischen Provinz Tokat und war Angehöriger der tscherkessischen Minderheit.Ralph Bollmann, Rainer Hank: Cem Özdemir. „Die ersten Kopftücher sah ich in Schwaben“. In: FAZ.net, 25. Juli 2011. Er wanderte im Jahr 1963 als Gastarbeiter nach Deutschland aus und arbeitete in einer Textilfabrik im Schwarzwald, später bei einem Hersteller von Feuerlöschern. Die Mutter, die 1964 nach Deutschland gekommen war, betrieb eine eigene Änderungsschneiderei.Cem Özdemir: „Ich war ein Gastarbeiter-Kind“. In: Der Spiegel, 28. Juni 2010. Sie starb im August 2021 im Alter von 88 Jahren.
Özdemir wuchs als Einzelkind auf und absolvierte nach der Mittleren Reife an der Realschule in UrachHannelore Crolly, Andrea Seibel: „Europa macht Spaß“. Die Europa-Abgeordneten Cem Özdemir und Alexander Graf Lambsdorff über ihre Erfahrungen und Erfolgserlebnisse in Brüssel. In: Die Welt, 24. März 2007. bis 1987 in Reutlingen eine Ausbildung zum Erzieher. Anschließend erwarb er die Fachhochschulreife an der Fachoberschule in Nürtingen und absolvierte ein Studium der Sozialpädagogik an der staatlich anerkannten Evangelischen Fachhochschule für Sozialwesen Reutlingen (heute Evangelische Hochschule Ludwigsburg). Sein Studium schloss er 1994 als Diplom-Sozialpädagoge (FH) ab. Studienbegleitend war Özdemir ab 1987 als Erzieher in einem Jugendzentrum in Reutlingen und als freier Journalist für den Reutlinger General-Anzeiger und ein Lokalradio tätig.Alexandra Werdes: Risikonatur. In: Die Zeit, 18. Oktober 2001. Als Jugendlicher spielte er als Handball-Torwart beim TSV Urach.Cem Özdemir soll Grünen die Macht sichern, Hitradio Antenne 1, abgerufen am 27. Mai 2025
Özdemir bezeichnete sich als „anatolischen Schwaben“Rüdiger Soldt, Spitzenkandidat Özdemir: Der anatolische Schwabe, faz.net vom 18. Januar 2017. und im Jahr 2008 in einem in englischer Sprache geführten Interview als „säkularen Muslim“.A Turk at the Top. In: Spiegel online, 15. Oktober 2008 (englisch). Er ist seit seiner Jugend Vegetarier. Vegetarierbund Deutschland, abgerufen am 29. August 2013. Der Fan des VfB Stuttgart ist Mitglied des 2015 gegründeten VfB-Fanclubs für Mitglieder des Bundestags.
Der Politiker heiratete 2003 die aus Argentinien stammende Journalistin Pia María Castro, mit der er eine Tochter und einen Sohn (* 2009) hat. Im November 2023 gab das Paar bekannt, seit längerem getrennt zu leben. Seit 2024 ist Özdemir mit der kanadischen, auf Umwelt- und Menschenrechtsfragen spezialisierten Juristin Flavia Zaka liiert. Sie heirateten am 14. Februar 2026 in Tübingen. Standesbeamter bei der Trauung war der mit Özdemir befreundete Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer.
Parteilaufbahn mini|hochkant|Cem Özdemir (2010) mini|hochkant|Die Parteivorsitzenden Cem Özdemir und Claudia Roth (2012)
1981 wurde Özdemir Mitglied der Grünen. Er hat seine politische Heimat im Grünen-Kreisverband Ludwigsburg.Aus dem Album von … Cem Özdemir: Der „Spätzles-Türke“ blickt zurück. Im selben Jahr beantragte er die deutsche Staatsangehörigkeit, die er nach dem Erreichen der Volljährigkeit im Alter von 18 Jahren erhielt. Von 1989 bis 1994 war er im Grünen-Landesvorstand von Baden-Württemberg. Sein politisches Hauptthema fand er in der eigenen Biografie: „Migranten in Deutschland“. 1992 zählte er zu den Mitbegründern von Immi-Grün – Bündnis der neuen InländerInnen. Annette Treibel weist darauf hin, dass sich Cem Özdemir von den Multikulturalisten, die besonders stark auf nationalen und ethnischen Kategorien beharrten, distanziert habe, und zitiert in dem Zusammenhang aus Özdemirs Biografie Ich bin Inländer:
Am 2. Juni 2008 kündigte Özdemir seine Kandidatur für den Bundesvorsitz seiner Partei als Nachfolger von Reinhard Bütikofer an.vgl. Özdemir kündigt Kandidatur als Parteichef an. In: Spiegel Online, abgerufen am 2. Juni 2008. Gegenkandidat Özdemirs für die im November angesetzte Wahl war Volker Ratzmann, Grünen-Fraktionschef im Abgeordnetenhaus von Berlin,vgl. Volker Ratzmann kandidiert für Grünen-Vorsitz. In: welt.de, 15. Juni 2008, abgerufen am 15. Juni 2008. der jedoch nach eigenen Angaben aus privaten Gründen seine Kandidatur am 4. September 2008 aufgab.
Vor der Wahl zum Bundesvorsitzenden bewarb sich Özdemir auf dem Landesparteitag der Grünen Baden-Württemberg um einen sicheren Listenplatz für die Bundestagswahl 2009, scheiterte allerdings in zwei Kampfkandidaturen gegen parteiinterne Gegenkandidaten und verpasste den Einzug in den Bundestag (siehe Abschnitt unten). Trotz der Niederlage bei der Vergabe der Listenplätze für die Bundestagswahl hielt Özdemir an seiner Kandidatur für den Parteivorsitz fest. Am 15. November 2008 wurde Özdemir mit 79,2 Prozent der Delegiertenstimmen als einer von zwei Bundesvorsitzenden der Partei gewähltÖzdemir und Roth neue Doppelspitze der Grünen. In: Die Welt, 15. November 2008. (Mitvorsitzende Claudia Roth). 2010 wurde Özdemir mit 88,5 Prozent in diesem Amt bestätigt, 2012 mit 83,29 ProzentRoth und Özdemir bleiben Parteivorsitzende. In: Der Tagesspiegel, 17. November 2012. Abgerufen am 18. November 2012. und 2013 mit 71,4 Prozent. In: gruene.de, 19. Oktober 2013. Abgerufen am 20. Oktober 2013.
Anfang Januar 2018 teilte Özdemir mit, nicht erneut für den Parteivorsitz zu kandidieren und auch nicht für den Vorsitz der Bundestagsfraktion.Rainer Hank: Grünen-Chef Özdemir kandidiert nicht für Fraktionsvorsitz. In: FAZ.net, 6. Januar 2018, abgerufen am 7. Januar 2018.
Abgeordnetentätigkeit Bundestag (1994 bis 2002) mini|hochkant|Cem Özdemir im Deutschen Bundestag (2019)
Bei der Bundestagswahl 1994 sowie erneut bei der Bundestagswahl 1998 wurde Özdemir über die Landesliste Baden-Württemberg in den Deutschen Bundestag gewählt. 1994 wollte er ursprünglich zusätzlich im Bundestagswahlkreis Tübingen kandidieren, unterlag jedoch bei der innerparteilichen Abstimmung um die Wahlkreiskandidatur Walter Schwenninger. Als Mitglied des Deutschen Bundestages war Özdemir ab 1998 innenpolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen. Dieses Amt legte er am 26. Juli 2002 nieder, nachdem die Annahme eines Privatkredites über 80.000 DM vom PR-Berater Moritz Hunzinger im Jahr 1999 und die private Verwendung dienstlich erworbener Bonus-Meilen bekannt geworden waren. Özdemir bedauerte die Annahme des Kredits, der der Begleichung einer Steuerschuld gedient hatte, öffentlich und zahlte den Betrag umgehend zurück. Da der damalige Zinssatz von 5,5 Prozent unter den üblichen Marktkonditionen lag, spendete er die Differenz von 5200 Euro an ein Zentrum für Folteropfer.Der Skandal um die PR-Honorare. In: Manager-Magazin, 22. Juli 2002.Marvin Oppong (Hrsg.): Migranten in der deutschen Politik, VS Verlag für Sozialwissenschaften 2011, ISBN 978-3-531-17057-2, S. 68.Özdemirs Miles-and-Moritz-Affäre In: Der Spiegel, 26. Juni 2002. Özdemir trat in der Folge als innenpolitischer Sprecher seiner Bundestagsfraktion zurück und erklärte den Verzicht auf ein Mandat im nächsten Bundestag. Die Kandidatur für die Bundestagswahl 2002 konnte er wegen einer bereits erteilten Zustimmung nicht mehr zurückziehen, nach seiner Wiederwahl nahm er das Bundestagsmandat jedoch nicht an.
Europäisches Parlament (2004 bis 2009) Bei der Europawahl 2004 wurde Özdemir in das Europäische Parlament gewählt. Als Mitglied des Europäischen Parlaments gehörte er der Fraktion Die Grünen/EFA an. Er war Mitglied des Ausschusses für auswärtige Angelegenheiten und außenpolitischer Sprecher seiner Fraktion. Zudem war er stellvertretender Vorsitzender des nichtständigen Ausschusses zur behaupteten Nutzung europäischer Staaten durch die CIA für die Beförderung und das rechtswidrige Festhalten von Gefangenen (CIA-Ausschuss) sowie Mitglied der hochrangigen Kontaktgruppe Nordzypern, der interparlamentarischen Delegation EU-Türkei und der Anti-Racism and Diversity Intergroup. Als Europaabgeordneter setzte er sich unter anderem für den Eintritt der Türkei in die EU ein.EU-Beitritt der Türkei – Grünen-Chef Cem Özdemir: „CSU unsäglich“. In: abendblatt.de.
Als Europaabgeordneter übernahm Özdemir 2007 die Schirmherrschaft über den Christopher Street Day Stuttgart.
Zur Europawahl 2009 trat Özdemir nicht wieder an.
Erfolglose Kandidatur für den Bundestag (2009) Für die Bundestagswahl 2009 bewarb sich Özdemir auf dem Landesparteitag der Grünen Baden-Württemberg um einen sicheren Listenplatz. Er unterlag dabei jedoch in zwei Kampfkandidaturen seinen parteiinternen Gegenkandidaten.Ferda Ataman: Özdemir gescheitert: Grüne demütigen designierten Vorsitzenden. In: Spiegel Online, 12. Oktober 2008. Ohne sicheren Listenplatz gelang ihm der Einzug in den 17. Deutschen Bundestag nicht: Bei seiner Bewerbung um ein Direktmandat im Wahlkreis Stuttgart I holte er 29,9 % der Erststimmen und verlor gegen den Gegenkandidaten Stefan Kaufmann (CDU), der 34,4 % erreichte. Trotz der Niederlage bei der Vergabe der Listenplätze für die Bundestagswahl hielt Özdemir an seiner parallel erklärten Kandidatur für den Parteivorsitz fest (siehe obiger Abschnitt).Trotz Demütigung: Özdemir kandidiert für Grünen-Vorsitz. In: Spiegel Online, 13. Oktober 2008.
Bundestag (2013–2025) und Spitzenkandidatur (2017) mini|Cem Özdemir auf dem Schlossplatz in Stuttgart beim Wahlkampfhöhepunkt zur Bundestagswahl 2017
Auf der Landesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen am 1. Dezember 2012 wurde Cem Özdemir auf den zweiten Platz der Landesliste Baden-Württemberg für die Bundestagswahl 2013 gewählt. Özdemir trat außerdem zum zweiten Mal im Bundestagswahlkreis Stuttgart I zur Wahl für das Direktmandat an; er zog über die Landesliste ins Parlament ein.