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Die Ortenburg, obersorbisch nur Hród (Burg) in Bautzen liegt etwa 20 Meter hoch auf einem Felssporn über dem östlichen Ufer der Spree. Als „castrum Orthenburg in Budissin“ wurde sie erstmals 1405 erwähnt.Alfred Meiche: Der Name Ortenburg. In: Neues Lausitzisches Magazin [Görlitz], 89 (1913), S. 117–124. Den Namen leitet die Forschung aus der wörtlichen Verbindung mit dem mittelalterlichen Begriff „ort“ oder „ert“ für eine vorgeschobene Lage im Gelände ab.Heinz Schuster-Šewc: Bautzen/Budyšin und seine Ortenburg in Bautzen. Eine kurze Namensgeschichte. In: Von Budissin nach Bautzen. Beiträge zur Geschichte der Stadt Bautzen, Bautzen 2002, S. 26–29. Strategische Bedeutung erhielt sie von den nahen Flussübergängen, die dort, besonders günstig zwischen den südlichen bewaldeten Bergrücken und den nördlichen oft sumpfigen Heidelandschaften gelegen, wichtige Verkehrswege in west-östlicher Richtung bündelten.Rochus Schrammek: Verkehrs- und Baugeschichte der Stadt Bautzen, Bautzen 1984, 240 S.
Erste Aufschüttungen und Wälle werden schon für die Bronzezeit und Eisenzeit vermutet, doch ist über Gestalt und Rolle einer Burganlage in vorgeschichtlicher Zeit bisher nichts Verlässliches bekannt. Das gilt auch für die angenommene Stammesburg der Milzener. Diesem altsorbischen Stamm im Zentrum der heutigen Oberlausitz wurden um 850 dreißig Burgen zugeordnet. Dennoch wurde keine, wie sonst üblich, speziell erwähnt, als Heinrich I. (919–936), der Chronik des Thietmar von Merseburg (975/76–1018) zufolge, die Milzener „von [Meißen] aus“ in die Tributpflicht zwang, deren Siedlungsgebiet an der oberen Spree in Besitz nahm und es in das Ostfränkische Reich einbezog.Geschichte der Sorben, I (Von den Anfängen bis 1789), Bautzen 1977, S. 73.
Aus Chroniken ist zu entnehmen, dass schon unter Heinrich I. mit dem Bau einer Ringmauer begonnen worden sein soll, der unter seinem Sohn und Nachfolger Otto I. (936–973), der die Mark Meißen und das Bistum Meißen gründete, beendet wurde. Tatsächlich erhielten erst mit den machtpolitischen Ansprüchen polnischer und böhmischer Herzöge, deren Herrschaftsgebiete östlich von „Milzane“ lagen, gesicherte Verbindungswege durch die Oberlausitz nach 970 zunehmend reichspolitische Bedeutung. Die Burganlage wurde unter den Markgrafen von Meißen bis zum Ende des Jahrhunderts ausgebaut und galt um 1000 als politischer Mittelpunkt der „terra milsca“, des zum Grenzgau erhobenen Milzener Landes. Rechtlich gehörte die Ortenburg seither dem jeweiligen Landesherrn.
Vom 12. bis zum 17. Jahrhundert war die Ortenburg Sitz der Landvögte der Oberlausitz, die als Stellvertreter des Landesherren das Markgraftum Oberlausitz regierten. Dieses gehörte zu den Ländern der böhmischen Krone, bis es 1635 an Kursachsen überging. Vom Ende des 17. bis ins 19. Jahrhundert hatte das Kursächsische Oberamt in der Burg seinen Sitz. Heute ist die Ortenburg Sitz des Sächsischen Oberverwaltungsgerichtes.
Markantestes Gebäude des Burgkomplexes ist der spätgotische Matthiasturm. Vor den Toren der Festung schloss sich in östlicher Richtung das Burglehn an. In dieser Siedlung wohnten ursprünglich die Adligen, die der Burgbesatzung angehörten. Das Burglehen lag außerhalb des Bautzener Stadtrechts. Die dortigen Häuser oder Grundstücke wurden vom Landesherren als Lehen vergeben.
Burggeschichte
Der auf drei Seiten von der Spree umflossene Felssporn, auf dem sich die Ortenburg befindet, war aufgrund dieser Lage bereits in der Bronzezeit besiedelt. Der erste Wall wurde während der Eisenzeit aufgeschüttet. Nach der Eroberung des slawischen Territoriums der Milzener durch König Heinrich I. wurde im Bogen der Spree eine Landesburg für den neuen Gau gegründet. Unter Heinrich I. wurde mit dem Bau einer Ringmauer begonnen, der unter seinem Sohn Otto I. beendet wurde. Neben der Ringmauer ließ Otto I. auf dem steilen rechten Spreeufer die Ortenburg errichten.
Im Bereich dieser ersten Ortenburg stand als vermutlich älteste christliche Einrichtung der Oberlausitz eine Marienkapelle,Siehe Frühe Kirchen in Sachsen, Veröffentlichungen des Landesamtes für Archäologie, Band 23, Kommissionsverlag/Konrad Theiss Verlag Stuttgart, 1994, ISBN 3-8062-1094-2, Seite 26ff. vermutlich in Gestalt einer Rotunde, deren Rektorat dem Bistum Halberstadt zustand. Vermutungen zufolge beruhte dieser merkwürdige Umstand auf einer Verwandtschaft der Gattin des Milzenerfürsten Dobromir mit dem Halberstädter Bischof Bernhard von Hadmersleben (923–968).Siehe Herbert Ludat: An Elbe und Oder um das Jahr 1000. Skizzen zur Politik des Ottonenreiches und der slavischen Mächte in Mitteleuropa. Köln 1971, ISBN 3-412-07271-0. Erst im Jahr 1327 verzichtete Johannes, „rector capelle sancte Marie in castro BudissinensiX“, auf seine Rechte an der Kapelle, deren Patronat drei Wochen vorher Albert von Nostitz an die Bautzener Stiftskirche übergeben hatte. Nostitz hatte das Patronat vom König von Böhmen als Lehen erhalten, vermutlich aufgrund des Amtes als Burggraf auf der Ortenburg, welches seine Vorfahren, die Edelfreien von Kittlitz innehatten. Die Entwicklung der Marienkapelle war offenbar völlig unabhängig von der späteren Burgkapelle St. Georg; schließlich wird die Kapelle nach späteren Kriegseinwirkungen aufgegeben worden sein. Die Erinnerung an die Kapelle, die wegen ihrer Form auch „Judentempel“ oder „Götzentempel“ genannt wurde,Walter Frenzel: Die Marienkapelle in der Burg Budissin. In: Bautzener Geschichtshefte 4, 1926, S. 76ff. lebt in der Sage von der „Bautzener Venus“ weiter,Johann Georg Theodor Grässe: Der Sagenschatz des Königreichs Sachsen, 1855, Nr. 634 „Die Venus in Budessin.“, S. 473; 2. Auflage 1874, 2. Band, S. 143 (Digitalisat auf Wikisource). welche aus dem christlichen Gotteshaus eine Kultstätte für eine (erfundene) heidnische Göttin machte. Aller Wahrscheinlichkeit entstand die Sage im Zuge der Reformation.
Nach jahrelangen Streitigkeiten um den Besitz der Oberlausitz wurde dort 1018 der Frieden von Bautzen zwischen dem Heiligen Römischen Reich und Polen geschlossen. 1158 fiel die Oberlausitz als Lehen an Böhmen. Das „Castrum Budissin“ (die Bautzener Burg) wurde als ihr Verwaltungszentrum angesehen.
Die erste namentliche Erwähnung der Ortenburg stammt aus dem Jahr 1405.
Vom Ende des 13. bis zum ausgehenden 17. Jahrhundert war die Burg Sitz des Landvogts. 1326 wurde mit „Johannes de Boudissin“ erstmals das auf der Burg Dienst tuende Ministerialengeschlecht von Baudissin erwähnt.Urkunde vom 10. März 1326 im Sächsischen Hauptstaatsarchiv Vom Ende des 17. bis ins 19. Jahrhundert beherbergte sie die Oberamtsregierung der Oberlausitz, heute ist dort das Sächsische Oberverwaltungsgericht. Auch das Sorbische Museum ist in einem Gebäude der Ortenburg untergebracht.
Der zweite Hoftaschenspieler am kursächsischen und polnischen Hof zur augusteischen Zeit, Baron Gottfried Schmiedel, war 1754 als Adjunktus (Stellvertreter) des erstmals 1708 eingesetzten Bettmeisters der Burg und von 1755 bis zu seinem Tod im Juli 1756 als „Schloß-Inspector“ ernannt worden. Von ihm stammt ein Gedicht aus dem Jahr 1754 über die Ortenburg, welches auch die Geschichte der Oberlausitz bis 1635 nachzeichnet.Johann Gottfried Graf (= Baron Gottfried Schmiedel): Des Königl. Pohln. und Churfürstl. Sächs. in dem Markgrafthum Ober-Laußitz gelegenen Schlosses Orttenburg zu Budißin. Dessen Ursprung, Erbauung, und wie beyde Marggrafthümer […] an das […] Hauß Sachsen gekommen, Aus verschiedenen alten Nachrichten […] zusammen getragen durch Johann Gottfried Graff, de Schmiedel, Königl. Pohln. und Churfürstl. Sächß. bestallten Ober-Jagd-Commissarium und Schloß-Inspector des Schlosses Orttenburg zu Budißin. Meyer, Cottenberg 1754 (Digitalisat).
Bau Hauptgebäude
mini|Ansicht um 1857 Über die frühe Gestalt der Ortenburg ist nichts Verlässliches bekannt. Zudem hatten die Belagerung Bautzens durch die Hussiten 1429 und 1431 und wiederkehrende Brände der ursprünglichen Burganlage so schwere Schäden zugefügt, dass sie als Verwaltungszentrum, an dem sowohl die Landstände wie auch der Landesherr interessiert waren, kaum mehr funktionierte. Deshalb ließ der ungarische König Matthias Corvinus (1443–1490), der sich 1479 erneut die böhmischen Kronländer, darunter die heutige Oberlausitz, gesichert hatte, durch seinen Landvogt Georg von Stein (vor 1430–1497) die verfallenen älteren Baulichkeiten weitestgehend abreißen und zwischen 1483 und 1486 ein dreiflügeliges Hauptgebäude mit Torturm, dem Matthiasturm, von Grund auf neu erbauen; die spätgotische Bauweise ist hier noch bestens erkennbar. Erst aus kursächsischer Zeit sind Planungen überliefert, das schmucklose Hauptgebäude als regionale Residenz auszubauen. Umgesetzt wurden davon lediglich bis 1662 der sogenannte Stucksaal und 1698 die großen markanten Renaissancegiebel nach Plänen von Martin Pötzsch. Anspruchsvollen Wohnzwecken diente das Gebäude aber letztlich nie. Zwischen 1832 und 1932 hatte hier der Kreishauptmann als oberste Regierungsbehörde für die sächsische Oberlausitz seinen Sitz. Und im April/Mai 1945 zog sich sogar noch der örtliche Kommandant der deutschen Wehrmacht vor der anrückenden Roten Armee in die Burg zurück. Zuletzt nutzten neben den Büros verschiedener Firmen auch zwei Archive die Räumlichkeiten. Angesichts seiner historischen Bedeutung wurde eine Rekonstruktion des nach 1945 baulich etwas vernachlässigten Gebäudes in den 1990er Jahren begonnen und 2002 mit der feierlichen Übergabe an das Sächsische Oberverwaltungsgericht abgeschlossen.
Die Stuckdecke im gleichzeitig erneuerten Stuck- oder Audienzsaal gilt heute als einmalig in der „sächsischen Kulturlandschaft“. Der Gedanke, im ersten Obergeschoss ein Kammergemach als repräsentativen Raum einzurichten, kam wohl im Frühjahr 1657, als der sächsische Kurfürst Johann Georg II. (1613–1680, Kurfürst seit 1656) anlässlich seiner Huldigung als Markgraf der Oberlausitz mit großem Gefolge in Bautzen weilte. Das finanziell recht anspruchsvolle Vorhaben setzte schließlich der seinerzeitige Landvogt, der Standesherr auf Muskau Curt Reinicke von Callenberg (1607–1672), wohl auf eigene Kosten durch die italienischen Stuckateure Giovanni Cometa und Giulio Vanetti um. In neun Szenarien wird ein landesherrlicher Anspruch des Hauses Wettin auf die Oberlausitz abgeleitet, der mit Karl dem Großen beginnt und den auch die zwischenzeitliche Bindung an die Krone Böhmen nicht aufgehoben hätte.
Die Idee für das Bildprogramm wird dem historisierenden kursächsischen Kammerprokurator Benjamin Leuber (1601–1675) zugeschrieben. Überliefert ist jedoch von ihm ein umfangreiches gereimtes Lobgedicht zur Erläuterung der dargestellten Ereignisse und aufgereihten Personen. Das hatte Leuber im Frühjahr 1662 persönlich dem Kurfürsten übergeben. Die von ihm geplante, durch Anmerkungen zum Geschichtswerk erweiterte Schrift blieb jedoch seinerzeit unvollendet und ohne Titelseite gedruckt. Die unfertigen Druckbögen wurden später in der Ortenburg eingelagert. So hatte sie der „Schloß-Inspector“ Schmiedel gefunden. Als „Baron Schmiedel“, eigentlich Johann Gottfried Graf (um 1700–1756), war er ursprünglich am kursächsischen Hof als Unterhalter tätig und 1752 an die Ortenburg versetzt worden. Literarisch engagiert und umtriebig, wie er war, veröffentlichte er Leubers Text, ohne dessen Herkunft zu erwähnen, nahezu wortwörtlich 1754 unter seinem Namen und schmückte sich so mit fremden Federn.
Der öffentliche Zugang zum Stucksaal wird durch den Gerichtssitz eingeschränkt. Ein interaktives Panorama ermöglicht dessen Besichtigung online.