mini|270px|Sprachgebiete der Schweiz – Mehrheitsverhältnis nach der Erhebung des BFS 2010; Karte mit einem Gemeindebestand per 1. Januar 2026 Mit den Begriffen Deutschschweiz oder deutsche Schweiz wird ein die Kantonsgrenzen überschreitendes Gebiet der Schweiz mit einer überwiegend Deutsch bzw. Schweizerdeutsch sprechenden Bevölkerung («Deutschschweizer») umschrieben. Etwa 65 Prozent des Territoriums der Schweiz (die Nordwestschweiz, die Ostschweiz, Teile des Mittellandes, die Zentralschweiz sowie grosse Teile der Schweizer Alpen) werden zur Deutschschweiz gezählt. Die anderen Sprachgebiete der Schweiz werden als Romandie, italienische Schweiz und rätoromanische Schweiz bezeichnet.
In der Deutschschweiz leben rund 5,9 Millionen Menschen (ungefähr 66 Prozent der schweizerischen Gesamtbevölkerung), ein grosser Teil von ihnen in den Metropolräumen Zürich, Basel und Bern.
Sprachen Alltagsprache Als Alltagsprache wird zumeist Schweizerdeutsch, eine Sammelbezeichnung für die in der Deutschschweiz gesprochenen alemannischen Dialekte, gesprochen. Schweizer Hochdeutsch wird im Alltag kaum gesprochen, zumeist eher zur Verständigung mit oder unter Personen, die des Schweizerdeutschen nicht mächtig sind, so mit Bewohnern der Romandie, der italienischen Schweiz und mit Auswärtigen oder zugezogenen Personen. Während im übrigen alemannischen Sprachraum das Standarddeutsche die Ortsdialekte vielfach als vorrangige Sprachvarietät verdrängt hat, werden die schweizerdeutschen Dialekte in fast allen Gesprächssituationen vorrangig benutzt. In diesem Zusammenhang beschrieb der Deutschschweizer Schriftsteller Hugo Loetscher in einem Essay die Sprachsituation der Deutschschweizer als «zweisprachig innerhalb der eigenen Sprache».
Gebärdensprache In der Deutschschweiz wird die Deutschschweizer Gebärdensprache (DSGS) eingesetzt. Falls Lehnwörter in Einsatz kommen, so werden dort bevorzugt Wörter der in der Romandie genutzten Langue des signes Suisse romande (LSF-SR) verwendet, weniger solche der Deutschen Gebärdensprache (DGS) oder der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS), vielmehr die nationalen Grenzen sind also entscheidend, weniger die Lautsprachgrenzen.Penny Boyes Braem, Tobias Haug, Patty Shores: Gebärdenspracharbeit in der Schweiz: Rückblick und Ausblick, Hamburg: Zeitschrift für Sprache und Kultur Gehörloser Die DSGS ist eine eigenständige Sprache, deren Familienzugehörigkeit unklar ist (französisch oder deutsch).Henri Wittmann: Classification linguistique des langues signées non vocalement. In: Revue québécoise de linguistique théorique et appliquée. 10:1.2, 1991, S. 15–88 (online, PDF).
Amts-, Verwaltungs- und Standardsprache Die Sprachregionen der Schweiz bilden keine administrativen Einheiten. Auch die Kantonsgrenzen sind keine Sprachgrenzen, somit hat die Schweiz eine weitere Vielfalt: Kantone mit mehreren Amts- und gesprochenen Sprachen. Der Status der Sprachen in der Schweiz ist auf Kantonsebene geregelt.
In 17 der 26 Kantone ist aufgrund der Bevölkerungsstruktur Deutsch die alleinige Amts- und Standardsprache; als Verwaltungssprache wird Schweizer Hochdeutsch verwendet. In vier weiteren Kantonen zählt Deutsch zu den Amtssprachen: In den Kantonen Bern, Freiburg und Wallis gelten Französisch und Deutsch als Amtssprachen. Im Kanton Graubünden gilt Deutsch neben Rätoromanisch und Italienisch ebenfalls als Amtssprache, da mehr als die Hälfte der Bevölkerung Varietäten des Schweizerdeutschen sprechen.
Kulturgrenzen Die romanisch-germanische Sprachgrenze zwischen Schweizerdeutsch bzw. Schweizer Hochdeutsch in der Deutschschweiz und dem Schweizer Französisch in der französischen Schweiz wird auch als Röstigraben bezeichnet. Etwas östlich davon soll nach Meinung einiger Volkskundler die heute allerdings hinterfragte Brünig-Napf-Reuss-Linie eine weitere Kulturgrenze markieren.
Im Schulwesen lehren die Deutschschweizer Kantone Basel-Stadt, Basel-Landschaft und Solothurn sowie die deutschsprachigen Regionen der Kantone Bern, Wallis und Freiburg Französisch als erste obligatorische Fremdsprache in der Primarschule. Im deutschsprachigen Teil Graubündens wird zuerst Italienisch eingeführt, und in den restlichen deutschsprachigen Kantonen wird zuerst Englisch und dann Französisch (nur im Kanton Uri Italienisch als Wahlpflichtfach noch vor Französisch) unterrichtet.
Kultur Die Deutschschweiz bildet – wie auch die französischsprachige Romandie – keinen einheitlichen Kulturraum. Das Kulturleben des Landesteils ist stark durch den Austausch mit der lateinischen Schweiz und von den vielen einheimischen Lokalbräuchen geprägt. Wie bei allen grossen Sprachregionen des Landes orientiert sich das Kultur- und Geistesleben der Deutschschweiz in grossem Masse auch am Rest der deutschsprachigen Sphäre.
Museen Zu den wichtigsten Museen der Deutschschweiz zählen gemeinhin:
Kunst
Das Kunstmuseum Basel (ältestes und grösstes Kunstmuseum des Landes sowie erste öffentliche Kunstsammlung Europas), die Fondation Beyeler im Basler Vorort Riehen, welches als meistbesuchtes Kunstmuseum der Schweiz gilt und vor allem für ihre Ausstellungen im Bereich der Klassischen Moderne international renommiert ist. Daneben spielen im Kunstleben der Stadt auch die Kunsthalle Basel (Gründung im Jahr 1872 und somit erste Kunsthalle der Schweiz), welche sich als Dialogsplattform für zeitgenössische Kunst etabliert hat, und das von Herzog & de Meuron im Basler Vorort Münchenstein entworfene Schaulager eine wichtige Rolle mit nationaler und internationaler Strahlkraft. Zu nennen ist weiter das Museum Tingueley, das sich in seinen Ausstellungsräumen mit den Werken des gleichnamigen Künstlers Jean Tingueley befasst. In Zürich hingegen befinden sich als Häuser mit hoher internationaler Ausstrahlung das auf das Jahr 1797 zurückgehende Zürcher Kunsthaus, das seinen Fokus u. a. auf Edvard Munch (grösste Sammlung des norwegischen Malers ausserhalb Norwegens) legt sowie beispielsweise die bedeutendste und umfangreichste Werksammlung Alberto Giacomettis des Landes ausstellt. Der heutige Bau am Heimplatz geht auf das Jahr 1910 zurück und wurde vom Schweizer Architekten Karl Moser gebaut. Auf der anderen Seite gilt die Stiftung Sammlung E. G. Bührle als bedeutendste Kunstausstellungsfläche in der Stadt. Von grosser Bedeutung ist zudem das Museum Rietberg in Zürich-Enge als grösster Ausstellungsort aussereuropäischer Kunst der Schweiz.
mini|hochkant|Der Böcklin-Saal im Kunsthaus Zürich, Boden-Installation von Hans Danuser (2000–2006)
In der Bundesstadt Bern befinden sich hingegen das 1879 eröffnete Kunstmuseum Bern (Schwerpunkt auf Klassischer Moderne, wobei die Sammlung von der Gotik bis zur Gegenwart reicht) als auch das Zentrum Paul Klee. Weltweite Bekanntheit erlangte durch zahlreiche Ausstellungen zeitgenössischer Kunst zudem auch die Kunsthalle Bern, welche auf das Jahr 1918 zurückgeht. Die Stadt Winterthur im Kanton Zürich ist für das Kunstmuseum Winterthur sowie für die Sammlung Oskar Reinhart «Am Römerholz», die dem Bund angegliedert ist, für die Fotostiftung Schweiz und für die Sammlung Hahnloser über die Landesgrenzen hinaus bekannt. In der Ostschweiz stellt hingegen das Kunstmuseum St. Gallen die wichtigste kulturelle Einrichtung für Kunst der Region dar. Das Museum geht auf das Jahr 1877 zurück und legt den Schwerpunkt seiner Sammlung auf die niederländische Malerei des 17. Jahrhunderts, die Kunst des 19. Jahrhunderts aus der Schweiz, Deutschland und Frankreich, die Appenzeller Bauernmalerei sowie die internationale Kunst der Moderne.
Als Kunstmuseen von regionaler resp. nationaler Bedeutung des Landesteils zählen das Kunstmuseum Solothurn (Gründung: 1902) sowie das 1933 eingerichtete Kunstmuseum Luzern, das sich heute im KKL-Bau von Jean Nouvel befindet.
Geschichts- und Kulturkunde Der deutschschweizerische Sitz des Schweizerischen Nationalmuseums in Zürich aus dem Jahr 1898 befasst sich in seinen Ausstellungsräumen mit der Geschichte und Kultur der Schweiz über die Jahrhunderte hinweg und zählt als das meistbesuchte Museum der Schweiz. Von grosser nationaler Bedeutung ist zudem die auf das Jahr 719 zurückgehende Stiftsbibliothek St. Gallen, welche die grösste Klosterbibliothek des Landes und seit 1983 UNESCO-Weltkulturerbe ist. Von nationaler Geltung sind auch das Historische Museum Basel, das Naturhistorische Museum Basel, das Bernische Historisches Museum (zweitgrösstes Historisches Museum der Schweiz), das Schloss Frauenfeld, das Museum der Kulturen Basel sowie das Verkehrshaus der Schweiz in Luzern. Im Bereich der Archäologie ist die Ausstellungsfläche der Augusta Raurica (Augst, Kanton Basel-Landschaft) sowie das Museum für Archäologie des Kantons Thurgau in Frauenfeld von Geltung. Das Freilicht-Museum Ballenberg in Hofstetten b. Brienz (Kanton Bern) hat als ethnographisches Museum des Landes ebenfalls eine gewisse Bedeutung.
Kulturschaffende
Zu den in Gedächtnis und Rezeption als bedeutend erachtenden Kulturschaffenden des Landesteils zählen u. a. (zeitlich geordnet):
Hans Holbein d. J. aus Basel, der im Zeitraum der Reformation und Renaissance internationales Renommee erlangte, und in Bern Niklaus Manuel. Im 18. Jahrhundert wird dann vornehmlich auch der Bündner Malerin Angelika Kaufmann eine hohe internationale Strahlkraft zugesprochen. Schliesslich kommen dann der Schriftsteller und Lyriker des Realismus Conrad Ferdinand Meyer in Zürich zu internationaler Bekanntheit, der im Zeitraum des 19. Jahrhunderts neben den Schriftstellern Jeremias Gotthelf, Gottfried Keller und Johanna Spyri zu den bedeutendsten deutschschweizerischen Kulturschaffenden überhaupt zählt. Später tritt dann auch der Schriftsteller Robert Walser (Geburt in zweisprachiger Stadt Biel) zu den grossen Schriftstellern deutscher Zunge des Landes.
Im Bereich der bildenden Künste sind in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vor allem die Berner Ferdinand Hodler (der zeitlebens auch eine enge Bindung zur Westschweiz pflegte) und Albert Anker, der aus Basel stammende Arnold Böcklin sowie der in Solothurn geborene Cuno Amiet zu nennen.
Im 20. Jahrhundert zählen dann im Bereich der Literatur vor allem Friedrich Dürrenmatt (der sich später allerdings im Kanton Neuenburg niederlässt) sowie Max Frisch zu den grössten Kulturschaffenden deutscher Sprache des Landes, beide Autoren gelten gemeinhin als literarischer Spiegel der Deutschschweiz ihrer Zeit. In kleinerem Rahmen stimmt dies später auch für Adolf Muschg oder Hugo Loetscher. Im Bereich der Kunst sind in erster Linie die Namen von Hans Arp, Sophie Taueber-Arp, Max Bill, Paul Klee (Geburt bei Bern), Meret Oppenheim, Pipilotti Rist oder Irène Zurkinden zu nennen.
Ab dem 20. Jahrhundert wird die Schweiz im Allgemeinen (aber vor allem auch der Bereich der Deutschschweiz aufgrund der Sprachverwandtschaft) für Kulturschaffende aus dem deutschsprachigen Raum als Exil- und Auswanderungsstätte in gesteigertem Masse von Bedeutung. Zu erwähnen sind die Namen von Hermann Hesse (später Niederlassung im Kanton Tessin), Else Lasker-Schüler (Zürich), Ernst Ludwig Kirchner (Davos, Kanton Graubünden), Franz Marc oder die Mitglieder der Literatenfamilie Mann an den Ufern des Zürichsees, wobei Erika und Klaus Mann die Stadt Zürich auch zur Wirkungsstätte des Kabaretts Die Pfeffermühle machen. Das Geschwisterpaar war in Zürich wiederum eng mit der aus Thalwil stammenden Autorin und Photographin Annemarie Schwarzenbach verbunden. Auf der anderen Seite absolvieren beispielshalber auch Walter Benjamin und Gerschom Scholem an der Universität Bern ihr Studium in den 1920er Jahren.
Hochschulwesen Insgesamt finden sich in der Deutschschweiz sechs Volluniversitäten in Basel, Bern, Luzern, St. Gallen, Zürich und die zweisprachige Universität Freiburg i. Üe. sowie der deutschschweizerische Sitz der Eidgenössischen Technischen Hochschule in Zürich.