mini|Der Philosoph im Ständebuch von 1568
Die Philosophie der Renaissance und des Humanismus als Epoche (ca. vor 1400 bis nach 1600)Eckhard Kessler: Die Philosophie der Renaissance: das 15. Jahrhundert, Beck, München 2008, 7, sowie Paul Oskar Kristeller: Humanismus und Renaissance. Band 2: Philosophie, Bildung und Kunst. Fink, München 1980, 31 ist ein Abschnitt der Philosophiegeschichte, der als Übergang von der ganz unter dem Primat der Theologie stehenden Philosophie des Mittelalters zur Philosophie der Neuzeit angesehen werden kann.
Renaissance bedeutet Wiedergeburt. Die Periode wird so bezeichnet, weil die Texte der antiken griechischen und römischen Philosophen neu rezipiert wurden und zugleich eine Loslösung von den mittelalterlichen Schulen der Scholastik erfolgte. Die Philosophie der Renaissance und des Humanismus und damit die studia humanitatis war in ihrer Arbeitsweise noch ganz mittelalterlichen Traditionen verbunden, arbeitete also spekulativ und textbezogen, sie öffnete sich aber mehr und mehr auch bereits vorhandenen naturwissenschaftlichen Fragen und Methoden, die das beherrschende Thema der Philosophie der Neuzeit bilden werden. Eine besondere Bedeutung auch mit großem Einfluss auf die Philosophie dieser Epoche kommt der vor allem literarisch ausgerichteten Bildungsbewegung des Renaissance-Humanismus zu.
Ausgangspunkte des neuen Denkens mini|Roger Bacon mini|Dante Alighieri
Üblicherweise wird mit Renaissance die Zeit des 15. und 16. Jahrhunderts bezeichnet, wobei Anfänge und Ende der Periode darüber hinausreichen. Es ist eine Zeit des wirtschaftlichen Aufschwungs in den Städten und der großen Handelshäuser (Hanse, Fugger, Medici) und das Zeitalter der Entdeckungen. Es ist die Zeit, in der das Bürgertum immer mehr an Gewicht gewann und sich Bildung aneignete. Technische Neuerungen wie die Weiterentwicklung des Kompasses, das Schießpulver, Gewichtsräderuhren (ca. 1300) und Federzuguhren (ca. 1400), ein ausgeprägtes Wachstum im Erzbergbau wegen der Münzrechte, die die Landesherren aufgrund der goldenen Bulle Karls, des IV. erlangt hatten, und auch die Erfindung des Buchdrucks (ca. 1450) zeigen die ungeheure Aufbruchstimmung in dieser Zeit. Die zunehmende Schwäche der Kirche gegenüber dem Kaisertum tritt im päpstlichen Exil in Avignon (1309–1377), im großen Schisma (1378–1417) und in den darauf folgenden Konzilen von Konstanz und Basel zu Tage.
Die Wurzeln des Renaissancedenkens gehen bis ins 13. Jahrhundert zurück. Die Universitäten lösten in wachsender Zahl die Kloster- und Domschulen ab. Die Bildung verbreiterte sich und mit den Artes liberales auch das allgemeine philosophische Wissen. Bei den Philosophen trat Scotus (1266–1308) für eine schärfere Trennung von Glauben und Vernunft ein und stieß damit die Tür auf für die „via moderna“ des Nominalismus Ockhams (1285–1349). Als wichtige Neuerer hervorzuheben sind etwa Roger Bacon (1214–1294), nach dem Wissenschaft streng von Theologie zu trennen ist und empirisch mit Experimenten und Mathematik betrieben werden muss, Petrus Peregrinus, der als Erster die Polarität des Kompasses beschrieb, Dietrich von Freibergs (ca. 1245–1318) Erforschung des Regenbogens oder Marsilius von Padua (1275–1343), der in der Schrift Defensor Pacis (Verteidiger des Friedens) für eine republikanische Gesellschaft bis in die Kirche hinein eintrat und nach seiner Verurteilung durch den Papst ebenso wie Ockham bei Ludwig dem Bayern in München Schutz suchen musste. In einer Zeit immer stärker wachsender und von der Kirche immer unabhängiger werdender Städte Italiens waren es vor allem die Dichter und Künstler, die die Freiräume nutzten und eigenständige Sichtweisen auf die Welt entwickelten.
Bei den Dichtern zu nennen sind insbesondere der noch stark dem mittelalterlichen Denken verhaftete Dante Alighieri (1265–1321) mit seiner Göttlichen Komödie und seiner staatsphilosophischen Schrift Monarchia, Petrarca (1304–1374), der als Schriftsteller des Humanismus der Scholastik und dem Aristotelismus kritisch gegenüberstand (Über seine und viele anderer Unwissenheit), und dessen Florentiner Freund Boccaccio (1313–1375), der als Begründer der italienischen Novelle gilt.
Wichtig für die Entwicklung in Florenz war auch Coluccio Salutati (1331–1406), der mit Petrarca persönlich bekannt war, intensive Kenntnisse der römischen Literatur hatte und als Kanzler für einen Humanismus und die bürgerliche Freiheit eintrat. Unter anderem richtete Salutati einen Lehrstuhl für griechische Sprache ein. Sein Schüler Leonardo Bruni (1369–1444) war zugleich sein Nachfolger. Bruni wurde bekannt durch Übersetzungen von Platon, Aristoteles und anderen griechischen Philosophen und verfasste selbst literarische Texte. Spätere bekannte Renaissance-Schriftsteller sind Torquato Tasso (1544–1594), François Rabelais (1494–1553), Erasmus von Rotterdam (1466–1536) und Philipp Melanchthon (1497–1560) und nicht zuletzt William Shakespeare.
mini|links|Leonardo da Vincis Homo ad circulum
In der Kunst berühmt geworden sind u. a. als Vorreiter der mit Dante befreundete Maler Giotto (1267–1337), der mit seinen großen freistehenden Bronzestatuen herausragende Bildhauer Donatello (1386–1466), der für seine Allegorien und Gemälde griechischer Mythologien berühmte Maler Sandro Botticelli (1445–1510), das Universalgenie Leonardo da Vinci (1452–1519), der nicht nur in der Kunst, sondern auch in der Technik, der Architektur, der Anatomie und anderen Gebieten Herausragendes leistete; weiterhin Hans Holbein (1465–1524), Albrecht Dürer (1471–1528), Michelangelo Buonarroti (1475–1564), Tizian (1477–1576) oder Raffael (1483–1520). Sie alle verband das Ideal der Vereinigung von Antike und Natur, das sie zu immer stärker naturalistischen Darstellungen führte.
Bedeutende Philosophen mini|Pico della Mirandola gemalt von Cristofano dell’Altissimo
Es war auch das republikanische Florentiner Umfeld der Medici, in dem es zur Lösung vom scholastischen Aristotelismus kam, als der aus Byzanz im Zuge des Konzils von Ferrara nach Florenz gekommene Georgios Gemistos Plethon (1355–1452), ein begeisterter Anhänger und Übersetzer Platons, dort Einfluss gewann. Sein Schüler war Marsilio Ficino (1433–1499), Sohn des Leibarztes von Cosimo de Medici, der sich insbesondere durch Platon-Übersetzungen auszeichnete. Ficino versuchte platonische und neuplatonische Gedanken mit den christlichen Lehren zu verbinden und vertrat die Auffassung, dass in der Ähnlichkeit beider Gedankenwelten zum Ausdruck komme, dass es ewige Glaubenswahrheiten gibt (Natürliche Theologie). Die Seele strebt nach Ficino danach, in das Geistige, Göttliche, aufzusteigen. Wille und Liebe als Ausdruck des Willens dienen dabei als maßgebliche Triebkräfte. Als Schüler Plethons war auch Bessarion (1403–1472) nach Italien übergesiedelt und hatte nach Übertritt zur lateinischen Kirche und Ernennung zum Kardinal mit einer umfangreichen Bibliothek einen wichtigen Anteil an der Erschließung Platons und weiterer antiker griechischer Texte. Sein Anliegen war die Verbindung platonischer und aristotelischer Gedanken mit dem christlichen Glauben. Pico della Mirandola (1463–1494) trat für die Würde des Menschen ein, die vor allem in der Bildung liege. Gott habe die Welt geschaffen, wirke aber nicht in sie hinein, so dass der Mensch die Natur sich selbst erschließen muss. Pico plädierte für eine Einigung von Griechentum, Christentum und Judentum. Seine 900 Thesen, die er in Rom zur Disputation stellte, wurden vom Papst verboten und er entging der Inquisition nur durch den Schutz der Medici, durch die er über Paris nach Florenz gelangte. Anders als viele andere Renaissance-Humanisten erachtete Pico den Gehalt philosophischer Lehren für wichtiger als die ästhetisch schöne Form.
mini|links|Nikolaus von Kues
Eine Sonderrolle spielte Nikolaus von Kues (Cusanus) (1401–1464), der mit einer besonderen Neigung für die Mathematik und die Naturwissenschaften als Kardinal und Bischof von Brixen bereits sehr früh Gedanken im Bereich der Erkenntnislehre formulierte, wie sie erst viel später bei Kant neu formuliert wurden. So waren für ihn die Mathematisierung der Gegenstände der Erfahrung Ergebnis der Deutungen des Menschen, die dieser mit seinem eigenen Denken erzeugt. Damit wird die Wirklichkeit durch den Menschen geschaffen und existiert nicht unabhängig von ihm. Der Mensch ist das Maß aller Dinge, weil er mit seinem Geist alle Dinge in begriffliches Sein verwandelt. In der Hierarchie der Geschöpfe Gottes steht der Mensch an erster Stelle: „Die menschliche Natur aber ist jene, die über alle Werke Gottes erhöht und nur ein wenig unter die Engel erniedrigt ist, die geistige und sinnliche Natur einfaltet und alles-insgesamt in sich zusammenzieht, so daß sie von den Alten verständig Mikrokosmos oder kleine Welt genannt wurde.“ (De docta ignorantia III 3) Auch die Auffassung der räumlich-zeitlichen Unendlichkeit des Universums findet sich bereits bei Cusanus. Gott als Einheit des Unendlichen spiegelt sich wider im Zusammenfallen des Gegensätzlichen (endlich – unendlich) in der Vernunft (coincidentia oppositorum).
Mit Lorenzo Valla (1407–1457) gab es auch in Italien in der Nachfolge Petrarcas einen bekannten Humanisten, der durch den gemeinsam mit Cusanus geführten Nachweis, dass die Konstantinische Schenkung ein Betrug war, berühmt wurde. Bei Valla, der im Lateran das Amt eines apostolischen Scriptors bekleidete, standen Fragen nach der Freiheit des menschlichen Willens und nach dem höchsten Gut im Vordergrund. Er bemühte sich vor allem um die Wiederbelebung Ciceros und bewertete dabei auch die Lust positiv.
mini|links|Erasmus von Rotterdam
Der Humanismus hatte auch nördlich der Alpen bedeutende Vertreter. Rudolf Agricola (1443–1483), Humanist und Pädagoge, nahm mit seiner Schrift Über die dialektische Denkmethode Einfluss auf die Rhetorik, indem er forderte, dass Argumente nicht nur wahr, sondern auch vernünftig nachvollziehbar sein müssten. Gabriel Biel (1415–1495) stand der Scholastik noch sehr nahe, entwickelte aber fortschrittliche Ideen zur Ökonomie und zum gerechten Preis. Johannes Reuchlin (1455–1522), Schüler Angelo Polizianos und durch Nikolaus von Kues beeinflusst, war ein Vertreter des Renaissance-Platonismus. Er lehrte an den Universitäten Ingolstadt und Tübingen und trat als Gegner Luthers auf. Dabei geriet er in Konflikt mit dem Papst, weil er sich gegen das Verbot jüdischer Bücher einsetzte. Juan Luis Vives (1492–1540), der in der Wissenschaft einen Fortschritt des Christentums sah, setzte sich für eine an den modernen Naturerkenntnissen ausgerichtete Erziehung ein. Die herausragende Persönlichkeit des nördlichen Renaissance-Humanismus war Desiderius Erasmus von Rotterdam (1466–1536), ebenfalls ein Gegner Luthers, den er für maßlos hielt. Er stand mit der platonischen Akademie in Florenz in Kontakt, war mit Thomas Morus (1478–1535) gut bekannt und trat für religiöse Toleranz, eine Ächtung von Nationalismus und Krieg sowie eine auf antiken und christlichen Grundlagen aufbauende Bildung ein. Im Gegensatz zu ihm und auch zu Luther, mit dem er gleichwohl eng verbunden war, suchte Philipp Melanchthon (1497–1560) die Grundgedanken der Reformation mit der Philosophie des Aristoteles zu verbinden, um einen Ausgleich zwischen Vernunft und Offenbarung zu schaffen. Für die Auffindung neuer Erkenntnisse mit einer von Aristoteles abweichenden Logik trat in Frankreich Petrus Ramus (1517–1572) ein, der in der Bartholomäusnacht ermordet wurde. Für den Arzt Paracelsus (1493–1541) gilt eher das Prädikat Mystiker, doch hat er auch auf die Naturphilosophie Einfluss. Ähnliches gilt auch für Jakob Böhme (1575–1624), für den Gott als Leben, Kraft und Wille erscheint und der seine hohe Bekanntheit seinem Eintreten für die individuelle Freiheit und der Betonung des freien Willens zu verdanken hat.