mini|Klassische pharmazeutische Drogen sind getrocknete Pflanzenteile wie beispielsweise diese Lindenblüten.
Drogen (verwandt mit „trocken“) oder Arzneidrogen sind haltbar gemachte Teile von Pflanzen, Pilzen, Tieren oder Mikroorganismen und werden meist zur Herstellung von Arzneimitteln verwendet. Sie werden gewöhnlich durch Trocknung haltbar gemacht. Auch bestimmte biologische Substrate ohne zelluläre Struktur wie etwa Wachse und Harze und andere Abscheidungsprodukte werden zu den Drogen gerechnet. In früherer Zeit findet man auch mineralische Arzneidrogen beschrieben.Christine Boot: Das Aufkommen mineralischer Drogen in deutschen Wundarzneibüchern des Spätmittelalters. (Kurzfassung) In: Nachrichtenblatt der deutschen Gesellschaft für Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 35, 1985. Heutzutage sind pharmazeutische Drogen größtenteils pflanzlicher Natur.Zum Begriff Arzneidrogen vgl. beispielsweise Werner Dressendörfer: „In apotecis circa realtum“. Venedig als Einkaufsplatz für Arzneidrogen während des 15. Jahrhunderts. In: Orbis pictus. Kultur- und pharmaziehistorische Studien. Hrsg. von Werner Dressendörfer und Wolf-Dieter Müller-Jahncke, Frankfurt am Main 1985, S. 73–86.Europäisches Arzneibuch, 6. Ausgabe. Deutscher Apotheker Verlag, 2008, ISBN 978-3-7692-3962-1, Monographie 6.0/1433.
Drogen werden als natürliche Rohstoffe für die Gewinnung arzneilich wirksamer Inhaltsstoffe sowie auch als Hilfsstoffe in der Arzneimittelherstellung genutzt. Isolierte, chemisch definierte Arzneistoffe biologischen Ursprungs nennt man biogene Arzneistoffe. Die Lehre von den Drogen (Drogenkunde, Pharmakognosie) ist ein Teilgebiet der pharmazeutischen Biologie.
Ein die abendländische Pharmazie, der bereits im frühen Mittelalter auch orientalische DrogenJohn M. Riddle: The introduction and use of eastern drugs in the early middle ages. In: Sudhoffs Archiv. Band 49, 1965, S. 185–198. zur Verfügung standen, wesentlich beeinflussendes Arzneidrogenbuch war das im 12. Jahrhundert erschienene Circa instans.Hans Wölfel: Das Arzneidrogenbuch Circa instans in einer Fassung des XIII. Jahrhunderts aus der Universitätsbibliothek Erlangen. Text und Kommentar als Beitrag zur Pflanzen- und Drogenkunde des Mittelalters. (Mathematisch-naturwissenschaftliche Dissertation Erlangen) Berlin 1939.Fritz-Heinz Holler: Das Arzneidrogenbuch in der Salernitanischen Handschrift der Breslauer Stadtbibliothek (Nr. 1302). Würzburg 1941 (= Texte und Untersuchungen zur Geschichte der Naturwissenschaften. Band 5).
Begriffsabgrenzung und Etymologie mini|Die Gewürznelke ist Arznei und Gewürz zugleich. Der Begriff „Droge“ bezeichnet durch Trocknung haltbar und verwertbar gemachte heilkräftige Pflanzen (Drogenpflanze, Heilpflanze) oder Pflanzenteile und wurde zum Synonym für Spezerei, Gewürz, Apothekerware und anderes. Im allgemeinen heutigen Sprachgebrauch wird der Begriff auch – verkürzend für Rauschdroge – verwendet, um eine Substanz oder deren Zubereitungen zu bezeichnen, die durch Menschen zur Erzeugung eines Rauschzustandes oder zur Befriedigung – im Falle einer Abhängigkeit – verwendet werden.
Das mittelalterliche Wort für Drogen im Sinne von nicht zusammengesetzten Arzneimitteln (Pflanzen, Tiere, deren Teile oder aus ihnen gewonnene Stoffe, und Mineralien), war Simplicia.Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. Mathematisch-naturwissenschaftliche Habilitationsschrift, Halle an der Saale 1959, S. 4. Das ursprünglich aus dem deutschen Sprachraum stammende Wort Droge wurde um 1600 aus französisch drogue ‚Gewürz, Chemikalie, pharmazeutisches Mittel‘ ins Deutsche rückentlehnt.Otto Beßler: Prinzipien der Drogenkunde im Mittelalter. Aussage und Inhalt des Circa instans und Mainzer Gart. 1959, S. 4. Dieses Wort ist vermutlich vom Niederländischen oder Niederdeutschen ins Französische gelangt, da französisch drogue zuerst in Nordfrankreich bezeugt ist. Der Ausgangspunkt soll mittelniederländisch droge vaten oder mittelniederdeutsch drȫgevate sein. Ursprünglich ‚trockene Fässer‘ bedeutend, das heißt ‚Behälter für trockene, nichtflüssige Ware‘, wurde das substantivierte Adjektiv droge wohl abkürzend nicht nur für die Behälter, sondern auch für die in ihnen aufbewahrten Waren verwendet, so dass sich die Bedeutung zu ‚Gewürz, Arzneimittel‘ entwickelte. Das zugrundeliegende Adjektiv (vergleiche niederländisch droog, niederdeutsch dröge) ist etymologisch verwandt mit gleichbedeutendem trocken. Eine wenig plausible Annahme basiert auf einem arabischen Ursprung.
Einteilung der Drogen mit Beispielen In den folgenden Beispielen sind kursiv in Klammern die (neuen) lateinischen offizinellen Bezeichnungen der Drogen angegeben. In der ursprünglichen (alten) lateinischen Drogenbezeichnung war die Drogenart (häufig im Plural) dem Genitiv der Stammpflanze vorangestellt (z. B. Flores tiliae, Folia sennae, Fructus foeniculi). Da bei Teedrogen eine alphabetische Sortierung nach Stammpflanzen wichtiger ist als die Drogenart, wird bei pflanzlichen Drogen in der neuen lateinischen Bezeichnung die Stammpflanze nach vorn gezogen und als zusätzliche Vereinfachung die Drogenart generell im Singular verwendet (z. B. Tiliae flos, Sennae folium, Foeniculi fructus). Bei nichtpflanzlichen Drogen (z. B. Adeps lanae, Lichen islandicus, Cera alba) wurden zumeist die alten Bezeichnungen beibehalten. Zudem bestehen wie allgemein für Arzneimittel und Heilkräuter auch volkstümliche BezeichnungenJohannes Arends: Volkstümliche Namen der Drogen, Heilkräuter, Arzneimittel und Chemikalien. Berlin 1958; 17. Auflage. Berlin/Heidelberg 2001. für Drogen.
Pflanzliche Drogen Bei den pflanzlichen Drogen unterscheidet man pflanzenmorphologisch in Blüten-, Blatt-, Frucht-, Kraut-, Rhizom-, Rinden-, Samen- und Wurzeldrogen.
Beispiele für bekannte Drogen: Lindenblüten (Tiliae flos), Kamillenblüten (Matricariae flos), Wollblumen (Verbasci flos), Ginkgo biloba-Blätter (Ginkgo folium), Sennesblätter (Sennae folium), Sennesfrüchte (Sennae fructus acutifoliae, Sennae fructus angustifoliae), Fenchel (Foeniculi fructus), Keuschlammfrüchte (Agni casti fructus), Eichenrinde (Quercus cortex), Weidenrinde (Salicis cortex), Echtes Johanniskraut (Hyperici herba), Mistelkraut (Visci herba), Spitzwegerichkraut (Plantaginis lanceolatae herba), Spitzwegerichblätter (Plantaginis lanceloatae folium), Flohsamenschalen (Plantaginis ovatae testa), Süßholzwurzel (Liquiritiae radix), Primelwurzel (Primulae radix), Südafrikanische Teufelskrallenwurzel (Harpagophyti radix); → weitere Beispiele im Artikel Heilpflanze
Des Weiteren gibt es pflanzliche Drogen ohne zelluläre Struktur wie beispielsweise Arabisches Gummi (Gummi arabicum ), Traganth, Myrrhe, Perubalsam (Balsamum peruvianum) oder Rohopium.
Drogen aus Pilzen Beispiele: Isländisches Moos (Lichen islandicus), Medizinische Hefe (Faex medicinalis), Trockenhefe aus Saccharomyces cerevisiae HANSEN CBS 5926
Drogen tierischen Ursprungs Drogen tierischer Natur mit zellulärer Struktur haben kaum noch pharmazeutische Bedeutung, werden jedoch noch für homöopathische Zubereitungen verwendet. Beispiele für solche Tierdrogen: Medizinischer Blutegel (Hirudo medicinalis), Cochenilleschildlaus (Dactylopius coccus), Honigbiene (Apis mellifera).
Drogen tierischen Ursprungs ohne zelluläre Struktur sind beispielsweise: Bienengift (Apisinum), Bienenkittharz (Propolis), Bienenwachs (Cera alba), Catgut, Lebertran (Jecoris aselli oleum), Ochsengalle (Fel tauri), Schellack (Lacca in tabulis), Schlangengift (Lachesis), Schweineschmalz (Adeps suillus), Walrat (Cetaceum), Wollwachs (Adeps lanae).
Drogengruppen nach Inhaltsstoffen Eine andere Klassifizierung der Drogen ist die Einteilung nach der chemischen Natur der wirksamen Inhaltsstoffe in Alkaloid-, Ätherischöl-, Bitterstoff-, Gerbstoff-, Glycosid-, Saponin- und Schleimstoffdrogen.
Drogengruppen nach Verwendung Psychogene Drogen werden als Rauschdrogen, in der Umgangssprache auch kurz „Drogen“, bezeichnet.
Drogen in der Heilkunde, deren Wirkung magischen oder religiösen Prinzipien zugeschrieben wurde, werden gelegentlich Wunderdrogen genannt.Francis B. Brévart: Between medicine, magic, and religion: Wonder drugs in German medico-pharmaceutical treatises of the thirteenth to the sixteenth centuries. In: Speculum. Band 83, 2008, S. 1–57.Gundolf Keil: Zauberpflanzen und Wunderdrogentraktate. In: Leuvense bijdragen. Band 57, 1968, S. 165–175.Vgl. auch Annelore Högemann, Gundolf Keil: Der ‚Straßburger Eichentraktat‘. Ein zum Wunderdrogen-Text gewordenes Albertus-Magnus-Kapitel. In: Helmut Engelhart, Gerda Kempter (Hrsg.): Diversarum artium studia. Beiträge zur Kunstwissenschaft, Kunsttechnologie und ihren Randgebieten. Festschrift Heinz Roosen-Runge. Wiesbaden 1982, S. 267–276. Texte, die dementsprechende und durchaus der damaligen Schulmedizin zuzuordnende Inhalte zeigen, genannt Wunderdrogentraktate, sind etwa der Eichenmisteltraktat,Wolfgang Wegner: Eichenmisteltraktat. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 337–338. der Salbeitraktat,Gundolf Keil: ‚Salbeitraktat‘ (‚Wazzer der tugent, tranc der jugent‘). In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 8, Sp. 504–506. der seit dem 13. Jahrhundert überlieferte Verbenatraktat (EisenkrauttraktatGundolf Keil: Randnotizen zum „Stockholmer Arzneibuch“. In: Studia neophilologica. Band 44, Nr. 2, 1972, S. 238–262, hier: S. 248.), der WacholderbeertraktatSabine Kurschat-Fellinger: Kranewitt. Untersuchungen zu den altdeutschen Übersetzungen des nordischen Wacholderbeertraktats (= Mittelalterliche Wunderdrogentraktate, III). (Medizinische Dissertation Würzburg) Pattensen/Hannover (jetzt bei Königshausen & Neumann, Würzburg) 1983 (= Würzburger medizinhistorische Forschungen. Band 20). (Kranewittbeer-TraktatGundolf Keil, Hans Reinecke: Der „kranewitbër“-Traktat des Doktor Hubertus. In: Festschrift Kurt Lindner. Berlin 1971, S. 165–176.) sowie der nach dem 10. Jahrhundert entstandeneBirgit Meineke: Zur Frage eines althochdeutschen Geiertraktats. In: Rudolf Schützeichel (Hrsg.): Addenda und Corrigenda (III) zum althochdeutschen Wortschatz (= Studien zum Althochdeutschen. Band 12). Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1991, ISBN 3-525-20327-6, S. 254–261. und seit dem 13. Jahrhundert in Abschriften vorliegende „Geiertraktat“.Joachim Stürmer, Gundolf Keil: ‚Geiertraktat‘. In: Verfasserlexikon. 2. Auflage. Band 2 (1980), Sp. 1137–1140.Vgl. auch Bernhard Schnell: Der deutsche „Macer“: Vulgatfassung. Mit einem Abdruck des lateinischen Macer floridus ‘De viribus herbarum’ kritisch herausgegeben (= Texte und Textgeschichte. Würzburger Forschungen. Band 50). Niemeyer, Tübingen 2003, ISBN 3-484-36050-X, S. 231–232 (Wunderdrogentraktate).
Bildergalerie gebräuchlicher Drogen
Herstellung und Gebrauchsformen