mini|hochkant=1.2|Chemische Produktionsanlagen Die Technische Chemie beschäftigt sich mit der Überführung chemischer Reaktionen und Prozesse in technische Verfahren sowie der Optimierung bestehender Prozesse und Verfahren unter ökonomischen und ökologischen Gesichtspunkten.

Die Schwerpunkte der Forschung und Lehre liegen dabei auf der Katalysator- und Verfahrensentwicklung, den mechanischen und thermischen Grundoperationen, der Prozesskunde sowie der Chemischen Reaktionstechnik.

Geschichte mini|Schwefelsäurefabrik nach dem Bleikammerverfahren in der zweiten Hälfte des 19. JahrhundertsH. Ost: Lehrbuch der Technischen Chemie. Verlag von Robert Oppenheim, Berlin 1890, S. 53. Erste Anfänge der Technischen Chemie lassen sich bereits im siebzehnten Jahrhundert durch die Arbeiten von Johann Rudolph Glauber über die Herstellung von Säuren und Salzen finden. Glauber stellte konzentrierte Salzsäure und Salpetersäure her und entdeckte um 1625 das nach ihm benannte Glaubersalz. Ein Höhepunkt der Technischen Chemie im achtzehnten Jahrhundert war die Entwicklung des Bleikammer-Verfahrens durch John Roebuck.Erwin Riedel, Christoph Janiak: Anorganische Chemie. Bereits im Jahr 1746 wurde in England das erste Bleikammerverfahren in Betrieb genommen. Das Verfahren wurde mehrfach weiterentwickelt, besonders durch Joseph Louis Gay-Lussac, der 1827 den so genannten Gay-Lussac-Turm zur Wiedergewinnung der Stickoxide einführte, sowie der 1859 von John Glover eingeführte Schritt der Stickoxidreoxidation durch Luftsauerstoff im Glover-Turm.

Schon früh wurde das Wissen der Technischen Chemie in Lehrbüchern zusammengefasst. So definierte Johann Friedrich Gmelin im Jahr 1795 die Technische Chemie in seinem Werk Handbuch der technischen Chemie:

Die Geschichte der Technischen Chemie im eigentlichen Sinne ist aber an die Entwicklung der Chemischen Industrie als Wirtschaftszweig gebunden. Diese erfuhr mit der Entwicklung der Anilinfarben durch August Wilhelm Hofmann vor allem in Deutschland einen ungeheuren Aufschwung. Ab 1859 wurden in Deutschland innerhalb weniger Jahre viele Farbenfabriken gegründet, wie Boehringer Mannheim,Chronik der Stadt Mannheim – Meilensteine 19. Jahrhundert. die Bayer-Werke,Bayer Unternehmensgeschichte: Die Gründerjahre (1863–1881). Bayer AG Hoechst, ihr-nachbar.de die Badische Anilin- und Soda-Fabrik (BASF), Agfa,. Schering und Boehringer Ingelheim..

Um die Diskrepanz zwischen den Anforderungen der Industrie an die Absolventen und der universitären Ausbildung zu überbrücken, wurden Ende des neunzehnten Jahrhunderts auf Initiative der Deutschen Chemischen Gesellschaft und Carl Duisberg vermehrt Institute für Technische Chemie gegründet. Chemisch-Geowissenschaftliche Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena mini|hochkant=2.5|Schema des Haber-Bosch-Verfahrens Einen Meilenstein der Technischen Chemie am Anfang des 20. Jahrhunderts stellte die Ammoniaksynthese nach Haber und Bosch dar. Fritz Haber wurde 1898 zum außerordentlichen Professor für Technische Chemie an der Universität Karlsruhe ernannt, ab 1904 befasste er sich mit der Herstellung von Ammoniak aus den Elementen. Die Entwicklung des Haber-Bosch-Verfahrens stellte in vielerlei Hinsicht eine Herausforderung an die Chemie und die Verfahrenstechnik dar. Es mussten Reaktoren entwickelt werden, die Drücke bis zu 300 bar und Temperaturen bis 500 °C standhielten, und es wurden Katalysatoren entwickelt, die eine wirtschaftliche Ausbeute an Ammoniak erlaubten.

In den zwanziger und dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts waren die Kohle- und Acetylenchemie die dominierenden Themen der Technischen Chemie.Der lange Weg zur Karbochemie: Benzin aus Böhlen – eine (fast) unendliche Geschichte.

mini|hochkant=1.5| Vereinfachtes Schema der Erdölaufarbeitung

Die Verfügbarkeit von preiswertem Erdöl nach 1950 und damit auch von Ethylen führte zu einer beispiellosen Ausweitung der industriellen Chemieproduktion und damit zu immer neueren Entwicklungen in der Technischen Chemie. Ein Meilenstein dieser Zeit stellt die Entwicklung des Niederdruckverfahrens zur Polyethylenherstellung durch Karl Ziegler dar.Nobelpreis-Vortrag von Karl Ziegler (PDF, 633 kB; Archivlink).

+ Meilensteine der Technischen Chemie Jahr Entdecker Entdeckung/Leistung 1625 Johann Rudolph Glauber Verfahren zur Herstellung von Salpetersäure, Salzsäure und Natriumsulfat 1746 John Roebuck Bleikammerverfahren zur Herstellung von Schwefelsäure 1827 Otto Linné Erdmann Erstes Journal für Technische und Oekonomische Chemie1839 Charles Goodyear Vulkanisation des Kautschuks 1840 Justus von Liebig Düngemittel, Begründung der Agrochemie 1894 Wilhelm Ostwald Moderne Definition der Katalyse 1909 Fritz Haber, Carl Bosch Ammoniaksynthese 1909 Fritz Hofmann Synthesekautschuk 1913 Friedrich Bergius Kohlehydrierung nach dem Bergius-Verfahren 1925 Franz Fischer, Hans Tropsch Fischer-Tropsch-Synthese 1928 Walter Reppe Acetylenchemie, z. B. Hydrocarboxylierung 1938 Otto Roelen Hydroformylierung 1953 Karl Ziegler Polyethylen nach dem Niederdruckverfahren

Grundlagen Chemische Reaktionen lassen sich nicht ohne weiteres auf die großindustrielle Produktion übertragen. Die Technische Chemie beschäftigt sich daher mit der Frage, wie viele Tonnen desselben Produktes in einer Fabrik unter Minimierung der Herstellungskosten produziert werden können. Dies geschieht empirisch oder durch eine mathematische Optimierung auf der Grundlage einer modellhaften Beschreibung des Reaktionsablaufs und des Reaktors. Nahezu jede chemische Produktion lässt sich in drei Schritte gliedern:

Zunächst werden die Edukte vorbereitet, im zweiten Schritt findet die eigentliche Reaktion statt. Im letzten Schritt wird schließlich das Reaktionsgemisch aufbereitet. Mit der Vorbereitung und der Aufbereitung beschäftigt sich die chemische Verfahrenstechnik, mit der Reaktion im technischen Maßstab die chemische Reaktionstechnik. Für die notwendigen Berechnungen müssen Transport-, Wärme- und Zeitbilanzen erstellt werden. Vielfach werden dimensionslose Kennzahlen (Euler-Zahl, Reynolds-Zahl, Nußelt-Zahl, Damköhler-Zahl) benutzt, um das Scale-up zu erleichtern.

Die Technische Chemie ermöglicht eine effiziente Herstellung von Grund-, Zwischen- und Endprodukten. Zwischen 1970 und 1980 konnte durch Verbesserungen von chemischen Verfahren der Energiebedarf für chemische Reaktionen bei gleichem Produktionsvolumen um etwa 40 % gesenkt werden.K.-H. Reichert: Grundzüge der technischen Chemie. I: Reaktionstechnik. Vorlesungsskript der TU Berlin, 1982, S. 132–133.

Chemische Prozesskunde miniatur|150px|Rührbehälter

Ein wichtiger Aspekt der Technischen Chemie ist das Verständnis des Stoffverbundes der Industriellen Organischen und Anorganischen Chemie. Aus den organischen Rohstoffen Erdöl, Kohle und nachwachsenden Rohstoffen entstehen zunächst die Grundchemikalien. Daraus werden eine Vielzahl von Zwischen- und Endprodukten hergestellt.

Die Chemische Prozesskunde untersucht weiterhin die Verfahren und Reaktionsführungen der wichtigsten industriellen Chemieprodukte.

Ausgehend von den Rohstoffen Erdöl, Erdgas, Kohle und verstärkt nachwachsende Rohstoffe werden zunächst chemische Grundprodukte wie Olefine und Aromaten hergestellt.

Diese werden zu Zwischenprodukten wie Alkoholen, Phenolen, Aldehyden, Ketonen, Carbonsäuren oder Aminen weiterverarbeitet.

Die Endprodukte der Chemischen Industrie, wie Polymere, Waschmittel, Pflanzenschutzmittel, Pharmaka und Farbstoffe werden aus den Grund- und Zwischenprodukten hergestellt.

Die Rohstoffe der Industriellen Anorganischen Chemie sind unter anderem Luft, Schwefel, Natriumchlorid, Koks und Wasser, aus denen sich über wenige Zwischenstufen wie Ammoniak und Chlor die Endprodukte zum Beispiel Säuren, Laugen, Düngemittel, Glas, Pigmente, Katalysatoren und Werkstoffe herstellen lassen.

Die Aufgabe der Technischen Chemie ist es, aus den vorhandenen möglichen Synthesewegen je nach Verfügbarkeit der Rohstoffe und unter Berücksichtigung des Energieverbrauchs die ökonomischsten Verfahrenswege zu ermitteln.

Chemische Prozesse unterscheiden sich durch die Art der durchgeführten chemischen Reaktion, zum Beispiel Chlorierung, Hydrierung, Nitrierung, Oxidation, Polymerisation oder Sulfonierung. Die Energiezufuhr kann auf verschiedenen Wegen erfolgen, etwa thermisch, elektrochemisch oder photochemisch.

Sind beide Arten der Reaktionsführung möglich, können neben technischen Bedingungen die marktwirtschaftlichen Aspekte die Entscheidung beeinflussen, ob ein Prozess kontinuierlich oder diskontinuierlich als Batch-Prozess durchgeführt wird. Kontinuierliche Anlagen eignen sich für ein in großen Mengen hergestelltes Produkt, während ein Batch-Prozess oft eine größere Flexibilität bei der Produktvariation erlaubt, jedoch auf Kosten der produzierten Menge.

Weitere Einteilungsmerkmale für chemische Prozesse sind die Zahl der durchgeführten Stufen (einstufig/mehrstufig), die Wärmetönung (endo-/exotherm) und die Art der eingesetzten Katalyse (homogen/heterogen/biokatalytisch).

Katalyse

Die Katalyseforschung nimmt einen besonderen Stellenwert innerhalb der Technischen Chemie ein, da etwa 80 % aller chemischen Produkte im Laufe ihrer Herstellung einen katalytischen Prozess durchlaufen.

Bei der Herstellung von Grund- und Zwischenprodukten spielt die heterogene Katalyse die bei weitem größte Rolle, bei der Herstellung von Zwischen- und Endprodukten nimmt die Bedeutung von homogen- und biokatalytischen Verfahren zu.

Basierend auf den Ergebnissen der GrundlagenforschungScientific Background on the Nobel Prize in Chemistry 2007, Chemical Processes on Solid Surfaces Gerhard Ertl (PDF) wird zunehmend versucht, die Katalysator- und Prozessentwicklung auf eine erkenntnisorientierte Grundlage zu stellen.

Grundoperationen Die neben den chemischen Reaktionen notwendigen physikalischen Vorgänge eines Prozesses werden als mechanische und thermische Grundoperationen bezeichnet. Grundoperationen sind die elementaren Schritte bei der Durchführung eines Verfahrens.

Diese dienen der Vorbereitung von Ausgangsstoffen beispielsweise durch Zerkleinerung, dem Mischen der Reaktanten und der Förderung und Aufarbeitung der Produkte durch Trennverfahren.

Mechanische Grundoperationen mini|Flotationszelle Zu den wichtigen mechanischen Grundoperationen zählen das Verfahren zur Stoffvereinigung, Förderung und Formgebung, die Trennverfahren sowie die Zerkleinerungsverfahren für Feststoffe.

Als Verfahren für die Stoffvereinigung werden unter anderem das Emulgieren, das Kneten, das Mischen, die Pelletierung, das Pressen, das Rühren, das Suspendieren, das Vermengen und das Versprühen eingesetzt. Eines der wichtigsten Verfahren zur Förderung ist das Pumpen.

Mechanische Trennverfahren werden unter anderem eingesetzt, um Feststoffe aus Flüssigkeiten und Gasen oder Flüssigkeiten aus Gasen abzuscheiden. Bekannte Trennverfahren zur Abscheidung sind die Dekantierung, die Elektroabscheidung, die Filtration, die Flotation, die Sedimentation, das Sichten, die Siebung, die Sortierung sowie das Zentrifugieren.

Zerkleinerungsverfahren dienen meist dem Einstellen bestimmter Korngrößenverteilungen oder zur Oberflächenvergrößerung, etwa um eine chemische Reaktion schneller ablaufen zu lassen. Zu den häufig verwendeten Verfahren gehören hier das Brechen, das Mahlen, das Zerreiben, das Zerreißen sowie die Zerschneidung.

Thermische Grundoperationen mini|McCabe-Thiele-Diagramm Durch thermische Grundoperationen lassen sich Stoffe trennen beziehungsweise vereinigen. Nach der Art der auftretenden Phasen werden folgende thermischen Grundoperationen unterschieden:

Gas-Flüssig: Rektifikation, Absorption Flüssig-Flüssig: Flüssig-Flüssig-Extraktion Fest-Flüssig: Kristallisation Gas-Fest: Adsorption