Das Kriegsgefangenenlager 126 Nikolajew war ein Lager der UdSSR für Kriegsgefangene des Zweiten Weltkriegs. Es bestand von 1943 bis 1948 und wurde danach in Nikolajew als Lagerabteilung 7 des Lagers 159 – Odessa – weitergeführt. Die Lager unterstanden dem Innenministerium der UdSSR in Moskau. Das NKWD bestimmte den allgemeinen Rahmen für Bewachung und Versorgung der Kriegsgefangenen wie den Umgang mit ihnen.

Die postalischen Bezeichnung der sowjetischen Kriegsgefangenenlager wurde im Winter/Frühjahr 1947 allgemein geändert. Den bisherigen Nummern wurde eine 7 – Sieben – vorangestellt – postalisch (Postfach / почтовый ящик) war das Kriegsgefangenenlager in Nikolajew Nummer 7126.

Geschichte des Lagers Das Kriegsgefangenenlager 126 Nikolajew hatte seinen Ursprung bei Schadrinsk in der westsibirischen Oblast Kurgan der damaligen RSFSR.

Dort wurde es im Juni 1943 am linken Ufer des Isetj am Rande eines Kiefernwaldes eingerichtet. Es bestand aus Erdhütten und Unterständen und war zunächst für bis zu 10.000 Kriegsgefangene vorgesehen. Der Aufbau des Lagers durch sowjetische Strafgefangene vollzog sich wegen Material- wie Personalmangels sehr schleppend. Am 18. September 1943 kamen die ersten beiden Gruppen deutscher Kriegsgefangener, insgesamt 996 Mann, ins Lager. Nach deren Untersuchung wurden 896 Mann entsprechend der 1. und 2. Kategorie als arbeitsfähig befunden. Bedingt- oder Nichtarbeitsfähige wurden entweder dem Genesendenkommando überstellt oder als Kranke zur stationären Heilbehandlung in ein SpezHospital verbracht.

Die eingetroffenen Kriegsgefangenen wurden hauptsächlich für den weiteren Ausbau des Lagers eingesetzt; zwei Metallarbeiterbrigaden, zusammen 60 Mann, arbeiteten in der Produktion. Im Februar 1944 erging für das Lager 126 der Befehl, es in die von der deutschen Wehrmacht befreiten Gebiete der Ukraine zum Wiederaufbau der vom Feind zerstörten Wirtschaft und Industrie zu verlegen. Die Lagerinsassen wurden entsprechend dem NKWD-Befehl auf andere Lager verteilt, insgesamt 759 Mann in das Lager 84 verlegt, Geschwächte in ein SpezHospital eingewiesen. Zunächst war als neuer Standort des Lagers Tschernigow vorgesehen, dann Kriwoi Rog, schließlich nach der Rückeroberung Nikolajews am Schwarzmeer im März 1944, entsprechend dem NKWD-Befehl vom 30. April 1944. Entsprechend den Wiederaufbauplänen sollten neben kleineren Einsatzstellen vor allem in den beiden Großwerften in Nikolajew, der Werft „61 Kommunara“ am Ingul und der Werft „Marti“ am Südlichen Bug, insgesamt 3.000 Kriegsgefangene eingesetzt werden.

Ein Vorkommando der Lagerleitung traf am 10. Mai 1944 in Nikolajew ein und entschied, auf dem der Werft „61 Kommunara“ gegenüber gelegenen Gelände Temwod die Kriegsgefangenen unterzubringen. Dieses Terrain am Ingul war um 1930 während der sowjetischen Industrialisierungskampagne (Fünfjahresplan / пятилетка/pjatiletka) mit 26 zweistöckigen Mittelganghäusern zur Aufnahme von Arbeitern der gegenüberliegenden Werft errichtet worden, diente während der deutschen Besatzungszeit ab April 1942 als Stalag 364 und war im November 1943 vor der heranrückenden Roten Armee geräumt worden.

miniatur|Gedächtnisskizze der Stadt Nikolajew von 1952 – mit Angaben über die Standorte des Kriegsgefangenenlagers 126

Am 14. Mai 1944 traf aus einem Sammellager der erste Schub von 1196 Kriegsgefangenen in diesem Komplex ein. Im Juni wurde im Süden der Stadt, an die Werft „André Marty“ angrenzend, eine Anzahl von einstöckigen Mittelganghäusern ebenfalls für die Aufnahme von Kriegsgefangenen eingerichtet. Während die Kriegsgefangenen vom „Hauptlager“ und „Südlager“ sprachen, wurden die Komplexe von der sowjetischen Verwaltung als „Lagerabteilungen“ bezeichnet, das Südlager als Lagerabteilung Nr. 1, das Hauptlager als Nr. 2 (zu den sowjetamtlichen Skizzen der beiden Lagerabteilungen siehe unter Diskussion). Vom Hauptlager wurde noch 1944 eine Anzahl von etwa fünf Gebäuden abgetrennt zur Aufnahme bedingt Arbeitsfähiger und -unfähiger, Genesender und Kranker, „OK-Zone“ genannt. Neben diesen beiden mit mehr als je 1.000 Kriegsgefangenen belegten Lagerabteilungen wurden vorübergehend noch bis zu 15 weitere kleinere Lagerabteilungen, jeweils in der Nähe von oder auf Arbeitsplätzen, eingerichtet, darunter in etwa 40 km Entfernung nördlich von Nikolajew eine Kolchose, die der Versorgung des Lagers mit landwirtschaftlichen Produkten dienen sollte.

Diese kleineren Lagerabteilungen, ausgenommen der Kolchosbetrieb, wurden bald wieder aufgehoben. Ab Herbst 1945 begann die Rückführung der Gefangenen, und nach weiteren drei Jahren im Herbst 1948 wurde auch die Lagerabteilung Nr. 1, das Südlager, aufgelöst und die Restbelegung in die Lagerabteilung Nr. 2 – Hauptlager übergeführt. Zeitgleich wurde diese Lagerabteilung als „7. Abteilung des Lagers 159 – Odessa“ fortgeführt.

Die faktische Auflösung des Kriegsgefangenenlagers in Nikolajew und der Heimtransport der Belegschaft erfolgte Ende Mai 1949. Zuvor, am 5. Mai 1949, wurden etwa 200 Kriegsgefangene, welche die Behörden in Kiew und Moskau aus den unterschiedlichsten Gründen (z. B. ungeklärter Kriegseinsatz, Zugehörigkeit zu einer des Kriegsverbrechens verdächtigen Einheit, Verwicklungen mit dem MWD) vorsorglich noch in Gewahrsam behalten wollten, auf einem Küstenfrachter bugabwärts und über das Schwarze Meer nach Odessa befördert. Von dort wurden sie eine Woche später mit weiteren, ebenso eingestuften Insassen aus Odessa des Lagers 159 – zusammen etwa 400 Mann – ins Donezgebiet befördert und im Regimelager Roja (Роя), einem Ortsteil der Stadt Kurachowo (Курахово), bis zur Jahreswende 1949/50 festgehalten.

Die Gebäude der beiden großen Lagerabteilungen 1 (Lage: ) und 2 einschließlich der OK-Zone (Lage: ) sind inzwischen abgerissen und die freigewordenen Flächen in die angrenzenden Werftgelände eingegliedert worden. Bei den Gebäuden handelte es sich um etwa 60 m lange Mittelganghäuser, in der Lagerabteilung 1 um einstöckige, in der Lagerabteilung 2 um zweistöckige mit einer in der Mitte des Gebäudes gelegenen Innen- und an einem Kopfende einer eisernen Außentreppe. Dort befand sich am Kopfende eine einfache Sanitäranlage. Nach der Erweiterung der Werften, der inzwischen umbenannten „André Marty“ (jetzt: Tschernomorskij Sudostroitelnij Sawod / Черноморский судостроительный завод) und „61 Kommunara“ (Судостроительный завод имени 61 коммунара), werden diese Areale anderweitig genutzt.

Über die Kriegsgefangenen, ihre Herkunft und Repatriierung Die ersten Schübe Kriegsgefangener kamen aus Sammelstellen in der südlichen Ukraine und aus dem Sammellager Uman. Die Gefangenen waren zumeist beim schnellen Rückzug in dieser Gegend während der Kesselschlacht von Kamenez-Podolski gemacht worden. Eine große Anzahl Lagerinsassen war im Sommer 1944 bei der Einkesselung im Mittelabschnitt bei Bobruisk in sowjetischen Gewahrsam geraten. Im Herbst wurden mehrere hundert Ungarn eingeliefert. Sie waren geschlossen als 1. ungarische Freiwilligen-Division zur Roten Armee übergelaufen und trugen ein auf die Spitze gestelltes kleines Metalldreieck mit der Zahl 1 an ihren Käppis. Außer ihren Waffen war ihnen nichts abgenommen worden, so dass sie in dem – sich als irrig herausstellenden – Glauben waren, ihrer Absicht entsprechend gegen die Wehrmacht eingesetzt zu werden. Große Schübe weiterer Gefangenen trafen nach der Kapitulation der Wehrmacht im Mai 1945 im Lager ein – aus Böhmen darunter auch solche, die zunächst in US-amerikanische Gefangenschaft gegangen waren und danach, weil sie bis zuletzt gegen die Rote Armee gekämpft hatten, dieser übergeben worden waren. Unter den fast 28.000 Gefangenen, die sich im Gewahrsam des Lagers befanden, machten Angehörige von Wehrmacht und SS den Hauptanteil aus (darunter mehr als 15.000 Deutsche aus dem Reichsgebiet von 1934). Außer den bereits erwähnten Ungarn (insgesamt fast 8.000) befand sich im Lager eine namhafte Zahl Rumänen (3.100), unter denen sich viele als Moldauer oder Bessarabier (mehr als 1.000) ausgaben, sowie sich die Ostmärker sogleich nach der Gefangennahme, also auch schon bevor Österreich wieder als selbständiger Staat existierte, bereits als Österreicher (628) bezeichneten. Die sowjetische Lagerleitung zählte unter den Gefangenen nicht weniger als 28 Nationen, darunter zwei Juden (Евреи) und einen Zigeuner (Цыгане).

In der Lagerabteilung Nr. 1 waren vorübergehend ab etwa Jahreswechsel 1945/46 für die Dauer fast eines Jahres ungefähr ein Dutzend Frauen im Alter von 20 bis 30 Jahren interniert. Sie stammten aus dem Osten Rumäniens, also zum Teil aus dem Gebiet des heutigen Moldawiens. Sie wurden im Lager und in der Garnison beschäftigt.

Erstmals wurden Gefangene bereits im Herbst 1945 in die Heimat entlassen. Dies waren ausschließlich Kranke, Invaliden und dauerhaft Arbeitsunfähige, auch deutsche – sofern sie nicht schon bei Kontrollen als Angehörige solcher Einheiten ausgemacht worden waren, die in Kriegsverbrechen verwickelt waren oder im Verdacht solcher Taten standen. Weitgehend nach diesen Kriterien erfolgten künftig weitere Repatriierungen, bei denen Rumänen (einschließlich Moldauer) und Ungarn gegenüber Deutschen verständlicherweise aus nachkriegspolitischen Erwägungen den Vorzug hatten.

Registrierung der Kriegsgefangenen miniatur|Deckblatt der Personalakte eines Kriegsgefangenen Utschjotnoje Delo / Учетное Дело – mit dem Abschlussvermerk (Entlassung) vom 23. Mai 1949

Jeweils bald nach den Schüben neuer Kriegsgefangener aus den Sammellagern registrierte die sowjetische Lagerleitung die Neuzugänge. Dabei wurde für jeden Kriegsgefangenen eine Personalakte (Utschetnoe Delo / Учетное Дело) mit Registrierungs-Nummer angelegt, in der datenmäßig der Zugang zum Lager wie auch der Abschluss, i. d. R. die Entlassung, aber auch der Tod, festgehalten wurde. Sie begleitete den Kriegsgefangenen während seines Gewahrsams.

Für diese Registrierung wurden von der Hauptabteilung für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierten des Innenministeriums (MWD UdSSR – МВД СССР) einheitlich gestaltete Vordrucke (Fragebogen – Опросный Лист) verwendet. Sie enthielten mehr als 40 Fragen zur Person, nach den Eltern, dem Kriegseinsatz, Lebenslauf, Beruf und Mitgliedschaften, nach den nächsten Verwandten und Aufenthalten in der Sowjetunion. Die protokollierten Antworten waren unterschriftlich zu bestätigen.

Auf einem gesonderten Blatt war durch den Befrager eine oberflächliche Personenbeschreibung (u. a. Größe, Statur) abzugeben. Überdies war Raum für Dienstvermerke über örtliche Veränderungen, Vergehen und disziplinarische Maßnahmen, Anstiftung zu und Verantwortlichkeit für Verbrechen. Die Verpflichtung zu den im nächsten Abschnitt angesprochenen Spitzeldiensten wurde jedoch in der Personalakte nicht festgehalten, vermutlich weil insoweit eine andere Behörde als die Hauptverwaltung für Angelegenheiten der Kriegsgefangenen und Internierten zuständig war.

Zur Überprüfung der Angaben des Kriegsgefangenen wurde die Befragung nach geraumer Zeit wiederholt, um eventuell Widersprüchliches oder Verschwiegenes aufzudecken, was günstige Gelegenheit bot, den Kriegsgefangenen zur informellen Mitarbeit zu bewegen.

In der Regel wurden noch vor der ersten Registrierung, nämlich noch vor der Übernahme ins Lager, die Neuankömmlinge in der Banja einer Kahlschur an Kopf und Körper und die Bekleidung einer Entlausung / Desinfektion unterzogen.

Bewachung, Überwachung und Aufsicht