mini|hochkant|Bekanntestes Porträt (Élisabeth Vigée-Lebrun, 1785) mini|hochkant|Grétrys Geburtshaus, heute Musée Grétry, Lüttich (mit Gedenktafel) André-Ernest-Modeste Grétry (* 8. FebruarDer von Grétry angegebene 11. Februar ist das Taufdatum. Georges de Froidcourt: Le lieu et la date de naissance de Grétry. In: Bulletin du Vieux-Liège. 99/1952, S. 166–178. 1741 in Lüttich, heute Belgien; † 24. September 1813 in Montmorency bei Paris) gehörte in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zu den wichtigsten Komponisten Frankreichs.Patrick Taïeb, Judith Le Blanc: Merveilleux et réalisme dans : un échange entre Diderot et Grétry. In: Dix-huitème siècle. 2011/1 (Nr. 43), S. 185–201 (), hier: S. 193: . Er prägte die Entwicklung der Opéra-comique (Singspiel mit gesprochenem DialogDavid Charlton: Grétry and the growth of opéra-comique. Cambridge University Press, 1986, ISBN 978-0-521-25129-7, S. 4: ) maßgeblich mit, schrieb aber auch große Opern (Tragédies lyriques, mit gesungenen Rezitativen). Grétry schuf rund 70 Bühnenwerke, unter denen die Komödien überwiegen; dazu Vokalmusik anderer Genres. Die eingängige Melodik und den Ausdruck edler Gefühle gewichtete er höher als eine reiche Harmonik und eine komplizierte Orchesterbegleitung. KirchenmusikJosé Quitin: Les compositions de musique religieuse d’André-Modeste Grétry. In: Revue belge de musicologie. Bruxelles, 18/1964, S. 57–69. und Instrumentalmusik komponierte er nur während seiner Ausbildung, die er in Rom abschloss. Im Alter schrieb er zehn Bände Memoiren und Reflexionen.

Lebensstationen

Lüttich (1741–1760) mini|hochkant|Stiftskirche Saint-Denis, Lüttich (Jan Weissenbruch, 1850er Jahre) Grétrys Vater François (1714–1768) spielte erste Geige in Saint-Denis, einer der sieben Lütticher Stiftskirchen. Seine Mutter Marie-Jeanne geborene Defossés (1715–1800) hatte bei ihrem späteren Gatten Musikunterricht genommen. André war das zweite ihrer sechs Kinder. 1750 wurde er Chorknabe in Saint-Denis. In seinen Memoiren schildert er, wie der Stellvertreter des in Rom weilenden Gesangsmeisters die ihm anvertrauten Kinder misshandelte.Mémoires, ou Essais sur la musique ; par le C[itoy]en Grétry […]. 1. Band, Paris Jahr 5 (1797), S. 6–12 (). Nachdem andere Namen ins Spiel gebracht worden waren, konnte José Quitin den erwähnten Sadisten als Hubert-François Devillers (1726–1770) identifizieren, einen Kontrabassisten und Kantor. José Quitin: Les maîtres de chant et la maîtrise de la collégiale Saint-Denis, à Liège, au temps de Grétry […]. Palais des académies, Bruxelles 1964, S. 6/Anm. 2, 18, 33–38, 93 f. Erst nach drei Jahren erhielt Grétry einen sensibleren Lehrer. Eine italienische Theatertruppe machte ihn mit den Werken von Pergolesi, Galuppi usw. bekannt. In der Kirche trat er nun als Vokalsolist auf. Eine verheilte Tuberkulose war wohl die Ursache dafür, dass er sein Leben lang periodisch Blut spuckte.David Charlton: Grétry and the growth of opéra-comique. Cambridge University Press, 1986, ISBN 978-0-521-25129-7, S. 23/Anm. 20. Seine Schülerin,Sophie de Bawr: Histoire de la musique. Audot, Paris 1823, S. 255 (). die Schriftstellerin und Komponistin Sophie de Bawr (1773–1860), berichtet:

Nach dem Stimmwechsel wurde er zum Geiger umgeschult. Das lokale Jesuitengymnasium scheint er nicht besucht zu haben. Da er zu komponieren begann, verschaffte ihm der Vater Unterricht in Cembalospiel, Generalbass, Harmonik und Kontrapunkt. Nachdem Grétry sechs Sinfonien zur Aufführung gebracht hatte, wurde er vom Propst von Saint-Denis ermutigt, seine Studien in Rom fortzusetzen. Eine Große Messe trug ihm eine Gratifikation des Stiftskapitels ein. Seine Stelle sollte während seiner Abwesenheit vom Bruder versehen werden. Seine Erfahrungen mit der Kirche machten ihn zum Deisten.Manuel Couvreur: Le diable et le bon dieu ou L’incroyable rencontre de Sylvain Maréchal et de Grétry. In: Roland Mortier, Hervé Hasquin [Hrsg.]: Fêtes et musiques révolutionnaires : Grétry et Gossec. Éditions de l’Université de Bruxelles, 1990, ISBN 2-8004-0994-0 (), S. 99–125, hier: S. 104, 116.

Rom (1760–1766)

mini|Lateranbasilika, Rom mini|Gedenktafel in Genf 1760 reiste der 19-Jährige zu Fuß in die Ewige Stadt. Dort gewährte die Fondation Darchis Stipendiaten aus Lüttich Kost und Logis. Enttäuscht von einem ersten Lehrer, wechselte Grétry zum Kapellmeister der Lateranbasilika, Giovanni Battista Casali. Von einer schweren Erkrankung erholte er sich bei einem Einsiedler. Erhalten sind sechs in Rom entstandene Streichquartette (: Nr. 6, c-Moll, 2. Satz, Allegro moderato, Quatuor Cambini-Paris). Am Karneval von 1765 brachte Grétry mit Erfolg zwei Intermezzi mit dem Titel La vendemmiatrice (Die Winzerin) zur Aufführung. Dank der Ratschläge Padre Martinis bestand er in Bologna die Prüfung zur Aufnahme in die Accademia Filarmonica.Suzanne Clercx: Le rôle de l’Académie Philharmonique de Bologne dans la formation d’A. M. Grétry. In: Quadrivium. 8/1967, S. 75–85. Mit Martini blieb er in brieflichem Kontakt.Georges de Froidcourt [Hrsg.]: La correspondance générale de Grétry […]. Brepols, Bruxelles 1962, S. 26–36, 38–40, 56–61, 64 f., 98 f., 104–107. In Rom entstand weiter ein Konzert für Flöte, zwei Hörner und Orchester, das er für Lord Abingdon schrieb (: Jean-Pierre Rampal).John Solum: Concerning the authenticy of Grétry’s flute concerto. In: Revue de la Société liégeoise de musicologie. 7/1997, S. 75–85 (). Grétry erlebte dort auch die erste Liebe, doch wollte ihm die Geliebte nicht in die Fremde folgen.Lucien Solvay, Ernest Closson [Hrsg.]: Réflexions d’un solitaire par A.-E.-M. Grétry […]. 1. Band, G. Van Oest & Cie., Bruxelles/Paris 1919, S. 37 f. ().

Genf (1766/67)

Eine Partitur der Opéra-comique Rose et Colas von Monsigny erweckte in Grétry den Wunsch, in Paris zu arbeiten. Andererseits lud ihn Abingdons Flötenlehrer nach Genf ein. So beschloss er, dort Geld zu verdienen, um sich dann in der Hauptstadt Frankreichs etablieren zu können. Casali gab ihm ein Empfehlungsschreiben mit, in dem er ihn einen nannte!François-Joseph Fétis: Biographie universelle des musiciens […]. Meline, Cans et compagnie, Bruxelles 1837, 3. Band, S. 62 (). Grétry mühte sich ab, zahlungskräftigen Schülerinnen Gesangsunterricht zu erteilen. Dem durchreisenden Wunderkind Mozart legte er eine Komposition vor, die der Zehnjährige nicht ohne zu schummeln vom Blatt spielen konnte.Mémoires, ou Essais sur la musique ; par le C[itoy]en Grétry […]. 1. Band, Paris Jahr 5 (1797), S. 84 f. (); Pauline Long des Clavières: La jeunesse de Grétry […]. Besançon 1920, S. 103–105 (). Später unterrichtete Grétry selber Wunderkinder, worunter seine Tochter Lucile. Robert Adelson, Jacqueline Letzter: Mozart Fille : Lucile Grétry (1772–1790) and the forgotten tradition of girl musical prodigies. In: Brigitte Van Wymeersch [Hrsg.]: Mozart aujourd’hui. Presses universitaires de Louvain, Louvain-la-Neuve 2006, S. 249–261. Genf ließ gerade das Theater wieder zu, welches Calvin verboten hatte. So schrieb Grétry hier seine erste Opéra-comique, und diese Neuvertonung von Isabelle et GertrudeSophie de Bawr: Grétry. In: Édouard Mennechet [Hrsg.]: Le Plutarque français […]. 7. Band, Paris 1840 (), S. 2; Pauline Long des Clavières: La jeunesse de Grétry […]. Besançon 1920, S. 88–99 (); David Charlton: Grétry and the growth of opéra-comique. Cambridge University Press, 1986, ISBN 978-0-521-25129-7, S. 24–26, 32. Bei den nachstehend erwähnten Bühnenwerken Grétrys handelt es sich, wenn nichts anderes vermerkt ist, ebenfalls um Opéras-comiques. (1767) gefiel. Das Libretto von Favart basiert auf einer Erzählung Voltaires, der den jungen Komponisten protegierte.Mémoires, ou Essais sur la musique ; par le C[itoy]en Grétry […]. 1. Band, Paris Jahr 5 (1797), S. 132–139, 143 f., 165–167 (); David Charlton: Grétry and the growth of opéra-comique. Cambridge University Press, 1986, ISBN 978-0-521-25129-7, S. 40 f.

Paris (1767–1798)

Bis zur Thronbesteigung Ludwigs XVI.

mini|hochkant|Marmontel (Alexander Roslin, 1767) Während sein Vater sich in Lüttich zu Tode trank,Lucien Solvay, Ernest Closson [Hrsg.]: Réflexions d’un solitaire par A.-E.-M. Grétry […]. Band 3, G. Van Oest & Cie., Bruxelles/Paris 1921, S. 68 (). wurde Grétry vom späteren Premierminister Schwedens Graf Creutz darüber hinweggetröstet, dass sein erstes Pariser Werk Les mariages samnites (Die samnitischen Heiraten) 1768 nicht aufgeführt wurde. Im selben Jahr veranlasste Creutz Marmontel, für Grétry nach einer Erzählung von Voltaire das Libretto der Opéra-comique Le Huron (Der Hurone) zu schreiben. Diese reüssierte an der Comédie-Italienne,Die Comédie-Italienne behielt den Namen, auch nachdem sie 1780 das italienische Repertoire aufgegeben hatte. Clarence D. Brenner: The Théâtre Italien, its Repertory 1716–1793. University of California, Berkeley 1961, S. 13. die zwar ein geringeres Prestige als die Pariser Oper und die Comédie-Française, aber ein beliebtes Ensemble hatte.Zu nennen sind vor allem Joseph Caillot, Jean-Baptiste Guignard genannt Clairval und Marie-Thérèse Laruette. (: Arie der Mlle de St-Yves, Aurore Bureau, Les Agrémens, Guy Van Waas)

Als Grund des Erfolgs nennt Sophie de Bawr: Sophie de Bawr: Grétry. In: Édouard Mennechet [Hrsg.]: Le Plutarque français […]. 7. Band, Paris 1840 (), S. 4. Die Eigenart von Grétrys Bühnenschaffen erklärt sich durch den Vorrang der Melodik vor der Harmonik in der italienischen Musik seiner Zeit und jenen der Deklamation vor der Musik in der Opéra-comique. Letztere hatte sich aus dem Vaudeville entwickelt, bei dem die Mitglieder des Ensembles in erster Linie Schauspieler und erst in zweiter Linie Sänger waren.Sophie de Bawr: Histoire de la musique. Audot, Paris 1823, S. 251–255 (). Das Orchester aber bestand damals aus nur zwei Kontrabässen, vier Geigen, zwei Bratschen, zwei Klarinetten, zwei Flöten und zwei Hörnern.Sophie de Bawr: Grétry. In: Édouard Mennechet [Hrsg.]: Le Plutarque français […]. 7. Band, Paris 1840 (), S. 1.

Grétry erhielt das Image eines AufklärersDavid Charlton: Grétry and the growth of opéra-comique. Cambridge University Press, 1986, ISBN 978-0-521-25129-7, S. 63. und eines romantischen Künstlers. Grimm brachte es auf die Formel: Maurice Tourneux [Hrsg.]: Correspondance littéraire, philosophique et critique […]. 8. Band, Paris 1879, S. 165 (). Sophie de Bawr schreibt: Sophie de Bawr: Grétry. In: Édouard Mennechet [Hrsg.]: Le Plutarque français […]. 7. Band, Paris 1840 (), S. 5. Und der Gatte einer Nichte, Louis-Victor Flamand-Grétry, ergänzt: Louis-Victor Flamand-Grétry: L’Ermitage de J. J. Rousseau et de Grétry […]. Montmorency/Paris 1820, S. 140* f. (). Abbé Galiani glaubte ihn vor warnen zu müssen, die sein Klavier umringten.Lucien Solvay, Ernest Closson [Hrsg.]: Réflexions d’un solitaire par A.-E.-M. Grétry […]. Band 2, G. Van Oest & Cie., Bruxelles/Paris 1920, S. 146 (). Grétry hütete sich aber, einer Frau zu gestehen, dass sie ihn beim Komponieren inspiriere, fürchtete er doch, dadurch die Inspiration zu verlieren.Lucien Solvay, Ernest Closson [Hrsg.]: Réflexions d’un solitaire par A.-E.-M. Grétry […]. Band 4, G. Van Oest & Cie., Bruxelles/Paris 1922, S. 184 ().