Die österreichische Gemeinde Kals am Großglockner gehörte jahrhundertelang zum Herzogtum Kärnten bzw. zum Reich der Görzer. Erst 1500 kam sie durch Vererbung an das Land Tirol. Geprägt wurde das Gebiet von der Landwirtschaft und den Kalser Bauern, die bis 1850 unter dem geltenden Freistiftrecht litten, dass sie besonders stark durch Abgaben an die Grundherren belastete. Erst durch die Bauernbefreiung und den ab 1855 einsetzenden Tourismus erlebte die Gemeinde einen leichten Aufschwung. Ein grundlegender Wandel in der Landwirtschaft und eine wesentliche Steigerung des Tourismus vollzog sich jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg. Gleichzeitig wurde Kals durch die Diskussion über das Kraftwerk Dorfertal österreichweit bekannt, dessen Verhinderung und die gleichzeitige Gründung des Nationalparks Hohe Tauern die Hinwendung zum sanften Tourismus ermöglichte. mini|Der Kalser Hauptort Ködnitz mit der Kalser Pfarrkirche St. Rupert mini|Der Großglockner, gesehen vom Ködnitztal

Namensgeschichte Der Name Kals wurde ursprünglich für den ganzen Talkessel verwendet und entstammt der slawischen Wurzel Kal-, die die Bedeutung Schlamm oder Lache hat. Eine Deutungsmöglichkeit für die Namensnennung geht davon aus, dass die Slawen im Frühmittelalter das Vieh durch den Talkessel treiben mussten, wo der Kalserbach aus vielen Rinnsalen besteht und zahlreiche Lachen bildete. Louis Oberwalder: Kals. Dem Himmel nahe. Kals am Großglockner 2004, S. 101.

Ur- und Frühgeschichte Forscher gehen heute davon aus, dass das Kalser Tal in der Altsteinzeit von Jägern und Sammlern aufgesucht wurde und vor rund 9.000 Jahren besiedelt war. Die ältesten Funde auf dem Kalser Gemeindegebiet stammen aus der Steinzeit. Herausragender Fundplatz ist die Umgebung um den riesigen Felsklotz, der von den Einheimischen Gradonna genannt wird. Hier, im Nordosten der Fraktion Burg, in einer Höhe von 1.540 m, wurden 1975 bei einem Kapellenbau 50–70 Steinbockschädel freigelegt, die teilweise kreisförmig um eine Feuerstelle angeordnet waren. Dies lässt einen Opferkult vermuten, da den Hörnern und Köpfen magische Bedeutung sowie die Weitergabe von Mut und Klugheit zugeschrieben wurde. Funde aus dem Jahre 1995 stellen eine Verbindung zu einer mesolithischen Kultur aus der Zeit zwischen 9000 und 5300 v. Chr. her. Am Gradonna wurden die ältesten Keramiken Osttirols gefunden, darunter das Randstück einer so genannten „vasi a bocca quadrata“ (Gefäß mit viereckiger Öffnung) gefunden. Noch älter ist ein 1995 entdecktes Keramikstück, dass ein vor dem Brand eingerissenes stacheldrahtähnliches, strichgefülltes Dreiecksmuster aufweist. Dieses Fundstück deutet auf einen älteren Abschnitt der Vasi-a-bocca-quadrata-Kultur und wurde auf das 5. Jahrtausend v. Chr. datiert. Ein weiterer Fund wurde 1953 am Kalserbach gemacht. Ein herzförmiger Prasinitstein mit sauberem Bohrloch stellte sich als bronzezeitlicher Steinhammer heraus, der um die Zeit 2000 v. Chr. datiert wurde. Louis Oberwalder: Kals. Dem Himmel nahe. Kals am Großglockner 2004, S. 102.

Auch Bronzefunde wurden am Gradonna sichergestellt. Es handelt sich dabei um ein Bronzeschwert, das zwischen 1500 und 500 v. Chr. gefertigt wurde. Das Schwert, das sich in der prähistorischen Sammlung München befand, ist heute verschollen. Während der späten Eisenzeit (La-Tène-Zeit) drangen Kelten in den Alpenraum ein und lösten die vorkeltische Bevölkerung ab. Diese wurde früher den Illyrern zugerechnet, heute vermuten Fachleute auch eine ältere, im Alpenraum lebende Bevölkerung, die sie als „Tirolische Kulturprovinz“ bezeichnen. Der Stamm der Laianken, der sich in Osttirol angesiedelt hatte, schloss sich gegen Ende des 2. Jahrhunderts v. Chr. mit anderen keltischen Stämmen zu einem losen Staatenbund, dem Königreich Noricum, zusammen. Dieses Reich unterhielt einen regen Handel mit den benachbarten Römern und anerkannte 15 v. Chr. die römische Oberhoheit über das Gebiet von Noricum. Noricum wurde so zu einer römischen Provinz. Louis Oberwalder: Kals. Dem Himmel nahe. Kals am Großglockner 2004, S. 102.Katholischer Tiroler Lehrerverein (Hrsg.): Bezirkskunde Osttirol. Innsbruck 2001, S. 13, 18.

Römerzeit mini|150px|Bronzestatue Victoria von Kals aus dem 2. Jahrh. n. Chr. Während die Stadt Aguntum in der Römerzeit überregionale Bedeutung erlangte, kam dem Kalser Tal eine untergeordnete Rolle zu. Wirtschaftlich war vermutlich der verstärkte Verkehr über den Kalser Tauern von Bedeutung, während auch die Kalser Bevölkerung von neuen Anbaumethoden und dem technischen Fortschritt profitierte. Relikte aus der Römerzeit sind ein bei Lana gefundener Keramikbecher mit Silbermünzen, die das Porträt des Kaisers Septimius Severus (193 bis 211 n. Chr.) tragen sowie eine 10,3 cm große Bronzestatue der Siegesgöttin Victoria, die 1931 bei Kanalbauarbeiten ausgegraben wurde.Louis Oberwalder: Kals. Dem Himmel nahe. Kals am Großglockner 2004, S. 104.

Kals im Mittelalter Frühmittelalter Ab dem 5. Jahrhundert drangen germanische und slawische Stämme auf breiter Front in die römischen Provinzen ein. 400/406 wurde das regionale Zentrum Aguntum von den einfallenden Stämmen schwer beschädigt und 610 bei einer großen Schlacht zwischen Baiern und Slawen endgültig zerstört. Nach der Schlacht drangen die Slawen in die Täler Osttirols vor und besetzten diese bis zum Kristeinerbach. Auch im Kalser Tal siedelten sich Slawen an, romanische Bevölkerungsteile konnte sich jedoch noch längere Zeit in führenden Wirtschaftspositionen halten. In wechselnden Kämpfen verloren die Slawen im 8. Jahrhundert die Vorherrschaft über Osttirol wieder an die Bajuwaren, womit das Gebiet in das Herzogtum Baiern eingegliedert wurde. 769 setzt durch die Gründung des Klosters Innichen die Christianisierung ein. A. Plattner vertritt die Ansicht, dass in Kals bereits um 800 eine karolingische Reichspfarre mit einem Reichshof gegründet worden sei, deren Kirche dem heiligen Petrus geweiht war.A. Plattner: Die karolingischen Reichshöfe und Reichspfarren in Osttirol. In: Osttiroler Heimatblätter. Jahrgang 18, Lienz 1950, Nr. 4, S. 3 (PDF auf osttirol-online.at).

Im Kalser Tal siedelten sich ab dem späten 8. Jahrhundert vermehrt bajuwarische Siedlern an. Gleichzeitig setzte eine schleichende aber friedliche Germanisierung ein, die durch die Kulturpolitik der bayrischen Adelsgeschlechter verstärkt wurde. Dennoch wurde im Kalser Tal vermutlich noch bis ins 13. Jahrhundert auch Slawisch gesprochen und auch die romanische Sprache starb im Mittelalter nur langsam aus. Eine umfangreiche Namenforschung im Kalser Tal ergab, dass 65 % der Flur-, Dorf- und Personennamen als deutsch bzw. bairisch zu deuten sind. 6 % sind aus dem Slawischen abzuleiten, 29 % aus dem Romanischen (Ladinisch bzw. Vorrömisch). Von den 13 Dorfnamen inklusive Kals entstammen immerhin sechs der slawischen Sprache.

Nach der Entmachtung von Herzog Tassilo III. 788 gliederte Karl der Große das Herzogtum Baiern mit Osttirol in das Frankenreich ein. Um den missionarischen Einfluss in der Region buhlten wiederum lange Zeit das Erzbistum Salzburg sowie das Patriarchat Aquileia. 811 legte Karl der Große die Drau als Grenze zwischen den beiden Bistümern fest. Kals fiel dadurch in die kirchliche Einflusssphäre Salzburg, die bis 1818 bestehen blieb. Im weltlichen Bereich blieb zunächst der bairische Einfluss. Nachdem der bairische Herzog Heinrich II. eine Rebellion gegen Kaiser Otto II. angeführt hatte, trennte dieser daraufhin Teile des heutigen Osttirols und Kärnten von Baiern ab und gründete 976 das selbständige Herzogtum Kärnten.

Hoch- und Spätmittelalter mini|Die Kalser Pfarrkirche St. Ruprecht, erstmals 1274 urkundlich genannt Im 11. Jahrhundert zerfiel das Herzogtum Kärnten in vier Gaue. Der westlichste, Lurngau genannt, umfasste auch das Kalser Tal und unterstand den Grafen von Lurngau (Meinhardiner), die sich ab 1120 als Grafen von Görz bezeichneten. Meinhard von Görz erbte 1253 Tirol und vereinte es mit seinen Ländereien. Nach Meinhards Tod wurde der Besitz wieder unter seinen Söhnen geteilt. Kals fiel an Albert II., der seinen Besitz in Landgerichte einteilte. Das Landgericht des Lurngaus wurde in Lienz eingerichtet, wobei man das Landgericht administrativ in die Zugerichte Kals, Virgen und Lienzer Klause einteilte. Das Niedergericht Kals wurde ca. 1280 gegründet.

Erstmals urkundlich erwähnt wurde Kals am 19. August 1197 im Zuge eines Gerichtstages in Patriasdorf, einem Stadtteil der heutigen Stadt Lienz. Die überlieferte Urkunde bestätigt die Entlassung mehrerer Untergebener durch Graf Heinricus de Matrei in die ewige Freiheit, wobei dies auch von Rainardus plebanus de Calce (Reinhard, Pfarrer von Kals) bezeugt wurde. Als Bestandteil der Lurngaus und unter germanischem Recht stehend war das Kalser Tal als erobertes Gebiet Herzogsland. Dieser vergab das Kalser Tal als Lehen. Wie in der gesamten Herrschaft Lienz galt auch in Kals das Freistiftrecht, das dem Lehnsherren umfangreiche Recht übertrug und die Bevölkerung bis 1782 stark belastete.

1299 sind im Görzer Urbar 50 Freistiftgüter in Kals verzeichnet, wovon neun größeren Umfang hatten. Zuvor wurde 1274 bereits die Kalser Ruprechtskirche urkundlich genannt, für deren Altar Albrecht von Görz Geld stiftete. 1331 wurde in Avignon, wo sich das päpstliche Exil befand, die Kalser Pfarrkirche an Heinrich von Brixen verliehen, der als designierter Pfarrer den Zehnt einnehmen konnte, ohne das Amt selbst auszuüben. Bischof Heinrich von Lavant weihte mit Erlaubnis des Erzbischofs Pilgrim von Salzburg 1366 die nahe liegende Filialkirche St. Georg. Neben zahlreichen Besitzurkunden und Quellen über religiöse Belange gehen die Urkunden aus dem Spätmittelalter auch auf militärische Belange und die Viehzucht in Kals ein. 1424 bestätigt eine Urkunde, dass Metzger aus Lienz zu jener Zeit das Recht hatten, in Kals Vieh zu erwerben. Die 36 Ochsen und 14 Terz, die die Metzger 1424 in Kals erwarben, dürften dem Hof der Görzer oder den Lienzer Bürgern zugutegekommen sein. Ein Musterungsliste aus dem Jahr 1428 berichtet wiederum, dass die Görzer Grafen in Kals über 34 Schützen mit Armbrüsten und 52 Krieger mit Spießen verfügte.Hilda Antonia Leimser: Geschichte von Kals am Großglockner durch die Jahrhunderte. Kals am Großglockner 1998.

Neuzeit Kals vom 15. bis zum 18. Jahrhundert mini|Maximilian I. vereinigte Kals mit dem Land Tirol Bereits 1462 hatte Graf Leonhard von Görz mit dem Landesfürsten von Tirol und Vorderösterreich Erzherzog Siegmund einen Erbvertrag geschlossen. Dieser garantierte Siegmund im Falle eines kinderlosen Todes des Görzers den Erhalt zahlreicher Gerichte im Pustertal und angrenzenden Gebieten, zu denen auch das Landgericht Lienz mit Kals gehörte. Nach dem Tod Leonhards im Jahre 1500 fiel das Gebiet an Maximilian I., das dieser im Februar 1501 an die Grafschaft Tirol angliederte. Aus Geldmangel verkaufte Maximilian am 10. August 1501 die Stadt Lienz sowie das Landgericht und die zugeordneten Ämter an Freiherr Michael von Wolkenstein-Rodenegg. Er selbst behielt sich nur die Landeshoheit vor, zu der unter anderem das Steuerwesen, die Wehrpflicht und die Bergwerke gehörten. Durch den Verkauf des Gebietes scheiterte auch eine geplante Umwandlung der Freistiftgüter in die Erbleihe. Für die Kalser Bauern bedeutete dies eine Fortführung der starken Belastungen.