mini|Doppelter Mauerring der Stadtbefestigung mini|Graben der Stadtbefestigung mini|Plastik des „Greußener Schweinchens“ mini|hochkant|Denkmal für Opfer des Stalinismus in Greußen
Die Kleinstadt Greußen ist eine Landgemeinde im Kyffhäuserkreis in Thüringen. Greußen ist der Sitz der Verwaltungsgemeinschaft Greußen, ohne jedoch dazuzugehören.
Geographie Lage Die Stadt Greußen befindet sich am Fuß der südlichen Abdachung der Hainleite im Thüringer Becken in einem Ackerbaugebiet. Die Stadt und ihre Gemarkung wird von der Schwarzburger, der Loch-, der Kupfer- und der Sächsischen Helbe sowie dem Steingraben, dem Urbett der Helbe, durchflossen. Die Bundesstraße 4 und die Landesstraßen 2133 und 1041 erschließen die Stadt verkehrsmäßig. Die Bahnstrecke Wolkramshausen–Erfurt führt mit einer Bahnstation in Greußen durch die Stadt.
Die Stadt Greußen mit ihrem Ortsteil Grüningen ist räumlich von den anderen Ortsteilen getrennt.
Stadtgliederung Greußen besteht gemäß der HauptsatzungHauptsatzung der Stadt Greußen vom 8. März 2021, aufgerufen am 2. Juni 2023 aus den Ortschaften Greußen (bestehend aus den Ortsteilen Greußen und Grüningen), Großenehrich (bestehend aus den Ortsteilen Bliederstedt, Großenehrich, Niederspier, Otterstedt, Rohnstedt, Wenigenehrich und Wolferschwenda) und Engelsdörfer (bestehend aus den Ortsteilen Feldengel, Holzengel, Kirchengel und Westerengel).
Geschichte Vorzeit bis 1871 In vor- und frühgeschichtlicher Zeit war das Greußental von einem See bedeckt, der etwa um Christi Geburt durch Erosion zugeschwemmt war. Geologisch interessant ist das Greußener Tuffgestein. Zahlreiche Bodenfunde bezeugen eine starke Besiedlung des Gebiets um den See in frühgeschichtlicher Zeit. Nördlich von Greußen wurde 1858 in einem Holzschacht einer der wertvollsten Bodenfunde Nordthüringens gemacht. Der Opferfund besteht aus sechs germanischen Kultgefäßen aus der Zeit um 200 n. Chr. Eines davon, das Greußener Schweinchen, hat die Gestalt eines Ebers.
860 wurde der Ort erwähnt als Gruzzi. Der Ortsname kommt vom althochdeutschen Wort Grus für Sand. Davon wiederum leitet sich Gruzen – „ein Ort auf Sand“ ab. In der Karolingerzeit kam das Gebiet der „Drei Greußen“ (West-, Cling- und Markt-Greußen) durch Schenkung wohl fränkischer Grundherren an das Kloster Fulda. Das Gebiet der Altstadt wurde um 900 besiedelt. Die Gegend lag im Herrschaftsbereich der Ludowinger, dann der Wettiner, ab 1319 der Grafen von Honstein und ab 1356 der Grafen von Schwarzburg.
Im Ortsteil Grüningen stand auf dem Platz des Schlosses eine Burg. Die Anhöhe dieser Gebäude wurde und wird vom Wasserlauf der Helbe umflossen. Im 13. Jahrhundert wurden Herren von Grüningen in Urkunden genannt, die sicherlich Besitzer der Burg waren. Auf der mittelalterlichen Anlage, die nur noch aus Wällen, Gräben und Mauerresten bestand, wurden heute ein Altersheim und Kindergarten gegründet.Michael Köhler: Thüringer Burgen und befestigte vor- und frühgeschichtliche Wohnplätze. Jenzig-Verlag, 2001, ISBN 3-910141-43-9, S. 120.
1250 gründete der Wettiner Landgraf den Ort Marktgruzen. Im Jahr 1353 erhielt Greußen Stadtrecht. Es durfte auch eigene Münzen prägen, die Greußen-Pfennige. Der Ort profitierte von seiner Lage an der Kreuzung von Handelsstraßen, war ein „Nahmarkt“ für eine weitere Umgebung und wurde Handwerkersiedlung. Besonders im 16. Jahrhundert waren Wein- und Waid-Anbau von Bedeutung. Wirtschaftlich spielte auch der Abbau von Greußener Tuffgestein und darunterliegendem Helbe eine große Rolle. 1491 brannte Greußen bis auf zwölf Häuser nieder. Im Dreißigjährigen Krieg wurde „geplündert, geraubt und totgeschlagen von allen Parteien“. 1625 starben 843 von 1300 Einwohnern an der Pest. 1687 wurde Greußen durch einen schweren Stadtbrand betroffen. In den Napoleonischen Kriegen 1807 bis 1813 hatte das Fürstentum Schwarzburg-Sondershausen den Napoleonischen Truppen Soldaten zu stellen. 1810 wurde eine Greußener Einheit in Spanien aufgerieben. 1834 vernichtete ein Großbrand fast die ganze Stadt. Zum Wiederaufbau wurden auch die oberen Teile der ehemals weit höheren Stadtmauer verwendet.
1871 bis jetzt In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nahm auch Greußen an der raschen Industrialisierung teil, insbesondere nach der Gründung des Deutschen Reichs 1871. 1878 wurde der „Verschönerungsverein“ der Stadt ins Leben gerufen.
Bis 1918 gehörte Greußen zur Unterherrschaft des Fürstentums Schwarzburg-Sondershausen, dann ab 1920 zum Land Thüringen, von 1952 bis 1990 zum Bezirk Erfurt, seitdem zum Bundesland/Freistaat Thüringen.
Während des Zweiten Weltkrieges mussten Kriegsgefangene aus der Sowjetunion sowie Frauen und Männer aus Polen in der Landwirtschaft Zwangsarbeit leisten. Elf Polinnen wurden bei einem alliierten Bombenangriff im April 1945 getötet, weil sie auf dem Feld, auf dem sie arbeiteten, keinen Schutz suchen konnten. Zusammen mit 19 deutschen Bombenopfern wurden sie auf dem Friedhof des Ortes begraben. Vier umgekommene sowjetische Zwangsarbeiter liegen auf dem Friedhof im Ortsteil Grüningen.Thüringer Verband der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten und Studienkreis deutscher Widerstand 1933–1945 (Hrsg.): Heimatgeschichtlicher Wegweiser zu Stätten des Widerstandes und der Verfolgung 1933–1945 (= Heimatgeschichtliche Wegweiser. Band 8: Thüringen). Erfurt 2003, ISBN 3-88864-343-0, S. 169.
Am 7. April 1945, kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs, erlebte Greußen zwei Angriffe amerikanischer Jagdbomber. Diesen fielen eine Reihe von Wohnhäusern zum Opfer, auch das Rathaus wurde beschädigt. Es gab 36 Tote unter der Zivilbevölkerung, darunter 13 Kinder.Jürgen Möller: Der Kampf um Nordthüringen im April 1945. Verlag Rockstuhl, Bad Langensalza 2010, ISBN 978-3-86777-212-9, S. 132. Am 11. April 1945 wurde Greußen kampflos von der US-Armee besetzt. Diese wurde Anfang Juli – gemäß Londoner Abkommen von September 1944 über die Bildung von Besatzungszonen in Deutschland – von der Roten Armee abgelöst und das Gebiet kam entsprechend zur SBZ. Das Sparkassengebäude wurde sowjetische Kommandantur, ein Geschäftshaus (heute Filiale der Drogeriekette Rossmann) Sitz des NKWD. Alle leitenden Verwaltungsstellen und die Polizei wurden mit Kommunisten besetzt. Es erfolgten Entnazifizierung, Verhaftungen, Deportationen, Enteignungen und Beschlagnahmen. So machte der Ort alle politischen und wirtschaftlichen Veränderungen in der SBZ und ab 1949 in der DDR mit.
Von Oktober 1945 bis Januar 1946 wurden 38 Greußener Jugendliche aufgrund von Denunziationen unter Werwolf-Vorwurf verhaftet, an das NKWD ausgeliefert, von einem Sowjetischen Militärtribunal in Sondershausen zu hohen Zuchthausstrafen verurteilt und – ohne Information der Eltern – in das berüchtigte Speziallager Nr. 7 Sachsenhausen eingeliefert. Von den unschuldig verurteilten 38 „Greußener Jungs“ verstarben dort 24 unter extremen Bedingungen. Die 14 Überlebenden kamen erst im Jahre 1950 frei. Den Entschluss zur Errichtung eines Erinnerungsmals an diese Ereignisse fasste der erste nach der politischen Wende wieder frei gewählte Stadtrat von Greußen bereits auf seiner ersten Sitzung. Am 24. November 1990 wurde der Gedenkstein in Anwesenheit von vier Überlebenden feierlich eingeweiht.
Greußen gehörte seit 1992 zur Verwaltungsgemeinschaft Greußen. Am 1. Januar 2021 fusionierte die Stadt Greußen mit der Stadt Großenehrich und der Gemeinde Wolferschwenda zur Stadt und Landgemeinde Greußen und verließ gleichzeitig die Verwaltungsgemeinschaft.Zweites Thüringer Gesetz zur freiwilligen Neugliederung kreisangehöriger Gemeinden im Jahr 2019 (2. ThürGNGG 2019) vom 10. Oktober 2019, §6, abgerufen am 2. Januar 2021.
Einwohnerentwicklung Entwicklung der Einwohnerzahl (31. Dezember): Datenquelle: Thüringer Landesamt für Statistik 1994: 4370 1995: 4316 1996: 4295 1997: 4270 1998: 4259 1999: 4164 2000: 4122 2001: 4010 2002: 4049 2003: 4006 2004: 3959 2005: 3950 2006: 3908 2007: 3887 2008: 3824 2009: 3779 2010: 3748 2011: 3713 2012: 3703 2013: 3655 2014: 3622 2015: 3610 2016: 3618 2017: 3557 2018: 3480 2019: 3432 2020: 3403 2021: 5774 2022: 5677 2023: 5602 2024: 5544
Politik Die Stadt Greußen ist Sitz der Verwaltungsgemeinschaft Greußen.
Gemeinderat Die Kommunalwahl vom am 26. Mai 2024 führte zu folgendem Ergebnis für die Zusammensetzung des Gemeinderats:Thüringer Landesamt für Statistik, Gemeinderatswahl 2024 in Thüringen – endgültiges Ergebnis für Greußen, abgerufen am 10. August 2024 mini|Rathaus Greußen
Partei / Liste Stimmenanteil Sitze CDU 35,8 % 7 SPD 26,5 % 5 parteilos – für Großenehrich und seine Ortsteile 20,0 % 4 BI Engelsdörfer 17,7 % 4 Gesamt 100 % 20 Wahlbeteiligung: 56,7 %
Bürgermeister Der hauptamtliche Bürgermeister Torsten Abicht (SPD) wurde am 11. Juli 2021 gewählt.
Wappen Gemäß der Hauptsatzung führt die Landgemeinde Stadt Greußen kein eigenes Wappen.
Städtepartnerschaften Greußen pflegt eine Partnerschaft mit Creußen in Bayern (Oberfranken).
Sehenswürdigkeiten mini|hochkant|Stadtkirche St. Martini Die evangelische Kirche St. Martini ist in ihrer heutigen Form überwiegend nach dem großen Stadtbrand von 1687 entstanden, wobei Reste des Vorgängerbaus verwendet wurden. Die seit mehreren Jahren andauernde Renovierung ist bisher (Stand 2008) zu drei Vierteln abgeschlossen. Das freistehende Rathaus war 1491 und 1687 völlig abgebrannt. 1834 blieben nach dem Brand die Umfassungsmauern stehen und bildeten die Grundlage für den Wiederaufbau. Bis zum Jahr 2006 erfolgte eine umfassende Restaurierung.Sanierung Rathaus Greußen auf den Seiten der Architektenkammer Thüringen. Sie wurde mit dem Thüringischen Denkmalpreis gewürdigt. Neben dem Rathaus steht das „Greußener Schweinchen“: die vergrößerte Nachbildung einer bei Greußen gefundenen germanischen Kultfigur aus der Zeit von 200 bis 300 n. Chr. Das Heimatmuseum befindet sich seit September 2008 im Rathaus: modernisiert und ergänzt auf der Grundlage der umfangreichen Sammlung von Paul Lührmann. Der Marktplatz liegt langgestreckt auf einer Seite des Rathauses und der Töpfermarkt auf der anderen Seite des Rathauses. Ein Denkmal von 1990 in den Anlagen vor der Staatlichen Regelschule (ehem. Bürgerschule) erinnert: Zum Gedenken der ersten Opfer des Stalinismus in Greußen 1945/1946, mit den Namen der 38 betroffenen „Greußener Jungs“. 24 von ihnen kamen im Speziallager Sachsenhausen um. Ein Denkmal für die im Ersten Weltkrieg Gefallenen hat man 1922 errichtet. Nach 1945 wurde der Körper des Kriegers entfernt, jedoch geborgen und nach der Wende wieder auf den Sockel gebracht. Die Namen sind zum Teil verwittert (2014). Der Denkmalsockel trägt eine zusätzliche Tafel mit der Inschrift: „Zu Ehren der Gefallenen des 2. Weltkrieges und allen Opfern der Gewaltherrschaft, Vertreibung und Flucht. Die Bürger der Stadt Greussen“ Das Haus der Pressler-Stiftung ist ein Diakonissenheim. Das Kulturhaus war bis 1945 als Schützenhaus das Vereins- und Versammlungshaus der Stadt, dann vorübergehend Sitz der SED- und der Antifa-Ortsgruppe. Heute befindet sich dort ein Restaurant Die Stadtmauer ist teilweise doppelt mit Zwingermauer erhalten, wenn auch erheblich niedriger als früher. Der Stadtgraben ist zugeschüttet, mit anschließendem Grüngürtel und teilweise gesäumt von kleinen Gartenanlagen. Eine Tafel an der Mauer erinnert an den Justizhauptmann Hartmann vom Verschönerungsverein der Stadt. Eine große Industrie-Ruine ist das alte Malzwerk. Im Schloss Grüningen im Ortsteil Grüningen lernte der bedeutende deutsche Frühromantiker Friedrich von Hardenberg (Novalis) 1794 seine spätere Verlobte Sophie von Kühn kennen, die schon wenig später verstarb.