Öffentliche Meinung (Lehnübersetzung von ) bezeichnet in der Publizistik meist die in einer Gesellschaft insgesamt vorherrschenden Urteile zu Sachverhalten und den damit verbundenen Konformitätsdruck. Sie wird von der Meinung jedes Einzelnen, auch von der Summe aller Einzelmeinungen (vgl. Demoskopie), und von der Meinung der Regierung unterschieden, steht aber in Interdependenz zu ihnen.Elisabeth Noelle-Neumann: Öffentliche Meinung. In: Elisabeth Noelle-Neumann, Winfried Schulz, Jürgen Wilke (Hrsg.): Fischer Lexikon Publizistik / Massenkommunikation. 2. Auflage. [Fischer], Frankfurt am M. 2009, S. 427–442. Der Sachverhalt ist in allen Kulturen und Zeiten feststellbar. Der Begriff ist seit der Antike nachweisbar, gewann aber vor allem in Europa seit der Aufklärung an politischer Bedeutung und wissenschaftlichem Interesse. Eine allgemein akzeptierte Definition gibt es nicht; so finden sich in ähnlicher, aber nicht synonymer Bedeutung die Begriffe allgemeine Meinung, Bevölkerungsmeinung, Urteil der Öffentlichkeit.Elisabeth Noelle-Neumann: Öffentliche Meinung. In: Elisabeth Noelle-Neumann, Winfried Schulz, Jürgen Wilke (Hrsg.): Fischer Lexikon Publizistik / Massenkommunikation. 2. Auflage. [Fischer], Frankfurt am M. 2009, S. 427 f. Häufig wird die öffentliche Meinung von der veröffentlichten Meinung unterschiedenUlrich Sarcinelli: Öffentliche Meinung. In: Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik. Heidelberg 2013. und von der Mehrheitsmeinung abgehoben,Elisabeth Noelle-Neumann: Öffentliche Meinung. In: Elisabeth Noelle-Neumann, Winfried Schulz, Jürgen Wilke (Hrsg.): Fischer Lexikon Publizistik / Massenkommunikation. 2. Auflage. [Fischer], Frankfurt am M. 2009, S. 438, 442 gelegentlich aber mit ihnen identifiziert.
Definitionen Der Duden definiert öffentliche Meinung als „im Bewusstsein der Allgemeinheit [vor]herrschende Auffassungen hinsichtlich bestimmter [politischer] Sachverhalte“. Das Fischer Lexikon Publizistik/Massenkommunikation enthält die Definition Elisabeth Noelle-Neumanns: „Wertgeladene, insbesondere moralisch aufgeladene Meinungen und Verhaltensweisen …, die man öffentlich zeigen muss, wenn man sich sich nicht isolieren will …“.2. Auflage. 2014, S. 437. Das Politiklexikon von Klaus Schubert und Martina Klein, das von der Bundeszentrale für politische Bildung verlinkt wird, definiert öffentliche Meinung als Sammelbezeichnung für die „empirisch erhobene Meinung oder Einstellung und die publizierte Sichtweise der Einstellung (auch veröffentlichte Meinung, da sie durch die professionell geschulte Journalistik gefiltert ist).“ Der Begriff werde oft zur Verallgemeinerung und Unterstützung der eigenen (partei- und interessen-)politischen Einstellung oder Sichtweisen verwendet. Ulrich Sarcinelli definiert im Handwörterbuch des Politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland: „Öffentlich im politischen Sinne wird etwas vor allem dann, wenn es mit der 'res publica' zu tun hat, wenn es um die Sache aller geht. Von demokratischer Öffentlichkeit ist schließlich zu sprechen, wenn Öffentlichkeit Transparenz herstellt, Diskursivität über Themen, Meinungen und Überzeugungen ermöglicht und Orientierung in der Meinungsvielfalt bietet.“
Der in die deutsche Sprache im achtzehnten Jahrhundert eingeführteErnst Friedländer: Die öffentliche Meinung. In: Die Zeit, Nr. 30/1949. politische Begriff öffentliche Meinung wurde nach Uwe Andersen / Wichard Woyke „zunächst als Waffe im Kampf des erstarkenden Bürgertums um die Ausweitung seiner Rechte verwendet, schließlich aber auch als Waffe zum Schutz der Privilegien des Bürgertums gegenüber den Beteiligungsansprüchen der nichtbürgerlichen Schichten“. Dabei hätten sich in den europäischen Demokratien durchaus unterschiedliche Traditionslinien herausgebildet. In Frankreich die Vorstellung mit der Theorie der „volonté générale“, in England der Gedanke eines „government by public opinion“ im Kampf gegen eine Herrschaft der „volonté générale“. Im Französischen „opinion publique“ würde die Idee von der Etablierung der Regierungsgewalt durch die Öffentlichkeit mitschwingen, während im Angelsächsischen „public opinion“ sich damit zufriedengibt, sie zu kontrollieren (E. Fraenkel 1991). Dem kontinentaleuropäischen Partizipationsideal stehe „die lange englische Machtbegrenzungstradition einer parlamentarisierten Monarchie gegenüber. Skeptische Einschätzungen zur öffentlichen Meinung gewannen allerdings sowohl in Frankreich als auch in England an Boden, als die bürgerliche Öffentlichkeit ihre Exklusivität verlor und sich auch innerhalb des Bürgertums eine zunehmende Interessenheterogenität ausbildete.“Uwe Andersen, Wichard Woyke (Hrsg.): Handwörterbuch des politischen Systems der Bundesrepublik Deutschland. 5., aktual. Auflage. Leske+Budrich, Opladen 2003. Lizenzausgabe Bonn: Bundeszentrale für politische Bildung, 2003; bpb.de abgerufen am 15. November 2013.
In Deutschland bestehe aufgrund der verspäteten Demokratieentwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts dagegen eine Reserve sowie auch Abscheu gegenüber diesem Begriff: „Nicht aus Beobachtung und Erfahrung gewonnene Vorstellungen von öffentlicher Meinung, sondern ein idealisiertes normatives oder auch technokratisches Verständnis fanden lange Zeit staatstheoretisches Interesse. Danach konstituiert sich die öffentliche Meinung aus politisch informierten, selbständig und rational urteilenden Bürgern und begreift sich als ‚Korrelat von Herrschaft‘, das kritisch auf diese einwirkt“ (Noelle-Neumann 1989).
Volkswille Öffentliche Meinung wird oft analog zum Volkswillen verstanden: Das Politiklexikon von Klaus Schubert und Martina Klein, das von der Bundeszentrale für politische Bildung verlinkt wird, definiert Volkswille als unklaren Begriff, der in zwei Richtungen gedeutet werden kann. Es bezeichnet „eine kollektive Meinungsäußerung, die insofern messbar ist, als ihr eine Mehrheit individueller Meinungen zugrunde liegt (empirischer Volkswille)“ sowie die politische Überzeugung, „dass ein objektives Gesamtinteresse angegeben werden kann (hypothetischer Volkswille)“. Dieser Interpretation lägen in der Regel unrealistische „Vorstellungen von umfassender Homogenität und gesellschaftlicher Harmonie zugrunde“.Klaus Schubert, Martina Klein: Das Politiklexikon. 7., aktual. u. erw. Auflage. Dietz, Bonn 2020. Lizenzausgabe: Bundeszentrale für politische Bildung.
Geschichte In den freien antiken Stadtstaaten Kleinasiens, Griechenlands und in Rom äußerten die Vollbürger ihre Meinungen öffentlich auf dem Marktplatz (griechisch: agorá, lateinisch: Forum) in Volksversammlungen und Volksgerichten (Attische Demokratie).
Frühe Massenmedien waren nach der Erfindung des Buchdrucks mit beweglichen Lettern bereits zur Zeit der Reformation verfügbar z. B. in Form von Flugblättern. Im 18. und 19. Jahrhundert kamen zudem die Zeitungen (Intelligenzblätter) und das Theater auf, im 20. Jahrhundert der Film, der Hörfunk, das Fernsehen und mit der elektronischen Revolution das Internet. Die ganze Zeit über bestand und wirkte auch der Buchmarkt.
Im neuzeitlichen Europa verdichtete sich die öffentliche Meinung im heutigen Sinn im 18. Jahrhundert als Meinungsmarkt und dann als eine Waffe des aufsteigenden Bürgertums, somit als neue Form der politischen Autorität, die letztlich das Meinungsmonopol der absolutistischen Regierungen und des in einem Staat jeweils ein Religionsmonopol ausübenden Klerus brach. Der erste Nachweis des Begriffs öffentliche Meinung in deutscher Sprache findet sich 1712 in der Übersetzung einer lateinischen Schrift von Christian Thomasius über die Hexenprozesse, worin der lateinische Begriff Persuasio publica mit öffentlicher Meinung übersetzt wird.
In Frankreich wurde von Jean-Jacques Rousseau in seinem Discours sur les Sciences et les Arts 1750 erstmals von „opinion publique“ gesprochen, allerdings in einem kritischen Sinne gegen die veröffentlichte Meinung, die die Tugend zerstöre.Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. 5. Auflage. Neuwied/Berlin 1971, S. 116. Die „opinion publique“ sei dagegen, so Jürgen Habermas, in Rousseaus Volonté générale „eher ein Konsensus der Herzen als der Argumente“.Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. 5. Auflage. Neuwied / Berlin 1971, S. 121. Im Englischen entstammt der Begriff „public opinion“ wie im Französischen der bloßen „opinion“, Meinung. Der Übergang zur öffentlichen Meinung vollzieht sich dort aber über die Zwischenstufen des „public spirit“ und der „general opinion“. Für 1781 ist „public opinion“ erstmals belegt.Jürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. 5. Auflage. Neuwied / Berlin 1971, S. 115–118. Michael Th. Greven hat zudem an Franz von Holtzendorff als „frühen Theoretiker der ,öffentlichen Meinung‘“ erinnert und dabei indirekt darauf aufmerksam machen wollen, dass schon etablierten Klassikern wie Holtzendorff wie später auch angehenden Klassikern zum Thema (wie beispielsweise Ferdinand Tönnies, Walter Lippmann oder Reinhart Koselleck) in Habermas’ thematisch einschlägig gewordener Habilitationsschrift Strukturwandel der Öffentlichkeit (1962) eine allenfalls marginale Rolle zukam, wiewohl beider, Holtzendorffs und Habermas’, „Optimismus über die heilsame Wirkmächtigkeit der öffentlichen Meinung“ sich durchaus in der „Erwartung“ getroffen habe, „dass angesichts der Möglichkeiten politischer Bildung noch nicht alles verloren sei“.
Mit der erweiterten Öffentlichkeit durch die Arbeiterbewegung („proletarische Öffentlichkeit“Oskar Negt/Alexander Kluge: Öffentlichkeit und Erfahrung. Zur Organisationsanalyse von bürgerlicher und proletarischer Öffentlichkeit. Frankfurt am Main 1972.) und der zunehmenden Demokratisierung gewann die öffentliche Meinung weiter an politischem Gewicht. Von Anfang an vermochten dabei kirchlich oder staatlich unterdrückte Meinungsführer, sich bahnbrechende Teilöffentlichkeiten zu schaffen (z. B. in der Reformation durch Flugblätter, im 19. Jahrhundert durch Broschüren).
Wissenschaftliche Behandlung Soziologische Aspekte Die Soziologie hat in Deutschland bedeutende Analysen der öffentlichen Meinung vorgelegt, so 1922 bahnbrechend Ferdinand Tönnies,Ferdinand Tönnies: Kritik der öffentlichen Meinung. . Hrsg. von Alexander Deichsel, Rolf Fechner, Rainer Waßner. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2002, ISBN 3-11-015349-1 (Ferdinand Tönnies Gesamtausgabe, Bd. 14). Tönnies analysiert den Unterschied zwischen der Öffentlichen Meinung und öffentlicher Meinung. 1962 die (formal politikwissenschaftliche Habilitationsschrift) von Jürgen HabermasJürgen Habermas: Strukturwandel der Öffentlichkeit. Untersuchungen zu einer Kategorie der bürgerlichen Gesellschaft. 5. Auflage. Neuwied / Berlin 1971. sowie 1972 Oskar Negt und Alexander Kluge. Außerdem befassen sich Kommunikationssoziologie, politische Soziologie und andere Bereiche der soziologischen Forschung mit zahlreichen Einzelfragen zum Thema. Ein Klassiker des Themas wie Walter Lippmanns Public Opinion (ebenfalls 1922) wird nach Neuauflage im Deutschen erst langsam wieder zur Kenntnis genommen.
Auch im Rahmen der Politikwissenschaft und in der Absatzforschung (Werbeforschung) der Betriebswirtschaftslehre, dazu in der Literatur- und Medienwissenschaft finden sich einschlägige Forschungsergebnisse. Auch die Volkskunde arbeitet zur öffentlichen Meinung, da sie sich mit dem verwandten Thema des Volksmundes und der KolportageRudolf Schenda: Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populären Lesestoffe 1770–1910. Frankfurt am Main 1970, ISBN 3-465-01836-2 (Studien zur Philosophie und Literatur des 19. Jahrhunderts, Bd. 5). befasst.
Gegenwärtig lassen sich in den Wissenschaften zur Hauptsache drei verschiedene Auffassungen der „öffentliche Meinung“ zusammenfassen: