mini|Pfarrhaus und Straßenfront des Hauptsitzes der Reformierten Stadtkirche an der Dorotheergasse

Die Evangelische Kirche Helvetischen Bekenntnisses in Österreich, meist abgekürzt als Evangelische Kirche H. B. in Österreich, ist die reformierte Kirche in Österreich. Das (zweite) Helvetische Bekenntnis von 1562 ist ein wesentliches Glaubensbekenntnis der reformierten Kirchen. Konstituierung wie Namensgebung gehen auf das Toleranzpatent von 1781 zurück.

Ende 2025 hatte die Evangelische Kirche H.B. in Österreich 10.474 Mitglieder; das entspricht rund 0,11 % der Gesamtbevölkerung (9.219.113 Einwohner).Zahlen & Fakten. In: Evangelische Kirche in Österreich, abgerufen am 15. Juni 2026Evangelische Kirche veröffentlicht Statistik für 2019. In: kathpress.at (archiviert am 26. Februar 2020), abgerufen am 3. August 2023.Bevölkerung zu Quartalsbeginn seit 2002 nach Bundesland. In: Statistik Austria, abgerufen am 23. Mai 2025

Geschichte mini|hochkant|Reformierte Stadtkirche in Wien

Reformation und Gegenreformation mini|hochkant=.85|Ulrich Zwingli

Der spätere Schweizer Kirchenreformator Ulrich Zwingli studierte seit 1498 für einige Semester in Wien.Erwin Liebert: Zwingli in Wien. Evangelischer Oberkirchenrat H. B., Wien 1984 Die Stadt war damals ein Zentrum des Humanismus, wo auch Conrad Celtis lehrte. Doch die darauf folgende Reformation in Österreich, als bis zur Gegenreformation etwa 80 Prozent der Bevölkerung evangelisch wurden, war – mit Ausnahme des Burgenlandes, welches damals aber nur zu einem sehr kleinen Teil zu Österreich gehörte – lutherisch geprägt.Peter Karner (Hrsg.): Die evangelische Gemeinde H. B. in Wien. Franz Deuticke, Wien 1986. S. 14 ff. Georg Erasmus von Tschernembl (1567–1626) war einer der wenigen adeligen Reformierten. Er wurde bei einem Aufenthalt in Genf, wo er auch später als Glaubensflüchtling sterben sollte, zum Calvinisten und überzeugte auch seinen Schwager Gotthard Starhemberg vom Glaubenswechsel. Die Familien Tschernembl und Starhemberg rekonvertierten später zum Katholizismus.

Häufig waren es gut situierte Zuwanderer aus der Schweiz und aus Schottland, die das reformierte Leben Österreichs in der Anfangszeit prägten. Für die ersten Jahrzehnte der Reformation ist es auch schwierig, strikt zwischen Reformierten und Lutheranern zu trennen. Anders war die Situation in Teilen von Westungarn (und damit im heute zu Österreich gehörenden Burgenland), wo es 1591 auf der Synode von Csepreg zum offenen Bruch zwischen beiden protestantischen Konfessionen kam.

Die reformierte Pfarrgemeinde Oberwart ist die einzige in Österreich, die seit der Reformationszeit ohne Unterbrechung besteht. 1673 wurde das Kirchengebäude von deutschen Söldnern besetzt und in eine katholische Kirche umgewandelt. Der Ödenburger Landtag beschloss jedoch 1681, die reformierte Gemeinde zu dulden. In den Jahren 1771–1773 wurde die heutige Kirche errichtet. Die ersten staatlich nicht sanktionierten reformierten Gottesdienste in Wien fanden seit Ende des 17. Jahrhunderts in der niederländischen Gesandtschaftskapelle in deutscher Sprache statt. Dies hing mit der Exterritorialität der Gesandtschaft zusammen. Der erste namentlich bekannte Gesandtschaftsprediger war 1671 Philipp Otto Vietor aus Hessen, der später Superintendent der Diözese Kassel wurde.

Josephinismus

Zur Konstituierung der Evangelischen Kirche H. B. kam es 1781 durch das Toleranzpatent von Kaiser Joseph II. Damit war es Reformierten wie Lutheranern und Orthodoxen gestattet, Gottesdienste abzuhalten. Das Toleranzpatent, die Basis für die Religionsfreiheit in Österreich, war jedoch mit vielen Einschränkungen verbunden. So durften die Toleranzbethäuser von außen nicht als Kirchen erkennbar sein (Kirchturm, Glocken) und keinen straßenseitigen Eingang besitzen.

Die Bezeichnung H. B. (= Helvetisches Bekenntnis; ursprünglich: H. C. = Helvetische Confession) für eine reformierte Landeskirche ist eine österreichische Besonderheit. Helvetisches Bekenntnis steht einerseits für die Tradition der Schweizer Reformation (Zwingli, Calvin, Bullinger) und andererseits für das zweite Helvetische Bekenntnis, die Glaubensschrift von Heinrich Bullinger.

Der erste Superintendent der Evangelischen Kirche H. B. war seit 1785 der in Frankfurt am Main geborene Carl Wilhelm Hilchenbach. Zu den bekannteren österreichischen Reformierten dieser Zeit gehört der Opernlibrettist Johann Gottlieb Stephanie (1741–1800).

19. Jahrhundert und Anfang des 20. Jahrhunderts mini|hochkant|Henriette von Nassau-Weilburg

Zur Superintendentur Inner- und Niederösterreich H. B. gehörten zwei Gemeinden: Wien und Triest mit zusammen 4.520 Mitgliedern im Jahr 1849. Auf dem Gebiet des damaligen Österreich existierten außerdem die Superintendentur H. B. Böhmen mit über 51.000 Mitgliedern und die Superintendentur H. B. Mähren mit knapp 33.000 Mitgliedern. Alle fünf reformierten Superintendenten des 19. Jahrhunderts stammten aus Deutschland. An der Evangelisch-Theologischen Fakultät der Universität Wien wurde 1820 durch Kaiser Franz I. ein bis heute bestehender reformierter Lehrstuhl eingerichtet.

Im Revolutionsjahr 1848 waren von evangelischer Seite wieder Forderungen zur Gleichstellung aller Konfessionen laut geworden. 1861 schließlich wurde unter Kaiser Franz Joseph das Protestantenpatent erlassen, das eine relative rechtliche Gleichstellung der reformierten (und lutherischen) Kirche mit der römisch-katholischen bewirkte. Neben dem Toleranzpatent von 1781 und dem Protestantengesetz von 1961 war das Protestantenpatent das wichtigste Dokument, das das Verhältnis zwischen Staat und evangelischen Kirchen in Österreich regelt.

Noch im Jahr des Protestantenpatents wurde in Bregenz eine Gemeinde gegründet, die damit nach Wien und Oberwart die drittälteste bestehende reformierte Gemeinde auf dem Boden des heutigen Österreichs ist. 1876 wurde eine Predigtstelle im Vorarlberger Feldkirch eingerichtet, nachdem dort bereits 1864 gegen Widerstände seitens der römisch-katholischen Kirche eine Kirche und ein Friedhof errichtet worden waren. 1893 folgte eine Predigtstelle in Wien-Favoriten, 1901 eine weitere in Wien-Ottakring. 1908 wurde die Predigtstation Feldkirch eine eigenständige Gemeinde.

Zu den wichtigsten reformierten Persönlichkeiten im Österreich des 19. Jahrhunderts zählt Henriette von Nassau-Weilburg (1797–1829). Sie heiratete 1815 den katholischen Erzherzog Karl, der damit die erste konfessionelle Mischehe im Haus Habsburg einging. Henriette von Nassau-Weilburg ist auch die einzige Nicht-Katholikin, die in der Kapuzinergruft, der habsburgischen Begräbnisstätte, begraben liegt. Auch der österreichische Handels- und Finanzminister Karl Ludwig von Bruck (1798–1860) war H. B. Im kulturellen Leben des Landes gab es viele Reformierte: den Komponisten Alban Berg (1885–1935), den Maler Fritz L’Allemand (1812–1866), den Architekten Josef Hoffmann (1870–1956) sowie die Schauspieler Carl von La Roche (1794–1884), Amalie Haizinger (1800–1884), Joseph Lewinsky (1835–1907) und Otto Tressler (1871–1965).

Erste Republik miniatur|Zwinglikirche der Gemeinde Wien West

Das Burgenland fiel 1920 von Ungarn an die Republik Österreich. Seitdem werden in der vorher rein ungarischsprachigen Gemeinde Oberwart auch deutschsprachige Gottesdienste abgehalten. 1924 wurden die Gemeinden Wien Süd und Wien West gegründet, die auf die reformierten Predigtstellen in Favoriten bzw. Ottakring zurückgingen. 1936 kam Bludenz in Vorarlberg als weitere Predigtstation hinzu. In Wien West wurde 1937 die Zwinglikirche eröffnet. Während der Zeit des Austrofaschismus (1934–1938) und dessen enger Bindung an die Römisch-katholische Kirche kam es zu einer Übertrittswelle seitens der illegalisierten Sozialdemokraten zu den Reformierten.

Einige reformierte Pfarrer schätzten die überkonfessionellen Kontakte in der Evangelischen Allianz: Etwa Hans Jaquemar und Gustav Zwernemann, aber auch der Theologieprofessor Josef Bohatec, seine Ehefrau sowie die Schriftstellerin Hermine Cloeter.Diese Verbindungen lassen sich in den erhaltenen Quellen nachlesen. Siehe Franz Graf-Stuhlhofer (Hrsg.): Evangelische Allianz in Wien von der Ersten Republik bis zur NS-Zeit (1920–1945). Edition der Sitzungsprotokolle und Programme (Studien zur Geschichte christlicher Bewegungen reformatorischer Tradition in Österreich; 2). VKW, Bonn 2010.

Nationalsozialismus

Der lutherischen Kirche eilte der Ruf voraus, als „deutsche“ Kirche besonders viele Sympathisanten des Nationalsozialismus unter ihren Mitgliedern zu haben. Die Reformierten hingegen hatten mit ihren liturgischen Besonderheiten (z. B. Bilderverbot) besondere Anziehung auf jüdische Konvertiten ausgeübt. Zu den Opfern des Nationalsozialismus zählen viele Kirchenmitglieder jüdischer Herkunft und der im KZ Mauthausen ermordete reformierte Pfarrer Zsigmond Varga. 1944 musste im Zuge des Zweiten Weltkriegs die Bevölkerung deutschsprachiger reformierter Ortschaften in Jugoslawien fliehen. Ein Teil davon ließ sich in Linz nieder, sie bildeten den Grundstock der späteren Gründung einer reformierten Gemeinde in Linz.

Seit 1945 mini|hochkant|Heilandskirche Dornbirn

1950 kam es durch deutschsprachige Flüchtlinge aus Jugoslawien zur Gemeindegründung in Linz. Das Kirchengebäude wurde 1953 errichtet, ein Gemeindehaus kam 1993 dazu. 1951 wurde die Predigtstation Dornbirn zur selbstständigen Gemeinde erhoben. Der ungarische Volksaufstand 1956 und daraufhin einsetzende Flüchtlingswelle nach Österreich verstärkte nachhaltig das ungarische Element in der Evangelischen Kirche H. B. So werden ungarischsprachige Gottesdienste bis heute in den Gemeinden Wien Innere Stadt, Linz und Oberwart abgehalten. Ebenfalls seit 1956 beheimatet die Erlöserkirche im Souterrain eines neu errichteten Wohnhauses die Gemeinde Wien Süd.

Das Bundesgesetz über die Äußeren Rechtsverhältnisse der Evangelischen Kirche in Österreich von 1961, kurz Protestantengesetz, bewirkte die rechtliche Gleichstellung der evangelischen Kirchen mit der römisch-katholischen Kirche. 1965 wurde in den österreichischen evangelischen Kirchen formal die Frauenordination eingeführt. Im gleichen Jahr errichtete die Gemeinde Feldkirch die Pauluskirche, und die Predigtstelle Bludenz wurde als letzte der heute neun Gemeinden selbstständig. 1967 fand der erste ökumenische Gottesdienst mit den Lutheranern statt, 1974 der erste mit der römisch-katholischen Kirche.

Prägend für die jüngere Geschichte der Evangelischen Kirche H. B. in Österreich wurde die Amtszeit von Landessuperintendent Peter Karner (1986–2004). Unter dem Pfarrer von Wien Innere Stadt wurde unter anderem der Segnungsgottesdienst für homosexuelle Paare eingeführt. Seit dem 1. September 2025 ist der Bregenzer Pfarrer Ralf Stoffers reformierter Landessuperintendent.Reformierter Landessuperintendent Stoffers tritt Amt an. In: ORF.at/Religion, 27. August 2025. Zu den bekanntesten österreichischen Reformierten der jüngeren Zeit zählen der Verhaltensforscher und Nobelpreisträger Konrad Lorenz (1903–1989), der Architekt Roland Rainer (1910–2004) sowie der Schauspieler und Kabarettist Maxi Böhm (1916–1982).

Lehre miniatur|Hugenottenkreuz – ein Symbol der Reformierten

Die Evangelische Kirche H. B. in Österreich gründet sich wie andere reformierte Kirchen auf die reformatorischen Bekenntnisschriften Heidelberger Katechismus (1563) und zweites Helvetisches Bekenntnis (1562). Traditionell gibt es eine stärkere Ausrichtung auf Zwingli und Bullinger als auf Calvin. Eine weitere wichtige Bekenntnisschrift ist die Leuenberger Konkordie (1973; Grundlage für die Gemeinschaft Evangelischer Kirchen in Europa), die die Kanzel- und Abendmahlsgemeinschaft zwischen Reformierten, Lutheranern und Methodisten festschrieb. Im Gegensatz zur A.B.-Kirche werden die reformierten Pfarrerinnen und Pfarrer jedoch nicht auf die Bekenntnisschriften vereidigt.