Hans Werner Henze (* 1. Juli 1926 in Gütersloh; † 27. Oktober 2012 in Dresden) war ein deutscher Komponist. Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts. mini|Hans Werner Henze (1960)

Leben Kindheit und Jugend, Leben bis 1945 Hans Werner Henze wurde als erstes von sechs Kindern von Franz Henze (1898–1945) und seiner Frau Margarete Adele, geb. Geldmacher (1907–1976), im westfälischen Gütersloh geboren. Sein Vater war Lehrer an einer freien, progressiven Volksschule in Bielefeld, später im Dorf Dünne bei Bünde (Westfalen). Henze zeigte schon früh Interesse an Kunst und Musik. Als Jugendlicher geriet er aufgrund seiner politischen Einstellung in Konflikt mit dem Vater, der NSDAP-Mitglied war und ihn auf eine Musikschule der Waffen-SS schicken wollte.Christof Siemes, Claus Spahn: Ich war in den letzten Monaten der Kapitulation nahe. In: Die Zeit, Nr. 31/2003. Als Hans Werner Henzes homosexuelle Orientierung erkennbar wurde, soll sein Vater gesagt haben, dass „so etwas wie er ins KZ gehöre“.Peter Petersen: Du sollst ja nicht weinen, sagt eine Musik – Hans Werner Henze zum 80. Geburtstag. In: Berliner Zeitung, 1. Juli 2006, S. 20. Im Frühjahr 1943 musste Henze das Gymnasium in Bielefeld wegen ungenügender Leistungen verlassen und begann ein Studium an der Staatsmusikschule Braunschweig in den Fächern Klavier und Schlagzeug. Im Januar 1944 wurde er zum Reichsarbeitsdienst, wenige Monate später als Funker zu einer Panzereinheit der Wehrmacht einberufen. Die Erfahrungen dieser Zeit führten bei ihm zu einem Gefühl der Mitschuld, aber auch zur lebenslangen leidenschaftlichen Ablehnung von Krieg und Faschismus.

Henze beantragte am 18. Januar 1944 die Aufnahme in die NSDAP und wurde zum 20. April desselben Jahres aufgenommen (Mitgliedsnummer 9.884.828).Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/14970611 Er bestritt, jemals einen entsprechenden Aufnahmeantrag gestellt zu haben,Malte Herwig: Das doofe Dur der Angepassten, Weltwoche, 11. Februar 2009, abgerufen am 12. Juli 2013.Franziska Augstein: Süddeutsche Zeitung, 12. Februar 2009, abgerufen am 12. Juli 2013. allerdings war nach aktuellem Forschungsstand eine Aufnahme ohne eigenes Zutun nicht möglich.Armin Nolzen: „Vom ‚Jugendgenossen‘ zum ‚Parteigenossen‘. Die Aufnahme von Angehörigen der Hitler-Jugend in die NSDAP“, in: Benz, Wolfgang (Hg.): „Wie wurde man Parteigenosse? Die NSDAP und ihre Mitglieder“, Fischer Verlag 2009, S. 123–150

1945–1990 Nach kurzer britischer Kriegsgefangenschaft, aus der er bereits im August 1945 entlassen wurde, schlug sich Henze zunächst als Hilfsarbeiter, Dolmetscher und Klavierspieler durch und wurde 1945 Korrepetitor am Stadttheater Bielefeld. Ab dem Frühjahr 1946 setzte er sein Studium bei Wolfgang Fortner am damaligen Kirchenmusikalischen Institut in Heidelberg und in Fortners Domizil in der Villa Braunbehrens fort, bereits mit 23 Jahren wurde er von der Presse als „sein bester Schüler“ tituliert. Fortner lehnte es jedoch ab, Henze die Zwölftontechnik nahezubringen: Er nannte sie „erledigt“,Harenberg Komponistenlexikon. Mannheim 2004. S. 417 woraufhin sich der Student die Schönberg’sche Kompositionstechnik selber beibrachte, ehe er sie 1949 bei René Leibowitz in Darmstadt und Paris studierte. In seinen ersten Kompositionen setzte sich Henze denn auch aktiv mit der Zwölftontechnik auseinander, verknüpfte sie aber mit neoklassizistischem Stil, so in der 1. Sinfonie und dem 1. Violinkonzert (1947).

1948 wurde Henze musikalischer Mitarbeiter von Heinz Hilpert am Theater Konstanz, und seine erste Oper, Das Wundertheater (nach Miguel de Cervantes), entstand. 1950 wurde er Künstlerischer Leiter und Dirigent des Balletts am Hessischen Staatstheater Wiesbaden. Nach zwei Rundfunkopern sowie mehreren Sinfonien und Solokonzerten etablierte er sich mit der 1952 in Hannover uraufgeführten abendfüllenden Oper Boulevard Solitude, einer modernen Version des Manon-Lescaut-Stoffes, endgültig als einer der führenden Komponisten seiner Generation.

Bei den Weltmusiktagen der International Society for Contemporary Music, den ISCM World Music Days, wurden nacheinander folgende Werke Henzes aufgeführt: 1953 in Oslo das Klavierkonzert Nr. 1, 1957 in Zürich die 5 Neapolitanischen Lieder, 1959 in Rom/Neapel die Nachtstücke und Arien für Sopran und Orchester, 1962 in London Antipode und 1964 in Kopenhagen Being Beauteous. Außerdem trat Henze bei den ISCM World Music Days 1964 auch als Dirigent und 1983 als Juror auf.Programme der ISCM World Music Days von 1922 bis heuteAnton Haefeli: Die Internationale Gesellschaft für Neue Musik – Ihre Geschichte von 1922 bis zur Gegenwart. Zürich 1982, S. 480ff

Enttäuscht von zwei Dingen – vom politisch restaurativen Klima in Westdeutschland und von Teilen der Kritik, die unter dem Einfluss der Darmstädter Ferienkurse eine konsequent Serielle Musik forderten (was Henze als Einengung der Kreativität empfand) – übersiedelte er 1953 nach Italien. Zunächst zog er nach Forio auf Ischia, wo er regen Kontakt und Austausch mit der dort ansässigen Intellektuellenkolonie pflegte (u. a. Wystan Hugh Auden, Golo Mann und William Walton). Ab 1956 lebte er in Neapel, später in Rom und Castel Gandolfo, bis er schließlich in Marino in den Albaner Bergen seinen dauerhaften Wohnsitz fand.

mini|Hans Werner Henze, 1960 Eine enge Freundschaft verband ihn mit der Dichterin Ingeborg Bachmann, mit der er zeitweise zusammenlebte. Bachmann schrieb für ihn die Libretti zu seinen Opern Der Prinz von Homburg (1958; nach Heinrich von Kleist) und Der junge Lord (1964; nach Wilhelm Hauff), Henze die Musik zu ihrem Hörspiel Die Zikaden (1954). Gemeinsam schufen sie die Nachtstücke und Arien (1957) sowie die Lieder von einer Insel (1964).

Im Jahre 1964 traf er den zwanzigjährigen Fausto Moroni (1944–2007), den er später zu seinem Adoptivsohn machte. Sie bildeten bis zu Moronis Tod eine Lebensgemeinschaft.queer.de: Was noch fehlt, abgerufen am 12. Juli 2013.

Henze trat der Kommunistischen Partei Italiens (KPI) bei; sein politisches Engagement sorgte in Westdeutschland für Schlagzeilen, so etwa 1968, als die Uraufführung des Oratoriums Das Floß der Medusa (mit einem Libretto von Ernst Schnabel) daran scheiterte, dass einige West-Berliner Mitwirkende nicht unter einem Porträt von Che Guevara und einer Roten Fahne auftreten wollten, oder 1969/70, als er demonstrativ in Havanna einen Lehrauftrag übernahm und die Uraufführung seiner 6. Sinfonie dirigierte. In dieser Zeit entstand auch das Rezital El Cimarrón, in dem er gemeinsam mit dem Dichter und Librettisten Hans Magnus Enzensberger den Lebensbericht eines entlaufenen Sklaven interpretiert. Mit der Oper We Come to the River (Wir erreichen den Fluss) nach Edward Bond erreichte Henzes gesellschaftskritische Kunst 1976 einen weiteren Höhepunkt.

Als erstes Festival zur Verbreitung Neuer Musik gründete Henze 1976 den Cantiere Internazionale d’Arte in Montepulciano, wo 1980 seine Kinderoper Pollicino uraufgeführt wurde. Von 1980 bis 1991 leitete er eine Kompositionsklasse an der Musikhochschule Köln. Er gründete 1981 die Mürztaler Musikwerkstätten, 1984 das Deutschlandsberger Jugendmusikfest und schließlich 1988 die Münchener Biennale, ein internationales Festival für neues Musiktheater, dessen künstlerische Leitung er 1996 an Peter Ruzicka übergab. Seine eigenen Opern orientierten sich unterdessen wieder mehr an traditionellen Formen, so Die englische Katze (1983, Libretto von Edward Bond) und Das verratene Meer (1990, Libretto von Hans-Ulrich Treichel nach dem Roman Gogo no Eiko von Yukio Mishima).

Nach 1990 Humanes und politisches Bekenntnis prägen auch seine späten Werke. Das so genannte Requiem (1992), bestehend aus neun geistlichen Konzerten für Klavier, Trompete und Kammerorchester, schrieb Henze zum Andenken an den früh verstorbenen Musiker Michael Vyner; die 9. Sinfonie für gemischten Chor und Orchester (1995–1997) mit Versen von Hans-Ulrich Treichel nach dem Roman Das siebte Kreuz von Anna Seghers ist eine Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte. Auf Einladung von Walter Fink war Henze 2000 der zehnte Komponist im jährlichen Komponistenporträt des Rheingau Musik Festival. Unter anderem wurde sein Requiem aufgeführt.

Auch danach wurden neue Bühnenwerke von Henze aufgeführt: bei den Salzburger Festspielen 2003 L’Ùpupa und der Triumph der Sohnesliebe, mit eigenem Libretto des Komponisten, und 2006 die dritte, definitive Fassung von Gogo no Eiko (Das verratene Meer, unter Gerd Albrecht, der den Komponisten zur Weiterarbeit an dem Werk motiviert hatte). Am 6. September 2007 fand die Premiere der Konzertoper Phaedra (Libretto: Christian Lehnert) an der Berliner Staatsoper Unter den Linden statt; es spielte das Ensemble Modern unter Leitung von Michael Boder. Während der Arbeit hatte der Komponist 2005 einen ernsten Schwächeanfall erlitten; kurz nach der Fertigstellung des Werkes verstarb im April 2007 sein Lebensgefährte und AdoptivsohnChristine Lemke-Matwey: Tiere, Tod und heilige Landschaften. Der Tagesspiegel, 30. August 2006, abgerufen am 12. Juli 2013. Fausto Moroni (1944–2007), den er 1964 in einem Antiquitätenladen kennengelernt hatte.Clemens Wolken: Nenn mich Maestro. In: Crescendo – Das Klassikmagazin, Juni 2006, S. 20 ff.

Bis in die 1990er Jahre hat Henze regelmäßig dirigiert, zumeist eigene Werke, und – seltener – auch inszeniert. Dabei hat er u. a. mit seinem jüngsten Bruder, dem Bühnenbildner Jürgen Henze (* 1942) zusammengearbeitet, der auch Szenenbildassistent für Filme von Rainer Werner Fassbinder (Berlin Alexanderplatz) und Andrzej Wajda (Eine Liebe in Deutschland) war.

Letzte Jahre

mini|Henzes Grab in Marino

Bereits schwer von Altersschwäche und Krankheit gezeichnet, konnte er dennoch 2006 in der Berliner Philharmonie dem anlässlich seines 80. Geburtstags wiederaufgeführten Oratorium Das Floß der Medusa (dirigiert von Simon Rattle) beiwohnen.Peter Uehling: Ho – Ho – Ho Chi Minh! In: Berliner Zeitung, 10. November 2006

Hans Werner Henze starb am 27. Oktober 2012 im Alter von 86 Jahren in Dresden. Schott-Verlag, Meldung zum Tod Hans Werner Henzes; abgerufen am 12. Juli 2013. Kurz zuvor, am 13. September, hatte an der Semperoper mit seiner Antikriegsoper Wir erreichen den Fluss – We come to the river in Anwesenheit des Komponisten die erste Premiere der Spielzeit 2012/13 stattgefunden.Ankündigung der Premiere von auf der Homepage der Semperoper, abgerufen am 12. Juli 2013. Henzes Wahlheimat war Marino in der Provinz Rom, wo er am 5. November 2012 auch beigesetzt wurde.Nachrufe: FAZ: Er suchte die Schönheit und den Glanz der Wahrheit , spiegel.de, sueddeutsche.de, , welt.de, , dradio.de, WDR (WestART), Rheinische Post (Nachruf von Wolfram Goertz)

Werk Henze hat sich stets gegen die Festlegung auf einen bestimmten Stil oder eine bestimmte Technik gewehrt. Entgegen der Strömung der so genannten Darmstädter Schule verzichtete er auf streng serielle Organisation seiner Werke und komponierte eklektizistisch. 1967 sagte er: „Bald werden die Clusters, die seriellen Rezitative und die Happenings sich endgültig erschöpft haben, und der junge Komponist wird sich vergebens in solchem Ödland nach Nahrung für seine hungrige Seele umsehen.“Harenberg Komponistenlexikon. Mannheim 2004. S. 418 Ein wichtiges Vorbild für Henze war Igor Strawinsky, der sich nach seiner experimentellen Phase dem Neoklassizismus zuwandte.