Der Morbus Crohn oder die Crohn-Krankheit (abgekürzt auch MC oder CD von Crohn’s disease) gehört zur Gruppe der chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen. Die Ursache ist multifaktoriell und umfasst genetische Prädisposition, Umweltfaktoren, die Darmmikrobiota und eine Fehlregulation der angeborenen und adaptiven Immunantwort. Pathophysiologisch zeigen sich Störungen der bakteriellen Erkennung und Abwehr, eine veränderte Schleimschicht auf der Darmschleimhaut sowie eine gesteigerte Durchlässigkeit des Darmepithels.

Der Morbus Crohn führt zu einer chronisch-granulomatösen Entzündung, die im gesamten Verdauungstrakt von der Mundhöhle bis zum After auftreten kann. Bevorzugt befallen von den charakteristischen Schwellungen und Entzündungen sind der untere Dünndarm (terminales Ileum) und der Dickdarm (Colon), seltener die Speiseröhre (Ösophagus) und der Mund. Typisch für die Crohn-Krankheit ist der diskontinuierliche, segmentale Befall (sogenannte skip lesions) der Darmschleimhaut: Es können mehrere Bereiche betroffen sein, die aber durch gesunde Darmabschnitte voneinander getrennt sind.

Patienten mit Morbus Crohn leiden an einer zum Teil erheblichen Beeinträchtigung ihrer Lebensqualität. Trotz verbesserter diagnostischer Möglichkeiten und zahlreicher neuer Therapeutika existiert kein Heilmittel. Die Therapie zielt daher darauf ab, Symptome zu mildern oder zu beseitigen, eine anhaltende Remission zu erreichen, die Lebensqualität zu verbessern sowie Komplikationen vorzubeugen oder zu behandeln.

Geschichte

Das Krankheitsbild wurde erstmals 1932 vom US-amerikanischen Magen- und Darmspezialisten Burrill Bernard Crohn (1884–1983) und seinen Kollegen Leon Ginzburg und Gordon Oppenheimer anhand einer Fallserie beschrieben. Die Mediziner sammelten die klinischen und pathologischen Details bei vierzehn meist jüngeren Patienten im Alter von 17 bis 52 Jahren, die alle am Mount Sinai Hospital in New York durch Albert Berg (1872–1950) operiert worden waren. Diese Erstveröffentlichung trug den Titel Regional ileitis: a pathological and clinical entity. Berg wurde vor Veröffentlichung gefragt, ob er im Artikel als Autor namentlich erwähnt werden möchte, was dieser ablehnte.

Bereits zuvor waren die klinischen Symptome mehrfach beschrieben worden. Aus der Antike lassen sich einzelne Beschreibungen gastrointestinaler Erkrankungen finden, die rückblickend mit dem heutigen Krankheitsbild vereinbar erscheinen. So beschrieb der griechische Arzt Soranos von Ephesos eine Proktitis, die als M. Crohn-ähnlich gedeutet wird; auch Hippokrates und Aretaios erwähnten Erkrankungen mit rektalen Blutungen.

Ferner wurden in der weiteren Medizingeschichte Krankheitsbilder unter unterschiedlichen Bezeichnungen genannt, etwa 1769 durch Giovanni Battista Morgagni, 1813 durch C. Combe und W. Saunders sowie 1828 durch John Abercrombie (1780–1844), die wahrscheinlich dem heutigen Verständnis des Morbus Crohn entsprechen. Die zentrale Bedeutung von Entzündungen des Darms wurde in mehreren medizinischen Schulen des frühen 19. Jahrhunderts hervorgehoben. Sowohl François Broussais als auch der amerikanische Arzt John Brown (1810–1882) vertraten die Theorie, dass alle Krankheiten aus Entzündungen des Gastrointestinaltrakts hervorgingen. Weitere Schilderungen erfolgten 1904 durch den polnischen Chirurgen Antoni Leśniowski (1867–1940) sowie 1907 durch den britischen Chirurgen und Gastroenterologen Sir Berkeley Moynihan (1865–1936). Als eine der wichtigsten frühen Publikationen zum M. Crohn gilt der 1913 im British Medical Journal veröffentlichte Artikel des Glasgower Chirurgen Thomas Kennedy Dalziel (1861–1924), in dem er eine Fallserie von neun Patienten mit hoher Wahrscheinlichkeit an M. Crohn Erkrankten beschrieb, bei denen Ileum, Jejunum, Colon oder Kombinationen dieser Darmabschnitte betroffen waren.

Erste breitere Bekanntheit in der Öffentlichkeit erlangte die Erkrankung Mitte der 1950er Jahre, als der damalige Präsident Eisenhower mitten in der Nacht wegen eines akuten Darmverschlusses operiert werden musste. Er war die Folge eines seit langem bestehenden M. Crohn, der bei ihm kurz zuvor diagnostiziert worden war.

Namensgebung Ursprünglich benannte Crohn die Krankheit als Ileitis terminalis nach der Lokalisation im unteren Dünndarm (terminales Ileum). Auf diesen Begriff verzichtete er jedoch, um „Assoziationen zu Agonie und Tod zu vermeiden“ und benannte sie nachfolgend als Ileitis regionalis. Der Begriff Morbus Crohn wurde dann von britischen Ärzten – gegen Crohns Protest – auf einer Konferenz in Prag durchgesetzt, um den Studenten dadurch die Krankheit besser näherbringen zu können. Es bleibt unklar, ob Crohn das Manuskript mit seinem Namen als Erstautor beim Fachjournal einreichte; die Reihenfolge der Autorennamen folgte zu jener Zeit jedoch dem Alphabet.

Weitere Bezeichnungen für die Krankheit sind regionale Enteritis, Enteritis regionalis Crohn, Enterocolitis regionalis und sklerosierende chronische Enteritis, früher auch Ileitis terminalis.

Häufigkeit In Nordamerika und Europa alleine leiden mehr als 1,5 Millionen bzw. 2 Millionen Menschen an einer chronisch entzündlichen Darmerkrankung (M. Crohn, C. ulcerosa), in Deutschland etwa 360.000. Bis Ende des 20. Jahrhunderts beobachtete man einen Anstieg in der Inzidenz (die jährliche Anzahl von Neuerkrankungen) in den westlichen Industriestaaten, insbesondere waren Nordamerika, Europa und Ozeanien betroffen. Seit dem 21. Jahrhundert sinkt bzw. stagniert sie dort, steigt jedoch in Asien, Osteuropa, Südamerika und Afrika an, möglicherweise im Zusammenhang mit Lebensstilveränderungen.

Für Deutschland gibt es verschiedene Schätzungen für die Inzidenz des M. Crohn, sie reicht von 3,8–6,4 bzw. 6,6 pro 100.000 Einwohner. Die Prävalenz (der Bestand an Erkrankten) in Deutschland liegt bei gut 100–200 pro 100.000 Einwohner.

Beide Geschlechter sind gleich häufig betroffen, meist erkranken junge Erwachsene zwischen dem 20. und 30. Lebensjahr sowie ältere Menschen in einem Alter von 60 bis 70 Jahren. Es ist eine familiäre Häufung zu beobachten.

Klassifikation +Montreal-Kriterien Parameter Punkte Alter bei DiagnoseA1 = unter 16 JahreA2 = 17–40 JahreA3 = über 40 JahreLokalisationL1 = IleumL2 = KolonL3 = IleokolonL4* = Oberer Verdauungstrakt (Magen-Darm-Trakt)KrankheitsverlaufB1 = nicht strikturierend, nicht penetrierendB2 = strikturierendB3 = intern penetrierendp* = perianale Fistelbildung Im Gegensatz zur Colitis ulcerosa kann Morbus Crohn jeden Darmabschnitt betreffen. Des Weiteren ist das Verhalten der Erkrankung entscheidend für Prognose sowie Therapie. Daher wurde der Morbus Crohn seit den 1970er Jahren phänotypisch in Subgruppen mit unterschiedlichem Krankheitsverlauf eingeteilt. Richard G. Farmer und Mitarbeiter klassifizierten nach Lokalisation: Dünndarm-Crohn, Dickdarm-Crohn und kombinierter Dünn‑/Dickdarm-Crohn; später zeigten sich unterschiedliche Operationsindikationen je Subgruppe. Alexander J. Greenstein und Mitarbeiter schlugen in den späteren 1980er Jahren vor, das Krankheitsverhalten zu unterscheiden: Patienten mit penetrierendem Typ (Fisteln, Abszess, Perforation) brauchten doppelt so häufig Reoperationen wie beim nicht-penetrierenden Typ (Obstruktion, Therapieversagen, Blutung). Daraus leitete die Arbeitsgruppe zwei relativ stabile Verlaufsformen ab: indolent/nicht-penetrierend vs. aggressiv/penetrierend. Eine erste formale Klassifikation durch den Weltkongress für Gastroenterologie (1988 in Rom) kombinierte mehrere Dimensionen: anatomische Lokalisation (Magen/Zwölffingerdarm, Jejunum, Ileum, Colon, Mastdarm, analperianal), Verhalten (entzündlich, fistulierend, fibrostenotisch), Ausmaß (lokalisiert vs. diffus) sowie operative Historie (primär vs. rekurrierend) und wurde 1992 publiziert. Diese wurde aber wegen ihrer extremen Komplexität und geringer Übereinstimmung zwischen Beurteilern rasch wieder verworfen.

Beim Weltkongress für Gastroenterologie 1998 in Wien wurde eine neue, vereinfachte Crohn‑Klassifikation vorgeschlagen, die Patientengruppen für klinische Studien vergleichbar macht (Wien-Klassifikation bzw. vienna classification). Sie betrachtet das Alter bei Diagnosestellung (A1, A2), die anatomische Lokalisation (L1 bis L4) sowie das Verhalten der Erkrankung (B1 bis B3). Durch diese acht objektive und reproduzierbare Kategorien können insgesamt 24 Subgruppen definiert werden. Die Weiterentwicklung mündete in Form der sogenannten Montreal-Klassifikation von 2005. Sie erfasst eine perianale Erkrankung unabhängig vom inneren fistulierenden Verhalten (p), außerdem wurde das Alter bei Krankheitsbeginn in drei Kategorien (A1 bis A3) eingeteilt. Ein Befall des oberen Verdauungstraktes (L4) kann zusätzlich zur Lokalisation (L1 bis L3) angegeben werden.

Etwa 30 % der Crohn-Patienten haben eine isoliert ileale Erkrankung (L1), 40 % eine ileokolische Erkrankung (L3) und 30 % eine isoliert kolische Erkrankung (L2).

Entstehung des Morbus Crohn Die Ursache, Entstehung und Entwicklung des Morbus Crohn sind nicht geklärt; es sind aber eine Reihe von Umständen bekannt, die bei der Entstehung der Erkrankung von Bedeutung sind. Burrill B. Crohn hielt den M. Crohn für eine durch intrazelluläre Bakterien oder Viren ausgelöste Erkrankung. Heute gilt der Morbus Crohn als Autoimmunerkrankung im weiteren Wortsinne, da die Darmschleimhaut durch eine Immunreaktion gegen die kommensale Darmflora geschädigt wird. Klar spezifische Autoantigene oder krankheitsbestimmende Autoantikörpern (wie bei Typ‑1‑Diabetes oder Hashimoto-Thyreoiditis) wurden dagegen nicht identifiziert.

Für diese Klassifikation spricht das gute Ansprechen der Krankheit auf Immunsystem-hemmende Medikamente wie Cortison und Azathioprin sowie der fehlende Nachweis eines spezifischen Erregers. Als Autoantikörper wurden bei Morbus Crohn gehäuft (bei rund 20 % der Patienten) perinukleäre anti-neutrophile cytoplasmatische Antikörper (p-ANCA) serologisch identifiziert. Wie bei vielen anderen Autoimmunerkrankungen ist die Entstehung des M. Crohn unzureichend verstanden, weshalb nicht kausal, sondern nur symptomatisch (immunsuppressiv oder immunmodulierend) therapiert werden kann.

Laut einem Forschungsbericht der Deutschen Morbus Crohn Vereinigung (DCCV e. V.) vom 15. September 2011 ist „Versagen der angeborenen Abwehr gegen Darmbakterien der Auslöser für die Krankheiten […]. Die chronische Entzündung ist folglich als Reaktion und Antwort auf diese Abwehrschwäche zu verstehen.“; dccv.de, Pressekonferenz zum Crohn & Colitis-Tag 2011, am 15. September 2011 in Leipzig.Darmflora: Dysbakterie markiert Beginn des Morbus Crohn aerzteblatt.de, 13. März 2014

Genetik