mini|Honoré de Balzac in seiner Arbeitskleidung, einer Art Mönchskutte (1836) Verlorene Illusionen (frz. Illusions perdues) ist der Titel eines dreiteiligen gesellschaftskritischen Romans von Honoré de Balzac, der zwischen 1837 und 1844 publiziert wurde. Er ist Bestandteil seines monumentalen Zyklus Die menschliche Komödie, in dem er zu den Szenen aus dem Provinzleben (Scènes de la vie de province) gehört. Anhand des Aufstiegs und Niedergangs von Lucien Chardon beschreibt Balzac exemplarisch die Mechanismen, die er im Frankreich der Restauration vorfindet, speziell im Literaturbetrieb, im Journalismus und in der vornehmen Gesellschaft.
Inhalt Die zwei Dichter Der erste Romanteil spielt in dem Provinzstädtchen Angoulême und seinem Vorort l’Houmeau, die Balzac wie folgt beschreibt: Zwischen l’Houmeau und Angoulême besteht eine sonderbare, durch die sozialen Gegebenheiten verursachte Spannung, ja, man kann ruhig sagen: Feindschaft. L’Houmeau ist durch seinen aufstrebenden Handel, besonders durch seine Papierfabriken, reich geworden. Es liegt im flachen Land. Alles, was Geld bringt, der Frachtverkehr, die Post, die Gasthäuser, die Brauereien, die Fabriken drängen sich unterhalb Angoulêmes am Ufer der Charente zusammen. Oben der Adel und die Macht, unten der Handel und das Geld. Zwei soziale Sphären, die in unaufhörlicher Gegnerschaft stehen. Der Handel ist reich, der Adel im allgemeinen arm, und jeder rächt sich am anderen durch Verachtung. mini|Lucien Chardon und David Séchard mini|Eva und David Die Handlung beginnt 1793 mit der Übernahme der einzigen Druckerei der Stadt durch den Angestellten Jérôme-Nicolas Séchard, der durch seine äußerst sparsame Wirtschaftsweise ein kleines Vermögen verdient. Trotzdem übergibt der geizige Vater seinem Sohn David, nachdem dieser 1819 von seiner Ausbildung aus Paris zurückgekehrt ist, seinen technisch veralteten Betrieb nur zu ungünstigen Bedingungen und zieht sich auf sein Weingut zurück. Erschwert wird die Arbeit des Sohnes durch einen neu etablierten Konkurrenten, der ihm die alte Kundschaft abwirbt, und außerdem durch seinen mangelnden Geschäftssinn. Lieber unterhält er sich mit seinem geistesverwandten emphatischen Freund Lucien Chardon, den er für einen begnadeten Poeten hält, über Literatur (Bild) und finanziert ihn durch eine Proforma-Anstellung als Lektor. Dieser schöne Jüngling wird auch von seiner durch ein Adelsprädikat ihrer Familie de Rubempré ausgestatteten Mutter, einer verarmten Apothekerwitwe, und seiner Schwester Eva bewundert und durch deren Pflege- bzw. Näharbeiten finanziell unterstützt, damit er sich ganz seinem Ruhm und Reichtum versprechenden Dichtertum widmen kann. Dieses gemeinsame Interesse verbindet David und Eva und fördert ihre Liebe zueinander (Bild).
In dieser Situation setzt die Haupthandlung, mit Rückblicken auf die Familiengeschichten Chardon und Bargeton, im Jahr 1821 ein. Luciens Lehrer hat seinen poetisch begabten ehemaligen Schüler der „Königin“ des Stadtadels, Frau Naïs (Louise) de Bargeton als Schützling empfohlen. Diese ist von dem schönen 21-jährigen Jüngling angetan und lädt ihn, trotz des Standesunterschieds, zu ihren Gesellschaften ein. Er verliebt sich in die fast doppelt so alte Mäzenin und sie in ihn, er besucht sie fast täglich in ihrer Villa und darf sie als einziger Louise nennen. Dies gibt zu Gerüchten Anlass und man spekuliert über die Intensität der Beziehung, v. a. nachdem er bei einer Lesung ein Liebesgedicht auf die Hausherrin vorgetragen hat. Doch während Naïs, die er Louise nennen darf, auf ihren Ruf und den ihres zwanzig Jahre älteren Mannes bedacht ist und die Liebe auf platonischer Ebene belassen will, ist er damit nach ca. sechsmonatiger Bekanntschaft unzufrieden. mini|Madame de Bargeton und Lucien Cuciens leidenschaftliche Werbung in ihrem Boudoir (Bild) löst eine Kettenreaktion aus. Sie werden in der zweideutigen Situation von einem Besucher, Stanislaus de Chandour, gesehen und dieser erzählt sofort seine durch seine Phantasie gesteigerte Beobachtung in seinen Kreisen. Ein anderer Verehrer Naïs’, Baron du Châtelet, nutzt die Situation und hofft, Madame de Bargeton nach der Trennung von Lucien und dem Tod ihres Mannes heiraten zu können. Er tritt als ihr Verteidiger auf und informiert sie über die Gerüchte. Auch sie geht strategisch vor und erzählt sofort ihrem Mann von der Liebeserklärung des schwärmerischen Poeten, die diesen wegen der versicherten Einseitigkeit nicht beunruhigt, und den böswillig verbreiteten Gerüchten. Dieser fordert, von Châtelet beraten, Chandour zum Duell und verletzt ihn durch einen Pistolenschuss. Damit ist die Ehre des Hauses gerettet, aber die Bargetons beschließen eine Reise, bis Gras über die Sache gewachsen ist. Naïs kann nun ihren Wunsch erfüllen, die ungeliebte und sie langweilende Provinz zu verlassen und in Paris zu leben. Sie will in der Hauptstadt bei der einflussreichen und mit ihr verschwägerten Frau d’Espard ihrem Mann ein Abgeordnetenamt für den Bezirk Charente besorgen, während dieser vorläufig auf dem Gut ihres Vaters de Nègrepelisse in l’Èscarbas wohnt. Lucien, mit einem geliehenen Reisegeld ausgestattet, für das sein zukünftiger Schwager David gebürgt hat, begleitet Madame de Bargeton nach Paris. Sie hofft, dass ihre Beziehung in der großen Stadt nicht negativ auffällt und verspricht ihm, ihn in die höchsten Kreise einzuführen und seine Karriere zu fördern. Du Châtelet ist ihr jedoch gefolgt, warnt sie vor den Folgen einer Entdeckung der Mesallianze, besorgt ihr eine standesgemäße Mietwohnung, während Lucien im Touristenhotel bleibt, und bietet sich ihr als Türöffner in die Gesellschaft an.
Ein großer Mann aus der Provinz in Paris Für Lucien und Naïs sind bereits die ersten Tage in Paris desillusionierend. Im Vergleich zu den Menschen der Großstadt wirken sie sowohl in ihrem Auftreten wie in ihrer Kleidung provinziell. Zwar gelingt es Madame de Bargeton, ihren Freund als Lucien de Rubempré bei der beziehungsreichen Marquise d’Éspard einzuführen, doch in ihrem Kreis verlieren beide ihre bisherigen Reize. Der Angoulême-Zauber löst sich schnell auf und ihnen wird ihr Altersunterschied bewusst: Einerseits ist Naïs für Lucien weniger attraktiv als die jungen eleganten Pariserinnen, andererseits spürt sie seine Unreife im Vergleich zu dem weltmännisch auftretenden und in der Gesellschaft gut vernetzten Châtelet und sie zweifelt an seinem Erfolg als Dichter. Lucien reagiert zuerst auf die abwertenden Blicke mit einer neuen teuren Einkleidung, doch nach gut einer Woche folgt der entscheidende Rückschlag: Marquise d’Espard erfährt, dass der ihr unter dem Adelsnamen seiner Mutter vorgestellte Poet ein Apothekersohn ist. Sie fürchtet um ihren gesellschaftlichen Ruf und setzt die von ihr abhängige Naïs unter Druck, ihre Beziehung zu dem jungen Freund abzubrechen. In einem Abschiedsbrief teilt sie dies Lucien mit. Er müsse jetzt, wie viele arme Künstler vor ihm, aus eigener Kraft Karriere machen. Nach erster Enttäuschung versucht er dies umzusetzen. Da er einen großen Teil seines Reisegeldes bereits aufgebraucht hat, zieht er in ein Mansardenzimmer im Universitätsviertel, verpflegt sich im billigen Studentenlokal Flicoteaux und recherchiert täglich in der Bibliothek für seinen historischen Roman Der Bogenschütz Karls IX. über den Religionskrieg. Nach Abschluss des Werks setzt sich jedoch die Desillusionierung fort: Er findet keinen Verleger, der ihm einen seriösen Preis bezahlt. mini|Lucien Chardon spricht in Finots Redaktion vor. Damit beginnt für ihn eine neue Phase. Im Universitätsviertel schließt sich Lucien einem idealistischen Freundeskreis von geistig unabhängigen, liberalen Intellektuellen um den Philosophen und Literaten Daniel d’Arthez an. Nach dessen These gelangt ein echtes Talent letztlich zu Ruhm, selbst wenn es entbehrungsreiche Jahre dauert. Diese Gruppe des Abendmahlssaales (Cénacle) finanziert ihr asketisches Leben mit Gelegenheitsarbeiten und ist bereit, Lucien zu unterstützen, damit er sein Ziel erreichen kann, doch ihm ist dies unangenehm, zumal ihn die kleinen Schecks seiner in Not geratenen Familie belasten. Er zweifelt auch an seiner Durchhaltekraft und will als Journalist in dem naiven Glauben, er könne sich selber treu bleiben, Geld verdienen. D’Arthez warnt ihn davor, sich zu verkaufen, und ermahnt ihn immer wieder, sich treu zu bleiben und Lucien erinnert sich bei seinen Gewissenskonflikten an die Worte des Freundes.
Der ehemalige Provinz-Poet und Journalist Etienne Lousteau klärt ihn über die Spielregeln des Zeitungswesens und besonders der schnell produzierten Regenbogenblätter auf: Die Orientierung der Verlage und Buchhändler am Gewinn und nicht an der Qualität eines Werkes, das Feilschen um Preise, Löhne und Rabatte, die Käuflichkeit der Buch-Rezensionen und Theaterkritiken und die Macht der Presse bei der Meinungsbildung und beim Auf- und Abbau von künstlerischen, gesellschaftlichen und politischen Karrieren. Lousteau träumt davon, als Feuilleton-Chef einer großen Zeitung seine Geliebte, die schöne 16-jährige kleine Boulevard-Schauspielerin Florine vom Panorama Dramatique einmal groß herauszubringen: „…und was mich betrifft, so kann ich noch alles werden, Minister oder ehrlicher Mann, beides steht mir frei.“ Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen. Diogenes Verlag Zürich, 1977, S. 336 ff. Bis dahin muss er Florine mit ihrem alten Beschützer Matisat, einem reichen Drogisten, teilen, den ihre elfmonatige Beziehung bereits 60 000 Franken gekostet hat und der bei ihren Premieren hundert Karten an seine Freunde verteilt, damit sie die von den rivalisierenden Bühnen bezahlten Auspfeifer vor die Tür setzen und zusammen mit ihren eigenen Claqueuren applaudieren.
Lousteau zeigt dem neuen Freund und Satelliten den literarischen „Basar“ in den beiden Galerien des Bois gegenüber dem Palais Royal, der Börse, und anschließend das Theater Panorama Dramatique und führt ihn in die gemischte Geschäfts-, Prostitutions- und Vergnügungsszene ein und informiert ihn über die „plaque“ genannten Erpressungsmanöver mit der Androhung kritischer geschäftsschädigender oder persönlich desavourierender Zeitungsartikel. Er macht ihn mit dem Verleger Dauriat und dem Zeitungsherausgeber Finot bekannt, die unverblümt ihre skrupellose Macht demonstrieren: „Alles wurde hier gemacht, die öffentliche Meinung, der Ruf, politische und finanzielle Geschäfte. […] Es gab hier Buchhändler, Dichtung, Politik und Prosa, Modemagazine und schließlich Freudenmädchen, die nur am Abend kamen. Es war das Paradies der Nachrichten und der Bücher, des jungen und alten Ruhms, der Verschwörungen der Tribüne und der Lügen der Buchhändler.“ Honoré de Balzac: Verlorene Illusionen. Diogenes Verlag Zürich, 1977, S. 353 ff. mini|Adolph Menzel: Théâtre du Gymnase in Paris