mini|Darstellung des Dogen und des hl. Markus auf dem Siegel (bolla) des Dogen Orio Mastropiero. Die Umschrift lautet: „MASTROPET DVX / D(e)I GRA(tia) VENE / TIE DALMATI / E CHROATIE / DVX“, ediert in der Rivista Italiana di Numismatica von 1890, bzw. bei Nicolò Papadopoli: Le monete di Venezia. Dalle origini a Cristoforo Moro, Ongania, 1893, S. 79 Orio Mastropiero (* 1. Viertel 12. Jahrhundert in Venedig; † 1192 ebenda), auch Aureus, bzw. Malipiero, war nach der Tradition, wie die staatlich gesteuerte Historiographie Venedigs oftmals genannt wurde, der 40. Doge von Venedig.Vgl. Andrea Da Mosto: I dogi di Venezia nella vita pubblica e privata, Martello, Mailand 1960, Nachdruck 1977, S. 71 f. Er regierte von seiner Wahl am 17. April 1178 bis zu seiner Abdankung am 1. Juni 1192.

Orio Mastropiero, der zu den reichsten Venezianern seiner Zeit zählte, hatte die Stadt vor seiner Wahl durch Kredite unterstützt. Er war iudex und Gesandter an den Höfen von Konstantinopel und Palermo. Auch war er 1177 bei den Verhandlungen, die in den Frieden von Venedig mündeten, wohl als Berater zwischen Papst Alexander III. und dem römisch-deutschen Kaiser Friedrich Barbarossa sowie den Abgesandten der lombardischen Kommunen und des süditalienischen Normannenreiches tätig. Mastropiero war schon nach der Ermordung des Dogen Vitale Michiel II. im Jahr 1172 als Nachfolger vorgeschlagen worden, doch hatte er die Wahl wegen seines noch jugendlichen Alters abgelehnt und seinerseits den siebzigjährigen Sebastiano Ziani vorgeschlagen.

Als Doge setzte er die gegen Byzanz gerichtete Politik seines Vorgängers fort. Er versuchte dort die Wiederherstellung der Handelsprivilegien und eine Kompensation für die 1171 von Kaiser Manuel I. angeordneten Verhaftungen und Konfiskationen zu erlangen. Dazu verbündete er sich sogar mit den Normannen Süditaliens, wenn auch ohne Erfolg; der markante Wechsel der venezianischen Politik zeigte sich, als die Normannen 1185 erneut versuchten, das Kaiserreich zu erobern, denn Venedig intervenierte, im Gegensatz zu früheren Gelegenheiten, zum ersten Mal nicht zugunsten des Kaiserreichs. Selbst eine der wichtigsten Leitlinien venezianischer Politik, die Haupthandelsstraße der Adria dadurch zu sichern, dass kein Herrscher beide Seiten des Meeresarmes beherrschte, wurde zurückgestellt. Die Kämpfe mit Ungarn um Dalmatien und Istrien blieben ebenfalls angesichts der Vorbereitungen zum dritten Kreuzzug stecken.

Innenpolitisch ging der Einfluss der iudices, die sich auf das Rechtsgebiet konzentrieren mussten, zurück, während der Kleine Rat aus den sechs Vertretern der sechs stadtvenezianischen Bezirke zum Machtkern avancierte. Damit wurde einerseits die Macht des Dogen weiter eingeschränkt und zugleich gelang es, die Konflikte zwischen den vorherrschenden Familien zu entschärfen. Andererseits hatte 1172 Sebastiano Ziani damit begonnen, der Volksversammlung das Recht der Dogenwahl zu entziehen.

Herkunft und Familie, wirtschaftlicher und sozialer Aufstieg, iudex (bis 1178) 1147 erscheint Orio zum ersten Mal in den Quellen, als er sich, wohl in Geschäften, in Konstantinopel aufhielt.Antonino Lombardo, Raimondo Morozzo della Rocca (Hrsg.): Nuovi documenti del commercio veneto dei secc. XI–XIII, Venedig 1953, S. 11. Zwischen 1158 und 1175 bekleidete er mehrfach das Amt des iudex. Gemeinsam mit Sebastiano Ziani, dem späteren Dogen, reiste er 1170 zu komplizierten Verhandlungen an den Hof nach Konstantinopel, der Hauptstadt des Byzantinischen Reiches.

Nach dem Chronicon Iustiniani (Venetiarum historia…) des 14. Jahrhunderts, gehörten die Mastropiero zu den tribunizischen Familien; demnach stammten sie aus Altinum, das in römischer Zeit eine große Stadt gewesen war. Der Name taucht erstmals im Jahr 971 auf, dann jedoch erst wieder 1101 in einem Notariatsakt eines gewissen „Marcus Magistro Petro“. In diversen Dokumenten unterzeichnete Orio Mastropiero als „Magistropetro“, bevor er zum Dogen gewählt wurde. Daher wird angenommen, dass die Familie auf einen maestro Piero zurückgeht, der wahrscheinlich nichtaristokratischer Abstammung war. Nach dem Genealogen Girolamo Alessandro Cappellari Vivaro hieß sein Vater Leonardo, doch lässt sich diese Behauptung durch nichts erhärten. Häufig wird das Haus der Mastropiero mit dem der Malipiero verwechselt, doch konnte Vittorio Lazzarini erweisen, dass es sich um zwei getrennte Familien gehandelt haben muss. In der Wahl von 1178, die nach dem Tod seines Vorgängers Sebastiano Ziani erfolgte, befanden sich unter den vier Elektoren des Großen Rates nämlich ein Niccolò Mastropetro und ein Leonardo Maripero. Wären die beiden Männer Mitglieder einer gemeinsamen Familie gewesen, so hätte dies dem Wahlmodus widersprochen, der vorsah, dass nur jeweils ein Mitglied einer Familie Mitglied in der Wählergruppe sein durfte.

Nach Marin Sanudo starb mit Orio die Familie der Mastropiero aus, doch hatte er mindestens zwei Söhne. Diese waren Marco, Conte von Arbe um 1205, und Marino, Gesandter beim byzantinischen Kaiser Alexios III. im Jahr 1197. Marino gehörte darüber hinaus zu den vierzig Elektoren des Dogen Pietro Ziani vom 5. August 1205. Wahrscheinlich hatte er auch eine Tochter namens Angela, die Giovanni Venier heiratete. Marino wiederum heiratete noch zu Lebzeiten seines Vaters Lamia Baseggio, Tochter des Giovanni Baseggio, die gemeinsam einen Tommaso als Sohn hatten. Unklar ist das Verhältnis zum besagten Niccolò Mastropetro, Elektor von 1178 und Prokurator von S. Marco ab 1184. Das Gleiche gilt für einen Giovanni Mastropiero, der Mitte des 12. Jahrhunderts in einigen Handelsdokumenten erscheint.

Wie sich anhand von Urkunden belegen lässt, hielt sich Orio Mastropiero vielfach in Konstantinopel auf, denn im Handel mit der byzantinischen Metropole hatte seine Familie ihr Vermögen erworben. Dieser Reichtum gestattete es Orio, der Kommune 1164 mit einer Anleihe von 1150 Mark Silber auszuhelfen, für die ihm elf Jahre lang die Renditen aus dem Rialtomarkt zustanden.

Mindestens acht Familienmitglieder zählten zu den tribunizischen Familien, den „case vecchie“, die sich weder in Vermögen, noch Lebensstil oder politischen Interessen allzu sehr von den „case nuove“ unterschieden, zu denen wohl die Mastropiero zählten, auch wenn die dem Chronicon Iustiniani angehängte Liste sie zu den alten Familien zählt.

Orios Teilnahme am politischen Leben ist vor allem durch seine Tätigkeit als iudex belegt, so in den Jahren 1158, dann 1163 bis 1164 sowie 1173 und 1175. Bevor das Consilium minus oder der Minor Consiglio geschaffen wurde, der Kleine Rat, waren diese iudices nicht nur in Rechtsangelegenheiten tätig, wie der Name nahelegt, sondern sie standen im unmittelbaren Umkreis des Dogen auf höchster politischer Ebene und beschränkten darüber hinaus die persönliche Macht des Dogen. Dabei genossen sie die Vorrechte des Dogen gleichfalls.

Als sich um 1170 der Konflikt mit Byzanz zuspitzte, und auch der römisch-deutsche Kaiser in schweren Auseinandersetzungen mit den lombardischen Städten stand, die von Venedig unterstützt wurden, geriet der Fernhandel schwer unter Druck. In dieser Situation reiste Orio Mastropiero als Gesandter, zusammen mit Sebastiano Ziani, an den Hof in Konstantinopel zu Kaiser Manuel I. Die Unterhändler sollten versuchen, zu einer friedlichen Lösung des Konflikts zu kommen, was den ökonomischen Interessen der Großen entsprach, der Grandi. Dies lag jedoch in Konflikt mit der Linie des Dogen, der bereit war, gewaltsam gegen Byzanz vorzugehen.

Schon 1167 hatte dieser Doge, Vitale Michiel, den venezianischen Händlern die Fahrt nach Konstantinopel untersagt, um den Kaiser unter Druck zu setzen, der sich in den Augen Venedigs feindlich verhalten hatte. Infolgedessen erschien 1170 eine Delegation des Kaisers in Venedig, die die Wiederaufnahme der Beziehungen zu erreichen suchte. Der Doge gestattete daraufhin die Wiederaufnahme des Handels, doch ließ der Kaiser völlig überraschend am 12. März 1171 sämtliche der angeblich 10.000 Venezianer in seinem Reich verhaften und ihren Besitz konfiszieren. Während die byzantinischen Quellen die Ursache in der Arroganz und dem Hochmut der Venezianer sehen, wodurch aus dem anfänglichen Wohlwollen des Kaisers entschiedene Feindschaft wurde, betonen die venezianischen Quellen die Feindseligkeit und die Gier des Kaisers, sich in den Besitz der Venezianer zu bringen. Eine Rolle dürfte auch das zwiespältige Handeln gespielt haben, das Venedig im Kampf gegen die Normannen zu spielen begann, wo die Stadt bis dahin eindeutig Position zugunsten von Byzanz bezogen hatte, und geradezu zu dessen Schutzherrin geworden war. So hatte das Scheitern der diplomatischen Mission überaus gravierende Folgen. Der Versuch Venedigs, den Streit mit Hilfe seiner Flotte gewaltsam zu entscheiden, endete in einer Katastrophe, die der Doge 1172 mit dem Leben bezahlte.

Infolgedessen wuchs der Einfluss der iudices enorm, zu denen auch Sebastiano Ziani zählte. Die Dogen bis Enrico Dandolo wurden wiederum von Elektoren gewählt, die selbst iudices waren. Sie setzten auch eine Verfassungsänderung durch, nach der nicht mehr das Volk den Dogen wählte, sondern eine Gruppe von elf Elektoren. Der Versammlung des Volkes, dem concio, blieb dabei nur noch die Akklamation des Kandidaten. Nach Marin Sanudo, der sich zu Recht auf Andrea Dandolos Chronik beruft, sollte Orio Mastropiero der erste sein, der nach diesem System gewählt wurde, doch lehnte er die Wahl ab, indem er sich für zu jung erklärte.

Gesandter im Königreich Sizilien, Wahl zum Dogen mini|Christus krönt Wilhelm II. von Sizilien, Monreale, Palermo, um 1200 1175 wurde er als Gesandter zu Wilhelm II. von Sizilien, dem Normannenkönig aus dem Hause Hauteville, geschickt. Er sollte die Möglichkeit eines Bündnisses eruieren sowie eines Handelsvertrages. Der Vertrag, den die Unterhändler erzielten, bedrohte, zumal Venedig 1177 einen Friedensschluss zwischen Papst Alexander III. und Kaiser Friedrich Barbarossa vermitteln konnte, das Byzantinische Reich. In der Markuskirche waren bei diesem feierlichen Anlass auch Gesandte Wilhelms anwesend, nämlich Romuald von Salerno und Roger von Andria, sowie die Vertreter der lombardischen Kommunen, deren Streitmacht ein Jahr zuvor der Kaiser unterlegen war. Romuald wurde einer der wichtigsten Chronisten dieser Vorgänge.

Der Rücktritt des Dogen Sebastiano Ziani im Jahr 1178 gab Anlass, das einfache Wahlverfahren zu ändern. So entstand eine Elektorengruppe von 40, später 41 Männern, darunter nunmehr auch Nichtadlige, die von einem Kollegium aus vier Elektoren gewählt wurden. Jeder der Vierzig musste dabei mindestens drei der vier Stimmen auf sich vereinen. Die Wahl der vierzig Männer fiel am 17. April 1178 auf Orio Mastropiero, von dem Martino da Canale schrieb, er sei „sage et piu et mult religieus“ (‚klug und fromm und sehr religiös‘).

Das Dogenamt Als erster Doge wurde er nach dem unter seinem Vorgänger geänderten Wahlverfahren von 40 Wahlmännern bestimmt. Auch entstand unter ihm das sechsköpfige minor consiglio, der Kleine Rat. Dabei repräsentierte jedes Mitglied eines der Sestieri, in die die Stadt eingeteilt worden war. Der Consiglio war mit Exekutivrechten ausgestattet. Daneben gab es noch den Consiglio dei savi, den Rat der Weisen, mit Befugnissen der Gesetzgebung. Gegen Ende des 12. Jahrhunderts setzte also einerseits der Prozess einer kontinuierlichen Entmachtung des Dogen ein, der mit dem Niedergang der Republik eine reine Repräsentationsfigur war. Andererseits begann sich die besondere Struktur des Staatswesens herauszubilden, mit seiner Vielzahl von Gremien, Behörden, Ämtern und Kontrollinstanzen, durch die der Adel, aber auch weite Teile der Bürgerschaft, in die Verantwortung eingebunden und gleichzeitig überwacht wurden.