mini|Giovanni Pacini, Lithographie von Josef Kriehuber, 1827

Giovanni Pacini (* 11. Februar 1796Laut Eintrag im Taufregister (in älterer Literatur ist auch der 17. Februar zu finden). Saverio Lamacchia: Giovanni Pacini, in: Dizionario biografico degli italiani, Vol. 80, 2014, online auf Treccani (italienisch; abgerufen am 12. August 2019). in Catania; † 6. Dezember 1867 in Pescia) war ein italienischer Opernkomponist.

Leben Kindheit und Jugend Pacini hatte seine familiären Wurzeln in der Toskana und war ein Sohn des berühmten Bass-Buffos Luigi Pacini; auch seine Mutter Isabella Paulillo war Sängerin. Zwei seiner Onkel waren Ballett-Tänzer, einer davon auch Choreograph, und auch Giovanni erhielt als Kind zunächst (gegen seinen Willen)Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, G. G. Guidi, 1865, online als Google-Book, S. 3 (italienisch; gesehen am 10. August 2019). eine tänzerische Ausbildung, bevor er sich der Komposition zuwandte.Jeremy Commons: „Giovanni Pacini and Maria regina d'Inghilterra“, Text zur CD: Giovanni Pacini: Maria regina d'Inghilterra (mit Nelly Miricioiu, Bruce Ford u. a.), Opera Rara ORC 15, 1998, S. 11–88, hier: S. 13. Er hatte außerdem einen Bruder Francesco und zwei Schwestern Claudia und Giuseppina.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, … 1865, online als Google-Book, S. 46.

Seinen ersten musikalischen Unterricht bekam er durch seinen Vater. Anschließend kam er ans Konservatorium in Bologna und wurde dort Schüler des berühmten Kastraten Luigi Marchesi (Gesang) und von Padre Stanislao Mattei (Kontrapunkt). Später wechselte er nach Venedig und lernte dort bei Bonaventura Furlanetto.

Erste Karriere Erst 16 Jahre alt, konnte Pacini 1813 mit der Oper Annetta e Lucindo am kleinen Teatro di Santa Radegonda in Mailand debütieren.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, G. G. Guidi, 1865, online als Google-Book, S. 12 (italienisch; gesehen am 10. August 2019). Anfangs komponierte er Opere buffe oder semiserie, in denen nicht selten auch sein Vater auftrat. Nach einer ganzen Reihe mehr oder weniger großer Misserfolge, wollte er das Komponieren schon aufgeben,Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, G. G. Guidi, 1865, online als Google-Book, S. 16–17. hatte dann aber unerwarteten Erfolg mit der Semiseria Adelaide e Comingio, die er für den Karneval 1815–16 am Teatro Re in Mailand schrieb.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, …, S. 16–17. Auch die Opern La sacerdotessa d'Irminsul (1817, Triest; eine Vorgängerin von Bellinis Norma) und L'Atala (1818, Padua) waren erfolgreich.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, …, S. 18–20. Zu den beliebtesten Opern seiner frühen Karriere gehörte Il barone di Dolsheim, eine Opera semiseria, die ihre Uraufführung 1818 an der Mailänder Scala erlebte.Nachweisbar sind mindestens 40 Produktionen, darunter in München (1819), Barcelona und Madrid. Siehe die Aufführungsliste von Il barone di Dolsheim auf Corago, gesehen am 10. August 2019. Das Libretto stammte von Felice Romani und es sangen Raniero Remorini und Violante Camporesi.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, …, 1865, S. 22.

1822 wurde Pacini von Maria Luisa von Bourbon zu ihrem Maestro di camera e capella ernannt, weshalb er nach Viareggio zog und Lucca als seine „zweite Heimat“ wählte.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, …, 1865, S. 32 f. In seinem neuen Haus in Viareggio lebte auch seine Familie, insbesondere seine Eltern.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, …, 1865, S. 36.

mini|Bühnenbild zu Pacinis L’ultimo giorno di Pompei (Mailand 1827)

Die erste Oper, die Pacini für das bedeutende Teatro San Carlo in Neapel schuf (Rossinis ehemaliger Wirkstätte), war Alessandro nelle Indie (1824), die bei der Uraufführung überhaupt keinen Applaus erhielt, aber in der zweiten Aufführung in Anwesenheit des Königs bejubelt wurde.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, …, 1865, S. 40–46. Für das gleiche Opernhaus schrieb er ein Jahr später L’ultimo giorno di Pompei, die ihre Uraufführung am 19. November 1825 mit Adelaide Tosi, Giovanni David und Luigi Lablache in den Hauptrollen erlebte, und die Pacini als „den größten Triumph meiner frühen Karriere“ bezeichnete.„… il maggior trionfo della mia prima epoca artistica“, in: Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, G. G. Guidi, 1865, S. 49–50. In der Folge erhielt er vom Impresario Domenico Barbaja einen Neun-Jahresvertrag als künstlerischer Leiter von dessen Theatern (in Neapel und Mailand), mit der Kommission, zwei Opern im Jahr zu komponieren – ein ähnlicher Vertrag wie ihn zuvor Rossini hatte.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, …, S. 50. Auch mit Gli arabi nelle Gallie (1827) hatte Pacini enormen Erfolg:Jeremy Commons: „Giovanni Pacini and Maria regina d'Inghilterra“, …, Opera Rara ORC 15, 1998, S. 11–88, hier: 15. die Oper wurde nach der Uraufführung an der Mailänder Scala (wieder mit Giovanni David) nicht nur in ganz Italien, sondern auch in Wien (1827), Dresden (1829), Madrid (1829), Barcelona (1830) und sogar in New York (1834) gespielt.Insgesamt über 50 Produktionen. Siehe die Aufführungsliste von Gli arabi nelle Gallie, ossia il trionfo della fede auf Corago, gesehen am 10. August 2019. 1827 reiste Pacini mit der Compagnie der Mailänder Scala nach Wien, wo vier seiner Opern aufgeführt wurden, darunter L’ultimo giorno di Pompei und Gli arabi nelle Gallie. Ebenfalls für Aufführungen von L’ultimo giorno di Pompei ging er 1830 nach Paris, aber der Ausbruch der Julirevolution brachte die gesamte Planung durcheinander und Pacini musste noch vor der verzögerten Premiere im Oktober wieder nach Italien zurück, wo er Verpflichtungen in Rom hatte.

Bis 1835 wurden alle seine Werke an den großen Theatern Italiens aufgeführt. Nach 1830 wurde Pacini jedoch durch Bellini und Donizetti immer mehr in die dritte Reihe gedrängt,„Bellini, il divino Bellini e Donizetti mi avevano sorpassato.“ In: Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, …, 1865, S. 82. und 1835 fiel seine Oper Carlo di Borgogna am Teatro La Fenice (Venedig) beim Publikum wie auch bei der Kritik durch. Dieses Scheitern nahm Pacini zum Anlass, sich von der Opernbühne zurückzuziehen und eine private Musikschule in Viareggio zu gründen. Mit dieser Schule hatte er großen Erfolg; später etablierte sie sich in Lucca.

Zweite Karriere Nach einer fünfjährigen Abstinenz von der Opernbühne, während der er sich dem Studium der Dramaturgie und Musiktheorie widmete, kehrte er 1839 mit Furio Camillo (Rom 1839) auf die Opernbühne zurück.Marino Pessina: „Saffo“, in: Piero Gelli & Filippo Poletti (Hrsg.): Dizionario dell'opera 2008, Baldini Castoldi Dalai, Mailand, 2007, S. 1168–1169, Online auf www.operamanager.it (im Web.archive, italienisch; abgerufen am 4. August 2019). Der Zeitpunkt für einen Neuanfang war relativ günstig, denn Bellini war 1835 gestorben und Donizetti hatte kurz zuvor Italien verlassen. In seiner nun folgenden zweiten Karrierephase folgte Pacini einem neuen hochromantischen Musik- und Opernstil, der den mittlerweile modernen Bestrebungen nach einem romantischen und dabei möglichst realistischen Musikdrama entgegenkam, wie sie vor ihm bereits von Bellini und Donizetti versucht wurden. Pacinis nun folgende neue Opern zeichnen sich durch eine dichtere, reiche Instrumentierung und sehr bunte Harmonik aus. Zusammen mit Salvadore Cammarano schuf er für das Teatro San Carlo in Neapel die Tragedia lirica Saffo (UA am 29. November 1840), die einen enormen Erfolg hatte und zu seiner bekanntesten Oper überhaupt wurde. Auch andere der in den 1840er Jahren komponierten Opern waren erfolgreich und gelten oft als seine reifsten Werke, darunter La fidanzata corsa (Neapel 1842), Maria regina d’Inghilterra und Medea (beide 1843), sowie Allan Cameron (1848). Nach 1850 wurde Pacini ähnlich wie Mercadante endgültig von dem neuen Stern am Opernhimmel, Giuseppe Verdi, in die zweite Reihe verdrängt. Trotzdem gab er nicht auf (wie lange zuvor Rossini), sondern komponierte weiterhin regelmäßig Opern. Er schrieb auch eine Sinfonia Dante, die am 15. Mai 1865 in Florenz bei den Feiern zum 600. Geburtstag des berühmten Dichters aufgeführt wurde.

Noch sieben Monate vor seinem Tod hatte Pacinis letzte Oper Berta Premiere.

Privatleben mini|links|hochkant=0.75|Die Töchter Pacinis, Paolina und Amazilia. Ölgemälde von Karl Brjullow, 1832

Pacini hatte als junger Mann glamouröse Affairen mit Paolina Borghese (einer Schwester Napoleons) und – nach dem Tode seiner ersten Frau – mit der russischen Gräfin Giulia (eigentl. Yuliya) Samoylova.Jeremy Commons: Giovanni Pacini and Maria regina d'Inghilterra, Booklettext zur Gesamtaufnahme von Maria regina d'Inghilterra (mit Nelly Miricioiu, Bruce Ford ua.), Opera Rara, 1998, S. 11–88, hier: S. 14.

Er war dreimal verheiratet und hatte fünf überlebende Kinder (vier weitere starben früh). Seine erste Frau Adelaide Castelli heiratete er 1825 nur acht Tage, nachdem er sie kennengelernt hatte; sie wohnten anfangs in einem Haus seiner Schwiegereltern in Portici.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, …, 1865, S. 48–49. Adelaide schenkte ihm drei Kinder, die ersten beiden waren die Töchter Paolina und Amazilia. Adelaide starb jedoch bereits im Frühling 1828, drei Tage nach der Geburt eines kleinen Jungen Lodovico, an Wochenbettfieber. Auch das Baby überlebte nicht lange und aus Kummer zog sich Pacini zwischenzeitlich nach Viareggio zu seiner Familie zurück.Nach der Aufführung seiner Oper I cavalieri di Valenza an der Mailänder Scala im Sommer 1828. Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, …, 1865, S. 66–67. Seine zweite Frau war die Opernsängerin Marietta Albini, die 1832 in der Uraufführung von Pacinis Il corsaro die Rolle der Gulnara sang.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, …, 1865, S. 77–78 Marietta und Pacini hatten eine gemeinsame Tochter Giulia. Marietta starb 1849.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, …, 1865, S. 123 und 125. Um 1852/53 heiratete er seine dritte und letzte Frau Marianna Scoti, die ihm drei weitere Kinder schenkte: Isabella, Luigi und Paolina.Giovanni Pacini: Le mie memorie artistiche, …, 1865, S. 124–25.

Rivalitäten

Pacini wurde besonders in seiner frühen Laufbahn von seinen Konkurrenten Meyerbeer, Bellini und Donizetti stark angefeindet, die ihn in ihren Briefen teils als Intriganten, teils als bloßen Nachahmer Rossinis (oder Bellinis) hinstellten. Meyerbeer, der selber in seiner italienischen Zeit wie andere auch eindeutig ein Nachahmer Rossinis war, mokierte sich außerdem darüber, dass Pacini in seinen Anfangsjahren im Operngeschäft Hilfe durch seinen Vater Luigi bekam. Vieles von solchen Anfeindungen basierte vermutlich auf Konkurrenzneid. Auch die Presse (besonders im Ausland, wie Deutschland und Österreich, die der italienischen Oper grundsätzlich eher kritisch oder ironisch gegenüberstand) stellte Pacini oft nur wie eine Art Anhängsel Rossinis dar.

Pacini selber schreibt in seinen Memoiren, er habe ein gutes kollegiales Verhältnis zu Bellini und Donizetti gehabt. Bellini dagegen äußerte sich in Briefen ähnlich wie gegen Donizetti auch gegen Pacini eifersüchtig und feindselig und behauptete in einem Brief vom 28. Dezember 1831, dass Pacinis Mätresse Giulia Samoylova zur Premiere seiner Norma am 26. Dezember 1831 eine Claque engagiert habe, die für ein Fiasko der Oper gesorgt habe.

In seiner Spätzeit gab es Stimmen, die kein Verständnis hatten für Pacinis „tapferes“ Durchhalten beim Schreiben von Opern, und die meinten, er solle lieber Platz für junge Komponisten machen.

Rezeption mini|Der Ausbruch des Vesuv in Pacinis L’ultimo giorno di Pompei (Mailand 1827)