Das Massaker von Srebrenica, auch bezeichnet als Völkermord von Srebrenica (), war ein Kriegsverbrechen während des Bosnienkriegs. Über mehrere Tage – im Kern vom 11. bis zum 19. Juli 1995 – verübten Soldaten der Armee der Republika Srpska (Vojska Republike Srpske, VRS), der Polizei und des serbischen Paramilitärs unter der Führung von Ratko Mladić, verteilt auf eine Vielzahl von Tatorten in der Nähe von Srebrenica, den Mord an mehr als 8000 (zum größten Teil männlichen) Bosniaken. In Srebrenica befanden sich 400 bis 450 leicht bewaffnete niederländische Blauhelm-Soldaten. Sie waren den Angreifern militärisch weit unterlegen und hatten keine Erlaubnis für den Einsatz von Waffengewalt zur Durchsetzung ihres Auftrags.
Das Massaker gilt als das schwerste Kriegsverbrechen in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs. Prozesse vor internationalen Gerichten belegten, dass die Verbrechen nicht spontan erfolgten, sondern systematisch geplant und durchgeführt wurden und als Völkermord einzuordnen sind.
Vom 30. August 1995 bis zum 20. September 1995 fand mit Billigung der UN die Operation Deliberate Force statt. Kampfflugzeuge von acht NATO-Staaten flogen 3515 Einsätze und bekämpften 386 feindliche Ziele mit 1026 Bomben, darunter zahlreichen Präzisionsbomben. Die Operation endete, nachdem die Serben ihre schweren Waffen abgezogen und eine Garantie für die verbliebenen Schutzzonen abgegeben hatten.
Das Abkommen von Dayton (auch Dayton-Vertrag genannt) beendete Ende 1995 nach dreieinhalb Jahren den Bosnienkrieg.
Im Jahr 2022, 27 Jahre nach dem Massaker, bat die niederländische Regierung um Entschuldigung bei den Angehörigen der Ermordeten und bei den damals eingesetzten niederländischen Soldaten.
Vorgeschichte Militärische Auseinandersetzungen bis April 1993
mini|Begräbnis von 465 identifizierten Massakeropfern (2007) Im Bosnienkrieg fanden in der Region Ostbosnien, zu der auch die Stadt Srebrenica gehört, militärische Auseinandersetzungen zwischen den bewaffneten Einheiten der bosnischen Serben und der Bosniaken statt. Zusammen mit Paramilitärs gelang es dem bosnisch-serbischen Militär im Frühjahr 1992 erstmals, die Gemeinde Srebrenica zu besetzen, deren Bevölkerung 1991 zu fast drei Vierteln aus Bosniaken bestand. Im Kernort Srebrenica selbst waren fast zwei Drittel der Einwohner Bosniaken. Die Herrschaft der bosnischen Serben dauerte nur einige Wochen. Bosniakische Militäreinheiten unter der Führung von Naser Orić eroberten die Stadt Anfang Mai 1992 zurück.Siehe Matthias Fink: Srebrenica. Chronologie eines Völkermords. S. 108–128. Die umliegenden Regionen blieben in der Hand der bosnischen Serben, die Srebrenica erneut belagerten. Die bosniakischen Einheiten starteten aus der Stadt heraus Gegenoffensiven und Überfälle auf umliegende serbische Dörfer, die zum Teil auch als Stützpunkte der Belagerer dienten. Es gelang den Bosniaken hierbei bis Januar 1993, das bosniakisch kontrollierte Gebiet um Srebrenica herum auf ein Maximum von ca. 900 Quadratkilometern auszudehnen. Die Belagerung konnten sie dadurch jedoch nicht durchbrechen.Siehe Matthias Fink: Srebrenica. Chronologie eines Völkermords. S. 134–151. Angabe Ausdehnung dort S. 151. Insbesondere Truppen unter Naser Orić werden mit Bezug auf die Überfälle und Gegenoffensiven für Kriegsgräuel gegen bosnische Serben verantwortlich gemacht. Die Angaben über die Opferzahlen von 1992 bis 1995 schwanken dabei. In den serbischen Medien wurden 1000 bis 3000 Opfer behauptet. Die Dokumentation des Niederländischen Instituts für Kriegsdokumentation (NIOD) gibt eine Zahl von mindestens 1000 serbischen Zivilisten aus einer serbischen Quelle wieder. Das Research and Documentation Center in Sarajevo nennt eine Zahl von 424 bzw. 446 serbischen Soldaten und 119 serbischen Zivilisten. Matthias Fink geht in seiner Publikation Srebrenica. Chronologie eines Völkermords von etwa 1.300 Opfern aus.Matthias Fink: Srebrenica. Chronologie eines Völkermords. S. 148.
Im Frühjahr 1993 reorganisierte sich das bosnisch-serbische Militär unter Ratko Mladić. Seine erfolgreichen Offensiven reduzierten den Einflussbereich der Bosniaken bis März 1993 wieder auf ca. 150 Quadratkilometer. Bosniaken aus der Region um Srebrenica flüchteten im Zuge dieser Kampfhandlungen in die Stadt, deren Einwohnerzahl dadurch auf 50.000 bis 60.000 anstieg – 1991 hatte diese Zahl bei zirka 6000 gelegen. General Philippe Morillon, Kommandant der UNPROFOR in Bosnien, besuchte die von Flüchtlingen überfüllte Stadt im März 1993. Die Lebensbedingungen in Srebrenica waren damals kritisch: Die Versorgung mit Trinkwasser und Strom war weitgehend zusammengebrochen, Vorräte an Nahrung und Medikamenten waren sehr knapp, genauso wie Wohnraum. Am 12. März 1993 versprach Morillon den Einwohnern öffentlich, Srebrenica werde unter den Schutz der Vereinten Nationen gestellt; die UNO werde Srebrenica und seine Einwohner nicht im Stich lassen.Matthias Fink: Srebrenica. Chronologie eines Völkermords. S. 13 f, S. 175 f. Datum 12. März 1993 dort S. 206. Im März und April 1993 wurden unter der Aufsicht des UNHCR tausende Bosniaken aus Srebrenica evakuiert. Die bosnische Regierung in Sarajevo protestierte gegen diese Maßnahmen, die aus ihrer Sicht die Politik der ethnischen Säuberungen in Ostbosnien begünstigten. Am 13. April 1993 teilten die bosnisch-serbischen Militärs Vertretern des UNHCR mit, sie würden Srebrenica angreifen, falls sich die Bosniaken nicht innerhalb von zwei Tagen ergeben würden.
Einrichtung der Schutzzone Als Reaktion auf diese Bedrohungslage verabschiedete der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen am 16. April 1993 die Resolution 819. Sie forderte von allen Parteien, Srebrenica und die umliegende Region als Schutzzone (safe area) zu betrachten. Jeder Angriff auf Srebrenica und jeder andere „unfreundliche Akt“ gegenüber dieser Schutzzone müsse unterbleiben. Am 18. April rückten die ersten 170 UNPROFOR-Soldaten, hauptsächlich Kanadier, in Srebrenica ein. Der Sicherheitsrat unterstrich den Status Srebrenicas als Sicherheitszone am 6. Mai 1993 durch Resolution 824 und am 4. Juni 1993 durch Resolution 836. Letztere gestattete UNPROFOR-Soldaten die Anwendung von Waffengewalt zur Selbstverteidigung. Das erste niederländische Bataillon, Dutchbat I, erreichte die Schutzzone Srebrenica im März 1994. Im Juli desselben Jahres wurde es von Dutchbat II abgelöst, dem im Januar 1995 Dutchbat III folgte.mini|Auflistung der Namen von Opfern in der Gedenkstätte PotočariDas Mandat und damit auch die Bewaffnung der Blauhelme blieben grundsätzlich umstritten. Staaten, die UNO-Truppen für Bosnien und für die Schutzzonen stellten, lehnten die Anwendung von militärischer Gewalt gegen die bosnischen Serben ab. Sie fürchteten um die Sicherheit ihrer Soldaten. Staaten, die keine Truppen vor Ort hatten, favorisierten zunehmend eine Erweiterung des Mandats; auch die Anwendung von militärischer Gewalt gegen die VRS sollte aus ihrer Sicht erwogen werden. Das Mandat und die nur leichte Bewaffnung der UNPROFOR-Soldaten orientierten sich schließlich an klassischen friedenserhaltenden Missionen, nicht an Einsätzen, die den Frieden auch gegen eine Partei erzwingen.
Auf die Einrichtung der Schutzzone Srebrenica folgte eine Phase der relativen Stabilität.Matthias Fink: Srebrenica. Chronologie eines Völkermords. S. 221 f. Anzahl und Schwere der Gefechte gingen zurück. Dennoch wurden die Befriedung der Schutzzone und ein Schutz ihrer Bewohner nicht vollständig erreicht. Nach Blauhelm-Angaben gelang die geforderte Demilitarisierung der bosniakischen Einheiten innerhalb der Enklave weitgehend. Die Bosniaken widersetzten sich aber einer vollständigen Entwaffnung. Während schweres Militärgerät bis auf einige Hubschrauber und wenige Minenwerfer abgeliefert wurde, weigerten sich viele Bosniaken, leichte Waffen herauszugeben. Die bosnisch-serbischen Einheiten verblieben ihrerseits in ihren Stellungen, von denen sie die Schutzzone fortgesetzt mit schweren Waffen bedrohten; sie verweigerten die Demilitarisierungsbestimmungen vollständig. Immer wieder beschwerten sich Bosniaken über Angriffe der bosnischen Serben. Die bosnisch-serbische Armee erschwerte und blockierte außerdem Hilfskonvois, die nach Srebrenica fahren wollten. Die Lage der Bevölkerung in der Schutzzone blieb trotz der relativen Stabilität kritisch.
mini|hochkant|Ratko Mladić (1993)
Am 14. Juni 1993 forderte UNO-Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali 34.000 UNO-Soldaten für die robuste Sicherung der Schutzzonen. Der Sicherheitsrat bewilligte vier Tage später allerdings nur eine light version, eine Erweiterung der Truppen auf 7600 Mann.Matthias Fink: Srebrenica. Chronologie eines Völkermords. S. 215. Diese Aufstockung der Truppen war erst im Sommer 1994 abgeschlossen. Widerstand gegen die Bereitstellung weiterer Truppenkontingente resultierte aus spezifischen Sorgen um die Sicherheit der UNO-Blauhelme und aus allgemeinen Überlegungen zur Eindämmung von Kosten für solche Friedensmissionen.mini|UN-Sicherheitsrat
Im Frühjahr 1995 verschlechterte sich die prekäre Lage für die Flüchtlinge und die Blauhelmsoldaten erneut deutlich. Immer mehr Hilfskonvois für Srebrenica wurden durch bosnisch-serbische Verbände blockiert. Davon waren sowohl die eingeschlossenen Flüchtlinge als auch die UN-Soldaten betroffen, deren Vorräte sich ebenfalls stark reduzierten. Wenn Angehörige der UNPROFOR die Schutzzone Srebrenica verließen, um Material- und Lebensmittelnachschub für ihre Truppe zu organisieren, verweigerten bosnisch-serbische Einheiten ihnen anschließend systematisch die Rückkehr in die Schutzzone. Auf diese Weise sank die Zahl der niederländischen Blauhelme in der Schutzzone von anfänglich 600 auf noch gut 400 Soldaten.Matthias Fink: Srebrenica. Chronologie eines Völkermords. S. 277 und S. 280.
Die Bereitschaft der Entsendestaaten, weitere Truppen für den Einsatz in Bosnien und den Schutzzonen zu stellen, war in Anbetracht dieser Situation gering. Auch Luftangriffe auf Stellungen der VRS erschienen der UNO und den Truppen stellenden Staaten nicht opportun. Die UNO-Führung nahm an, dass die bosnisch-serbischen Einheiten NATO-Luftangriffe als Kriegshandlung der UNO gegen die VRS deuten würden. Man fürchtete eine Eskalation, aus der es für die UNO keinen einfachen Ausweg gäbe. Für jede Friedensmission sei solch eine Situation fatal. Auch humanitäre Hilfslieferungen für die Zivilbevölkerung seien dann kaum mehr durchführbar. Die UNO-Spitze befürchtete überdies weitere Angriffe auf die UNPROFOR-Einheiten, deren Sicherheit für die UNO und die Truppen stellenden Staaten von entscheidender Bedeutung war.
mini|hochkant|Radovan Karadžić am 3. März 1994
Radovan Karadžić erließ Anfang März 1995 an die bosnisch-serbische Armee die „Direktive 7“. In ihr forderte der Präsident der Republika Srpska, durch gut geplante und durchdachte Militäroperationen eine unerträgliche Lage völliger Unsicherheit in der Schutzzone Srebrenica herbeizuführen. Den Eingeschlossenen sollte keine Hoffnung auf Überleben oder Leben in der Schutzzone gelassen werden.Zu dieser Direktive siehe Matthias Fink: Srebrenica. Chronologie eines Völkermords. S. 250 f.Lara J. Nettelfield, Sarah E. Wagner: Srebrenica in the aftermath of genocide. S. 10. Mehrere drängende Appelle der Eingeschlossenen, einen Korridor für Hilfslieferungen zu öffnen, blieben erfolglos. Anfang Juli starben Einwohner Srebrenicas an Hunger und Entkräftung. Bereits seit März 1995 registrierten Blauhelme Vorbereitungen der bosnisch-serbischen Armee für Angriffe auf UN-Beobachtungsposten am Rand der Schutzzone.
Einmarsch der serbischen Einheiten in die Schutzzone