hochkant|mini|: Baum der Erkenntnis (Lucas Cranach der Ältere: Paradies (Ausschnitt), 1530 Kunsthistorisches Museum Wien) Der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse () wird in der Paradieserzählung im Buch Genesis der Hebräischen Bibel erwähnt. JHWH ElohimDieser Gottesname ist eine Besonderheit der Paradieserzählung. legte demnach einen Baumgarten im Osten an. Mitten darin ließ er den Baum der Erkenntnis und den Baum des Lebens wachsen (). Er ließ den Menschen, den er aus Staub vom Erdboden geschaffen hatte, in diesem Garten wohnen und erlaubte ihm, von allen Baumfrüchten zu essen, nicht aber vom Baum der Erkenntnis, „denn sobald du davon isst, musst du gewiss sterben“Deutsche Übersetzung: Andreas Schüle: Der Prolog der hebräischen Bibel: der literar- und theologiegeschichtliche Diskurs der Urgeschichte (Gen 1–11). TVZ, Zürich 2006, S. 150. ().

Im weiteren Verlauf der Erzählung aßen die Menschen auf Anregung der klugen Schlange trotzdem vom Baum mitten im Garten. Sie starben aber nicht unmittelbar, sondern gelangten zur Erkenntnis von Gut und Böse. JHWH Elohim verwies sie aus dem Garten, damit sie nicht auch noch vom Baum des Lebens essen und ewiges Leben erlangen konnten.

Exegese Gartenmotiv mini|Höflinge im königlichen Garten von Nimrud, 9. Jh. (British Museum) Schauplatz der Erzählung ist der von JHWH Elohim angelegte Baumgarten, der ähnlich einer Oase inmitten des unkultivierten Landes liegt. Vergleichsmaterial stammt vor allem aus Mesopotamien. In babylonischen Gärten standen große Dattelpalmen, in ihrem Schatten kleinere Obstbäume, Nutz- und Zierpflanzen. Solche Gärten waren Palästen und Tempeln zugeordnet. Königliche Gärten waren mit Mauern eingefasst und künstlich bewässert. Neuassyrische Könige stilisierten sich in literarischen Texten selbst als Gärtner. Pflanzen und Tiere, aus verschiedenen Teilen des Reichs zusammengebracht, symbolisierten die wohlgeordnete Schöpfung. Solche Gärten brachten ihrem Besitzer Prestige. Sie dienten der Repräsentation, aber auch der Erholung und dem Genuss.Jan Christian Gertz: Das erste Buch Mose (Genesis). Die Urgeschichte (Gen 1−11). 2., veränderte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021, S. 110 f.

Zwei Bäume oder ein Baum in der Mitte In der Mitte des Gartens wachsen zwei besondere Bäume: der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis. Vom hebräischen Text her ist in auch möglich, nur an einen Baum in der Mitte des Gartens zu denken: „der Baum des Lebens, der (auch) der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse ist.“ Wer den Text so versteht, hat mit kein Problem, wo nur von einem Baum in der Gartenmitte die Rede ist. Er kommt aber umso mehr in Schwierigkeiten, wenn in Lebensbaum und Erkenntnisbaum deutlich unterschieden werden.Andreas Schüle: Die Urgeschichte (Genesis 1–11). TVZ, Zürich 2009, S. 62 f. Jan Christian Gertz nimmt an, dass der von ihm so genannte weisheitliche Erzähler in seiner Paradiesgeschichte einen Gottesgarten beschreibt, in dessen Mitte der Weltenbaum wächst (vgl. ). Dass die Früchte des Weltenbaums Erkenntnis bringen, sei ein ganz eigener Zug der Paradiesgeschichte.Jan Christian Gertz: Das erste Buch Mose (Genesis). Die Urgeschichte (Gen 1−11). 2., veränderte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021, S. 120.

mini|Zwei Jugendliche flankieren den stilisierten Baum des Lebens. Elfenbeinschnitzerei, Nimrud, 9.−7. Jh. (Irakisches Nationalmuseum, Bagdad)

Explizit bezeichnet wird der Baum der Erkenntnis nur in 2,9 und 2,17. Das erschwert die Interpretation.Vgl. Susan Brayford: Genesis (= Septuagint Commentary Series, Band 5). Brill, Leiden/Boston 2007, S. 229: “It is the other tree, ironically described as the tree of knowing but about which little is known, that plays a significant role in the narrative.” Der Baum des Lebens kommt sowohl im biblischen Buch der Sprichwörter, , , . als auch in hellenistisch-jüdischer Literatur vor,Testamentum Levi 18,10-11; IV Esra 8,52; IV Makkabäer 16,18. und vergleichbare Gewächse sind im Alten Orient wohlbekannt, zum Beispiel die im Gilgamesch-Epos beschriebene Lebenspflanze,Gilgamesch-Epos XI,266-282. die sowohl Verjüngung als auch Erhaltung des Lebens bewirkt. Ein Baum der Erkenntnis dagegen kommt außerhalb der biblischen Paradieserzählung nicht vor; Westermann vermutet deshalb, dass der Verfasser diese Bezeichnung „aus der Erzählung heraus neu gebildet hat.“Claus Westermann: Genesis, 1. Teilband. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1974, S. 290–292. Die Formulierung ist schwieriger als die gängigen Übersetzungen vermuten lassen. Möglich ist, da‘at als Infinitiv mit folgendem Akkusativobjekt aufzufassen, wörtlich also: „der Baum des gut-und-böse-Erkennens.“Vgl. Gesenius. 18. Aufl. 2013, S. 256: „Inf. cs. Qal von , daher m. Akk. Gn 2,8.17.“

Gen 2,9 – Ansatzpunkt der Literarkritik Der Satzbau von Gen 2,9 irritiert. Das lässt sich an der Lutherbibel gut nachvollziehen, die hier nahe beim hebräischen Text bleibt: „Und Gott der HERR ließ aufwachsen aus der Erde allerlei Bäume, verlockend anzusehen und gut zu essen, und den Baum des Lebens mitten im Garten und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen.“Deutsche Übersetzung: Lutherbibel 2017. Das ist ein Beispiel für die „gespaltene Koordination“ im Bibelhebräischen: in eine Reihe durch Syndese verbundener gleichwertiger Satzglieder (hier kursiv) schiebt sich ein anderer Satzteil (hier unterstrichen) wie eine Sperre. Im Fall von Gen 2,9 lud dieser Befund seit Karl Budde zu literarkritischen Operationen ein. Umberto Cassuto versichert aber, dass „die Wortfolge von den rhythmischen Erfordernissen des Verses diktiert wurde; es wäre undenkbar gewesen, zu schreiben: auch der Baum des Lebens und der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse in der Mitte des Gartens.“Umberto Cassuto: A Commentary on the Book of Genesis. Band 1, Magnes Press, Jerusalem 1961, S. 111. (Neuhebräisches Original Jerusalem 1944, mehrere Auflagen) Eine hebraistische Untersuchung Andreas Michels bestätigte Cassutos Sprachgefühl. Demnach ist Gen 2,9 ein wohlproportionierter Satz; der Lokativ „mitten im Garten“ bezieht sich auf Lebensbaum und Erkenntnisbaum gleichermaßen; dass der „Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen“ und nicht der „Baum des Lebens“ ans Ende gerückt ist, heißt nicht, dass er aus Sicht des Erzählers weniger Bedeutung hätte, sondern folgt der stilistischen Tendenz „kurz vor lang“.Andreas Michel: Theologie aus der Peripherie: die gespaltene Koordination im biblischen Hebräisch. De Gruyter, Berlin u. a. 1997, S. 21 f.

Die klassische literarkritische Lösung des Problems sieht so aus, dass der „Baum des Lebens“ als redaktionelle Hinzufügung gestrichen wird: Die ursprüngliche Paradieserzählung handelte nur vom Baum der Erkenntnis, Unsterblichkeit war nicht ihr Thema. Auch Gen 3,22.24 (Vertreibung der Urmenschen aus dem Garten und Bewachung des Zugangs zum Lebensbaum) werden daher als sekundär ausgeschieden. Nach Michels Untersuchung ist dieser Schnitt nicht mehr einfach mit der Syntax von Gen 2,9 zu begründen. Gertz vertritt sie mit einer Kombination mehrerer Argumente weiterhin. Der Bearbeiter hatte demnach das Interesse, einen Zusammenhang zwischen dem Paradiesgarten und dem Jerusalemer Tempel herzustellen; mythische Urzeit und eigene Erfahrungswelt konnten sich so gegenseitig durchdringen. Mit der Einführung des Lebensbaum-Motivs handelte sich der Bearbeiter allerdings neue Probleme ein.Jan Christian Gertz: Das erste Buch Mose (Genesis). Die Urgeschichte (Gen 1−11). 2., veränderte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021, S. 150 f. Nahum Sarna etwa merkt an, dass Gott erlaubt hatte, die Früchte vom Baum des Lebens zu verzehren, sei es, dass ein Bissen davon unsterblich gemacht hätte oder dass der Mensch im Paradies immer wieder davon aß, um sich zu verjüngen. Der sterbliche Mensch hatte, so Sarna, die Unsterblichkeit in Reichweite.Nahum Sarna: The JPS Torah Commentary, Genesis. Jewish Publication Society, Philadelphia u. a. 1989, S. 18 f. „Hat der Mensch in seiner Naivität die Bedeutung dieses Baumes nicht erkannt oder die beiden Bäume nicht zu unterscheiden vermocht? Man kommt nicht umhin, festzustellen, dass sich der Verfasser von 3,22.24 für solche Fragen nicht interessiert hat.“Jan Christian Gertz: Das erste Buch Mose (Genesis). Die Urgeschichte (Gen 1−11). 2., veränderte Auflage. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 2021, S. 151.

Verbot der Baumfrucht und Todesdrohung In einer älteren Fassung der Erzählung war laut Westermann einfach von einem „Baum in der Mitte des Gartens“ die Rede; damit hat sich für ihn das Problem erledigt, warum Gott den Menschen die Erlangung von Erkenntnis vorenthalten wollte.Claus Westermann: Genesis, 1. Teilband. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1974, S. 303. Das sieht Andreas Schüle völlig anders: Durch die Einhauchung des Lebensatems ist bei der Menschenschöpfung eine starke Nähe zu Gott entstanden; mit der Todesdrohung wahrt Gott die Differenz. Sie dient der Abschreckung. Der Mensch wurde für den begrenzten Zweck erschaffen, den Garten zu pflegen – Höheres war für ihn nicht vorgesehen.Andreas Schüle: Die Urgeschichte (Genesis 1–11). TVZ, Zürich 2009, S. 66 f. Christoph Riedweg sieht im Baum der Erkenntnis ein „Mahnmal für die göttliche Überlegenheit“; das Verbot, seine Früchte zu essen, sichere wie jedes Tabu die bestehende Machtordnung und setze Grenzen.Christoph Riedweg: Das Verbot, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen (Gen 2,17): Zeichen eines missgünstigen Gottes? In: Christoph Riedweg, Konrad Schmid (Hrsg.): Beyond Eden, Tübingen 2008, S. 198.

Sarna interpretiert das Verbot als Aufforderung, bei der Befriedigung des Appetits Zurückhaltung und Selbstbeherrschung zu üben. Er findet hier das Paradigma für die künftigen Speisegebote der Tora.Nahum Sarna: The JPS Torah Commentary, Genesis. Jewish Publication Society, Philadelphia u. a. 1989, S. 21.

Die Exegeten fragen sich, warum der angedrohte Tod nach dem Genuss der verbotenen Frucht nicht eintritt. Im Anschluss an Theodoor C. VriezenTheodoor C. Vriezen: Onderzoek naar de paradijsvoorstelling bij de oude Semietische volken. Wageningen 1937. (Open Access) hält Westermann fest, dass der Tod nicht direkte Folge des Essens ist und nicht am gleichen Tag zu erwarten steht. Ebenso wenig scheint ihm aber plausibel, dass damit lediglich gemeint sei, dass der Mensch in Zukunft irgendwann einmal sterben werde. Festzuhalten bleibe, dass Gott in seiner Souveränität unerklärlichweise darauf verzichte, die Todesstrafe zu vollziehen.Claus Westermann: Genesis, 1. Teilband. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1974, S. 305 f. Aber es ist gar nicht eindeutig, ob es um die Todesstrafe geht. Der Erzähler adaptierte nämlich in Gen 2,17 den sogenannten Todesrechtssatz: „wer … tut, der wird gewiss getötet werden“ (). Thomas Hieke kommentiert: „Obwohl die Menschen vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse essen, werden sie nicht getötet, vielmehr werden eine Reihe anderer Strafen ausgesprochen, und Gott bewahrt die Menschen sogar durch seine Fürsorge hinsichtlich der Kleidung (3,21). Das zeigt, wie die göttliche Todesdrohung gedacht ist: nicht als gesetzliche Sanktion …, sondern als eine Warnung, die auf die furchtbaren Folgen des Verstoßes gegen das göttliche Gebot aufmerksam macht.“Thomas Hieke: Das Alte Testament und die Todesstrafe. In: Biblica, Band 85 (2004), S. 349−374, hier S. 372.

Erkenntnis von Gut und Böse mini|Zwei pharao-artige Menschen flankieren einen stilisierten Baum. Beide tragen Szepter, die linke Person außerdem eine Kanne. Die Uräus-Schlange wird mehrfach als Motiv verwendet. Phönizische Elfenbeinschnitzerei in „ägyptisierendem“ Stil, Nimrud, 9.−8. Jh. (Metropolitan Museum of Art)