mini|Ausschussdefekt des Schädeldachs mit trichterförmiger Erweiterung nach außen und Entlastungsbruchlinien im rechten Scheitelbein
Eine Schusswunde () oder Schussverletzung ist eine Verletzung, die durch ein Geschoss (Pfeil oder Projektil) verursacht wird; dieses kann entweder in der Wunde stecken bleiben oder es durchdringt den Körper. Forensisch und militärisch wird die Schusswunde in der Wundballistik näher untersucht.
Arten von Schussverletzungen Je nach Weg und Verbleib des Projektils unterscheidet man zwischen vier Typen: Durchschuss, Steckschuss, Prellschuss und Streifschuss.
Ein Durchschuss ist eine Schussverletzung, bei der das Geschoss in den Körper eindringt und dann an einer anderen Stelle wieder austritt, wobei sowohl eine Einschusswunde als auch eine Austrittswunde entstehen.Durchschuss DocCheck, abgerufen am 6. September 2024 Bei einem Steckschuss verbleibt das Geschoss nach Eintritt im Körper, wo es im Gewebe oder in Knochen stecken bleibt, so dass es keine Austrittswunde gibt.Steckschuss DocCheck, abgerufen am 6. September 2024 Durch Verwendung sogenannter Hohlspitzgeschosse, die im Körper aufpilzen, entstehen ebenfalls Steckschüsse. Ein Prellschuss wird durch matte Geschosse (Gummigeschosse, wie sie z. B. durch Ordnungskräfte auf Demonstrationen eingesetzt werden) ausgelöst. Er dringt nicht in die Haut ein, verursacht also keine äußere Wunde, sondern eine Quetschung, deren Spuren häufig an der zähelastischen Haut übersehen werden. Darunter können jedoch erhebliche Verletzungen verborgen sein, sogar Knochenbrüche, Muskel- und Eingeweidezerreißungen (letztere zählen zu den inneren Wunden). Der Streifschuss, auch Tangentialschuss genannt, verläuft tangential zur Körperoberfläche, so dass das Geschoss eine grabenförmige Wunde aufreißt, ohne jedoch in den Körper zu tunneln.
Auswirkungen Die Wirkung eines Schusses richtet sich nach dem betroffenen Organ oder Körperbereich und auch nach der Art des Geschosses und physischer Konstitution des Getroffenen. Sie ist entgegen allen Mythen nicht vorhersagbar. Die alten Musketenkugeln wurden sehr leicht durch Widerstände abgelenkt, wie z. B. Knochen. Sie umzogen dann den betreffenden Körperteil, z. B. bei einem Rippenschuss den Brustkasten (Ringel-/Konturschuss). Die konischen Geschosse der Büchsen durchdringen den Körper meist in gerader Richtung. Alle Bleigeschosse können sich am Körper abplatten, sofern sie matt sind. Vollmantelgeschosse mit kleinen Kalibern haben eine hohe Durchschlagskraft und behalten meist ihre Form. Schrotschusswunden sind von geringerer Bedeutung, da die Schroten meist nicht tief eindringen können. Beim Kanonenbeschuss auf hölzerne Segelschiffe waren oft Wunden durch umherfliegende Holzsplitter zu beobachten, welche entweder an den Knochen abprallten und nur unter die Haut drangen, aber je nach Winkel und Wucht mitunter auch ins Körperinnere. Diese Verletzungen sind nach heutiger und strenger Definition keine Schusswunden, auch medizinisch gleichen sie eher den Verletzungen bei Explosionen. mini|Schussbruch des Oberschenkelknochens. Röntgenbild seitlich
Medizinische Aspekte Bei der Schusswunde unterscheidet man den Einschuss vom Ausschuss. Schussverletzungen ohne Ausschuss nennt man Steckschuss. Die Ausschusswunde ist in der Regel infolge von irregulären Taumelbewegungen und Schockwelle des Projektils deutlich größer. Besondere Auswirkungen haben Schussverletzungen durch die Tatsache, dass nicht nur ein Gewebsverlust im Schusskanal selbst, sondern auch infolge der hohen kinetischen Energie des Geschosses Gewebsuntergang in einer Zone der molekularen Erschütterung um den Schusskanal herum resultiert. Bei Schussverletzungen kommt es zunächst zu einem sogenannten temporären Wundkanal durch das Geschoss, der durch eindringende Gase und die Verdrängungswirkung des Geschosses hervorgerufen wird. Durch die Elastizität des Gewebes verkleinert sich dieser aber wieder und es kommt zu der Bildung des permanenten Wundkanals.
Sind beim Einschuss Knochen betroffen, so tritt meist eine ausgedehnte Zersplitterung (Schussfraktur) ein.
Stets sind zwei Gruppen von Folgeschäden in unterschiedlichen Intervallen zu befürchten: direkte, meist akute: innere Blutungen durch Gefäß- oder Herzläsion, durch Verletzung parenchymatöser Organe wie Nieren, Milz oder Leber Atemnot durch Eröffnung des Brustkorbs, Verletzung der Lunge Funktionsausfall des Zentralnervensystems beispielsweise bei Kopfschuss Infektion oder Bauchfellentzündung durch Hohlorganperforationen verzögert: Infektion, bzw. Entzündung der Wunde
Unbehandelte Schussverletzungen der Haut, des Weichgewebes, des Brustkorbs oder Bauchraums führen wie entsprechend ausgeprägte Stichverletzungen zu Entzündungen oder zur Blutvergiftung (Sepsis). Sie bedürfen meist einer antibiotischen Therapie.Marianne Abele-Horn: Antimikrobielle Therapie. Entscheidungshilfen zur Behandlung und Prophylaxe von Infektionskrankheiten. Unter Mitarbeit von Werner Heinz, Hartwig Klinker, Johann Schurz und August Stich, 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Peter Wiehl, Marburg 2009, ISBN 978-3-927219-14-4, S. 157. Regelmäßig geformte metallene Geschosse können in den Körper einheilen, sofern das Metall nicht gewebetoxisch ist oder Gasbildung (Beryllium) verursacht. Eingedrungene Kleidungs- bzw. Holzstückchen oder aber auch sogenannte Sekundärgeschosse (z. B. Splitter von Deckungen), aber auch abgestorbene (avitale) Knochensplitter verursachen oft bedeutende Eiterungen. Bei Schusswunden sind außerdem die belastenden psychischen Auswirkungen (Panik, Depression und Demotivation) zu untersuchen.
Geschichte mini|Chirurgische Entfernung einer Gewehrkugel am rechten Beckenkamm (rechts, Fig. 1), Gewehrkugel-Impression an der Außenseite des rechten Darmbeins (links oben, Fig. 2) und an der Vorderseite des linken Schienbeins (links unten, Fig. 3). Farblithografie von Nicolas Henri Jacob, 1866 Seit der Mitte des 15. Jahrhunderts (1460 bei Heinrich von Pfalzpaint, 1497 bei Hieronymus Brunschwig, 1517 bei Hans von Gersdorff)Franz Bäumer, Angelika Schaller, Hermann A. Henrich: Zur Geschichte der Chirurgie der Schußverletzungen. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 14, 1996, S. 449–458; hier: S. 449–451. ist in deutschsprachigen Texten die Behandlung von durch Feuerwaffen entstandene Schusswunden belegt.Ralf Vollmuth: Anmerkungen zur Behandlung von Schußwunden durch Feuerwaffen in deutschsprachigen chirurgischen Werken des 15. Jahrhunderts: Drei Nachträge. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 17, 1998, S. 205–214.Felix Croes: Schotwonden in de 16e eewu. [Medizinische Dissertation] Amsterdam 1940. Verschiedene konkurrierende Behandlungsmethoden waren verbreitet; so etwa das Ausgießen des Schusskanals mit heißem ÖlGundolf Keil: Hans der Franzos. In: Burghart Wachinger u. a. (Hrsg.): Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. Band 3. De Gruyter, Berlin / New York 1981, ISBN 3-11-007264-5, Sp. 450 f. zur Behandlung der angenommenen Vergiftung durch das Schießpulver. So empfahl aus diesem Grund auch Giovanni da Vigo noch 1514, siedendheißes Holunderblütenöl (Oleum sambuci)Ralf Vollmuth: Traumatologie und Feldchirurgie an der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit. Steiner, 2001, ISBN 3-515-07742-1, S. 101.Münchener medizinische Wochenschrift. Band 67, Heft 3, 1920, S. 1071. in die Schusswunde zu geben. In Frankreich setzte sich Ambroise Paré, der 1536 feststellte, dass die Anwendung einer aus Eigelb, Rosenöl und Terpentin bestehenden, weit milderen (nicht selbst eine Verbrennung verursachenden) Mischung die (nicht zugenähteVgl. hierzu Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 10–11.) Wunde besser heilenAxel W. Bauer: Therapeutik, Therapiemethoden. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 1388–1393, hier: S. 1389. ließ, im 16. Jahrhundert intensiver mit SchusswundenVgl. Ambroise Paré: Die Behandlung der Schußwunden (1545). Eingeleitet, übersetzt und herausgegeben von Henry E. Sigerist. Leipzig 1923 (= Sudhoffs Klassiker der Medizin. Band 29). auseinander.Franz Bäumer, Angelika Schaller, Hermann A. Henrich: Zur Geschichte der Chirurgie der Schußverletzungen. In: Würzburger medizinhistorische Mitteilungen. Band 14, 1996, S. 449–458, hier: S. 453–454.
Im 18. Jahrhundert behandelten auch die preußischen Generalchirurgen Johann Ulrich von Bilguer und Johann Christian Anton Theden Schusswunden nicht durch Naht. Bilguer erweiterte die Wunde und streute Pulver mit verschiedenen Ingredienzen hinein und bestrich die Umgebung mit Salben. Theden empfahl ein von ihm aus Essig, Weingeist, Zucker und verdünnter Schwefelsäure zusammengesetztes „Wund- oder Schußwasser“, genannt auch „Arquebusade“ oder „Arkebusade“.Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 11 und 31. Im Jahr 1740 erschienen von Le DranHeinrich Francisci le Dran: Chirurgische Anmerckungen sammt angefügten vielfältigen Bedenken darüber zum Besten derer Chirurgie-Beflissenen. J. J. Cremer, Nürnberg 1940. verfasste Regeln und kurze Lehrsätze für die Versorgung von Schussverletzungen.Peter Sefrin: Notfall-Medizin heute. In: Fortschritte der Medizin. 100. Jahrgang, Nr. 27–28, Juli 1982, S. 1273–1275, hier: S. 1273.
Der Chirurg Gustav Simon veröffentlichte 1851 ein Buch über Schusswunden, in dem er veralteten Vorstellungen widersprach, beispielsweise dem Gedanken, eine Schusswunde wäre einer Brandwunde vergleichbar, da Kugeln Gewebe erhitzen würden. Er hatte 1849 über längere Zeit 148 durch Schusswunden verletzte Patienten behandelt und beobachtet, wobei 143 Soldaten durch Flintenkugeln verletzt worden waren. Von den 148 Verwundeten starben 5, die übrigen wurden geheilt entlassen. Simon vertrat die Ansicht, dass viele Schussverletzungen röhrenförmigen Schnittverletzungen mit Substanzverlust vergleichbar seien.
Eine Wundnaht bei Schusswunden lehnten Bilguer, Theden und Larrey ab, ebenso Nikolai Iwanowitsch Pirogow als Feldchirurg, der annahm, dass Kriegschusswunden immer unter Eiterung heilten.Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 11–12.
Nachdem bereits Hieronymus Brunschwig 1497 neben dem Rat, Schusswunden mit Milch oder warmem Öl auszuwaschen, auch die Empfehlung zur Entfernung der (die Wunde „vergiftenden“) Kugeln publiziert hatte, erhielt die Kugelentfernung eine große Bedeutung in der Kriegschirurgie und es wurden zu diesem Zweck eine Unzahl von Instrumenten erfunden.Nicolai Guleke: Kriegschirurgie und Kriegschirurgen im Wandel der Zeiten. Vortrag gehalten am 19. Juni 1944 vor den Studierenden der Medizin an der Universität Jena. Gustav Fischer, Jena 1945, S. 10–11.