mini|260x260px|Eine auf Basis der Eminence von Genies erstellte Rangordnung von 772 herausragenden Künstlern ergab Michelangelo auf Platz 1 als größtes Genie im Bereich Kunst.Dean Simonton: Artistic creativity and interpersonal relationships. In: Journal of Personality and Social Psychology. Band 46, Nummer 6, 1984, S. 1273–1286.
Ein Genie (über das französische génie vom lateinischen genius, ursprüngl. „erzeugende Kraft“) ist eine Person mit überragender schöpferischer Geisteskraft („ein genialer Wissenschaftler“, „ein genialer Künstler“). Zugleich bezeichnet der Begriff auch die Gabe, über die der geniale Mensch in besonderer Weise verfügt.
Genialität kann sich auf allen Gebieten zeigen – künstlerisch, wissenschaftlich, wirtschaftlich, philosophisch, politisch usw. Es kann zwischen Universalgenies, Genies und „verkannten Genies“ unterschieden werden.
Als Geniologie bezeichnet man die Lehre von den genialen Veranlagungen, ihren Bedingungen und Formen. Historisch betrachtet war die Geniologie von struktureller Misogynie geprägt, schloss sie doch Frauen lange Zeit per Definition vom Geniebegriff aus.
Herkunft und Begriffsgeschichte mini|Römischer Genius aus dem 2. Jh. n. Chr., bei Vindobona gefunden
Der Begriff des Genies hat zwei unterschiedliche Wurzeln: Im englischen Sprachraum stammt er vom lateinischen Genius ab, einem Schutzgeist in der römischen Religion. Der Genius, den nur Männer besaßen, wohnte einem jeden Mann inne und starb mit ihm. Er repräsentierte seine Persönlichkeit und gab ihm die Fähigkeit zur Zeugung von Nachkommen. Man kann ihn als ein inneres Wirkungsprinzip bezeichnen. In der Kunstgeschichte wurden die Genien in mittelalterlichen Skulpturen und Abbildungen als geflügelte Gestalten abgebildet, im Barock waren sie in Form kleiner wohlgenährter Säuglinge eine sehr beliebte Dekoration. Das weibliche Gegenstück zum Genius ist Juno.
In Deutschland und Frankreich kann der Begriff „Genie“ auf ingenium (natürliches, angeborenes Talent) zurückgeführt werden. In der Renaissance begann man, mit dem Wort „Genie“ nicht mehr einen göttlichen Ursprung in Verbindung zu bringen, sondern künstlerische Schaffenskraft oder die Quelle der Inspiration zu beschreiben. Nach der Querelle des Anciens et des Modernes breitete der Begriff sich schlagartig aus und dominierte die ästhetischen Debatten: „Genie“ stand nun einerseits für den aus sich selbst heraus schaffenden Künstler, der die Natur nicht nur nachahmt (wie es das frühere ästhetische Modell vorsah), sondern der in seiner Arbeit vollendet, was die Natur selbst noch nicht vollenden konnte, andererseits für dessen Begabung bzw. Talent. Laut Charles Perrault, „der Wortführer der Modernen“, „die geniale Ablösung vom Vorhandenen sich nicht auf die Natur, sondern auf die vorgegebenen Kunstregeln und die historischen Voraussetzungen bezieht… Das Genie steht noch nicht gegen die Regeln und die Kunst (l'art), aber er erhebt sich über sie“.Jochen Schmidt: Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik 1750–1945. 2 Bände. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985. Band 1, S. 15–16.
In England wurden die theoretischen Grundlagen des Geniekults vor allem von Shaftesbury gelegt. Dadurch wurde wiederum Immanuel Kant inspiriert, der den kontinentaleuropäischen und den englischen Genie-Begriff zu einer Synthese vereinigte. In seiner Kritik der Urteilskraft bezeichnet er das Genie als „unbewußt schaffende Natur“ und als die Instanz, durch die die Natur der Kunst die Regel vorschreibe. Auf diese Weise löst Kant den alten Streit der Querelle des Anciens et des Modernes über Kunst und Natur. Für Kant bezieht sich somit der Genie-Begriff nur auf Künstler, es lässt sich nicht etwa von einem „genialen Wissenschaftler“ reden, denn der Wissenschaftler geht methodisch und rational vor, während das Genie seine Werke schafft, ohne zu wissen, was es tut.Jochen Schmidt: Die Geschichte des Genie-Gedankens in der deutschen Literatur, Philosophie und Politik 1750–1945. 2 Bände. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1985. Band 1, S. 364.
Der Genie-Begriff Kants hatte großen Einfluss auf die Künstler der Weimarer Klassik und Romantik. Jean Paul stellte die Frage in den Vordergrund, wie die konkreten Bedingungen für die Schaffung eines genialen Kunstwerkes aussehen. Bei Johann Wolfgang von Goethe ist zwischen seinem frühen Geniebegriff, der in dem vom Sturm und Drang geprägten Gedicht „Prometheus“ zum Ausdruck kommt, und seinem späten, humanistisch-abgeklärten Geniebegriff im „Faust II“ zu unterscheiden. Friedrich Wilhelm Schelling betrachtete das Genie als ein Stück der Absolutheit Gottes. Für die Romantiker Friedrich Schlegel und Novalis war das Genie der „natürliche Zustand des Menschen“ – es gelte nur, diesen Zustand zu bewahren oder zurückzugewinnen. Es war üblich, Kreativität und Genie in der Romantik miteinander zu vermengen, und tatsächlich kann diese Mischung gut bis in die 1900er Jahre beobachtet werden.
Wilhelm von Humboldt erweiterte den Geniebegriff zu einem allgemeinen „Humboldtschen Bildungsideal“. In der Folge wurden nicht nur Künstler, sondern auch Wissenschaftler als Genies bezeichnet.
Insgesamt verschob sich mit der Industrialisierung und der einhergehenden Idealisierung des Fortschritts damit der Geniebegriff. Genies waren nun Menschen, die Leistung erbrachten. Originalität und Neuheit wurden als zentral angesehen. Damit begann das schöpferische Genie die Zukunft zu repräsentieren.
Im 19. Jahrhundert klang der Geniekult allmählich ab, und der Begriff verschwand aus der Ästhetik, in der stattdessen künstlerisches Handwerk, soziale Faktoren usw. in den Vordergrund rückten. In der Kunst wird der Geniebegriff heute zunehmend kritisch betrachtet, und die Einbindung eines Künstlers oder Autors in den historischen und gesellschaftlich-intellektuellen Kontext betont.
Um 1900 wurde der Geniebegriff wieder populär und diente in Wissenschaft, Literatur, Intelligenztests und der ersten Nobelpreisverleihung 1901 als ikonografisches Element, als Etikett, Prädikat, Ehrentitel oder Nimbus und wurde einer Person von der Gesellschaft quasi verliehen. Geisteswissenschaftliche Genieforschung und Genieliteratur um 1900 zeigte sich als Fach, dessen Vertreter stark von Nobilitierung, Auszeichnung, Krönung, Privilegierung bis hin zur heiligengleichen Verehrung berühmter Männer angetrieben wurden.Julia Barbara Köhne: Geniekult in Geisteswissenschaften und Literaturen um 1900 und seine filmischen Adaptionen Böhlau Verlag Wien. Köln. Weimar 2014, S. 13
Zuschreibung und Kanonbildung Als Universalgenie werden zum Beispiel Aristoteles, Leonardo da Vinci, Johann Wolfgang von Goethe, Gottfried Wilhelm Leibniz, Alexander von Humboldt und al-Chwarizmi bezeichnet. Als Genies auf ihrem Gebiet gelten Johann Sebastian Bach, Miles Davis, Nikolaus Kopernikus, Salvador Dalí, Pablo Picasso, William Shakespeare, Friedrich Schiller, Isaac Newton, Wolfgang Amadeus Mozart, Joseph Haydn, John Coltrane, Thomas Alva Edison, Albert Einstein, Leonhard Euler, Carl Friedrich Gauß, Nikola Tesla, Immanuel Kant, Charles Darwin, Ludwig Wittgenstein und Ludwig van Beethoven.
Die Auswahl zeigt, dass der Geniebegriff vom kulturellen Kontext abhängt: Deutschsprachige Personen sind hier überrepräsentiert. In anderen Fällen, wie bei Karl Marx, Lenin, Sigmund Freud oder Theodor W. Adorno besteht keine Einigkeit, ob diese Person als Genie anzusehen sei, da die Einschätzung von der Weltanschauung des Betrachters beeinflusst wird.
Sowohl der Begriff des Genies als auch der Kanon von Genies umfasst fast ausnahmslos Männer. Dies geht u. a. drauf zurück, dass bereits in der Antike Männern mehr Vernunft, Moral und Erfindungsgabe zugeschrieben wurde als Frauen. Damit war die männliche Geisteskraft als die schöpferische-fortschrittliche definiert, während die weibliche als minderwertig und geistlos angesehen wurde. Der Begriff des „Genius“ oder „Genies“ wurzelt sprachlich in der männlichen Zeugungskraft und ist auch deshalb assoziiert mit dem männlichen Künstler. Frauen waren willkommen als Musen und Motive, bevorzugt als „schöne Leichen“, doch als „Genius“ kamen sie nie in Frage.
Mechanismen des Ausschlusses weiblicher Genies Die mit Genies verbundene schöpferische Geistigkeit und Weiblichsein galten lange Zeit und teilweise bis heute als unvereinbar. Ausdrücklich ausgeschlossen vom Geniebegriff wurden Frauen beispielsweise von Cesare Lombroso. Er behauptete, Frauen wären nicht originell und hauptsächlich konservativ. Wo er nicht umhinkam, die Genialität einiger Frauen anzuerkennen, erklärte er, diese müssten „etwas Männliches“ in sich haben.
Das „Genie“ wurde im 19. Jahrhundert als „nicht-jüdisch“, „nicht-weiblich“ und weit entfernt von Masse, Massenaufständen, Großstadt und Prostitution entworfen. Das Genie stellte dem Schaffenskraft, pure Vergeistigung, biologische „Männlichkeit“ als Grundlage für Wissenschaft und Erkenntnis entgegen. Es bot so eine Antwort auf die erste Frauenbewegung und sich auflösende Geschlechtergrenzen durch die Sexualwissenschaft.Julia Barbara Köhne: Geniekult in Geisteswissenschaften und Literaturen um 1900 und seine filmischen Adaptionen Böhlau Verlag Wien. Köln. Weimar 2014, S. 23–24 Charles Darwin vertrat ebenfalls eine männliche Sichtweise, indem er in Die Abstammung des Menschen eine biologische Begründung für die angebliche geistige Unterlegenheit der Frau anbot: "Wir können ... schließen, dass ... der mittlere Maßstab der geistigen Kraft beim Manne über dem der Frau stehen muss."
Weibliches Genie trat historisch in den schönen Künsten häufiger auf, insbesondere in der Literatur. Zum Beispiel sind die weiblichen Anteile an der aus einzelnen Kulturen stammender Weltliteratur wie folgt: Westlich 4 %, Arabisch 1 %, Indisch 5 %, Chinesisch 4 % und Japanisch 8 %. Frauen konnten sich insbesondere in der Literatur hervortun, weil der Zugang zu diesem Tätigkeitsfeld weder akademisch noch durch Institutionen beschränkt ist. Trotzdem war es für Frauen auch hier schwieriger, sich zu betätigen. Wie Virginia Woolf in ihrem Essay Ein Zimmer für sich allein unterstreicht, scheiterte die Betätigung von Frauen als Schriftstellerinnen oft schon daran, dass diese kein häusliches Arbeitszimmer und somit keine Privatsphäre besaßen.
Wenn talentierte Frauen ihre Werke publizieren wollten, mussten sie darauf bedacht sein, gesellschaftliche Vorurteile zu vermeiden. Einige taten dies, indem sie unter einem männlichen Pseudonym schrieben, wie Mary Ann Evans (George Elliot) und Amantine Lucile Dupin (George Sand).
Definitionen Anhand der allgemeinen Intelligenz Mindestens bis Anfang der 1990er wurde ein Genie definiert als jemand mit einem außergewöhnlich hohen Intelligenzquotienten, typischerweise über 140. Diese Grenze geht zurück auf Lewis Terman, der eine Langzeitstudie mit Kindern durchführte. Er wollte zeigen, dass Kinder mit einem höheren IQ als Erwachsene extreme Erfolge und hohe Leistungen bewerkstelligen würden. Für die betreffenden über 1.500 äußerst intelligenten Kinder traf dies jedoch, wenn überhaupt, nur auf wenige zu. Beispielsweise wuchs keines der Kinder zu einem herausragenden Künstler heran. Es bekam auch keines später einen Nobelpreis verliehen. Hingegen wurden zwei Kinder, die wegen nicht ausreichender Intelligenz von der Stichprobe ausgeschlossen wurden, später Nobelpreisträger: William Shockley und Walter Alvarez. Auch über diese beiden Beispiele hinaus konnten Unterschiede im Erfolg als Erwachsene nicht durch Unterschiede in der allgemeinen Intelligenz erklärt werden.