Gender Studies (von „soziales Geschlecht“), Genderstudien, Geschlechterforschung oder Geschlechterstudien bezeichnen ein interdisziplinäres Fachgebiet, das Geschlechterverhältnisse untersucht und Geschlechterwissen und Genderkompetenz schafft. Dazu fragt die Geschlechterforschung nach der Bedeutung des Geschlechts für Kultur, Gesellschaft und Wissenschaften. Hierbei setzt sie jedoch keinen festen Begriff von Geschlecht (gender) voraus, sondern untersucht, wie die Vorstellung von Geschlecht jeweils hergestellt wird, welche Bedeutung ihr beigemessen wird und wie sich diese auswirkt auf Macht, soziale Strukturen sowie die Produktion von Wissen, Kultur und Kunst.Inge Stephan, Christina von Braun: Einleitung. In: Christina von Braun, Inge Stephan (Hrsg.): Gender-Studien: Eine Einführung. 2. Auflage. Metzler, Stuttgart 2006, ISBN 978-3-476-02143-4, S. 3.
Die Forschungsperspektive hat sich in den Kultur-, Sozial- und Geisteswissenschaften entwickelt und wird seitdem in immer mehr Wissenschaftsdisziplinen angewandt, beispielsweise in Medizin, Rechtswissenschaft, Biologie oder Theologie.
Die verschiedenen Forschungsrichtungen der transdisziplinären Gender Studies lassen sich auf feministische Ansätze der dritten Welle der Frauenbewegung zurückführen, viele haben einen gesellschaftspolitischen Ursprung. Die Frauenforschung ist ein historischer Vorläufer der Gender Studies. Mittlerweile ist sie wie auch die Männlichkeitsforschung eine Teildisziplin von ihnen.
Geschichte Pionierwerk und Impulsgeber: Das andere Geschlecht Als Pionierwerk der Gender Studies gilt heute die zweibändige Studie Das andere Geschlecht von Simone de Beauvoir, die 1949 in Frankreich erschien. Dies war die erste sozialwissenschaftliche Untersuchung, die die Kategorie „Geschlecht“ ins Zentrum stellte und dabei konsequent zwischen biologischem Geschlecht und kultureller oder sozialer Prägung von Geschlecht unterschied. Die Studie legte damit die Grundlagen für die spätere Frauen- und Geschlechterforschung oder Gender Studies.Ingrid Galster: Relire Beauvoir. Das andere Geschlecht sechzig Jahre später. In: Ingrid Galster: Simone Beauvoir und der Feminismus. Argument, Hamburg 2015, ISBN 978-3-86754-501-3, S. 56–78.Lieselotte Steinbrügge: Ein Mythos wird besichtigt: Le deuxième sexe von Simone de Beauvoir unter dem Mikroskop der Genderforschung. In: Querelles: Jahrbuch für Frauen- und Geschlechterforschung. Nr. 17: Geschichte, 2005, .
Der Schwerpunkt der Rezeption lag zunächst in den USA, wo das Werk die sozialwissenschaftliche Beschäftigung mit der Kategorie Geschlecht anregte. Kate Millett bezeichnete es im Rückblick 1999 nicht als reguläre Quelle, sondern als „Offenbarung“. Da das Werk allerdings vielfach nicht zitiert wurde, blieb die wissenschaftliche Multiplikatorwirkung lange implizit. In der Folge wurde es als Grundlage der in den 1960er und 1970er Jahren in den USA entstandenen Frauen- und Geschlechterforschung oftmals übersehen. Die intensive Rezeption in den USA wirkte wiederum zurück auf Frankreich und mit Verspätung auch auf andere Länder wie etwa Deutschland. Auch in Deutschland wurde die Pionierwirkung des Werkes lange nicht wahrgenommen.
Das Werk war Ideengeber und Maßstab bei etlichen Aspekten der späteren Frauen- und Geschlechterforschung: geschlechtsbezogene Opposition von Selbst und anderem oder Subjekt und Objekt, Pluri- und Transdisziplinarität, Körperkonzept, Intersektionalität, Theorem der Postmoderne, wissenschaftlich-nüchterne Analyse von tabuisierten Themen rund um das Geschlechterverhältnis wie etwa Sexualität, Abtreibung, Homosexualität, Prostitution, Politik der ersten Person („Das Private ist politisch“).
Durch die wissenschaftlich-nüchterne Enttabuisierung legte das Buch verdeckte Probleme offen, machte sie diskursfähig und damit verhandelbar.
Ein Kongress zum 50-jährigen Jubiläum des Erscheinens des Werkes bestätigte es als Ideengeber und Maßstab in zentralen Aspekten der Frauen- und Geschlechterforschung. Inhaltlich zeigte sich, dass das in nur elf Monaten entstandene Werk heute erheblich ergänzt werden kann und in etlichen Punkten korrigiert werden muss.
Entwicklung in den USA Das andere Geschlecht von Simone de Beauvoir wirkte nach der englischen Übersetzung 1953 als Impulsgeber und Inspiration zunächst primär in den USA. Dies führte hier in den 1960er und 70er Jahren zu einem tiefgreifenden gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Entwicklungsschub. Die US-amerikanische Frauenforschung (engl. Women’s Studies) und die zweite Welle des Feminismus (Frauenbewegung) entstanden. Insbesondere der Angriff Beauvoirs auf die Psychoanalyse inspirierte viele Autorinnen zu weiterer Kritik: Betty Friedans The Feminine Mystique (deutsch Der Weiblichkeitswahn) von 1963, Kate Milletts Sexual Politics (deutsch Sexus und Herrschaft) von 1969 und Germaine Greers The Female Eunuch („Der weibliche Eunuch“) von 1970. Die beschäftigten sich mit der wissenschaftlichen Betrachtung von Frauen in einer von Männern dominierten Gesellschaft, dies zum ersten Mal aus feministischer Sicht.
Entwicklung im deutschsprachigen Raum In den 1970er Jahren begannen Forscherinnen auch im deutschsprachigen Raum sich eingehender und systematischer mit Geschlechterverhältnissen zu beschäftigen. Zu den Pionierinnen der deutschen Frauenforschung zählten beispielsweise Helga Bilden, Christina Thürmer-Rohr, Karin Hausen, Ute Gerhard, Regina Becker-Schmidt, Sigrid Metz-Göckel, Ilse Dröge-Modelmog, Irene Dölling, Gudrun-Axeli Knapp, Elisabeth Beck-Gernsheim, Ilona Ostner, Ilse Lenz, Karin Flaake, Helga Krüger und Carol Hagemann-White. Einer der ersten Männer in der deutschen Frauenforschung war Hans D. Mummendey. Ab Mitte der 1980er wurde auch die US-amerikanische Frauenforschung zunehmend rezipiert und Frauenforschung breitete sich im deutschsprachigen Raum als Forschungsperspektive in immer mehr Wissenschaftsdisziplinen aus.
Von der Frauen- zur Geschlechterforschung Bereits 1972 plädierte Rosemarie Nave-Herz für den Begriff Geschlechtersoziologie und wandte sich gegen die Reduzierung auf die Bezeichnung Frauenforschung. Mit ihrem Aufsatz Gender: A Useful Category of Historical Analysis von 1986 trug Joan Wallach Scott dazu bei, dass Gender als kritische Analysekategorie zu einem zentralen Begriff in der Wissenschaftsforschung des 20. Jahrhunderts wurde.Astrid Deuber-Mankowsky: Gender – ein epistemisches Ding? In: Rita Casale, Barbara Rendtorff (Hrsg.): Was kommt nach der Genderforschung? Zur Zukunft der feministischen Theoriebildung. transcript, Bielefeld 2008, ISBN 978-3-89942-748-6, S. 169–190, hier S. 185. Mit der Einführung der Kategorie Geschlecht in den wissenschaftlichen Diskurs wandelte sich die Frauenforschung zur Geschlechterforschung, die nun auch Männer umfasst. Sie untersucht interdisziplinär die zentrale Bedeutung von Geschlecht in Wissenschaft und Gesellschaft, da es kaum einen Bereich gibt, in dem Geschlecht keine Rolle spielt. Vorerst sollten die Unterschiede und Beziehungen von biologischem und soziokulturellem Geschlecht untersucht werden. Dabei wurde Geschlecht nicht primär als individuelle Eigenschaft betrachtet, sondern als soziales Verhältnis einer politisch und historisch gewachsenen Sozialstruktur. Das Geschlechterverhältnis stand also im Mittelpunkt.Katrin Hönig: Historische Rekonstruktion. In: Therese Steffen (Hrsg.): Gender Studies: Wissenschaftstheorien und Gesellschaftskritik. Königshausen & Neumann, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2739-6, S. 45–46 (Konferenzschrift 2003).
Entwicklung ab den 1990er Jahren Deutschland Die deutsche Debatte wurde in den 1990er Jahren am stärksten von Judith Butlers Buch Das Unbehagen der Geschlechter (1991) beeinflusst, in dem Geschlecht vor allem als Ergebnis von Diskursen gesehen wird. Ab Mitte der 1990er Jahre bestimmten die Theoretikerinnen Evelyn Fox Keller, Sandra Harding, Nancy Fraser, Anne Fausto-Sterling und Donna Haraway die Gender-Debatte in Deutschland mit. Gender Studies erforschen Geschlechtsrollen in der Gesellschaft und insbesondere auch in der wissenschaftlichen Forschung (siehe Ideologiekritik sowie Kritische Theorie).Therese Steffen (Hrsg.): Gender Studies: Wissenschaftstheorien und Gesellschaftskritik. Königshausen & Neumann, Würzburg 2004, ISBN 3-8260-2739-6, S. 10–11 (Konferenzschrift 2003). Der Suhrkamp Verlag führte 1991 die Reihe Gender Studies ein, in der Butlers Buch als zweites erschien.
Einer der ersten Studiengänge für Gender Studies wurde zum Wintersemester (WS) 1997/98 an der Humboldt-Universität zu Berlin eingerichtet (siehe auch Susanne Baer und Helga Hörz), zugleich eröffneten zwei Studiengänge zur Frauen- und Geschlechterforschung an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg: Kulturwissenschaftliche Geschlechterstudien als Aufbaustudiengang und Frauen- und Geschlechterstudien als Magisternebenfach. Hieraus entwickelten sich später der Promotionsstudiengang „Kulturwissenschaftliche Geschlechterstudien“, Bachelorstudium der Gender Studies (Zwei-Fächer-Bachelor) und das Masterstudium Kulturanalysen: Repräsentation, Performativität, Gender (Fach-Master).
Aus den Lehrstühlen für Frauenforschung und Zentren zur Förderung der Frauen- und Geschlechterforschung entstanden ab Ende der 1990er Jahre außerdem interdisziplinäre oder transdisplizinäre Zentren für Geschlechterforschung mit Studienangeboten für Gender Studies. Eine der ältesten Einrichtungen dieser Art existiert an der Universität Bielefeld, das „Interdisziplinäre Zentrum für Frauen- und Geschlechterforschung“ IFF, eine zentrale wissenschaftliche Einrichtung der Universität. An der Freien Universität Berlin (FU) gibt es das Margherita-von-Brentano-Zentrum, das mit Beginn des Jahres 2016 aus der „Zentraleinrichtung zur Förderung von Frauen- und Geschlechterforschung“ und dem „Interdisziplinären Zentrum Geschlechterforschung“ entstanden ist. An der Humboldt-Universität zu Berlin gibt es das Zentrum für transdisziplinäre Geschlechterstudien; an der Universität Kassel seit 1987 die „Interdisziplinäre Arbeitsgruppe Frauen- und Geschlechterforschung“, an der Universität Greifswald das Interdisziplinäre Zentrum für Geschlechterforschung, an der Universität Bremen das „Zentrum für feministische Studien – Gender Studies“ (ZfG), in Hildesheim das „Zentrum für Interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung“ (ZIF) als gemeinsame Einrichtung der Universität und der Fachhochschule (Hochschule Hildesheim/Holzminden/Göttingen, HAWK), an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg das „Zentrum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung“ (ZFG) und an der Philipps-Universität Marburg das „Zentrum für Gender Studies und feministische Zukunftsforschung“. In Frankfurt am Main wurde 1997 auf Initiative von Ute Gerhard das „Zentrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse“ gegründet, das 2000 den Namen Cornelia Goethe Centrum erhielt.
An der Charité Berlin wurde 2003 das interdisziplinäre Zentrum für Geschlechterforschung in der Medizin (GIM) gegründet, das 2007 unter der Leitung von Vera Regitz-Zagrosek in ein Institut umgewandelt wurde mit dem Ziel, Geschlechterunterschiede in der Medizin systematisch zu untersuchen und in die Lehre einzuführen. Es widmet sich in speziellen Forschungsprojekten den Fragestellungen, warum bei Männern und Frauen zahlreiche Krankheiten unterschiedlich häufig auftreten, anders verlaufen oder signifikant verschiedene Symptome zeigen. 2011 gab Regitz-Zagrosek zusammen mit Sabine Oertelt-Prigione unter dem Titel Sex and Gender Aspects in Clinical Medicine das erste und bis dahin einzige Lehrbuch zu Gendermedizin heraus. Es gibt einen Überblick über Genderaspekte in wichtigen klinischen Disziplinen und Pharmakologie.