mini|hochkant=2.5|Der Hegau vom Aussichtspunkt Hegaublick, im Hintergrund der Alpstein mit dem Säntis, die Churfirsten und andere Berge der Ostschweiz Hegau ist der Name eines historischen Gaus des Herzogtums Schwaben nordwestlich des Bodensees im Süden des heutigen Bundeslandes Baden-Württemberg, der zum ersten Mal im Jahre 787 als in pago Egauinsse erwähnt wurde. Er reichte an der Südseite vom Überlinger See und der Stadt Konstanz im Südosten bis zum Hochrhein zwischen Stein am Rhein und Schaffhausen im Südwesten. Seine westliche Grenze zog sich, anfangs vor dem Berg Randen in der heutigen Schweiz, nordwärts über die Hegaualb hinweg bis an die junge Donau im Nordwesten. Im Nordosten lag Stockach.Albert Krieger: Topographisches Wörterbuch des Großherzogtums Baden, Band 1, S. 882.
Heute bezeichnet man meistens nur die jungmoräne Kernlandschaft des Gaus ohne die Anteile im heutigen Schweizer Kanton Schaffhausen als Hegau, siehe Abschnitt zum gleichnamigen Naturraum. Bekannt ist dieser vor allem für die vulkanisch geprägten Hegauer Kegelberge (siehe Abschnitt hierzu) westlich der Stadt Singen. Seine Meereshöhe reicht von am Bodensee bis am Basaltberg Neuhewen.
Naturraum Hegau
In der ersten Lieferung des Handbuchs der naturräumlichen Gliederung Deutschlands im Jahr 1953 wurde die naturräumliche Haupteinheit 030 Hegau (auch: Hegäu) nach Osten von einer Linie zwischen Radolfzell und Stockach, nach Westen und Nordwesten bis an die Schwäbische Alb (Randen, Hegaualb) gehend eingegrenzt; im Süden gehörte der Schiener Berg bereits zur Nachbareinheit 031 Bodenseebecken; der Hegau war nach dieser Abgrenzung 306 km² groß. Die Grenzziehung hatte auch in der zweiten Kartierung im Jahre 1960 Bestand.
Als die Gliederung im Jahr 1964 auf Blatt 186 Konstanz im Maßstab 1:200.000 verfeinert werden sollte, befand dessen Autor Alfred G. Benzing indes, dass es streng naturräumlich keinen Sinn mache, den Hegau vom Bodenseebecken zu trennen, weshalb er auf seinem Blatt die Haupteinheit 030/031 Nördliches Bodensee- und Hegaubecken definierte und verfeinerte. Noch rigoroser war sein Kollege Hansjörg Dongus, als der im Jahr 1991 das östliche Nachbarblatt 187/193 Lindau/Oberstdorf verfasste. Dongus legte die „alten“ Einheiten 030 und 031 auch noch mit den alten Einheiten 032 Oberschwäbisches Hügelland und 033 Westallgäuer Hügelland zusammen und definierte die neue Haupteinheit 030 Bodensee-Jungmoränenland. Diese reicht nach Osten bis zum Adelegg und stößt in Norden (Donau-Ablach-Platten) und Nordosten (Riß-Aitrach-Platten) an die Altmoränen der Donau-Iller-Lech-Platte.
Als die Landesanstalt für Umwelt, Messungen und Naturschutz Baden-Württemberg (LUBW) in den unmittelbar folgenden Jahren versuchte, die an den Berührungsstellen oftmals konträren Einzelblätter ihres Bundeslandes zu einer kohärenten Gliederung in Haupteinheiten zusammenzufassen, war es auch ein Ziel, bekannte Landschaftsnamen als Naturraumnamen zu bewahren, weshalb in der dortigen Gliederung der Hegau wieder als Haupteinheit geführt wird. Er ist mit einer Fläche von 715 km² deutlich größer geschnitten als der im Handbuch definierte Hegau und umfasst neben der Halbinsel Bodanrück sowohl die Konstanzer Halbinsel und die Insel Reichenau im äußersten Südosten als auch den Schiener Berg und die Höri im Süden. Nördlich des Überlinger Sees reicht er nach Osten bis Owingen.
Naturräumliche Gliederung Folgendermaßen lassen sich die feineren Naturräume aus Blatt 186 Konstanz der Haupteinheit 030 Hegau nach LUBW zuordnen: (zu 030 Bodensee-Jungmoränenland nach Blatt Lindau, Hansjörg Dongus) 030 Hegau (nach LUBW) 030/031.1 Südwesthegauer Bergland 030/031.10 Hegauer Kegelbergland 030/031.11 Westhegauer Talwannen (äußerster Westen und Südosten in der Schweiz) 030/031.12 Herblinger-Dörflinger Hügelland (größtenteils in der Schweiz) 030/031.13 Schienerberg (mit Höri-Uferland) (äußerster Westen in der Schweiz) 030/031.2 Mittlere Hegau-Untersee-Senke 030/031.20 Bodensee-Untersee – nach LUBW nicht Teil des Hegau 030/031.21 Insel Reichenau 030/031.22 Konstanzer Niederung 030/031.23 Bodanrückhügelland 030/031.24 Große Hegauniederung (Singener Niederung) 030/031.3 Nordosthegauer Bergland 030/031.30 Hohe Bodanrück-Homburg-Höhen 030/031.31 Engen-Langensteiner Randhöhen 030/031.32 Orsingen-Espasinger Niederung 030/031.33 Stockacher Bergland
Im nördlichen Osten stimmt die Grenzziehung nach LUBW nicht ganz mit der auf Blatt Konstanz überein. Das etwas flachwelligere, etwa dreieckige Gebiet zwischen Sipplingen, Überlingen und Owingen ist auf Blatt Konstanz Teil der Einheit 030/031.40 Überlinger Hügelland und somit der höheren Einheit 030/031.4 Überlingen-Friedrichshafener Hügelland (Niederlinzgauer Hügelland), die ganz im historischen Linzgau liegt.
Hegauer Kegelbergland mini|Bundesautobahn 81, Raststätte im Hegau West: Informationstafel Hegauberge
Im Hegauer Kegelbergland finden sich eine Reihe kuppiger, kegelförmiger Schlote von erloschenen Vulkanen, die mit isolierten Höhen zwischen 643 m und 867 m ü. NHN sämtlich die auf ungefähr 400 m Höhe ü. NHN liegende Landschaft überragen. Die Hegauvulkane befinden sich dabei zu beiden Seiten einer Linie, die sich ungefähr von Geisingen bis Singen erstreckt.https://www.steisslingen.de/tagesausfluege/burgenlandschaft-hegau-id_253/ Die wissenschaftliche Erforschung des Vulkanfeldes reicht bis ins späte 18. Jahrhundert zurück.Johannes Baier & Armin Scherzinger (2024): Geohistorische Bemerkungen zum Vulkanfeld im Hegau. Jh. Ges. Naturkde. Württemberg, 180, 277–301.
Entstehung Während des Tertiärs wurden im Bereich des Hegaus Molassesedimente des nordalpinen Molassebeckens abgelagert. Von diesen Ablagerungen sind die Meeresablagerungen des Randgrobkalks von besonderer Bedeutung, die während des Ottnangiums abgelagert wurden.Armin Scherzinger, Johannes Baier & Günter Schweigert (2025): Räumliche und zeitliche Faziesdifferenzierungen der Randengrobkalk-Formation und benachbarter altersgleicher Bildungen. Jh. Ges. Naturkde. Württemberg, Band 181, 131-165. Dieser flachmarine Stein wurde schon frühzeitig als begehrter regionaler Baustein gewonnen.Johannes Baier, Armin Scherzinger & Günter Schweigert (2025): Die Wissenschaftsgeschichte der Erforschung der Randengrobkalk-Formation (Hegau). Jh. Ges. Naturkde. Württemberg, Band 181, E001. In der Mitte des Miozäns (vor etwa 14 Mio. Jahren) setzte im Hegaugebiet, das am Schnittpunkt zweier Störungssysteme liegt, ein starker Vulkanismus ein (beim Hohenstoffeln erst 1,5 Mio. Jahre später).Albert Schreiner (1992): Erläuterungen zu Blatt Hegau und westl. Bodensee. Geol. Landesamt Baden-Württemberg, FreiburgJohannes Baier, Armin Scherzinger (2021): Das Vulkanfeld im Hegau. Aufschluss, 72(2): 58–69. Es entstand ein Vulkanfeld mit rund einem Dutzend Vulkane, die große Mengen Tephra förderten. Dadurch bildete sich eine 100 m mächtige Tuffschicht. Vor 10 Mio. Jahren intrudierte in die westlichen Schlote Melilithit („Hegauer Basalt“). Vor 7 bis 8 Mio. Jahren erfolgte die Intrusion von Phonolith in die östlichen Schlote. Dieser konnte jedoch nicht bis zur Erdoberfläche gelangen und erstarrte unter der Tuffschicht. Der Grund für diese Vulkantätigkeit wird in einer für geologische Verhältnisse schnellen Absenkung des Oberrheingrabens gesehen.Albert Schreiner (1992): Erläuterungen zu Blatt Hegau und westl. Bodensee. Geol. Landesamt Baden-Württemberg, Freiburg.
Im Pleistozän wurde im Zuge der Riß-Kaltzeit (vor etwa 150.000 Jahren) auch das Hegau-Gebiet von einem dicken Eispanzer bedeckt. Der Gletscher räumte Molasse und Tuff ab, die härteren Phonolith- bzw. Basaltkerne waren jedoch widerstandsfähiger und hielten den Eismassen stand. Auf diese Weise wurde das erstarrte Magma freigelegt, und erst dadurch bekam die Landschaft ihr heutiges Aussehen.
mini|Mägdeberg mini|Hohenkrähen mini|Hohentwiel mini|Phonolith mit Natrolith-Gang vom Hohentwiel mini|Höwenegg mini|Hohenhewen mini|Hohenstoffeln
Phonolithberge Der Osten des Kegelberglands ist durch eine Reihe von Phonolithbergen geprägt.Von Norden nach Süden sind das: Mägdeberg (, im Nordwesten überragt vom Sickerberg ): Umfangreiche, gut erhaltene Burgruine der Burg Mägdeberg (Nachweis um 1240: in castro Megideberc) auf dem gleichnamigen Phonolithkegel. Den Namen bekam der Berg der Legende nach durch die Wallfahrt der englischen Königstochter Ursula, die mit tausenden Mägden an seinem Fuß lagerte (Name von althochdeutsch maga(i)d „Jungfrau“). Hohenkrähen (ugs. Krähen) () als kleinster, steilster und zugleich markantester Kegel mit der krönenden Ruine Hohenkrähen. Staufen (): Die frühere Festung ist vollständig zerstört. Hohentwiel (ugs. Hontes) (), Wahrzeichen der Stadt Singen und Typlokalität für das Zeolith-Mineral Natrolith.Johannes Baier, Armin Scherzinger: Der Phonolithdom Hohentwiel im Hegau. In: Aufschluss, Jg. 75, H. 4, 2024, S. 253–262. Der markanteste Phonolithberg des Hegaus wird seit dem 18. Jahrhundert wissenschaftlich erforscht.Johannes Baier: Geohistorische Bemerkungen zum Hohentwiel (Hegau). In: Aufschluss, Jg. 77, H. 3, 2026, S. 195–205. Die ehemalige Festung Hohentwiel (wohl alemannisch, aus einer idg. Wurzel *tu „anschwellen“) war mit einem Festungsareal von 9,92 ha die größte und wichtigste der zahlreichen Hegauburgen. Sie wurde 1800 auf Anweisung Napoleons geschleift.
Nordwestlich des Mägdebergs leitet der nicht vulkanische Philippsberg () zur Basaltreihe über.
Basaltberge Den Westen des Kegelberglands nehmen zwei Basaltberge ein, die in einer nach Norden noch deutlich weiter reichenden Reihe stehen. Die Kegelreihe beginnt bereits am (Nordwest-)Trauf der Schwäbischen Alb und zieht sich von westlich Geisingens zunächst nach Südosten, um erst allmählich nach Süden abzugleiten, wo der naturräumliche Hegau erreicht wird.Von Norden nach Süden sind das: Wartenberg (): Zwei Kilometer westlich der Stadt Geisingen gelegen. Der Wartenberg liegt am Westrand der Baaralb (genauer: am Westrand der Geisingen-Spaichinger Waldberge), an der Nahtstelle zur Baar. Geologisch gehört er zu den Hegauvulkanen.Becker, Ernst: Die Basalte des Wartenbergs bei Geisingen in Baden. In: Zeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Geowissenschaften, Band 59. S. 244–274. Im 12. Jahrhundert bauten die Wartenberger, die Geisinger Ortsherren, hier eine erste Burg. Heute befinden sich hier sowohl die Ruine der ersten Burg, die Burgruine Wartenberg, als auch ein kleines Lustschloss mit englischem Garten. Höwenegg (), vier Kilometer südlich von Immendingen im Naturschutzgebiet Hewenegg, im Zentrum der Hegaualb: Die Bergspitze ist infolge eines alten Basaltabbaus abgetragen. An dessen Stelle ist nur noch ein 80 m tiefer Steinbruch übrig, in dem sich ein See befindet. An den südlichen Hangfüßen existiert – im Sedimentbereich eines ehemaligen Kratersees – eine der wichtigsten tertiären Fossilienfundstätten Deutschlands.Armin Scherzinger, Johannes Baier, Günter Schweigert & Roland Berka (2024): Zur Entstehung der Höwenegg-Vulkangruppe und der Höwenegg-Schichten im Hegau. Jh. Ges. Naturkde. Württemberg, 180, S. 501–528. Das Hewenegg ist heute ein Naturschutzgebiet. Die ehemalige, zur Herrschaft Hewen gehörende Burg Hewenegg fiel ebenfalls dem Steinbruch zum Opfer (deshalb auch als Burgstelle Hewenegg bezeichnet); die Burg wurde zusammen mit Neuhewen 1639 zerstört. 400 m südwestlich der Hauptburg befand sich eine kleine Burg (auch Vorburg und Burgstall genannt); von ihr erhielt sich der Burgrest Hewenegg, eine Burgruine. Neuhewen, der höchste der Hegauberge (), ebenfalls zentrale Hegaualb: Burgruine Neuhewen („Stettener Schlössle“), nahe der Stadt Engen, erbaut um 1200. Burg und Ort Stetten waren ursprünglich im Besitz der Herren von Höwen (Hohenhewen). Gemeinsam mit der Burg Höwenegg (auch Burg Hewenegg genannt) sollte Burg Neuhewen das Herrschaftsgebiet nach Norden hin absichern.