mini|Joan Blaeu, 1645 mini|Die Schwanenburg in Kleve, Sitz der Grafen und Herzöge von Kleve
Das Herzogtum Kleve (auch Cleve; lat. Ducatus Cliviae) war ein Territorium des Heiligen Römischen Reiches deutscher Nation im Niederrheinisch-Westfälischen Reichskreis zu beiden Seiten des Rheins zwischen dem Hochstift Münster, dem Reichsstift Essen, den Herzogtümern Berg, Jülich und Geldern sowie dem Kurfürstentum Köln gelegen. Kleve bestand seit etwa 1020 als Grafschaft und wurde 1417 zum Herzogtum erhoben. Der Sitz des Herrschers war die Schwanenburg in der Stadt Kleve, zeitweise auch Burg Monterberg bei Kalkar. Ab 1614 gehörte das Herzogtum zu Brandenburg-Preußen.
Geografie Das Herzogtum Kleve umfasste ein Areal von 2.200 km², das vom Rhein und seinen Nebenflüssen Ruhr, Emscher, Lippe und der Gelderschen IJssel sowie der Maas und ihrem Nebenfluss Niers durchflossen wird. Es zählte 100.350 größtenteils katholische Einwohner (die Grafschaft Moers inbegriffen). Das mittelalterliche Territorium lag überwiegend auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik und zu einem geringen Teil auf dem Gebiet der heutigen Niederlande. Es umfasste in etwa das heutige Gebiet der Kreise Kleve (Nord), Wesel, den größten Teil der heutigen kreisfreien Stadt Oberhausen und der kreisfreien Stadt Duisburg mit Ausnahme der damals zum Herzogtum Berg gehörigen Teile im Süden der heutigen Stadt.
Städte Zum Herzogtum Kleve gehörten die Städte Kleve, Wesel, Emmerich, Rees, Kalkar, Xanten, Duisburg, Kranenburg, Gennep, Griethausen, Grieth, Goch, Uedem, Kervenheim, Sonsbeck, Büderich, Orsoy, Huissen, Zevenaar, Isselburg, Dinslaken, Schermbeck, Holten und Ruhrort.
Ämter Das Herzogtum Kleve war in Länder und Ämter untergliedert, die zumeist nach Städten benannt waren, beispielsweise das Land Kleve, das Land Dinslaken und das Land Kranenburg. Ausnahmen hiervon sind die Ämter Aspel, Düffel, Hetter, Kleverhamm und Liemers.
1753 wurde die Verwaltungsorganisation neu geregelt. Neu gebildet wurden die landrätlichen Kreise Kleve, Wesel und Emmerich. Übergeordnet war die Clevesche Kriegs- und Domänenkammer.Conrad Bornhak: Geschichte des Preußischen Verwaltungsrechts. Zweiter Band: Bis zum Frieden von Tilsit. Springer, Berlin / Heidelberg 1885, Nachdruck 2013, ISBN 978-3-642-51927-7, ISBN 978-3-642-51989-5 (E-Book), S. 168 f. (Snippet-Ansicht).
Geschichte Grafschaft Kleve Sagenhafte Anfänge Über die örtlichen Machtverhältnisse im Bereich von „Kleve“ im Frühmittelalter liegen fast keine belastbaren Informationen vor. Die wenigen Aussagen einiger Historiker hierzu sind darüber hinaus umstritten. Nach einer dieser Quellen soll nach 711 eine Tochter aus einer Adelsfamilie mit Namen Beatrix einen Grafen Aelius (oder Helios) Gralius geheiratet haben, der ein Gefolgsmann von Karl Martell war. Dieser Graf habe Gebiete im Bereich von Teisterbant als Lehen besessen. Der Sohn aus dieser Ehe sei als Theoderich I. ab 742 sowohl Graf von Teisterbant wie auch der erste Graf von Kleve gewesen. Unter den Nachkommen wurden die Grafschaften Teisterbant und Kleve aufgeteilt. Letzter Nachkomme aus diesem Adelsgeschlecht in Kleve sei Graf Nufried gewesen, nach dessen Tode 1008 dieses Geschlecht erlosch.Otto Titan von Hefner. In: Stammbuch des blühenden und abgestorbenen Adels in Deutschland, 1860, 1. Band A bis F, S. 446 (Onlinefassung). Der Historiker J. F. Knapp gibt in seinem Buch „Regenten und Volks-Geschichte der Länder Kleve, Mark, Jülich, Berg und Ravensberg“ von 1831, Band 1 für die Grafen von Kleve eine komplette Liste ab 827 an, die vor 1041 zwangsläufig von den Angaben hier völlig abweicht und danach erst ab etwa 1200 einige Übereinstimmungen aufweist. In der Einleitung zu der Geschichte der Grafschaft Kleve wird jedoch auch in diesem Buch als erster oder zweiter Graf ein Theoderich von Teisterbant-Kleve für die Herrschaftsperiode von Karl Martell um 725 angeführt.
Eine „Beatrix“ aus einem Adelshaus wird auch in einer Sage oder Märchen als Urahnin der Grafen von Kleve genannt, die einen Schwanenritter Elias heiratete. Spätestens seit dem 15. Jahrhundert leiteten die Klever Grafen und Herzöge ihre Herkunft von diesem Schwanenritter Elias (Aelius = Elias?) ab, der mit der Figur des Lohengrin verwandt ist.Gert van der Scheuren. In: Robert Scholten (Hrsg.): Clevische Chronik. Cleve 1884, S. 42 (digital.ub.uni-duesseldorf.de)
Wechselnde Gaugrafen Die Region um Kleve gehörte zu Hattuarien in Niederlothringen. Dort übten im königlichen Auftrag eingesetzte Gaugrafen die Macht aus, die zunächst keinen Anspruch auf Vererbung ihrer Ämter hatten, was aber dennoch oft vorkam. Auch der Pfalzgraf von Nimwegen, dem im Umfeld ein großes Reichsgut unterstand, war einflussreich. Ein Beispiel ist Hermann I. von Lothringen († 996) aus der rheinischen Adelsfamilie der Ezzonen. Nach 1000 setzte sich mit der Zerfall dieser Familie die Territorialisierung mit festen Herrschern durch, die ihr Amt vererbten. Ihre Machtgrundlagen waren die gräfliche Gerichtsbarkeit, Burgenbau (Kleve als befestigter Mittelpunkt), Vogteirechte über kirchlichen Besitz (u. a. Nähe zu Xanten) und Königsnähe, besonders unter Heinrich II. und Konrad II.
Heinrich II. belehnt zwei Brüder als Grafen: Gerhard und Rütger (um 1020) Zu Beginn des Hochmittelalters gibt es belegbare Informationen für die Gegend im Bereich von Kleve. Am Niederrhein zwischen Maas und Rhein wurden um 1020 von Kaiser Heinrich II. Gebiete an zwei Brüder aus dem Hennegau in Flandern als Lehen vergeben. Der eine, „Gerhard Flamens“, wurde der Stammvater der Grafen von Wassenberg, der späteren Grafen und Herzöge des Herzogtums Geldern, und der andere, „Rutger oder Rütger Flamens“, Stammvater der Grafen von Kleve. Ausgangspunkt der klevischen Herrschaft war wohl nur ein kleines Gebiet im Bereich von Kleve. Erstmals 1092 benannte sich ein Graf nach der Burg Kleve. Das Kerngebiet der klevischen Herrschaft war zuerst der Raum zwischen Kleve und Kalkar. Hier gründeten die Grafen die Stifte Wissel und Bedburg.
Nur wenige belegbare Daten für Rütger I. (auch Roger) sind bekannt. Dies gilt auch für die nächsten Nachfolger bis zu Beginn des 13. Jahrhunderts. Rütgers Erbe soll nach einer Chronik aus dem 14. Jahrhundert der Sohn Dietrich I. (auch Theoderich genannt) gewesen sein. Jeweils nach dem Tode des herrschenden Grafen traten deren Söhne Dietrich II. und Dietrich III. die Erbfolge an. Auch für diese sind die vorliegenden Daten zum Teil widersprüchlich. Für Graf Dietrich III. gibt es Belege, dass er ab 1096 die Burg Tomburg mit dem zugehörigen Gebiet als Vasall des Erzbischofs von Köln zum Lehen erhielt.Gert van der Scheuren. In: Robert Scholten (Hrsg.): Clevische Chronik. Cleve 1884, S. 51 (Onlinefassung). Chroniken, die im Mittelalter erstellt wurden, sind häufig manipuliert worden um ein Adelsgeschlecht älter zu machen oder deren Bedeutung zu erhöhen. Zusätzlich musste vielfach auch wegen fehlender Dokumente auf mündliche Überlieferungen zurückgegriffen werden. Die Chronik aus dem 14. Jahrhundert wurde durch „von Turck“ und „Robert Scholten“ 1884 überarbeitet und mit vielen belastbaren Belegen ergänzt. Deshalb wechselte mit Beginn des 12. Jahrhunderts die Bezeichnung in Urkunden für einige Zeit zwischen Graf von Kleve oder Graf von Tomburg.
Mit dem Sohn von Dietrich III., Arnold oder Arnulf I. genannt, wurde erstmals eine Amtszeit von 1117 bis 1135 in der älteren Chronik angegeben. Nächster amtierender Graf von 1135 bis 1150 war nach dieser Chronik der Sohn Arnold II.Gert van der Scheuren. In: Robert Scholten (Hrsg.): Clevische Chronik. Cleve 1884, S. 186 (Onlinefassung). Hinsichtlich Arnold II. weichen die Daten zur Regierungszeit in beiden Chroniken besonders stark voneinander ab. In der Älteren endet diese 1150 während sie in der Neueren erst 1189 beginnt. Da aber in der „NDB“ als Todesjahr für Arnold II. 1147 angegeben wird, dürfte die Neuere für die Zeit zwischen etwa 1130 bis 1200 falsch sein. Es folgen die weiteren Grafen, die in der unten angeführten Aufstellung „Herrscher von Kleve / Haus Kleve bis 1368“ enthalten sind. Die vorstehend angegebenen ersten Grafen weichen für die Namen und die Daten von dieser Aufstellung ab. Die angeführten Angaben sind der älteren „Clevischen Chronik“ entnommen, soweit diese dafür Belege anführt.Die unterschiedlichen Zählweisen für die Grafen, beispielsweise Dietrich III./V., ergeben sich durch die nicht identischen Quellen. Die Zählweise mit „III.“ bezieht sich auf die Stammliste und entspricht auch der Meinung einiger der aktuellen Historiker. Dagegen entspricht „V.“ der Zählweise der älteren Chronik. Zwangsläufig sind hinsichtlich der ersten Grafen sowohl für die Namen wie auch für die Amtszeit wegen der dürftigen Quellen deutliche Unterschiede vorhanden. Erst ab Graf Dietrich V./VII., Regierungszeit von 1260 bis 1275, sind beide Chroniken identisch, wenn auch die unterschiedlichen Zählweisen unverändert bleiben.
Ausdehnung der Grafschaft Kleve im Niederrhein Die Entwicklung der wichtigen Adelshäuser im Hochmittelalter verlief häufig über die zusätzliche Position eines Vogtes für Klöster und Abteien. Diese Vögte, die für die weltlichen Belange dieser religiösen Einrichtungen zuständig waren, konnten dadurch ihre Machtbasis erweitern und ihren Lehensbereich vergrößern. Seit 1117 waren die Grafen von Kleve Vögte des Stifts Zyfflich, 1119 wurden sie Vögte des Klosters Fürstenberg. Zwischen 1122 und 1299 brachten sie auch die Vogtei über das bedeutende Viktorstift in Xanten in ihre Gewalt. Durch die Heirat Graf Arnolds I. mit Ida von Brabant gelangten die Klever Grafen in der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts in den Besitz von Wesel, das zum Ausgangspunkt für weitere Erwerbungen auf der rechten Rheinseite wurde. Auch die um 1226 geschlossene Ehe von Dietrich IV./VI. mit Hedwig von Meißen, der ältesten Tochter des Meißener Markgrafen Dietrich, wird als Folge gewachsenen Prestiges der Klever Dynastie innerhalb der Reichsaristokratie gedeutet.Abraham Glezermann, Michael Harsgor: Cleve – ein unerfülltes Schicksal. Aufstieg, Rückzug und Verfall eines Territorialstaates (= Historische Forschungen, Band 23). Duncker & Humblot, Berlin 1985, S. 71 f. Beide Häuser unterstützten Friedrich II. im deutschen Thronstreit. Im 13. Jahrhundert erlangten die territorialpolitischen Aktivitäten der Grafen eine neue Qualität, wie die Kette von Städtegründungen ab 1241 und die umfangreich betriebene Binnenkolonisation zeigen. mini|hochkant|Wappen der alten Grafen von Kleve (Armorial Bellenville, 14. Jahrhundert) Als Gefährdung für das Klever Territorium erwiesen sich die bis zum Ende des 13. Jahrhunderts üblichen Erbteilungen. So befand sich Graf Dietrich V./VII. zeitweise im Konflikt mit seinem jüngeren Bruder Dietrich Luf I. Dieser konnte seine Ansprüche auf die Grafschaft Saarbrücken, die er auf seine Heirat mit einer Tochter aus diesem Adelshaus zurückführte, nicht realisieren. Deshalb erhob er weitergehende Erbforderungen für den Bereich von Kleve, die sein Bruder, der amtierende Graf von Kleve nicht erfüllte.Gert van der Scheuren. In: Robert Scholten (Hrsg.): Clevische Chronik. Cleve 1884, S. 196 (Onlinefassung).
Zu einem weiteren Konflikt führte das Erbe von Graf Dietrich V./VII. von Kleve. Dieser hatte 1257 Alinde (oder Aleidis), die Tochter von Heinrich von Heinsberg geheiratet. Hierdurch gelangte die Grafschaft Hülchrath zum Herrschaftsbereich der „Klever“.Friedrich Everhard von Mering, Ernst Weyden, in: Geschichte der Burgen, Rittergüter, Abteien und Klöstern in den Rheinlanden, 1833, Köln, S. 113 (Onlinefassung). Bei der Erbteilung erhielt der jüngere Sohn des Grafen, Dietrich Luf II., die Gebiete seiner Mutter und damit auch Hülchrath. 1290 kam die Reichsstadt Duisburg durch Verpfändung an die Grafen von Kleve. Das Pfand wurde danach nie ausgelöst, so dass Duisburg mit dieser Verpfändung eine klevische Landstadt wurde. rheinische-geschichte.lvr.de