Eine Biografie (auch Biographie; , Kompositum aus „Leben“ und -graphie, sinngemäß „Aufschreiben des Lebens“) ist die Beschreibung des Lebens einer Person. Biografien können mündlich oder schriftlich die Lebensgeschichte eines Menschen nachzeichnen. Ein Sonderfall ist die vom Betreffenden selbst verfasste Autobiografie, eventuell mit Unterstützung eines Ghostwriters.
Manchmal werden Autobiografien dem Testament beigefügt; es soll vom Leben eine Spur übrig bleiben – die Nachkommen sollen wissen, was war. Um eine Art autobiografischen KurzberichtsFriedrich Winterhager: Lateinunterricht für Nonnen im Kloster Ebstorf um 1490 unter dem Einfluß der Bursfelder Reformbewegung. In: Medizinhistorische Mitteilungen. Zeitschrift für Wissenschaftsgeschichte und Fachprosaforschung. Band 34, 2015, S. 79–85, hier: S. 82 f. handelt es sich beim Rapiarium.
Den Lebenslauf zu beschreiben, beinhaltet auch die Möglichkeit nachträglicher Konstruktion einer bestimmten Sinnhaftigkeit des beschriebenen Lebens. Dies führt zur Frage nach dem subjektiv verstandenen Leben. Jeder Mensch entwirft seine eigene Biografie in unterschiedlichen Lebenssituationen (beim Bewerbungsgespräch, bei der Aufnahme persönlicher Beziehungen oder allgemeiner bei der eigenen Lebensrückschau, z. B. beim Psychologen oder Psychiater). Biografien bilden auch ein wichtiges Instrument der Erinnerung an andere Personen. Sie sind daher Gegenstand der Literatur- und Geschichtswissenschaft, der Soziologie, der Pädagogik, der Psychologie, der Medizin und der Theologie. Die einzelnen Arbeitsfelder und Arbeitsgegenstände der Biografieforschung sind heterogen und haben eigene Forschungstraditionen entwickelt.
miniatur|hochkant=1.2|Adi Holzer: Lebenslauf (1997).Der Künstler setzt den Lauf des Lebens graphisch als einen ausbalancierten Drahtseilakt um.
Literaturgattung mini|Stefan Zweig, Titel seiner Autographie ist Die Welt von Gestern
Als Literaturgattung behandelt die Biografie meist Personen des öffentlichen Lebens wie Politiker, Wissenschaftler, Sportler, Künstler oder Menschen, die durch ihr Wirken einen wichtigen gesellschaftlichen Beitrag geleistet haben. Wichtige literarische Biografen deutscher Sprache waren und sind etwa Karl August Varnhagen von Ense, Stefan Zweig, Emil Ludwig und Golo Mann. Viele biografische Texte vermischen die historischen Fakten mit freien Erfindungen (biografischer Roman, historischer Roman).
Ein frühes Beispiel für die heroisierende Lebensbeschreibung in Form einer Autobiographie eines politischen Herrschers aus der Antike sind die Res Gestae Divi Augusti (auch: Monumentum Ancyranum). Aber auch die Biografien mancher (bis dahin) unbekannter Personen sind verbreitet (z. B. Anna Wimschneider, Herbstmilch).
Lebensbilder sind Kurzbiografien meist von Personen ohne historischen Rang. Sie werden oft von Genealogen, Familien- und Heimatforschern verfasst, Biografien hingegen von Biografen. Die beschriebenen Personen sind je nach Anspruch, historischer Bedeutung oder Auslegung Verwandte, einfache Mitmenschen oder historische, kulturelle oder bedeutende Persönlichkeiten. Umgangssprachlich wird manchmal auch der (stichwortartige) Lebenslauf eines Menschen als dessen Biografie (auch „Vita“) bezeichnet.
Die Auseinandersetzung mit der eigenen Biografie – dem eigenen Lebenslauf – ist u. a. Inhalt der psychoanalytisch ausgerichteten Biografiearbeit.
Geschichte Die Ursprünge der Biografie im antiken Griechenland Moderne Definitionen Nach Arnaldo Momigliano ist die Biografie schlichtweg die Darstellung des Lebens eines Menschen von der Geburt bis zum Tod, nach Friedrich Leo die chronologische Darstellung von Geburt bis zum Tod, Gruppierung der Geschehnisse um die Hauptperson, Erfassung des Lebens nach Rubriken, moralisch-didaktische Ausrichtung. Dies sind moderne Erfassungen der antiken Biografie, aber keine eigene in der Antike gefasste Literaturtheorie.
Nach Leo gibt es zwei Formen, von denen die erste, literarisch wenig anspruchsvolle, für Personen des Geisteslebens gedacht sei, die zweite, deutlich qualitätsvollere Form, für Politiker, Könige und Feldherren gedacht sei (Schule des Peripatos). Diese Anschauung wurde jedoch durch den Fund der Euripides-Biografie des Satyros von Kallatis in Dialogform erschüttert.
Entstehung im vierten Jahrhundert v. Chr. Die Biografie entstand im vierten Jahrhundert v. Chr. als ein Produkt des Übergangs von der sich auflösenden Polis-Kultur der klassischen Zeit zur Monarchie der hellenistischen Zeit. In der demokratischen Polis herrschte das Ideal vor, dass sie nicht nur eine Summe von Individuen, sondern eine wirkliche Gemeinschaft war. Die nach dem peloponnesischen Krieg eingeleitete und durch Philipp II. von Makedonien und Alexander den Großen betriebene Entwicklung führte bei den Griechen zu einer Stärkung des Individuums. Kennzeichnend für die Polis-Ära ist die Historiographie, während die Biografie für die hellenistische Ära kennzeichnend ist.
Es keimten auch die Dichter- und Gelehrtenbiografien auf, da auch hier die Individualisierung Einzug hielt. Es genügte nicht mehr, die Werke der Dichter zu haben, sondern man wollte auch die Viten lesen. Als Prototyp für die Dichter- und Gelehrtenbiografien gilt Platons Apologie, die zahlreiche biografische Anmerkungen über das Leben des Sokrates enthält. Sie ist nur ein Teil einer ausgeprägten Sokrates-Literatur, die daneben vor allem in den platonischen und xenophontischen Dialogen besteht.
Die Biografie als Literaturgattung kann aufgrund der genannten Punkte als Indiz für bestimmte politisch-soziale Prozesse gewertet werden. Etwas ganz anderes ist der Lebenslauf oder gar der tabellarische Lebenslauf (die Vita) in einer schriftlichen Stellenbewerbung, der besonders auf die beruflichen Merkmale des Bewerbers eingeht und diesen möglichst positiv darstellen soll.
Die Biografie im Griechenland des fünften Jahrhunderts Aus dem Rahmen der im letzten Abschnitt geschilderten Prozesse fallen die biografischen Exkurse in den Werken der Historiker Herodot und Thukydides.
Herodot beschreibt in seinen Historien das Leben des Kyros in den bereits bekannten Kategorien (I, 107–130: Abstammung, Geburt, Kindheit und Jugend; I, 177–188: ausgewählte Taten und Leistungen; I, 201–214: letzter Feldzug und Tod) und des Kambyses (III, 1–66). Diese beiden Viten sind geprägt von Exkursen und vielen Erzählungen nebenbei. Diese für die Polis-Zeit außergewöhnlichen Biografien dürften zwei Gründe haben: zum einen sind beide porträtiert worden, gerade weil sie keine Griechen, sondern Exponenten eines monarchistischen Regimes waren, welches schon in Aischylos’ Persern eindrucksvoll skizziert wurde, zum anderen gab es durch die zahlreichen Quellen aus Inschriften über die Könige viel zu berichten. Der aus Kleinasien stammende Herodot vereinte die Eigenheiten der Kulturräume, die sich hier berührten.
Thukydides beschreibt im Rahmen der Pentekontaetie, in den Kapiteln 135–138 des ersten Buchs seiner Geschichte des peloponnesischen Krieges, das Leben des Themistokles zwischen Verbannung und Tod und zuvor in den Kapiteln 128–134 das Schicksal des Spartaners Pausanias. Beide Episoden erzählen die Geschichte von verbannten Politikern, die sich um ihre Poleis verdient gemacht haben. Unter Berücksichtigung des Schicksals von Thukydides, der selbst verbannt wurde, darf man diese Passagen nicht so sehr als Charakterstudien und Betrachtungen zu den beiden Personen betrachten, sondern vielmehr als Kritik im Umgang mit verdienstreichen Persönlichkeiten in der Polis.
Als einzig komplette Biografie jener Zeit gilt das Werk des Skylax von Karyanda, der das Leben des Herakleides von Mylassa erzählt. Hier ist wiederum der bei Herodot relevante Punkt interessant, dass es sich um das Scharnier zwischen den Kulturkreisen handelt: Herakleides war Karer, stammte also aus Kleinasien.
Die Biografie in der klassischen Zeit Griechenlands Isokrates schuf aus den Gattungen des Enkomions, eines in Versen gedichteten Preisgesangs, der nie auf Politiker, sondern auf Personen aus künstlerisch-athletischen Kreisen gesungen wurde (z. B. Pindar und andere mit ihren Epinikien), und des Epitaphios, einer Grabrede auf die Kriegstoten, d. h. nicht auf Einzelpersonen, sondern auf das Kollektiv der Gefallenen (z. B. der Epitaphios des Perikles auf die Gefallenen des peloponnesischen Krieges bei Thukydides II, 34–46) das neue Genre eines Prosa-Enkomions in seiner Vita des Euagoras I. Dieselbe wurde vielleicht zwischen 370 und 365 v. Chr. abgefasst, in jedem Fall frühzeitig nach dem Tod des Euagoras 373 v. Chr. Im achten Kapitel seines Vorworts (cap. 1–11) beschreibt Isokrates, dass er beide Gattungen verbindet und ist sich somit der Innovation bewusst. In den Kapiteln 12–21 folgt sein Bericht über Herkunft und Familie des Euagoras, dann die Schilderung der Kindheit des Euagoras (cap. 22 f.), ab Kapitel 24 dann die politische Karriere des Euagoras. An den Schluss stellt Isokrates die Anweisung an den Sohn des Euagoras, dem Vater nachzueifern. Charakteristisch für dieses Werk ist die Erhebung des Euagoras über andere, ja die Erhebung in die Nähe der Götter. Isokrates postuliert so die hohe Individualität seines Gegenstandes.
Xenophon verfasste die Biografie des Agesilaos und die Kyrupaideia. In der Agesilaos-Biografie, die deutlich kürzer ist als die des Isokrates über Euagoras, lobt er den spartanischen König Agesilaos. Xenophon hatte sich nach dem Feldzug des Kyros gegen seinen Bruder, den Perserkönig Artaxerxes, welchen er in der Anabasis verarbeitete, in Sparta niedergelassen und mit Agesilaos angefreundet. Diese Biografie schönt das Leben des Agesilaos deutlich und lässt Details weg. Beweis hierfür sind Xenophons Hellenika, die Details aus dem Leben des Agesilaos berichten, welche offenbar nicht in die enkomiastische Stimmung seiner Biografie passen. (Gliederung: cap. 1,1–5: Einleitung, Lobes-Intention, Herkunft; 1,6–2,31: lobende Darstellung der Taten (unter Weglassung und Schönung); 3,1–10,4: Katalog der Aretai des Agesilaos; 11: Zusammenfassung. Besonderheit: Vergleichsmöglichkeit zwischen dem Biografen Xenophon und dem Historiografen Xenophon.)
Nicht eindeutig der Biografie zuzuordnen ist die Kyrupaideia, welche mehrere Gattungen vereint (Geschichtsdarstellung, historischer Roman, didaktischer Roman, Erziehungsschrift, Militärhandbuch, Enkomion). Vieles ist Phantasie, Abschweifungen dienen als Zeugnis guter persönlicher Gestalt. Am Ende vergleicht Xenophon das aktuelle Persien mit dem Persien des Kyros und stellt ein vernichtendes Urteil über das Persien seiner Zeit auf.
Griechische Biografie im Hellenismus und in der frühen Kaiserzeit Die oben erwähnten Entwicklungen sind voll ausgereift, die hellenistische Monarchie hat das Poliswesen vollkommen verdrängt. Als Zeitalter des Individuums erforderte der Hellenismus geradezu Viten von Politikern, Feldherrn, Künstlern und Philosophen. Dies schlug sich vermutlich in einer sehr großen Menge an Texten nieder, die uns weitestgehend nicht erhalten sind, wie dies allgemein für den Hellenismus typisch ist. Es ist unbekannt, wie groß die biografische Produktion tatsächlich war.
Theophrasts Charaktere sind keine Biografien im eigentlichen Sinn, sondern stellen Verhaltensmuster dar. Sie können als empirische Studien für ein größeres Werk gedient haben. Theophrast gehörte dem Peripatos an, der einer biografischen Richtung immerhin den Namen gab. Die Charaktere lenken den Fokus ganz stark auf das Individuum und auf den individuellen Charakter. Dies wird für die weitere hellenistische Biografie prägend.