mini|Eine Frau stillt ihr Kind an der Brust. mini|Stillen eines Säuglings an der durch die Milchbildung geschwollenen Mutterbrust. Der Säugling wird so gehalten, dass er weiterhin durch die Nase atmen kann. mini|Stillvorgang während der Apfelernte auf einer Schweizer-Franken-Banknote (1956).
Als Stillen oder Brusternährung wird die Ernährung des Säuglings und Kleinkinds an der Brust einer Mutter oder einer Amme oder einer anderen stillfähigen Frau bezeichnet. Allgemeiner wird die bei Säugetieren natürliche Versorgung des Nachwuchses mit Milch aus den Milchdrüsen auch Säugen genannt.
Wortherkunft Seit dem Althochdeutschen im 8. Jahrhundert nach Christus ist Stillen wie mittelhochdeutsch stillen im Sinne von „zum Schweigen bringen“ bzw. „beruhigen“ als Synonym von „Säugen“ nachweisbar und beruht somit auf einer Verschiebung der Bedeutung, vielleicht als Hüllwort. Wahrscheinlich ist Stillen eine Ableitung vom Adjektiv/Adverb „still“ – welches eventuell aber selbst eine Rückbildung des Verbs sein könnte (da letzteres besser außergermanisch vergleichbar ist).Kluge Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache, 24. Auflage. Im Neuhochdeutschen wurde erst seit dem 16. Jahrhundert „ein Kind stillen“ anstelle von „säugen“ verwendet.Duden-Sprachberatung, Duden-Newsletter vom 15. Juli 2005. Beide Wörter sind nach wie vor synonym in Gebrauch, das Wort stillen aber häufiger als säugen.
Physiologische Perspektive
Seitens der Mutter
mini|Kolostrum aus der Brust einer Schwangeren kurz vor dem Entbindungstermin mini|Milchfluss Bereits während der Schwangerschaft beginnt sich die Brust auf die Produktion der Milch (Laktation) vorzubereiten. Wird von Anfang an nicht gestillt bzw. das Stillen unterbrochen, geht die Milchproduktion zurück. Die noch in der Brust vorhandene Milch wird vom Körper resorbiert, was mehrere Monate dauern kann.
Da auch der Mann über rudimentäre Brustdrüsen verfügt, kann es prinzipiell auch bei Männern zur Bildung von Milch kommen. Alexander von Humboldt berichtete 1799 über einen venezolanischen Bauern, der nach dem Tod seiner Frau sein Kind monatelang gestillt haben soll.Alexander von Humboldt: Die Forschungsreisen in die Tropen Amerikas. In: Darmstädter Ausgabe. Band, II, Teilband I, Darmstadt, Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2008, S. 241ff. In neuerer Zeit tritt das Phänomen der Milchproduktion nachweislich bei Männern auf, die mit weiblichen Hormonen behandelt werden, wie zum Beispiel gegen Prostatakrebs. Auch bei Babys beiderlei Geschlechts tritt häufig in den ersten Lebenstagen, ausgelöst durch plazentare Hormone, eine milchähnliche Flüssigkeit (umgangssprachlich: Hexenmilch) aus der Brust aus.
Oxytocinausschüttung Durch das Stillen wird im Körper der stillenden Frau das Wohlbefinden auslösende Hormon Oxytocin ausgeschüttet. Oxytocin verstärkt den Milchfluss und bewirkt ein Zusammenziehen des Uterus (Nachwehen). Dadurch werden der Wochenfluss und die Rückbildung der Gebärmutter beschleunigt.Entrez Gene – Gen-ID: 5020 (Oxytocin) Dieses „Sich-Zusammenziehen“ der Gebärmutter kann die stillende Mutter in den ersten Tagen als sehr stark und unangenehm empfinden. Dieses Gefühl setzt unmittelbar beim Stillen ein, klingt aber nach kurzer Zeit ab. Außerdem wird durch das Stillen und die damit verbundene Hormonausschüttung die emotionale Nähe von Mutter und Kind gefördert. Die These, dass Stillen auch sichere Bindungen im Sinne von Mary Ainsworth begünstige, wurde in empirischen Studien allerdings nicht bestätigt.John R. Britton, Helen L. Britton, Virginia Gronwaldt: Breastfeeding, Sensitivity, and Attachment. Pediatrics, Band 118, Heft 5, November 2006 (Abstract)
Relaktation Hat eine Mutter abgestillt, kann sie auch Monate später die Stillbeziehung zu ihrem Baby / Kind wieder aufnehmen (Relaktation). Es ist aber sehr schwierig und nur mit großem Aufwand zu bewerkstelligen (etwa durch wochenlanges regelmäßiges Abpumpen / Anlegen alle zwei Stunden). Außerdem kann bis dahin der Säugling die richtige Saugtechnik für die Brust verlernt haben, was nur schwer wieder anzutrainieren ist.
Stillen eines nicht bzw. nicht direkt verwandten Kindes Um stillen zu können, braucht eine Frau nicht schwanger gewesen zu sein. Die Milchbildung kann auch ohne vorangegangene Schwangerschaft in Gang gebracht werden, was jedoch einer recht zeitaufwändigen Vorbereitung bedarf. Dieser Vorgang wird „Induktion der Milchbildung“ genannt.
Grundsätzlich gilt, dass jeder mechanische Reiz an der Brustwarze (und etwas geringer auch insgesamt an den Brüsten) schnell zur Ausschüttung des „Milchbildungs“-Hormons Prolaktin führt. Eine regelmäßige langanhaltende Reizung führt schließlich zum Ausbau/Wachstum des Milchdrüsengewebes und schließlich zur Milchsekretion. Wie schnell die Milchbildung in Gang kommt, hängt entscheidend von der Intensität ab, aber auch von anderen Faktoren wie den körperlichen Anlagen der Frau, psychischen Einflüssen und ihrem Lebensalter. Unter günstigsten Bedingungen und intensiver Induktion kann die Milchbildung nach drei Tagen in Gang gekommen sein und unter ungünstigen Bedingungen werden auch nach Monaten nur wenige Tropfen erreicht.
Das Baby sollte möglichst oft angelegt werden, auch (oder ganz besonders) wenn zunächst nur wenig Milch vorhanden ist. Das kann mit einem Brusternährungsset unterstützt werden, das aus einem mit Muttermilch oder künstlicher Säuglingsmilch gefüllten Beutel und einem feinen, flexiblen Schlauch besteht, dessen Ende neben der Brustwarze (= Mamille) befestigt wird, so dass das Baby an der Brust saugt und dabei Milch aus dem Beutel erhält. Dadurch wird die Milchbildung angeregt und das Kind bleibt motiviert, weiterhin an der Brust zu saugen.
Seitens des Kindes mini|Das Melken der Brust ist ein komplexer Vorgang, bei dem viele Muskelgruppen koordiniert zusammenarbeiten. Ein gesundes Neugeborenes beginnt normalerweise innerhalb der ersten beiden Lebensstunden nach der Brust der Mutter zu suchen. Der stark ausgeprägte Geruchssinn des Neugeborenen und seine Fähigkeit, Hell-dunkel-Kontraste zu erkennen, erleichtern es ihm, anhand des Geruchs der Brustwarze und der seit der Schwangerschaft dunkleren Pigmentierung des Warzenhofes die Brustwarze zu finden und sich anzusaugen.
Aufseiten des Säuglings beginnt das Stillen mit dem erstmals 1950 wissenschaftlich beschriebenen Suchreflex.Heinz Prechtl, Wolfgang Schleidt: Auslösende und steuernde Mechanismen des Saugaktes. 1. Mitteilung. In: Zeitschrift für Vergleichende Physiologie. Band 32, Nr. 3, 1950, S. 257–262, doi:10.1007/BF00344527. Auf Berührungen seiner Lippen oder Wangen reagiert der Säugling unwillkürlich, indem er sein Gesicht dem Reiz (der Brustwarze) zuwendet, den Mund öffnet und die Zunge vorstreckt. Effizientes Stillen setzt voraus, dass dann nicht nur die Brustwarze, sondern ein ganzes Stück Brust, d. h. etwa der gesamte Warzenhof (Areola), in den Mund aufgenommen wird. Um der Zunge genug Raum zu schaffen, wird die Unterlippe nach außen geklappt. mini|Ein Baby saugt an der Brust seiner Mutter. Das Umfassen der Areola löst den Saug-Schluck-Reflex aus, der in kräftigen rhythmischen Melkbewegungen von Zunge und Unterkiefer (Kaumuskulatur) besteht. Die doppelte Aufgabe der Zunge besteht hierbei darin, den Mund abwechselnd zur Areola hin und zum Rachen hin so zu verschließen, dass Brustwarze und Areola durch den periodisch wechselnden Mundinnendruck gemolken werden, und gleichzeitig Nahrungsportionen peristaltisch in den Rachen zu tragen. Der Kiefer unterstützt diese rhythmischen Abläufe durch komplexe synchrone Bewegungen, um (öffnend, zurückschiebend) die Mundhöhle für den Aufbau von Druck zu vergrößern und um (schließend, vorschiebend) Milch aus der Areola zu drücken. Weitere Muskeln, die bei diesen Abläufen koordiniert mitwirken, sind die Lippen (Musculus orbicularis oris), die den Mund zur Areola hin abdichten, die Wangen (Musculus buccinator), die Pumpdruck erzeugen, und all die Muskeln, die am Schluckakt und an der Nasenatmung beteiligt sind.
Stillpraxis Vorteile des Stillens gegenüber der Flaschenfütterung Das Überdosieren von Muttermilch ist nicht möglich; Zubereitungsfehler (wie nicht abgekochte Fläschchen) oder Probleme wie schmutziges Wasser gibt es beim Stillen nicht, demnach macht das Stillen unabhängiger von äußeren Faktoren.
Der Geschmack der Muttermilch ist abhängig von der Ernährung der Mutter. Das Kind erfährt somit früh eine große Bandbreite verschiedener Geschmäcker und ist auf Brei- und Familienkost besser vorbereitet. In: kleinesonne.de.
Stillpositionen mini|Stillende Mutter in Madonna mit dem grünen Kissen von Andrea Solario. Die Position der oberen Hand der Mutter zeigt, wie sie die Aufnahme der Brustwarze in den Mund des Säuglings unterstützt und dafür sorgt, dass die Nasenöffnung des Kindes frei bleibt.
Als klassische Stillposition ist vor allem der sogenannte Wiegegriff In: stillbaby.info. Abgerufen am 2. Februar 2008. bekannt, bei dem das Kind vorn in den Armen der Mutter liegt. Vor allem bei Neugeborenen ist es wichtig, dass das Baby dabei mit dem Gesicht der Mutter ganz zugewandt ist und in Höhe der Brustwarze liegt. Dabei kann das Kind beispielsweise durch Kissen so gestützt werden, dass Arm- und Schultermuskeln der Mutter entspannt sind. Zu diesem Zweck werden Kissen oder ein großes U-förmiges Stillkissen verwendet. Auch Armlehnen eines Sitzmöbels können diesem Zweck dienen. Einen zusätzlich wiegenden Effekt hat ein Schaukelstuhl oder Stillsessel.
Es bestehen eine Vielzahl weiterer Stillpositionen. In: stillen.de. Abgerufen am 2. Februar 2008. Das Kind kann im Sitzen, im Liegen oder im Stehen gestillt werden. Beim Rückengriff im Sitzen sind die Füße des Kindes zum Rücken der Mutter ausgerichtet; dabei ist die Stütze durch ein Stillkissen üblich. Ein Tandemstillen von Zwillingen ist zum Beispiel dadurch möglich, dass beide Kinder jeweils im Rückengriff liegen. Das Stillen im Liegen erlaubt eine völlige Entspannung der Mutter bis hin zum Schlaf. Ein Wechsel der Stillpositionen über den Tag gilt als hilfreich, um die Mutterbrust gleichmäßig zu entleeren und so Milchstau vorzubeugen. Üblicherweise wird zum gleichen Zweck beim Stillen zwischen zwei Brüsten abgewechselt. Ob dabei eine Stillmahlzeit aus beidseitigem Trinken besteht oder nicht, ist individuell und kulturell verschieden und hängt auch davon ab, ob die Mutter die Milchmenge steigern oder drosseln will.
Stillkleidung Viele stillende Frauen tragen spezielle Stillbüstenhalter, die es erlauben, für das Stillen nur eine einzige Brust freizulegen. Um Kleidung und BH trocken zu halten, werden darin oft Stilleinlagen eingelegt.
Steigerung der Milchmenge Folgende Maßnahmen können die von der Brust produzierte Milchmenge erhöhen: Häufiges Anlegen des Babys, mindestens alle zwei Stunden, eventuell mit einer etwas längeren Pause nachts Auf wirkungsvolles Saugen und eine korrekte Stillposition achten. Das Kind soll den Kopf nicht seitlich verdrehen oder überstrecken, sondern Bauch an Bauch eng bei der Mutter liegen wechselnde Stillpositionen Wechselstillen. Dafür wird das Kind an einer Seite angelegt, bis es die Brust von selbst loslässt. Anschließend wird es auf der anderen Seite angelegt, bis es aufhört zu saugen. Nun wird es wieder auf der ersten Seite angelegt, dann wieder auf der zweiten usw. Brustmassagen zur Entspannung und zur Auslösung des Milchspendereflexes Möglichst viel Ruhe für die Mutter, Ausschaltung von Stressfaktoren Ausgedehnter Körperkontakt durch Tragen in einer Tragehilfe und gemeinsames Schlafen fördert die Milchbildung und die Saugbereitschaft des Babys