Giżycko ([], deutsch: Lötzen, früher auch Lözen) ist eine Stadt in der polnischen Woiwodschaft Ermland-Masuren. Sie ist zugleich Sitz der gleichnamigen Landgemeinde, der sie jedoch nicht angehört.

Geographische Lage Die Stadt liegt im historischen Preußen am Löwentinsee, rund 90 Kilometer nordöstlich der Stadt Allenstein (Olsztyn) und etwa 110 Kilometer südöstlich der Stadt Königsberg (Kaliningrad), unweit der Grenze zur russischen Exklave Oblast Kaliningrad.

Geschichte mini|Stadtpanorama mit Löwentinsee mini|Schloss, erbaut 1285 (Aufnahme 2017) mini|Karte von Lötzen und Umgebung (um 1818) mini|Schloss Lötzen um 1900

Mittelalter und Frühe Neuzeit Die Ortschaft wurde 1340 zum ersten Mal als Letzenburg (auch als „in Lezcen“) urkundlich genannt. Sie liegt auf einer Landenge zwischen dem Löwentinsee und dem Mauersee. Neben der Leczenburg auf der Landenge zwischen dem Löwentinsee und dem Kissainsee wurde die Burg Lötzen auf der Großen Werderinsel errichtet. Eine Wallburg stand direkt in Lötzen und wurde später mit dem Kreisgericht überbaut. Die Siedlung um die Ordensburg hieß anfangs Neuendorf, später setzte sich der Name Leczen durch.

Es wird vermutet, dass 1009 der Missionar Bruno von Querfurt und 18 Gefährten auf dem Tafelberg am Löwentinsee den Märtyrertod starben. Fälschlicherweise wird oft angenommen, dass die evangelische Kirche im Stadtzentrum von Karl Friedrich Schinkel erbaut sei. Die Kirche ist, wie viele evangelische Kirchen in Preußen, nach einem Musterentwurf Schinkels errichtet worden. Anders als die meisten anderen Sakralbauten im ehemaligen Ostpreußen wurde die Stadtkirche nach 1945 nicht in eine katholische Kirche umgewidmet.

1589 erhielt Lötzen von Markgraf Albrecht Friedrich das Stadtrecht. Während der Pestepidemie von 1709/10 starben von 919 Einwohnern Lötzens 800 an der Pest.Kossert: Masuren; S. 85

19., 20. und 21. Jahrhundert 1818 wurde Lötzen die Kreisstadt des damals gebildeten Kreises Lötzen. Zwischen 1843 und 1851 wurde die Feste Boyen zwischen dem Kissainsee, dem südlichsten Teil des Mauersees und dem Löwentinsee erbaut; sie erhielt ihren Namen nach dem preußischen Kriegsminister General Hermann von Boyen. Diese Festung wurde 1914 erfolglos von der russischen Armee belagert. Durch den Bau der Ostpreußischen Südbahn wurde Lötzen 1868 an das Eisenbahnnetz angeschlossen.

Nach dem Friedensvertrag von Versailles stimmte die Bevölkerung im Abstimmungsgebiet Allenstein am 11. Juli 1920 über die weitere Zugehörigkeit zur Provinz Ostpreußen oder den Anschluss an Polen ab. In der Stadt Lötzen stimmten 4900 Menschen für Ostpreußen und damit für Deutschland, auf Polen entfiel keine Stimme.Herbert Marzian, Csaba Kenez: Selbstbestimmung für Ostdeutschland. Eine Dokumentation zum 50. Jahrestag der ost- und westpreussischen Volksabstimmung am 11. Juli 1920. Göttinger Arbeitskreis, 1970, S. 80.

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Lötzen am 20. Januar 1945 geräumt. Deutsche Soldaten sprengten am 25. Januar die Eisenbahndrehbrücke Lötzen. Der Ort wurde im Zeitraum vom 24. bis 26. Januar von der Roten Armee eingenommen und besetzt. Bald darauf wurde Lötzen von der Sowjetunion der Volksrepublik Polen zur Verwaltung überlassen. Soweit die deutschen Einwohner nicht geflohen waren, wurden sie in der darauf folgenden Zeit fast sämtlich von der polnischen Verwaltungsbehörde aus Lötzen vertrieben.

1946 führten die Polen für Lötzen die Ortsbezeichnung Giżycko ein, zu Ehren des evangelischen Pfarrers Gustav Gisevius, der sich im 19. Jahrhundert sehr für die Förderung der polnischen Schulsprache in Masuren eingesetzt hatte. Es begann ein langsamer Wiederaufbau, der neue Wohngebiete im Norden und Nordosten erschloss. Die wenigen in der Stadt verbliebenen Deutschen haben sich im Deutschen Sozial-Kulturellen Verein zusammengeschlossen.

Von 1975 bis 1998 gehörte Giżycko zur Woiwodschaft Suwałki.

Am 1. Juni 2000 feierten die ehemaligen und die heutigen Bewohner in Lötzen das 660-jährige Bestehen des Ortes. Aus diesem Anlass wurde ein Partnerschaftsvertrag zwischen der Kreisgemeinschaft Lötzen und der Stadt Giżycko abgeschlossen. Im Mai 2012 fanden Feierlichkeiten zum 400-jährigen Bestehen der Stadterhebung statt.400 Jahre Stadt

Heute ist die Stadt mit ihren vielen Wassersportmöglichkeiten ein sehr bedeutender Fremdenverkehrsort.

Name Der deutsche Ortsname Lötzen leitet sich von prußisch lezuns = ‚auf-‘ und ‚untersteigen‘ ab. Der Name der Stadt wechselte vielfach, unter anderem war er deutsch Leczenburg, Lözenburg, Letzen, Lezen, Lezzen, Leczen, Lüzen, Lessen, ab 1612 amtlich Lötzen, polnisch Lec, Łoczany, Łuczany. Zu Ehren des Pastors und Sprachforschers Gustav Gisevius wurde die Stadt Lötzen am 4. März 1946 in Giżycko umbenannt.Andreas Kossert: Masuren. Ostpreußens vergessener Süden. Berlin 2001, S. 152. Die historischen Namen der Stadt finden sich noch wieder in der Bezeichnung des Stadtkanals, der heute noch als Kanał Łuczański oder Kanał Giżycki bezeichnet wird.

Demographie + Bevölkerungsentwicklung bis 1945 Jahr Einwohnerzahl Anmerkungen 1782 1154 ohne die Garnison (eine Schwadron Husaren)Johann Friedrich Goldbeck: Volständige Topographie des Königreichs Preussen. Teil I: Topographie von Ost-Preussen. Königsberg / Leipzig 1785, S. 41, Nr. 2; . 1802 1239 Alexander August Mützell, Leopold Krug: Neues topographisch-statistisch-geographisches Wörterbuch des preussischen Staats. Band 5: T–Z. Halle 1823, S. 338–339, Ziffer 451; books.google.de 1810 1321 1816 1588 davon 1550 Evangelische, 25 Katholiken und 13 Juden 1821 1878 1831 1661 zur Hälfte deutsche, zur Hälfte polnische Einwohnerschaft; Stadt, mit einem 1285 erbauten Schloss und einer lutherischen Kirche; Bewohner betreiben Ackerbau, Fischerei, Töpferei und LeinwandhandelAugust Eduard Preuß: Preußische Landes- und Volkskunde oder Beschreibung von Preußen. Gebrüder Bornträger, Königsberg 1835, S. 474, Ziffer 88 (Google Books). 1852 ≈ 2700 Kraatz: Topographisch-statistisches Handbuch des Preußischen Staats. Berlin 1856, S. 360; . 1867 3569 am 3. Dezember 1871 3769 am 1. Dezember, davon 3630 Evangelische, 32 Katholiken, zwei sonstige Christen und 105 Juden;Die Gemeinden und Gutsbezirke der Provinz Preussen und ihre Bevölkerung. Nach den Urmaterialien der allgemeinen Volkszählung vom 1. December 1871 bearbeitet und zusammengestellt. Königliches Statistisches Bureau, Berlin 1874, S. 312–313, Ziffer 1. nach anderen Angaben 3771 Einwohner, darunter 500 PolenGustav Neumann: Geographie des Preußischen Staats. 2. Auflage. Band 2. Berlin 1874, S. 32–33, Ziffer 12. books.google.de 1875 4034 1880 4514 1890 5486 davon 66 Katholiken und 128 Juden (550 Polen) 1900 5826 meist Evangelische 1910 6945 am 1. Dezember, davon 6409 Evangelische, 141 Katholiken, 37 sonstige Christen und 82 Juden (6397 mit deutscher, 50 mit polnischer und 222 mit masurischer Muttersprache, 270 Einwohner benutzen die deutsche und eine andere Sprache)Gemeindelexikon der Regierungsbezirke Allenstein, Danzig, Marienwerder, Posen, Bromberg und Oppeln. Auf Grund der Volkszählung vom 1. Dezember 1910 und anderer amtlicher Quellen. Heft I: Regierungsbezirk Allenstein. Königlich Preußisches Statistisches Landesamt, S. 16–17, Ziffer 1: Lötzen. books.google.de 1925 10.552 davon 9929 Evangelische, 413 Katholiken, fünf sonstige Christen und 101 Juden 1933 11.847 davon 11.114 Evangelische, 496 Katholiken, keine sonstigen Christen und 66 Juden 1939 14.000 davon 12.754 Evangelische, 662 Katholiken, 186 sonstige Christen und 20 Juden + Bevölkerungsentwicklung seit 1945 Jahr 2008 2016 Einwohner 29.494 stat.gov.pl 29.642

Bürgermeister mini|hochkant|Wasserturm, beherbergt ein Café und ein kleines Museum

Sehenswürdigkeiten Besondere Sehenswürdigkeiten sind die Feste Boyen mit Museum, das wieder aufgebaute Schloss, in dem sich heute ein Hotel befindet, der Kanal und die ihn überquerende Drehbrücke, das Bruno-Kreuz auf dem Tafelberg am Löwentinsee sowie der ehemalige Wasserturm, in dem heute ein Café eingebaut ist und von dem ein Rundblick auf die Stadt möglich ist.

Religionen Lötzen war bereits in vorreformatorischer Zeit ein wahrscheinlich in der Ordenszeit gegründetes Kirchdorf.Walther Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens. Band 3: Dokumente. Göttingen 1968, S. 492. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren die Konfessionen in Lötzen wie folgt verteilt: Jahr Evangelisch Katholisch Andere Insgesamt 1890 5292 66 128 5486 1925 9929 413 106 10.552 1933 11.147 496 66 11.847 1939 12.754 662 206 14.000

Evangelisch Kirchengebäude mini|hochkant|Evangelische Pfarrkirche In der Reformationszeit wurde in Lötzen eine Kirche aus Holz errichtet.Parafia Giżycko An ihre Stelle traten 1633 und 1709 große, massiv gebaute Kirchen, die beide jedoch ein Raub der Flammen wurden. In den Jahren 1826 bis 1827 wurde die jetzige Kirche errichtet,Walthere Hubatsch: Geschichte der evangelischen Kirche Ostpreußens. Band 2: Bilder ostpreussischer Kirchen. Göttingen 1968, S. 121. in klassizistischem Baustil, der 1881 bei einer Grundrenovierung neoklassizistischem Einfluss ausgesetzt war. Die alte Einrichtung ist noch fast vollständig erhalten,Die evangelische Pfarrkirche in Lötzen. ostpreussen.net so das Altarbild mit dem „Einladenden Christus“ von Carl Gottfried Pfannschmidt oder das Taufbecken, ein ovales, von einem Putto getragenes Becken, das um 1750 entstanden ist und aus der Pfarrkirche von Pestlin () in Westpreußen stammt. Die Orgel ist ein Werk der Firma Kemper Orgelbau von 1935, restauriert 2011 von Orgelbaumeister Andrzej Kowalski, während die Turmuhr aus dem Jahr 1881 stammt und in der Turmuhrfabrik J. F. Weule in Bockenem (Land Hannover) entstand.

Der Standort der Kirche ist der alte Markt in Lötzen, der heutige Plac Grunwaldzki in Giżycko.

Kirchengemeinde In Lötzen hielt die lutherische Lehre schnell Einzug. Bereits 1531 war hier ein evangelischer Geistlicher tätig, bevor 1573 und dann später 1926 noch je eine Pfarrstelle errichtet wurde.Friedwald Moeller: Altpreußisches evangelisches Pfarrerbuch von der Reformation bis zur Vertreibung im Jahre 1945. Hamburg 1968, S. 88. Die Kirchengemeinde in Lötzen gehörte bis 1945 zur Kirchenprovinz Ostpreußen der Evangelischen Kirche der Altpreußischen Union. Bis 1945 gab es in Lötzen außerdem eine sogenannte Anstaltsgemeinde für das Diakonissenmutterhaus Bethanien mit eigener Pfarrstelle.Die Arbeit dieses Hauses wird seither im niedersächsischen Quakenbrück als Diakonissenmutterhaus Bethanien-Lötzen fortgeführt.

Flucht und Vertreibung der einheimischen Bevölkerung brachte das kirchliche Leben in Lötzen fast zum Erliegen. Zahlreiche polnische Neubürger aktivierten es in Giżycko wieder, unter ihnen einige wenige evangelische Kirchenglieder, die den Kern bildeten für die Errichtung einer eigenen Pfarrei mit eigener Pfarrkirche, die zudem für die Filialgemeinden in Pozezdrze (Possessern, 1938–1945 Großgarten), Węgorzewo (Angerburg) und Wydminy (Widminnen) zuständig ist. Die Pfarrei ist jetzt Teil der Diözese Masuren der Evangelisch-Augsburgischen Kirche in Polen.

Kirchenkreis Lötzen Gehörte Lötzen anfangs noch zur Inspektion Angerburg (), so wurde die Stadt selbst Sitz und namensgebend für einen Kirchenkreis, der bis 1945 bestand. Zu ihm gehörten neun Pfarrämter mit ihren Kirchspielen: Name der Kirchengemeinde Polnische Ortsbezeichnung Groß Stürlack Sterławki Wielkie Königshöhe bis 1881 Uszranken Użranki Lötzen Giżycko Milken Miłki Neuhoff Zelki Orlowen 1938–1945 Adlersdorf Orłowo Rhein Ryn Rydzewen 1927–1945 Rotwalde Rydzewo Widminnen Wydminy Anstaltsgemeinde: Diakonissenmutterhaus Bethanien

Katholisch Kirchengebäude mini|hochkant|Katholische St.-Bruno-Pfarrkirche