Neutraubling ist die größte Stadt im Oberpfälzer Landkreis Regensburg in Bayern.

Die Industriestadt liegt in der Donauebene, zehn Kilometer östlich von Regensburg, und ist nach Regenstauf zweitgrößte Kommune im Landkreis. Neutraubling ist eine von fünf bayerischen Vertriebenenstädten und entstand erst nach dem Zweiten Weltkrieg.

Gemeindegliederung Es gibt vier Gemeindeteile: Birkenfeld (unbebautes Gebiet der späteren Siedlung Birkenfeld bei der Gemeindebildung Neutraublings, am 1. April 1951 von der Gemeinde Barbing abgegeben) Lerchenfeld (Weiler; am 1. Mai 1978 von der Gemeinde Rosenhof an Neutraubling abgegeben) Neutraubling (Industrieort) Oberheising (Weiler; am 1. Mai 1978 von der Gemeinde Barbing an Neutraubling abgegeben)

Die Gärtnersiedlung südwestlich der Kreuzung von A3 und Walhallastraße ist kein amtlich benannter Gemeindeteil. Dieses damals unbebaute Gebiet wurde am 1. Mai 1978 von der Gemeinde Barbing nach Neutraubling umgegliedert.

Neutraubling ist vor Hemau und Wörth an der Donau die größte Stadt im Landkreis Regensburg.

Geschichte 300px|mini|St.-Michaels-Platz Lerchenfeld Die erste gesicherte Erwähnung des Geschlechts der Lerchenfelder stammt aus dem Jahr 1171, es gibt aber frühere Hinweise auf das Geschlecht und auf einen bajuwarischen Edelsitz, der 926 bei einem Ungarneinfall zerstört worden sein soll. Das Gut Lerchenfeld besitzt mit St. Peter eine Kapelle, die 1260 von Bischof Albertus Magnus geweiht wurde. 1910 wurden in der Kapelle spätgotische Fresken entdeckt.

Oberheising Oberheising ist seit 1860 ein Gut des Hauses Thurn und Taxis. Die benachbarten Ansiedlungen Unter- und Mitterheising gehören bereits zur Gemeinde Barbing. Erstmals urkundlich erwähnt wurde Heising 1209, es handelt sich aber wohl um eine wesentlich ältere bajuwarische Siedlung, deren Name auf einen Heizo oder Hesso zurückgeht. Von 1209 bis zur Säkularisation 1809 gehörte Heising zum Stadtamhofer Katharinenkloster. Auf den Namen Heising geht auch der Familienname Heusinger zurück.

Gärtnersiedlung Die Gärtnersiedlung ist eine Gründung der Nachkriegszeit. Seit 1948 wurden hier von der Bayerischen Landessiedlung Bauern aus den Ostgebieten angesiedelt. Zahlreiche Gärtnereien prägten das Bild der Siedlung.

Birkenfeld Birkenfeld in seiner heutigen Form entstand erst 1953 aus von der Bayerischen Landessiedlung angesiedelten Bauern aus den Ostgebieten. Vorher befand sich der erstmals 1068 urkundlich erwähnte Ort Pirka an dieser Stelle. Der Name leitet sich ebenfalls von hier auf dem ehemals sumpfigen Land um den Moosgraben wachsenden Birken ab. Ab 1264 bis ins 19. Jh. war das Gut Pirka im Besitz des Frauenklosters Heilig Kreuz, woran heute das Kreuz im Wappen Neutraublings erinnert. Im 19. Jh. ließ König Ludwig I. die schnurgerade Walhallastraße zwischen Obertraubling und Barbing anlegen, die in Blickrichtung auf die Walhalla verläuft und später die Haupterschließungsstraße von Neutraubling wurde. 1933 wurden einige aus dem Truppenübungsplatz Grafenwöhr ausgesiedelte Bauernfamilien im damals zur Gemeinde Rosenhof gehörenden Pirka ansässig. 1936 wurde die Siedlung wegen des Baus des Militärflugplatzes vollständig abgerissen. Auf dem damals (bis auf das zur Gemeinde Rosenhof gehörende Pirka) unbebauten Gelände der heutigen Stadt Neutraubling wurde von 1936 bis 1938 der Militärflugplatz Obertraubling errichtet, der ab 1940 auch Produktionsstätte der Messerschmitt-Werke war. Diese bauten hier u. a. den (später motorisierten) Lastensegler Me 321 Gigant bzw. das große Transportflugzeug Me 323 Gigant sowie die Me 262, das erste in Serie gebaute Düsenflugzeug der Welt.

Messerschmitt-Werke und Zwangsarbeit mini|Luftbild der Messerschmitt-Werke von Sommer 1943

Ende 1940 wurde mit dem Aufbau des Zwangsarbeiterlagers Messerschmitt begonnen. Für den Aufbau dieser Werkstätten wurden anfangs 2200 deutsche Soldaten der Strafkompanie aus Grafenwöhr herangezogen. In der Folge wurde diese durch sogenannte Ostarbeiter und hauptsächlich durch sowjetische Kriegsgefangene (Offiziere) ersetzt. Zu deren Unterbringung errichtete man auf bzw. gleich neben dem Werksgelände zwei so genannte „Russenlager“. Insgesamt mussten dort etwa 2750 GefangeneSchmoll: Messerschmitt-Giganten. 2002, S. 80. Insgesamt arbeiteten im Dezember 1942 ca. 3800 Personen. unter miserablen Bedingungen leben und in der Flugzeugproduktion Zwangsarbeit leisten.Fabian Sachenbacher: Die Vorgeschichte. Der Fliegerhorst Obertraubling. 2011, S. 25. Von Januar 1941 bis Ende 1943 wurden auf dem Gelände großräumige Transportflugzeuge (die sogenannten Messerschmitt-Giganten), wie die Me 321 und Me 323, produziert. Nachdem das Werk Anfang 1942 unter die Verwaltung der Regensburger Messerschmitt GmbH gestellt wurde, fertigte man in Obertraubling in großen Stückzahlen u. a. die Kampfflugzeuge Messerschmitt Bf 109 (seit August 1943) und Me 262 (seit Januar 1944), so dass mit den Standorten Regensburg und Obertraubling ein „Schwerpunkt der deutschen Jagdflugzeugproduktion“ entstand.Schmoll: Messerschmitt-Giganten. 2002, S. 88. Intern wurde die Obertraublinger Flugzeugfabrik als Werk II oder als Regensburg-Obertraubling bezeichnet.

Mit der anhaltenden systematischen Bombardierung aller Messerschmitt-Werke im Reichsgebiet durch alliierte Verbände wurden die Produktionsstätten systematisch dezentralisiert und in getarnte „Waldwerke“ verlegt. Das Obertraublinger Werk mit seinem ausreichend großen Flugfeld wurde in diesem Zusammenhang stark aufgewertet und „als logistischer Hauptstützpunkt beibehalten“, da man dort die Endmontage und den Einflug der Jagdflugzeuge, d. h. die Tests zur Inbetriebnahme, vornehmen konnte. So wurde z. B. der Düsenjäger Me 262, auf den das Naziregime weitreichende Hoffnungen für den Luftkrieg setzte, in Obertraubling bis zum 23. April 1945 fertigmontiert und geliefert.Peter Schmoll: Die Messerschmitt-Werke. 2004, S. 172. So wurden die Waldwerke bei Hagelstadt (Tarnname „Gauting“) und Mooshof (Tarnname „Staufen“) deshalb ausgewählt, da man sie bestens an die Obertraublinger Infrastruktur anschließen konnte. Hierbei ist auch die Verlagerung der Endmontage des Düsenjägers Me 262 nach Obertraubling erwähnenswert, auf den das Naziregime weitreichende Hoffnungen für den Luftkrieg setzte. Die Montage dauerte bis zum so genannten Panzeralarm in der Nacht zum 23. April 1945 an; ebenso die Auslieferung. Die letzte Me 262 wurde von Obertraubling am gleichen Tag nach München Riem geflogen.(Schmoll, S. 180.) Anfang des Jahres 1945 starteten vom Obertraublinger Werk aus alle damals fertiggestellten Me 262, deren Einzelteile im Großraum Süddeutschland bis zum KZ Mauthausen dezentral produziert worden waren. Vgl. Schmoll, S. 204.

In den letzten Kriegsmonaten des Zweiten Weltkrieges wurde im Rohbau des ehemaligen Casinogebäudes (an der Stelle des heutigen Rathauses) das KZ-Außenlager Obertraubling des Konzentrationslagers Flossenbürg errichtet, in dem vom 20. Februar bis zum 16. April 1945 rund 600 Häftlinge unterschiedlichster Nationen interniert waren. Dies Gefangenen mussten die Flugfelder des Messerschmitt-Werks instand halten. Mindestens 174 von ihnen starben auf Grund der miserablen Bedingungen und wurden nördlich des Casinogebäudes begraben. Am 16. April 1945 wurde das Außenkommando Obertraubling von der SS aufgelöst. Marschunfähige und Kranke brachten sie per Lastwagen ins Konzentrationslager Dachau. Die Anderen mussten sich zu Fuß auf den Weg dorthin begeben. Laut Bericht eines Überlebenden sind nur ca. 25 Personen dieses Todesmarsches lebend in Dachau angekommen.Andreas Gröschl: Der Todesmarsch. In: Wolter (Hrsg.), 2011, S. 34. Die Angaben stammen aus einem Interview mit Moishe Mantelmacher von Juni 2011. Angeblich überlebten weitere 30 bis 40 Personen diesen Gewaltmarsch, da ihnen unterwegs die Flucht gelang.

Der auf Veranlassung der Amerikanischen Militärbehörden angelegte und am 17. Juni 1950 eingeweihte KZ-Friedhof wurde schon sechs Jahre später wegen der zentralen Zusammenlegung von Gräbern von KZ-Häftlingen wieder aufgelöst. Eine französische Spezialeinheit überführte die Toten in die Gedenkstätte Flossenbürg. Das Kreuz aus dem KZ-Friedhof steht heute auf dem Neutraublinger Friedhof. Auf dem ehemaligen Friedhofsgelände wurde später Bauland ausgewiesen.

Nach dem 2. Weltkrieg Die politische Gemeinde Neutraubling entstand erst am 1. April 1951 aus Gebietsteilen der Gemeinde Barbing auf dem bei Luftangriffen 1944/45 zerstörten Militärflugplatz, der von den Amerikanern als Airfield R.97 bezeichnet worden war. In den Ruinen der Flugplatzgebäude siedelten sich Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten und ganz Osteuropa an. Bei der Gemeindegründung 1951 durch Ausgliederung der Industriesiedlung aus der Gemeinde Barbing betrug die Anzahl der Einwohner bereits 1296, davon 93 % Vertriebene. Zusammen mit Kaufbeuren-Neugablonz, Geretsried, Traunreut und Waldkraiburg ist Neutraubling eine der bayerischen Vertriebenenstädte/-gemeinden mit vergleichbarer Kriegs- und Nachkriegsgeschichte.

Die Infrastruktur der verbliebenen Flugplatzanlagen und das Fachwissen der Vertriebenen ermöglichten eine rasante Entwicklung zum bedeutendsten Industriestandort im Landkreis Regensburg mit Firmen von teils weit überregionaler Bedeutung. Damit einhergehend kam es in den 1960er und 1970er Jahren zum Zuzug zahlreicher Gastarbeiter aus Süd- und Südosteuropa und besonders der Türkei. Seit den 1990er Jahren sind auch Spätaussiedler aus Osteuropa in Neutraubling zugezogen.

Neutraubling entwickelte sich immer mehr zur Industrie-, Schul-, Ärzte- und Einkaufsstadt fort. Der Anteil der Vertriebenen an der Gesamtbevölkerung ging dabei stetig zurück. Ein besonderer Schub kam in den 1980er Jahren durch die Ansiedlung des BMW-Werkes Regensburg in unmittelbarer Nachbarschaft.

Am 13. Juni 1986 erfolgte die Erhebung der Gemeinde Neutraubling zur Stadt.

1998 brach bei dem Aerosolhersteller Czewo der größte Brand der Nachkriegsgeschichte im Landkreis Regensburg aus.

Trivia 1982 rückte Neutraubling in den Mittelpunkt des Interesses der nationalen und internationalen Presse. In der Praxis eines ansässigen Zahnarztes schien ein Geist umzugehen. Dieser Geist sprach aus dem Spucknapf und beleidigte Patienten, den Arzt und sonstige Anwesende. Wochenlang versuchten Techniker, Kriminalisten und sonstige Spezialisten das Phänomen zu erkunden und erklären, selbst eine von der Staatsanwaltschaft ins Leben gerufene Soko „Geist“ war anfangs erfolglos. Am Ende stellte sich heraus, dass die 16-jährige Zahnarzthelferin zusammen mit dem Zahnarzt und seiner Frau mit dem Geist „Chopper“ die gesamte Nation narrte.

Eingemeindungen Am 1. Mai 1978 wurden der Gemeinde die Gärtnersiedlung (vorher zu Barbing) sowie die beiden Güter Oberheising (vorher zu Barbing) und Lerchenfeld (vorher zu Rosenhof) zugesprochen.

Einwohnerentwicklung Zwischen 1988 und 2018 wuchs die Stadt von 9.810 auf 13.796 um 3.986 Einwohner bzw. um 40,6 %. Datum Einwohner 01.04.1947 53 01.04.1951 1.296 01.01.1960 3.755 06.06.1961 3.994 27.05.1970 6.097 01.01.1976 6.614 Datum Einwohner 04.07.1988 10.036 31.12.1991 10.936 31.12.1995 11.204 30.06.2005 12.557 31.12.2010 12.808 31.12.2015 13.431 31.12.2021 13.981

Politik

Stadtrat mini|hochkant=1.15|Rathaus und Ratskeller Der Stadtrat hat 24 Mitglieder und setzt sich seit der Kommunalwahl vom 15. März 2020 wie folgt zusammen: Partei Sitze Freie Wähler 9 CSU 8 Grüne/Aktive 4 SPD 3 Von den 10.011 stimmberechtigten Einwohnern haben 4.873 von ihrem Wahlrecht Gebrauch gemacht, womit die Wahlbeteiligung bei 48,68 Prozent lag.

Bürgermeister seit 1951 Hans Herget (SPD) von 1951 (Gemeindegründung) bis 1965 Herbert Scholz, geb. 14. Mai 1923, gest. 13. April 2007, von 1965 bis 1988 Eleonore Mayer (SPD) von 1988 bis 30. Juni 2006 Heinz Kiechle (CSU) 1. Juli 2006 bis 30. April 2020 Harald Stadler (Freie Wähler) seit 1. Mai 2020

Amtierender Bürgermeister