Das arabische Wort Hanīf, Plural Hunafāʾ () bezeichnet vorislamische Monotheisten auf der Arabischen Halbinsel,Hamilton A.R. Gibb: Pre-islamic Monotheism in Arabia. In: The Harvard Theological Review. Band 54 (1962), S. 269–280. die weder Juden noch Christen waren. Ihre religiöse Strömung nennt man im islamischen Schrifttum . Das arabische Verb aus der Wurzel ḥ-n-f taḥannafa bedeutet je nach Zusammenhang a) „Hanīf werden“, d. h. der Hanīfiyya, der Religion Abrahams folgen – so in den Erläuterungen von Ibn Hadschar al-ʿAsqalānī,Fatḥ al-bārī, Band 1, S. 23, Zeile 10; und im Sprachgebrauch von Ibn Sa'd, dem Schüler von al-Wāqidī: taḥannafa fī-ʾl-ǧāhilīya (= er wurde in der Dschāhiliyya zum Hanif): Ibn Sa'd: Kitāb aṭ-ṭabaqāt al-kubrā. Ibn Saad: Biographien Muhammeds... Ed. E. Mittwoch und E. Sachau. (Brill, Leiden) 1917. Band I/2, S. 55, Zeile 5. b) den Islam annehmen. In diesem Sinne wird der Begriff in Sure 22, 31 hunafāʾ li-llāhi verwendet: „als Gott ergebene Hanīfe“, die dem einzigen Gott nichts beigesellen. In theologischen Schriften wird hanīf und al-hanīfiyya oft als Synonym zu Muslim bzw. zu Islam verwendet.The Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden. Band 3, S. 165.
In seinem Werk „Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart“s. Hans Wehr: Arabisches Wörterbuch für die Schriftsprache der Gegenwart, 5. Ausgabe, Wiesbaden: Harrassowitz (1985), S. 300. gibt Hans Wehr folgende Bedeutung an: „Rechtgläubiger, der anstatt der ihn umgebenden falschen die wahre Religion bekennt.“
Der Begriff ist nicht mit der von Abū Hanīfa gegründeten sunnitischen Rechtsschule der Hanafiten zu verwechseln.
Forschungsstand
In der Forschung ist der Begriff, der auch außerkoranisch vorkommt, unterschiedlich verstanden und dargestellt worden:
Die Ḥanīfe oder die Ḥanīfiyya waren weder jüdische noch christliche Sekten.Alois Sprenger: Das Leben und die Lehre des Mohammad. Berlin 1860, S. 67–69J. Horovitz: Koranische Untersuchungen. Berlin/Leipzig 1926, S. 56–59Julius Wellhausen: Reste arabischen Heidentums. Berlin 1897, S. 238–240. Die Ḥanīfe in Arabien stellten eine Bewegung unter christlichem oder jüdischem Einfluss dar; die Muslime selbst betrachteten sich als Nachfolger der Ḥanīfen.Th. Nöldeke: Geschichte des Qorans. Leipzig 1909, Band I, S. 8. C. H. Becker: Islamstudien. Leipzig 1924, Band I, S. 347. Die Ḥanīfe waren eine unabhängige, arabisch geprägte monotheistische Bewegung.D. S. Margoliouth: On the Origin and Import of the Names Muslim and Ḥanīf. In: JRAS, 35 (1903), S. 478ff; Richard Bell: The Origin of Islam in its Christian Environment. London 1926, S. 57–59. Die Ḥanīfe hat man auch mit den Sabiern von Harran in Verbindung gebracht.J. Pedersen: The Sabians. In: A Volume of Oriental Studies Presented to Edward G. Browne. Cambridge 1922, S. 387–391. N. A. Faris, Harold W. Glidden: The Developement of the Meaning of Koranic Hanīf. In: The Journal of the Palestine Oriental Society. Band 19 (1939/1940) S. 1–13.
In Harran gab es einige Anhänger einer späthellenistischen Gestirnreligion, die von den dortigen Christen als Heiden, syrisch: ḥanpē angesehen wurden. Lautbestand und Bedeutung des syrischen ḥanpē sind im Vergleich zum Begriff ḥanīf auseinandergefallen. Die syrische Bedeutung des Begriffes hat sich, trotz der koranischen Bedeutung von ḥanīf, auch im islamischen Schrifttum gefestigt: al-Bīrūnī (gest. gegen 1050) beschreibt die heidnischen Harranier sowohl als ḥunafāʾ als auch als Götzendiener.Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft. Band II, S. 444. Auch in der vorislamischen Poesie erscheint der Begriff als Bezeichnung für Heiden und Götzendiener.W. Montgomery Watt (1970), S. 16 (Annex B)
Der christliche Apologet ʿAbd al-Masīḥ al-KindīThe Encyclopaedia of Islam. New Edition. Brill, Leiden, Band 5, S. 120. in der frühabbasidischen Zeit und andere syrischen Apologeten verwenden den Begriff in dessen doppelter Bedeutung. al-Kindī – gemäß dem unbekannten Überlieferer seiner Korrespondenz mit seinem muslimischen Gesprächspartner – argumentiert wie folgt:
„Mit seinen Vätern, Großvätern und dem Volk seines Landes verehrte Abraham den Götzen mit dem Namen al-ʿUzzā in Harran als ein Ḥanīf, wie du es zugibst. O Du, Ḥanīf! Er (Abraham) sagte sich von der Ḥanīfiyya los, was Götzenkult bedeutet, und wurde Monotheist, ein gläubiger Mensch. Denn wir finden al-ḥanīfiyya in den von Gott offenbarten Schriften als Bezeichnung für den Götzenkult“Anton Ties (Hrsg.): Risala … London 1885, S. 42. Hier nach: Sidney H. Griffith: The Prophet Muḥammad: his scripture and his message according to the christian apologies in Arabic and Syriac from the first Abbasid century. In: Toufic Fahd (Hrsg.): La vie du Prophète Mahomet: Colloque de Strasbourg. Octobre 1980. Paris 1982, S. 120.
Die ḥunafāʾ waren nach der Auffassung Mohammeds die „Verehrer des einen und wahren Gottes, dessen hervorstehendster Repräsentant gerade Abraham gewesen war“;Josef van Ess: Theologie und Gesellschaft. Band II, S. 444. zur Zeit Mohammeds meinte man damit in Mekka und seiner Umgebung, ferner im arabisch-jüdisch geprägten Yathrib (Medina) die Anhänger der anerschaffenen, ursprünglichen Religion im Gegensatz zum arabischen Heidentum und den – nach islamischer Auffassung – verfälschten Schriftreligionen.Richard Bell: Who were the Ḥanīfs? In: The Muslim World. Band 20, 1930, S. 120–124. Eine Zusammenfassung der Forschungsergebnisse geht auf den französischen Orientalisten Claude Gilliot zurück: Muhammad, Le Coran et les “Contraintes de l’histoire”. In: Stefan Wild (Hrsg.): The Qur’an as Text. Brill, Leiden 1996, S. 3–26, bes. 6–19.
Die monotheistische Religion Abrahams (din Ibrahim) ist bereits vor dem Auftreten Mohammeds unter den Arabern bekannt gewesen. Der oströmische Kirchenhistoriker Sozomenos († um 450), der in seiner Historia Ecclesiastica die Zeit zwischen 324 und 439 behandelt, berichtet im 6. BuchIn: Patrologia Graecia. Band LXVI, 1411–1412 über arabische Gruppierungen, die sich als Nachfahren von Isma'il verstanden, sich von ihrer heidnischen Umgebung distanziert und den ursprünglichen Monotheismus angestrebt haben.Uri Rubin: Ḥanīfiyya and Kaʿba. An inquiry into the Arabian pre-Islamic background of dīn Ibrāhīm. In: Jerusalem Studies in Arabic and Islam. Band 13, 1990, S. 99, Anm. 68. Cl. Gilliot, op. cit, S. 14.
Allgemeine Akzeptanz findet die Beschreibung der Ḥanīfe durch den deutschen Orientalisten Johann Fück, der bei der Berücksichtigung des islamischen Schrifttums sagt:
Zur Koranstelle 2:135 bemerkt Rudi Paret:
Hanīf im Koran
Der Begriff hanīf / Pl. hunafāʾ wird im KoranÜbersetzungen nach Rudi Paret: Der Koran. Kohlhammer 1979. somit oft im Zusammenhang mit der Religion Abrahams verwendet. In der Polemik mit den Christen und Juden heißt es in Sure 2:135:
Ähnlich in Sure 3:67:
Und auch in Sure 3:95:
Siehe auch 4:125; 6:79 und 161; 16:120; 22:31.
Entsprechend ergeht Gottes Befehl in der Offenbarung auch an Mohammed; in Sure 10:105 heißt es:
Den gleichen Gedanken drückt der Koran, ebenfalls in Form eines Imperativs an Mohammed, in Sure 30:30 aus. Dort heißt es:
Die „natürliche Art“ (im Original: fitrata ’llāhi) interpretieren die ältesten Exegeten, wie Mudschāhid ibn Dschabr, mit einem Wort: al-islam. Somit geht die islamische Lehre davon aus, dass die Fitra, die „natürliche Veranlagung des Menschen“ seit Beginn der Schöpfung im Islam als Religion liegt. Denn Adam war der erste Hanīf.
Diese Gleichsetzung von Islam und Hanifiyya war im Koranexemplar des Prophetengefährten ʿAbdallāh ibn Masʿūd direkt attestiert. Die kanonisierte Stelle in Sure 3:19 lautet:
In seinem Exemplar war sie als
verzeichnet.Siehe: Arthur Jeffery: Materials for the history of the text of the Qurʾān. Leiden 1937, S. 32; W. Montgomery Watt: Bell’s Introduction to the Qurʾān (= Islamic Surveys. 8). Edinburgh 1970, S. 16.
Somit verstanden sich Mohammed und seine Gemeinde als die Vertreter des wahren Monotheismus, der weder mit dem Christentum noch mit dem Judentum identisch war und grenzten sich folglich auch vom Heidentum, dem Polytheismus (schirk) – dem Götzenkult auf der Arabischen Halbinsel – ab. Mohammed war somit schon im heidnischen Mekka – und nach seiner Auswanderung auch in Medina – der wahre Verkünder der ursprünglichen Religion Abrahams, der Hanīfiyya. Den Auftrag, der Religion Abrahams zu folgen, erhält er gerade durch die Offenbarung, in den oben angeführten Koranzitaten. Diese Gemeinsamkeit zwischen dem einzigen Gott ergebenen Hanif Abraham/Ibrahim und Mohammed kommt in einer alten arabischen Inschrift aus dem Jahr 735 aus der Wüste Negev deutlich zum Ausdruck, in der der einzige Gott als Herr von Mohammed und Ibrahim (rabb Muḥammad wa-Ibrāhīm) angerufen wird.Yehuda Nevo, Zemira Cohen, Dalia Heftman: Ancient Arabic Inscriptions from the Negev. Negev 1993. Band I. Nr. HS3155.
Ibrahim war nach der Überzeugung Mohammeds – ausgedrückt in den obigen Koranversen – einer der größten unter den Gesandten Gottes.Edmund Beck: Die Gestalt des Abraham am Wendepunkt der Entwicklung Muhammads. S. 125. Beide, Ibrahim und Mohammed treten „in einer polytheistischen Umgebung für die Religion des Monotheismus ein.“Edmund Beck: op.cit 126. Die Verwendung des Begriffs hanīf in den mekkanischen Suren 6 und 10 beweisen – selbst wenn beide Suren medinensische Einschübe enthaltenTheodor Nöldeke: Geschichte des Qorāns. Band 1, S. 158 und 161. –, dass Mohammed schon vor seiner Auseinandersetzung mit den Juden von Medina seine Religion in Verbindung mit dem Hanīfen Ibrahim sah.Edmund Beck, ebd.
Neben dieser millat Ibrāhīm, der Religion des dem einzigen Gott ergebenen (muslim) Hanīfs Abraham, existiert die Außenwelt, die Mohammed während der historischen Entwicklung seiner Prophetie im Koran unterschiedlich bezeichnet:
al-mušrikūn: die Heiden (von Mekka), die nach Sure 9:28 sogar „unrein“ sind. Ferner diejenigen, die Gott gleichzeitig auch andere Götter beigesellen (z. B. in Sure 12:106). allaḏīna fī qulūbihim maraḍun: diejenigen, die in ihren Herzen eine Krankheit haben. allaḏīna kafarū: diejenigen, die ungläubig sind. allaḏīna ẓalamū: diejenigen, die Unrecht tun oder freveln. kāfir / Plural: kāfirūn, bzw. kuffār sind die Ungläubigen.
Je nach dem koranischen Kontext beziehen sich diese Begriffe sowohl auf die „Buchbesitzer“ – also auf die Juden und Christen – als auch auf die polytheistischen Araber zur Zeit Mohammeds.W. Montgomery Watt: Bell’s Introduction to the Qurʾān. S. 119–120.
Hanīf und Hanīfiyya im außerkoranischen Schrifttum
Die Darstellung der Hanīfe und der Hanīfiyya ist in der außerkoranischen Literatur, d. h. in der Prophetenbiographie, Koranexegese und der alten Poesie ebenfalls nachweisbar. Sie beschreiben das Spannungsfeld, das zwischen Mohammed und den Hanīfen in der heidnischen Umgebung von Mekka und Medina vorhanden war.
Die Idee der Hanīfiyya ist nicht koranischen Ursprungs. Sie war in der mekkanischen und medinensischen Gesellschaft bereits vor dem Auftreten Mohammeds vorhanden und enthielt Elemente, die später auch in der Offenbarung zum Inhalt der religiösen Lehre wurden. Die zentrale Bedeutung des mekkanischen Heiligtums mit den vorislamischen Wallfahrtsritualen gehörte genauso zur Hanifiyya wie die Orientierung an einem Urmonotheismus, der wahren Religion Abrahams.Uri Rubin: Hanīfiyya and Kaʿba. S. 97–98, 106–109.
Mohammeds Polemik, sowohl in Form der Offenbarung als Korantext als auch im Alltag, dargestellt in der Prophetenbiographie, richtete sich gegen die mekkanischen Polytheisten. Die Verbindung zwischen Hanifiya und dem von Mohammed verkündeten Islam sind von den Mekkanern energisch zurückgewiesen worden. Die schon im islamischen Geist entstandene Prophetenbiographie des Ibn Ishāq kann darüber berichten; dort lässt man Ibn ʿUbayy, einen der bekanntesten Gegner Mohammeds, wie folgt sprechen: