Als Hasmonäischer Bruderkrieg wird eine Auseinandersetzung zwischen den Brüdern Aristobulos II. und Johannes Hyrkanos II. aus dem Herrschergeschlecht der Hasmonäer um die Thronfolge in Judäa bezeichnet. Der Krieg begann mit der Erkrankung der Königin Salome Alexandra im Jahr 67 v. Chr. und endete im Wesentlichen mit der Neuordnung Judäas durch Gnaeus Pompeius Magnus im Jahr 63 v. Chr. Versuche der Nachkommen des Aristobulos, ihre Ansprüche auf das Königtum in Judäa durchzusetzen, währten noch bis zur Hinrichtung von Antigonos Mattathias, Sohn des Aristobulos im Jahr 37 v. Chr.

Obwohl von der Geschichtsschreibung nicht einmal mit einem gebräuchlichen Namen gewürdigt, war es diese Auseinandersetzung, die mit immer wieder angezettelten Aufständen insgesamt 30 Jahre lang währte und mit der Neuordnung Judäas durch Pompeius 63 v. Chr. das Ende einer halbwegs unabhängigen jüdischen Staatlichkeit mit sich brachte.

Vorgeschichte mini|Das Hasmonäerreich in seiner maximalen Ausdehnung unter Alexander Jannaios Nach dem Tod des Alexander Jannaios 76 v. Chr. übernahm seine Witwe Salome Alexandra die Regierung, obwohl sie zwei erwachsene Söhne hatte, eine für Judäa sehr ungewöhnliche Konstellation.Ernst Baltrusch: Königin Salome Alexandra (76–67 v. Chr.) und die Verfassung des hasmonäischen Staates. 2001, S. 164 f. Die hasmonäischen Könige vereinten die Funktion des Strategos und des Hohepriesters, beide Ämter standen ihr als Frau nicht offen. Daher regierte Alexandra als Königin, und ihr älterer Sohn Hyrkanos amtierte als Hohepriester.Deborah W. Rooke: Zadok’s Heirs: The Role and Development of the High Priesthood in Ancient Israel. Oxford University Press, Oxford u. a. 2000, S. 316. Salome vermehrte das politische Gewicht des Rats; im Rat dominierte die Religionspartei der Pharisäer. Unter Alexander Jannaios exilierte prominente Pharisäer kehrten nach Jerusalem zurück. Die von ihren Vorgänger begünstigte Religionspartei der Sadduzäer wurde von der Königin entmachtet, einige Sadduzäer vor Gericht gestellt.Ernst Baltrusch: Königin Salome Alexandra (76–67 v. Chr.) und die Verfassung des hasmonäischen Staates. 2001, S. 174. Es gelang ihr, die Sadduzäer gleichwohl einzubinden, indem sie einen Großteil der im ganzen Land verstreuten Festungen ihrer Kontrolle übergab.Ernst Baltrusch: Königin Salome Alexandra (76–67 v. Chr.) und die Verfassung des hasmonäischen Staates. 2001, S. 175. Der Historiker Flavius Josephus stellt die Pharisäer als die eigentliche Macht im Staate während ihrer Regierungszeit dar und erzählt von ruchlosen Racheaktionen der Pharisäer gegen jene Kreise, die einst die Regierung des Jannaios gestützt hatten.Erich S. Gruen: The Hasmoneans in Josephus. In: Honora Howell Chapman, Zuleika Rodgers (Hrsg.): A Companion to Josephus (= Blackwell Companions to the Ancient World). Wiley & Sons, Chichester 2016, S. 222–234, hier S. 232. Vgl. Flavius Josephus: Jüdischer Krieg 1,110-113; Jüdische Altertümer 13,408-411.

Bürgerkrieg Der Krieg begann im Jahr 67 v. Chr. Königin Alexandra war schwer erkrankt, und ihr jüngere Sohn versuchte, Mutter und Bruder zu entmachten, um selbst König zu werden. Solange sie lebte, hinderte Alexandra den Aristobul daran, loszuschlagen, indem sie seine Frau und die Kinder, die er in Jerusalem zurückgelassen hatte, in der Festung Baris (der späteren Burg Antonia) gefangensetzen ließ.Ernst Baltrusch: Königin Salome Alexandra (76–67 v. Chr.) und die Verfassung des hasmonäischen Staates. 2001, S. 163–179, hier S. 176. Kenneth Atkinson: A History of the Hasmonean State: Josephus and Beyond. Bloomsbury T&T Clark London / New York 2016, S. 146. Vgl. Flavius Josephus: Jüdische Altertümer 13, 422–429; Jüdischer Krieg 1, 117–119. Nach dem Tod der Königin kam es zum Erbfolgekrieg zwischen Hyrkanos und Aristobulos. Aristobulos II. brachte zunächst die Festung Agaba und binnen kurzer Zeit 21 weitere unter sadduzäischer Kontrolle stehende Festungen in seine Hand, womit der Aufstand de facto begonnen hatte.

Hyrkanos war der legitime König, doch was die Machtmittel anbelangte, war sein Bruder Aristobulos im Vorteil. Er verfügte nicht nur über die Unterstützung der sadduzäischen Partei, sondern es gelang ihm auch Söldner anzuwerben. Bei der Begegnung der Heere bei Jericho flohen die Soldaten des Hyrkanos oder liefen zu Aristobulos über. Hyrkanos zog sich darauf nach Jerusalem zurück, wo er noch immer die Familie des Aristobulos in Gewahrsam hatte. Die Situation scheint für ihn jedoch so aussichtslos gewesen zu sein, dass er sich damit einverstanden erklärte, auf seinen Anspruch auf den Thron zu verzichten und sich ins Privatleben zurückzuziehenErnst Axel Knauf, Hermann Michael Niemann: Geschichte Israels und Judas im Altertum. De Gruyter, Berlin / Boston 2021, S. 415. (aus der Schilderung bei Josephus wird nicht klar, ob er auch auf das Amt des Hohenpriesters zu verzichten bereit war). Diese Vereinbarung zwischen den beiden Brüdern wurde im Tempel vor allem Volk beeidet.

An diesem Punkt organisierte Antipatros, Stratege von Idumäa und Ratgeber des Hyrkanos, für diesen den Widerstand gegen Aristobul. Er verfügte über gute Beziehungen ins östlich benachbarte Nabatäerreich. So vermittelte er einen Vertrag zwischen Hyrkanos und dem Nabatäerkönig Aretas III.: Hyrkanos sicherte außer hohen Geldzahlungen die Rückgabe von zwölf nabatäischen Städten zu, die Alexander Jannaios erobert hatte. Daraufhin zog Aretas mit einem Heer von 50.000 Mann gegen Aristobulos und besiegte ihn, worauf Aristobulos nach Jerusalem floh und dort von Aretas belagert wurde.Ernst Baltrusch: Herodes. König im Heiligen Land. 2. Auflage. Beck, München 2020, S. 39 f.

Eine völlig neue Situation entstand dadurch, dass Gnaeus Pompeius Magnus, gerade im Krieg gegen den armenischen König Tigranes, seinen Quästor Marcus Aemilius Scaurus nach Damaskus entsandte. Scaurus empfing dort die Gesandtschaften der beiden rivalisierenden Hasmonäerbrüder. Er entschied sich für Aristobul, „der wahrscheinlich ein paar Talente Gold mehr zahlte, im Auftreten der Welt zugewandter und hellenisierter wirkte“Ernst Baltrusch: Herodes. König im Heiligen Land. 2. Auflage. Beck, München 2020, S. 40. (Ernst Baltrusch) und zwang Aretas, die Belagerung Jerusalems aufzuheben. Nach Abzug des Aretas sammelte Aristobulos erneut ein Heer und es gelang ihm, die Streitkräfte von Hyrkanos bei Papyron zu schlagen. Antipatros konnte bei Scaurus immerhin so viel erreichen, dass Idumäa dem Hyrkanos als Herrschaftsgebiet erhalten blieb.Ernst Baltrusch: Herodes. König im Heiligen Land. 2. Auflage. Beck, München 2020, S. 40. Vgl. Flavius Josephus: Jüdische Altertümer 14,42.

Neuordnung Syriens durch Pompeius und die Folgen Da die Regelung der Verhältnisse durch Scaurus offenbar nicht geeignet war, in Judäa dauerhaft Frieden zu stiften, berief Pompeius etwa ein Jahr später (64/63 v. Chr.) die Vertreter der beiden Parteien zu sich. Antipatros erschien dort als Vertreter des Hyrkanos, als Vertreter des Aristobulos erschien Nikodemus, der den Scaurus und Gabinius der Bestechlichkeit anklagte, was weder diese beiden Parteigänger des Pompeius noch vermutlich Pompeius selbst für die Sache Aristobulos einnahm. Pompeius entschied sich zunächst nicht, sondern marschierte im Frühling nach Damaskus, wo drei Parteien aus Judäa vor ihm erschienen, nämlich außer den Vertretern der beiden Brüder noch eine dritte Partei. Diese Partei wünschte als Vertreter des jüdischen Volkes, überhaupt nicht von Königen regiert zu werden, sondern alter Sitte gemäß von einem Hohenpriester. So schildern es Diodor und Josephus.

Benedikt Eckhardt hält diese dritte Gesandtschaft für eine unhistorische Konstruktion, Diodor und Josephus referierten einen Autor aus dem Umkreis des Pompeius, möglicherweise Theophanes von Mytilene. Denn Pompejus war nicht unumstritten und musste sich bei der Rückkehr nach Rom für jede seiner Maßnahmen im Osten rechtfertigen. Er ließ daher, so Eckhardt, eine Version der Geschehnisse verfassen, die sein Handeln im rechten Licht zeigte. Wenn eine Gesandtschaft von vornehmen Judäern geltend gemacht hatte, dass sie die Abschaffung des Königtums wünschten, um von einem Hohepriester regiert zu werden – dann war es offenbar angemessen, dass Pompeius genau das umsetzte: er schaffte die Königswürde ab und bestätigte Hyrkanos als Hohepriester.Benedikt Eckhardt: Die jüdischen Gesandtschaften an Pompeius (63 v. Chr.) bei Diodor und Josephus. 2010, S. 408 f. Stefan Pfeiffer hält dagegen die dritte Gesandtschaft, die das Königtum abgeschafft sehen wollte, für historisch plausibel: „Es gab also in der Elite Kreise, die mit der hasmonäischen Herrschaft absolut unzufrieden waren, und die, in der prekären Situation des innerhasmonäischen Streites, die Chance nutzen wollten, Rom für ihre Interessen zu gewinnen…“Stefan Pfeiffer: Der Hohepriester und die Vorstellung von der „autonomia“ Judäas. In: Latomus. Band 73/4 (2014), S. 968–987, hier S. 974. mini|Ein 55 v. Chr. geprägter römischer Denar. Revers: Kniender Mann mit dem Zügel eines Kamels in der Linken und einem Ölzweig in der Rechten, wahrscheinlich Aristobulos II. als römischer Gefangener.Coinage of the Roman Republic Online: RRC 431/1 Die Delegation des Hyrkanos argumentierte, dass der Königstitel diesem rechtmäßig zustände; die Parteigänger des Aristobulos dagegen empfahlen diesen, weil er energisch sei und in der Region für Ordnung sorgen könne. Aristobulos ahnte offenbar, dass Pompeius sich gegen ihn entscheiden würde, reiste vorzeitig ab und nahm sein Reich wieder in Besitz.Ernst Baltrusch: Herodes. König im Heiligen Land. 2. Auflage. Beck, München 2020, S. 41. Schließlich wurde Aristobulos von den Römern gefangengesetzt,Flavius Josephus: Jüdischer Krieg 1,141; Jüdische Altertümer 14,57. seine Anhänger in Jerusalem leisteten jedoch weiter Widerstand und verschanzten sich zuletzt im Tempel, nachdem Anhänger des Hyrkanos die Römer in die Stadt gelassen hatten. Nach einer dreimonatigen Belagerung gelang den Römern die Erstürmung des Tempels. Nicht nur die zahlreichen Opfer unter den Priestern, sondern vor allem das Betreten des Allerheiligsten durch Pompeius sorgte für große (und nachhaltige) Empörung unter den Juden. Warum Pompeius eine solche bewusste Verletzung religiöser Gefühle für sinnvoll hielt, ist nicht klar. Man kann vermuten, dass es eine wohlüberlegte Handlung war mit dem Ziel, den Herrschaftsanspruch Roms in der Region symbolisch zu demonstrieren (etwa wie bei anderer Gelegenheit die Römer die Götter einer eroberten Stadt symbolisch gefangen nahmen). Jedenfalls zeigte sich der imperiale Anspruch nicht nur in symbolischen Handlungen, sondern vor allem in der Neuordnung Syriens und insbesondere Judäas im Jahr 63 v. Chr. Pompeius verfügte folgendes: Hyrkanos wurde in seinem Amt als Hoherpriester bestätigt, jedoch nicht als König der Juden. Möglicherweise hatte er den Titel Ethnarch, wobei aber diffus bleibt, welche Machtbefugnisse damit verbunden waren.Israel Shatzman: The Integration of Judaea into the Roman Empire, 1999, S. 77 und Anm. 106. Er war dem Statthalter der Provinz Syrien verantwortlich. Erster dieser Legaten wurde Marcus Aemilius Scaurus der Jüngere.