Der Plötzensee (bis 1848: Großer Plötzensee) in Berlin-Wedding ist ein glazialer Rinnensee, ältester Badesee Berlins und mit dem benachbarten Volkspark Rehberge eines der ältesten Landschaftsschutzgebiete der Stadt. Er ist knapp acht Hektar groß und mehr als siebenhundert Meter lang, seit 1922 befindet sich an seinem Südwestufer das Strandbad Plötzensee. Benannt ist er nach dem Karpfenfisch Plötze. Seit 2026 gilt ein verschärftes amtliches Betretungsverbot der bewachsenen Uferzone.

Geographie

mini|hochkant=0.9|links|Karte mit Tiefenlinien

Zwei Kilometer nördlich und knapp einen halben Meter oberhalb des Niveaus der Spree liegt der See zwischen dem Westhafen und dem nördlich gelegnen Volkspark Rehberge an der Grenze der Berliner Ortsteile Wedding und Moabit. Er liegt in einer glazialen Rinne im Talsand des Berliner Urstromtals, entstanden vor etwa zwanzig Tausend Jahren während der Weichsel-Eiszeit. Die beiden Längsufer umgeben kleinere Hügel aus Dünensanden.Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umweltschutz: Geologische Karte von Berlin 1:10.000. Berlin 1990. Südöstlich in Richtung Spree erstreckt sich ein längerer Flachmoortorf, darin lag der Kleine Plötzensee, der 1848 mit dem Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal überbaut wurde. Quer über den Kanal und direkt südlich des Plötzensees verläuft die Seestraße, seit 1973 ist sie Autobahnzubringer zur A 100. Jenseits des Schiffahrskanals liegen in südwestlicher Richtung die Justizvollzugsanstalt Plötzensee und die Gedenkstätte Plötzensee.

Rings um den See läuft eine Promenade, angelegt 1926 und später benannt nach dem Afrikaforscher Hans Schomburgk, jenseits befinden sich mehrere, teils ehemalige Friedhofsgelände, dazu gehören:

mini|links|Plötzensee (18) umgeben von Friedhöfen (17) und dem Volkspark Rehberge, 1928

Der Friedhof St. Johannis II der Moabiter Johannisgemeinde, geweiht 1864 und gelegen östlich des Sees an der Seestraße 126. Der landeseigene Friedhof am Plötzensee auf dem ehemaligen Gelände des Friedhofs der St.-Pauls-Gemeinde (1888–1970), nahe dem Nordostufer, seit 2014 Kriegsgräberstätte. Der ehemalige Begräbnisplatz der Kaiser-Friedrich-Gedächtnis- und Heilandskirche (1898–1970), gelegen rings um die Nordspitze des Sees, stillgelegt und seit 1995 eine Parkanlage. Westlich davon liegt der größere St. Johannis und Heilandkirchhof, dessen 2002 stillgelegtes Areal 2030 ebenfalls zu einer Parkanlage umgewidmet werden soll.

Friedhöfe, Parkgelände und das Strandbad bilden eine zusammenhängende, große Grünfläche um den See.

Gesperrter See

Der Plötzensee gehört seit 1953 zum Landschaftsschutzgebiet Nr. 6: Volkspark Rehberge einschließlich des Plötzensees mit Ufergelände.Stadt Berlin: Verordnung über das Landschaftsschutzgebiet Volkspark Rehberge einschließlich des Plötzensees mit Ufergelände im Verwaltungsbezirk Wedding von Berlin. Vom 25. März 1953, GVBl. 1953, 213. Seit 2008 ist das Baden im See verboten, ausgenommen ist ein mit Bojenketten abgesteckter Bereich um das Strandbad.Stadt Berlin: Verordnung über die Qualität und die Bewirtschaftung der Badegewässer. (Badegewässerverordnung § 3, Beschränkung des Gemeingebrauchs) vom 7. Juli 2008, GVBl. S. 182. Zum Schutz des limnischen Ökosystems ließ das Bezirksamt 2010 rings um den See einen Zaun anlegen. Nach anhaltender Missachtung des Badeverbots und starker Bodenerosion durch Trittbelastung erließ das Amt 2021 zusätzlich ein Betretungsverbot der UferböschungenBezirksamt Mitte von Berlin: Allgemeinverfügung über das Betretungsverbot für bestimmte Uferbereiche des Plötzensees. Bekanntmachung vom 17. September 2021. Amtsblatt Nr. 41, 17. September 2021, S. 3757. und verschärfte die Regelungen 2026.Bezirksamt Mitte von Berlin: Allgemeinverfügung über das Betretungsverbot für bestimmte Uferbereiche des Plötzensees. Bekanntmachung vom 26. März 2026. Amtsblatt Nr. 15, 10. April 2026, S. 891. Digitalisat (PDF, 1 MB)

Badeanstalten mini|hochkant=1.5|Strandbad Plötzensee, 2005

Der Plötzensee ist der älteste bewirtschaftete Badesee Berlins, seit den 1820er Jahren gab es eine Militär-Schwimm-Anstalt gefolgt von je zwei öffentlichen und zwei privaten Badeanstalten. Bis ins frühe 20. Jahrhundert hatte der See wegen zahlreicher Badeunfälle den Beinamen „Totes Meer“.Das „Tote Meer“ bei Berlin. In: Vorwärts, 44. Jg., Nr. 268, 1. Beilage, 09. Juni 1927, S. 5. (Mit Illustration und Nacherzählung der „Sage vom Plötzensee“)Eine erste Badestelle richtete das 2. Garde-Regiment zu Fuß am Südostufer nahe der Seestraße ein und baute diese 1860 zu einer größeren Anstalt aus,Otto von Lüdinghausen-Wolff: Geschichte des Königlich Preussischen 2. Garde-Regiments zu Fuss. Berlin: Mittler und Sohn, Berlin 1882, S. 93.Badeanstalt kartiert von der Königlich Preussischen Landesaufnahme: Urmesstischblatt 3446 Berlin (Nord), 1825/1832 Berlin. gegenüberliegend am Südweststrand ließ die Stadt Berlin um 1839 einen kleineren Badestrand aufschütten, an dem sie bis 1851 einen Bademeister unterhielt, 1877 bis 1921 folgten am gleichen Ort zwei private, auf den See hinaus gebaute Wellenbäder. Nordwestlich davon legte die Stadt schließlich ab 1922 das große, heute denkmalgeschützte Freibad Plötzensee an. Zur Geschichte des Sees als Badesee siehe:

Geschichte

Im Mittelalter lag der See inmitten eines ausgedehnten Waldgebietes, das über mehrere Jahrhunderte in Besitz des 1239 gegründeten Benediktinerinnenklosters Spandau war, der Wald war seitdem bekannt als Jungfernheide. Die Nonnen des Klosters betrieben eine größere Fischwirtschaft, ihnen gehörten zahlreiche Gewässer im heutigen Stadtgebiet, so auch der Plotczensehe und der Lietzensee. 1436 verpachteten die Nonnen die Fangrechte in sämtlichen Seen für jährlich zehn Böhmische Schock an die Berliner Fischer,Stadt Berlin: Urkunde LXVI vom 28. Februar 1436. In: Ferdinand Voigt: Urkunden-Buch Zur Berlinischen Chronik. Verlag Mittler und Sohn, Berlin 1880, S. 363, Digitalisat der Zentral und Landesbibliothek Berlin. 1443 traten sie die Rechte am Plottzensee an die Stadt Berlin ab. Ernst Fidicin: Historisch-diplomatische Beiträge zur Geschichte der Stadt Berlin. 2, Berlinische Urkunden von 1261 bis 1550. Verlag von Duncker und Humblot, Berlin 1837, S. 190, Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek.

Nachdem das Kloster infolge der Reformation aufgelöst worden war, gehörte der See zum kurfürstlichen Vorwerk Wedding und ab Mitte des 17. Jahrhunderts zum Vorwerk vor dem Spandauer Tor (dem späteren Monbijou). 1817 erwarb der Berliner Magistrat meistbietend das alte Vorwerk – für den Großen und den Kleinen Plötzensee zahlte er damals 100 Thaler – und verwandelte das Land im Jahr darauf in Freies Eigentum.Wilhelm Oehlert: Plötzensee. In: ders.: Moabiter Badeanstalten ehedem und jetzt. Bibliothek des Magistrats, Berlin 1893, S. 69, 71.

Mit dem Bau des Schiffahrtskanals ab 1848 ging das Eigentum am Plötzensee nach jahrelangen Verhandlungen 1864 auf den preußischen Staat über, der im See einen Überwinterungshafen für Kähne plante, aber nicht realisierte. Besitzrechtlich gehörte der See anschließend zum Gutsbezirk Tegel-Forstrevier (später Gutsbezirk Plötzensee), administrativ zum Kreis Niederbarnim der Preußischen Provinz Brandenburg. Königliches Statistisches Bureau: Die Gemeinden und Gutsbezirke des Preussischen Staates und ihre Bevölkerung - Nach den Urmaterialien der allgemeinen Volkszählung vom 1. Dezember 1871. Band II. Berlin 1873, S. 38–39. 1915 wurde der See nach Berlin eingemeindet und war 1920 bei der Gründung von Groß-Berlin wieder Eigentum der Stadt.Markus Reitzig: Berlin-Wedding in der Zeit der Hochindustrialisierung (1885-1914). Dissertation, Humboldt-Universität zu Berlin 2005, S. 13. Das nordöstlich angrenzende Gelände erwarb der Magistrat vom preußischen Fiskus im Januar 1926, um dort den Volkspark Rehberge anzulegen.Gustav Böß: Dringlichkeitsvorlage zur Beschlußfassung — über den Ankauf eines etwa 160 ha großen Teiles der Jungfernheide und Inangriffnahme von Notstandsarbeiten auf diesem Gelände. In: Vorlagen für die Stadtverordnetenversammlung der Stadt Berlin, No. 5 (76–98), 29. Januar 1926. S. 43f.

Erschließung und Bebauung

Wenige Meter vor der Südspitze und einst gelegen zwischen dem Großen und Kleinen Plötzensee verläuft die Seestraße, sie war bereits 1766 kartiert als Verbindung der damaligen Stadt Charlottenburg mit dem Dorf Schönhausen.Johann David Schleuen: Grundriss der Königlich-Preussischen Residenz-Stadt Berlin, nebst der umliegenden Gegend. Berlin 1766. Digitalisat der Zentral- und Landesbibliothek Berlin. Nahe der Straße am Nordostufer legte das 2. Garde-Regiment zu Fuß 1824 eine erste Badestelle an, etwas vom See entfernt, am Ort des heutigen Goetheparks, befanden sich damals mehrere Schießplätze. Spätestens ab den 1850er Jahren gab es auch zwei Schießstände direkt am Nordostufer in Höhe der heutigen Terrassen am Plötzensee.Carl Birk: Situationsplan der Haupt- und Residenzstadt Berlin. Verlag von Simon Schropp & Comp., Berlin 1856. Digitalisat der Zentral- und Landesbibliothek Berlin.

Im Revolutionsjahr 1848 befahl König Friedrich Wilhelm IV. den Bau des Berlin-Spandauer Schifffahrtskanals und mehr als Eintausend Arbeiter legten die Wasserstraße samt Schleuse Plötzensee an, ihr erster Standort war gegenüber dem Eingang des heutigen Strandbads. Der Kanal passiert den See kaum fünfzig Meter von der Südspitze entfernt, er liegt auf einem niedrigeren Niveau, seit der Regulierung der Unterspree 1884 beträgt der Unterschied zum höhergelegenen See gut vierzig Zentimeter.Wasserportal Berlin: Mittelwasser Schleuse Berlin-Ploetzensee Unterpegel: MW 30,74m +NHN, Mittelwasser Plötzensee: MW 31,17n +NHN (Abgerufen 1. Juni 2026)

Der Bau des Kanals führte im Sommer 1849 zu einer Verkleinerung des Plötzensees, als die damalige Badestelle an der Südspitze zugeschüttet und eine neue Straße angelegt wurde,Karl Ludwig Friedrich von Hinckeldey: Bekanntmachung. In: Königlich privilegirte Berlinische Zeitung von Staats- und gelehrten Sachen. Berlin 13. Juni 1849, S. 22. seit 1870 trägt sie den Namen Nordufer (heutige Grundstücke Nr. 23–26, umnummeriert 1925). Der Name Nordufer bezieht sich nicht auf das Seeufer, sondern auf das Nordufer des Kanals.

1873–1913: Moabiter Eiswerk / Norddeutsche Eiswerke

Über vier Jahrzehnte diente der Plötzensee der Gewinnung von Natureis zur Herstellung von Stangeneis. Auf einem etwa drei Hektar großen Gelände im Süden des heutigen Strandbades errichteten Moritz und Robert Ahrens 1873 ein erstes Eiswerk unter dem Namen Moabiter Eiswerk, 1890 wurde es übernommen von den Norddeutschen Eiswerken des Berliner Unternehmers Carl Bolle. Regelmäßig war der See damals im Winter zehn bis dreißig Zentimeter dick zugefroren, Arbeiter zerteilten mithilfe von Eispflügen und Sägen die Eisdecke in gleichförmige Quader und zogen diese ans Ufer.Wilhelm Berdrow: Die Gewinnung des Natureises. Mit Illustrationen von William Pape. In: Die Gartenlaube, Jahrgang 1896, Heft 47, Leipzig 1896, S. 798–799, 801. (Mit mehreren Illustrationen) Transkription bei Wikisource.

Die zwölf bis vierzehn Meter hohen Eishäuser konnten rund zwanzigtausend Kubikmeter Eis aufnehmen und waren mit Holzwolle gedämmt. Im Sommer 1913 brannten sie bei einem Großfeuer ab.Großfeuer in Plötzensee. In: Berliner Tageblatt und Handels-Zeitung, Morgen-Ausgabe, 30. Juli 1913, S. 3.

Das Gelände der Eiswerke war das einzige Privatgrundstück am See,Königliches Katasteramt, Auszug mit Situationsplan, 1910. In: Umgemeindung der Jungfernheide mit Plötzensee, Bd. 1, Brandenburgisches Landeshauptarchiv Potsdam, Signatur: 2A I Kom 1424. Archivalie, S. 362f. am südlichen Betriebsgelände baute Wilhelm Auerbach die vorhandene Badestelle 1877 zu einem Wellenbad aus, ein weiterer großer Umbau erfolgte 1906 durch Marie Pantzier, die ein großes, zweigeschossig auf den See hinaus umbautes Schwimmbecken sowie ein größeres Gartenrestaurant am Ufer errichtete. Es war bis etwa 1921 in Betrieb.

Nach 1920: Lackfabrik und Bootsverleih

mini|Am Bootsverleih, 2017