346x346px|mini|Generalmajor Henning von Tresckow (1944) Henning Hermann Robert Karl von Tresckow (* 10. Januar 1901 in Magdeburg, Deutsches Reich; † 21. Juli 1944 bei Ostrów Mazowiecka, Bezirk Bialystok, Polen) war ein deutscher Offizier, zuletzt Generalmajor der Wehrmacht. Er war neben Oberst Claus Schenk Graf von Stauffenberg eine zentrale Figur des militärischen Widerstandes gegen den Nationalsozialismus.

Leben

Herkunft und Jugend Henning von Tresckow stammte aus der strengWinfried Heinemann: Der Widerstand gegen das NS-Regime und der Krieg an der Ostfront. In: Thomas Vogel (Hrsg.): Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933–1945. Bonn 2000, S. 393–409, hier: S. 395. protestantischen und pflichtbewusst geprägten altenGerd R. Ueberschär: Generalmajor Henning von Tresckow. In: Ders. (Hrsg.): Hitlers militärische Elite. 68 Lebensläufe. Darmstadt 2015, S. 527–533, hier: S. 527. preußisch-märkischen Adelsfamilie von Tresckow, die auf eine lange Reihe von OffizierenBodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 11. in verschiedenen Heeren zurückblicken konnte. (Seine christliche Sozialisation sollte später auch eine Rolle bei seiner Gewissensentscheidung bezüglich des Widerstandes spielen.)Günter Brakelmann: Christliche Offiziere im Widerstand. Das Beispiel des Henning von Tresckow. In: Magdeburger Wissenschaftsjournal. 2/2004, S. 66–73, hier: S. 67 f. Sein Vater Oberst Hermann (1849–1933), Brigadekommandeur in Magdeburg, war u. a. bei der Kaiserproklamation im Spiegelsaal von Versailles (1871) als Leutnant zugegen gewesen. Er hatte es schließlich in der preußischen Armee bis zum General der Kavallerie gebracht.Ines Reich: Potsdam und der 20. Juli 1944. Auf den Spuren des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Freiburg im Breisgau 1994, S. 93. Er wurde 1908 aus der Armee verabschiedet und verwaltete vordergründig bis zu seinem Lebensende das ihm 1900 vermachte Gut Wartenberg in der Neumark. Seine Mutter Marie-Agnes (1869–1926) war die Tochter des Grafen Robert von Zedlitz-Trützschler (1837–1914), ehemaliger preußischer Kulturminister unter Georg Leo Graf von Caprivi und nachmaliger Oberpräsident von Posen, Hessen-Nassau und Schlesien.

Henning von Tresckow wuchs in dieser militärisch geprägten Umgebung in der ostbrandenburgischen Neumark mit zwei Schwestern und zwei Brüdern auf. Das väterliche Gut Wartenberg, das er 1924 übernahm,Peter Steinbach, Johannes Tuchel (Hrsg.): Lexikon des Widerstandes 1933–1945 (= Beck’sche Reihe, 1061). 2., überarbeitete und erweiterte Auflage. Beck, München 1998, ISBN 3-406-43861-X, S. 203. war für ihn bis in den Zweiten Weltkrieg hinein ein wichtiger Rückhalt. Zunächst besuchte er die Elementarschule in StettinBodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 15. und wurde dann mit seinem Bruder Gerd von einem Privatlehrer in Wartenberg unterrichtet, ab 1913 im Realgymnasium des Alumnats des evangelischen Klosters Loccum, das von 1890 bis 1923 in Goslar untergebracht war.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 16. Nach einem Notabitur trat er in das Deutsche Heer ein.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 17.

Erster Weltkrieg Im Juni 1917, sechzehnjährig, meldete sich Tresckow als Freiwilliger zum traditionsreichen Potsdamer 1. Garde-Regiment zu Fuß. Nach der Ausbildungsphase zum Fahnenjunker bei Reims und in Döberitz wurde er im Frühjahr 1918 an die Westfront versetzt und Zugführer einer Maschinengewehr-Kompanie, die „an Maas, Oise und Aisne, bei Ziers und Attigny, in den Argonnen und an der Champagne-Front“ eingesetzt war.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 18.

Als einer der jüngsten Leutnante (5. Juni 1918) der Truppe erhielt er bereits im Juli das Eiserne Kreuz II. Klasse. Nach dem Waffenstillstand kehrte er mit dem Regiment in die Garnison Potsdam zurück, wo dieses am 11. Dezember 1918 aufgelöst wurde.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 19.

Weimarer Republik

Nachkriegsjahre Tresckow blieb zunächst Offizier und wurde 1919 in die Reichswehr übernommen. Im Januar 1919 war er als Angehöriger des Regiments „Potsdam“ unter Major von Stephani an der Niederschlagung des Spartakusaufstandes beteiligt. Ein Text aus seinem Nachlass lässt auf Einflüsse Oswald Spenglers und Werner Sombarts schließen. 1920 verabschiedete er sich vorerst vom Militär.

Nun begann jedoch eine bemerkenswerte Episode in seinem Leben, die ihn später von den meisten Offizieren im Generalstab unterscheiden sollte: Er begann im Wintersemester 1920/21 ein Studium der Rechtswissenschaft an der Berliner Friedrich-Wilhelms-Universität. Dort hörte er auch Vorlesungen zu moderner Staatstheorie sowie Geld- und Börsenwesen; ein Jahr später setzte er das Studium in Kiel fort.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 22. Es blieb jedoch ohne Abschluss, da er bereits im Januar 1923 in das Potsdamer Bankhaus Wilhelm Kann eintrat und als Bankkaufmann an der Börse arbeitete.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 23. Hans Mommsen attestierte ihm später eine „bemerkenswerte Weltoffenheit“.Hans Mommsen: Alternative zu Hitler. Studien zur Geschichte des deutschen Widerstandes (= Beck’sche Reihe. 1373). Beck, München 2000, ISBN 3-406-45913-7, S. 403.

Vom Juli bis Dezember 1924 unternahm Tresckow gemeinsam mit Oberleutnant Kurt HesseGerd R. Ueberschär: Generalmajor Henning von Tresckow. In: Ders. (Hrsg.): Hitlers militärische Elite. 68 Lebensläufe. Darmstadt 2015, S. 527–533, hier: S. 528. eine Weltreise, die ihn über Amsterdam, London, Paris und Lissabon nach Rio de Janeiro, Buenos Aires und Santiago de Chile führte.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 25 ff. Die Reise musste er jedoch vorzeitig abbrechen, um mit seinem Vermögen das Familiengut zu retten.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 29. Er wurde Geschäftsführer einer kleinen Fabrik.

Wiedereintritt in die Reichswehr Beförderungen 1918 Leutnant 1928 Oberleutnant 1934 Hauptmann 1939 Major i. G. 1940 Oberstleutnant i. G. 1942 Oberst i. G. 1944 Generalmajor Am 1. Februar 1926 trat er mit Fürsprache des Reichspräsidenten Paul von Hindenburg, Generalfeldmarschall des Ersten Weltkrieges, wieder in die Reichswehr ein. Er wurde Zugführer in der 1. Kompanie des 9. (Preußischen) Infanterie-Regiments, das ebenfalls in Potsdam stationiert war und die Tradition des 1. Garde-Regiments zu Fuß fortführte.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 35. Am 1. Februar 1928 wurde er zum Oberleutnant befördert und übernahm die Stellung des Adjutanten des I. Bataillons.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 42. Noch Ende der 1920er Jahre trat er, auf Erneuerung hoffend, in Potsdamer Offizierskasinos werbend für die nationalsozialistische Bewegung auf.Joachim Fest: Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. Berlin 2004, S. 42. 1933 nahm der Offizier mit seinem Regiment, eingesetzt im Rahmen einer Parade, am „Tag von Potsdam“ teil.Ines Reich: Potsdam und der 20. Juli 1944. Auf den Spuren des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Freiburg im Breisgau 1994, S. 25. Viele spätere Widerstandskämpfer dienten in diesem Regiment, zur Zeit von Tresckows u. a. Hasso von Boehmer, Alexis von Roenne und Hans-Alexander von Voss.Ines Reich: Potsdam und der 20. Juli 1944. Auf den Spuren des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Freiburg im Breisgau 1994, S. 31.

Von Tresckow galt, wie auch andere spätere Verschwörer vor 1933, als Anhänger der „nationale[n] Bewegung“,Peter Hoffmann: Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Die Biographie. Pantheon, München 2007, ISBN 978-3-570-55046-5, S. 113. was allerdings nicht ideologisch zu verstehen ist.Klemens von Klemperer: Widerstand im Zeitalter der Extreme. In: Manuel Becker, Holger Löttel, Christoph Studt (Hrsg.): Der militärische Widerstand gegen Hitler im Lichte neuer Kontroversen. Berlin 2010, S. 9–21, hier: S. 14. Er befürwortete vielmehr eine parlamentarische Monarchie nach britischem Vorbild. Tresckow sah u. a. den Versailler Vertrag als SchmachBodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 20. an und betrachtete deshalb den Aufstieg der Nationalsozialisten in der Weimarer Republik zunächst mit Wohlwollen. Insbesondere die Weltwirtschaftskrise (1929) war für ihn eine Art „Quittung“ für zu „kurzsichtige Politik“.Karl Otmar von Aretin: Henning von Tresckow und der militärische Widerstand. In: Sigrid Grabner, Hendrik Röder (Hrsg.): Henning von Tresckow, ich bin, der ich war. Texte und Dokumente. Berlin 2005, S. 121–136, hier: S. 122. Bei der Reichstagswahl im November 1932 wählte er nach eigenen Aussagen Hitler. Er begrüßte letztlich die „Machtergreifung“.

Entfremdung vom Nationalsozialismus Am 1. Mai 1934 wurde Tresckow zum Hauptmann befördert.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 53. Erste BedenkenJoachim Fest: Staatsstreich. Der lange Weg zum 20. Juli. Berlin 2004, S. 58. gegen den Nationalsozialismus kamen ihm wohl in der Folge der Röhm-Morde (Juni/Juli 1934), die er als Bruch jeden Rechtsgrundsatzes verurteilte., auf deutschlandarchiv.info Von Juli 1934 bis September 1936 absolvierte Tresckow die Kriegsakademie in Berlin-MoabitBodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 57. und galt als der bei weitem Beste seines Jahrgangs. Zum 125-jährigen Bestehen der Kriegsakademie (1935) fungierte Tresckow als „Begleitoffizier“Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 59. des nachmaligen Widerstandskämpfers Ludwig Beck, Amtschef im Truppenamt, denGünter Brakelmann: Christliche Offiziere im Widerstand. Das Beispiel des Henning von Tresckow. In: Magdeburger Wissenschaftsjournal. 2/2004, S. 66–73, hier: S. 68. er „sehr verehrte“. Im selben Jahr legte er eine Dolmetscher-Prüfung für Englisch ab.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 60.

1934 wurde er trotz innenpolitischer Bedenken bezüglich der Kirchenpolitik auf den Führer vereidigt.Klaus-Jürgen Müller: Struktur und Entwicklung der national-konservativen Opposition. In: Thomas Vogel (Hrsg.): Aufstand des Gewissens. Militärischer Widerstand gegen Hitler und das NS-Regime 1933–1945. Bonn 2000, S. 89–133, hier: S. 97. Am 28. September 1936 trat er – nach einer Reise nach England – seine neue Stelle in der 1. Abteilung des Generalstabs (Operationsabteilung) im Reichswehrministerium an.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 64. Sein direkter Vorgesetzter war zu dieser Zeit Major i. G. Adolf Heusinger.Bodo Scheurig: Henning von Tresckow. Ein Preuße gegen Hitler. Biographie. Berlin 2004, S. 65. Später, im Juni 1943, sollte Tresckow Heusinger in die Verschwörung mit einweihen, was zu keinen dienstlichen Konsequenzen führte.Winfried Heinemann: Der militärische Widerstand und der Krieg. In: Jörg Echternkamp (Hrsg.): Das Deutsche Reich und der Zweite Weltkrieg (= Beiträge zur Militär- und Kriegsgeschichte). Band 9: Die Deutsche Kriegsgesellschaft 1939 bis 1945. Halbband 1: Politisierung, Vernichtung, Überleben. Im Auftrag des Militärgeschichtlichen Forschungsamtes, DVA, München 2004, ISBN 3-421-06236-6, S. 743–892, hier: S. 760. Die Weisung vom 24. Juni 1937 hielt Tresckow zur Bearbeitung des Aufmarsches 23 (Grün) gegen die Tschechoslowakei an.