mini|Johann Valentin Andreae (1586–1654) im Alter von 42 Jahren (Kupferstich von Johann Pfann) Johann Valentin Andreae (* 17. August 1586 in Herrenberg; † 27. Juni 1654 in Stuttgart) war ein deutscher Theologe, Schriftsteller und Mathematiker mit großem Einfluss auf den Protestantismus im Herzogtum Württemberg. Er gilt als wahrscheinlicher Verfasser der Legende von Christian Rosenkreutz,Hans-Jürgen Ruppert: Rosenkreuzer. Hugendubel, Kreuzlingen & München 2004, ISBN 3-7205-2533-3, S. 19. aus der sich das Rosenkreuzertum entwickelt hat.

Leben 1586 bis 1611 Johann Valentin Andreae war der dritte Sohn und das fünfte Kind des lutherischen Pfarrers, Superintendenten von Herrenberg und Abtes von Königsbronn Johannes Andreae und seiner Ehefrau Maria Andreae geborene Moser, einer Tochter des Herrenberger Vogtes Valentin Moser. Andreaes Großvater Jakob Andreae war Kanzler der Universität Tübingen und Mitverfasser der Konkordienformel.

Johann Valentin Andreaes Vater verstarb 1601. Seine Mutter, eine in der Heilkunst bewanderte Frau, zog darauf mit den Kindern zu ihren Verwandten nach Tübingen. Durch Engagement und Vermittlung ihrer „ehrbaren“ württembergischen Familie erhielt sie 1607 die Aufgabe einer Vorsteherin der herzoglichen Apotheke in Stuttgart. Diese Aufgabe erfüllte sie mit großem Erfolg bis 1614.

Der beim Tode seines Vaters schon 15-jährige Johann Valentin Andreae studierte in Tübingen von 1602 bis 1605 die Freien Künste. Er verfasste in dieser Zeit zwei Bühnenstücke nach englischen Vorbildern, Esther und Hyazinthus, sowie seine berühmte Schrift Chymische Hochzeit Christiani Rosencreutz. 1603 wurde Andreae Baccalaureus und 1605 Magister. Ab 1606 nahm Johann Valentin Andreae das Studium der Theologie und der Mathematik auf. 1607 musste er jedoch wegen eines Studentenstreichs die Universität verlassen. Er wurde nicht zum Examen zugelassen und wurde auch vom Kirchendienst zurückgestellt.

Der Tübinger Freundeskreis Tobias Heß, Lazarus Zetzner, Christoph Besold et alii Andreae gehörte in Tübingen zum Freundeskreis des chiliastischen Juristen und Theosophen Tobias Heß (1568–1614);Aus Nürnberg, Studium in Erfurt, Jena, Altdorf und Tübingen, 1592 Dr. jur. utr. in Tübingen, beschäftigte sich mit der Heilkunst nach Paracelsus, Botanik und Alchemie, † 1614 in Tübingen; Johann Valentin Andreae: Tobiae Hessi, Viri imcomparabilis, immortalitas. Straßburg: Lazarus Zetzner 1619. zu diesem Kreis zählten auch der Jurist und Advokat am Tübinger Hofgericht Christoph Besold (1577–1638), der österreichische Adelige Abraham Hölzel von Sternstein (um 1580–1651), der emeritierte Superintendent Johannes Vischer (* um 1545),Aus Neuenstadt am Kocher, 1563 immatrikuliert in Tübingen, 1569 Heirat mit Ursula Dempf, Tochter von Balthas Dempf und Ursula Entringer aus Tübingen, von 1577 bis 1588 Pfarrer und Superintendent in Neuenstadt am Kocher. Seine Frau Ursula war über ihre Mutter mit Andreae verwandt. der Jurist Wilhelm Bidembach von Treuenfels (1587/89–1655) alias „Guilelmus Amnicola“, der Jurist Johannes Stoffel († vor 1665),Später Untergerichtsvogt in Héricourt in der württembergischen Herrschaft Montbeliard (Mömpelgard). der Jurist Wilhelm von der Wense (1586–1641),Aus Lüneburg, ab 1603 Studium in Wittenberg, Straßburg, Basel und Antwerpen, 1612 in Tübingen immatrikuliert, später Braunschweiger Land- und Schatzrat; Leichenpredigt von Johann Valentin Andreae: Jonathan Wensius, sive In acerbo funere Wilhelmi von der Wense, Equit. Lunaeb. Principis sui Consiliarii & Quaestoris. Lüneburg 1642. der Jurist Christoph Welling (1582–1661),Aus Tübingen, Sohn des Lateinprofessors Magister Heinrich Welling (1555–1620) und der Eva Moser (1563–1605) sowie Vetter zweiten Grades von Andreae, mit dem er 1607 nach Straßburg reiste, Lic. iur. utr., nach 1616 bis zu seiner Absetzung 1625 württembergischer Hofgerichts-Advokat in Tübingen, spätestens seit 1628 zeitweilig hohenlohischer Hofpräzeptor in Pfedelbach, 1634 bis 1661 Stadtgerichts-Prokurator in Nürnberg und gelegentlich dort zusätzlich Assessor des Zeidelgerichts, d. h. Imkergerichts, bzw. des Kaiserlichen Forstgerichts. Seine dritte Frau, Maria, geb. Hiller (1586–1620) aus Herrenberg, war eine Enkelin von Dietrich Schnepf (1525–1586). Welling soll „mit alchymistischen Versuchen“ das Vermögen seiner vierten Frau, Agnes Sibylla (1598–1624), einer Tochter Janus Gruters (1560–1627), vergeudet haben. Welling starb in Nürnberg. Vgl. Johann Jacob Mochel: Wellingische Gedächtnuß-Saul Oder Der Lebens-Lauff Deß [...] Christoph Wellings, Beeder Rechten Licentiaten u. Welcher den 27. Tag Augusti Anno 1661 [...] entschlaffen. Tübingen: Johan Heinrich Reiß 1662. Vgl. auch Reinhard Breymayer: Einleitung. In: Johann Valentin Andreae: Ein geistliches Gemälde [...] hrsg. von Reinhard Breymayer. Tübingen , S. VII - LXXXIII, hier besonders S. LIII - LXXI. der Jurist Thomas Lansius (1577–1657), der Mediziner Samuel Hafenreffer (1587–1660), der Mediziner Anton Frey (1584–nach 1622),Aus Cronweißenburg, Sohn von Johann Jakob Frey und Corona Andreae (* 1562) und Enkel von Jakob Andreae (1528–1590), 1603 am Marburger Pädagogium, 1607 in Tübingen, 1615 in Basel, dort Dr. med., 1622 in Weißenburg im Elsass. der Philosoph Tobias Adami (1581–1643), der Theologe Johann Jakob Hainlin, auch: Heinlin (1588–1660)Theologe und Mathematiker, Klosterschüler in Hirsau und Bebenhausen, Student in Tübingen, 1607 Magister in Tübingen, 1613 – 1621 Stadtdiakonus in Bietigheim an der Enz, dem heutigen Stadtteil von Bietigheim-Bissingen, Stadtpfarrer in Oberriexingen, Professor in Tübingen, 1654 bis 1660 Abt und Generalsuperintendent in Bebenhausen. und Johann Valentins Bruder, der Theologe Johann Ludwig Andreae (1590–1610), später auch der Hebraist, Mathematiker und Astronom Wilhelm Schickard (1592–1635).

Reisebegleiter seiner Zöglinge auf ihrer Grand Tour Andreae reiste rastlos durch Deutschland und unterrichtete schließlich als Hauslehrer in Lauingen und Tübingen junge Adlige. Er verfasste während dieser Zeit auch theologische Werke. Nach dem Ausbruch der großen Pest in Tübingen begleitete Andreae einige seiner Zöglinge auf ihren Kavalierstouren durch die Schweiz, Frankreich, Österreich und Italien.

Hofmeister der Familie Eberhard von Gemmingen Im Frühsommer 1611 kam Andreae nach einem Aufenthalt in Frankreich als Hofmeister zu Eberhard von Gemmingen nach Rappenau. Dort sollte er dessen ältesten Sohn Philipp bei dessen für das kommende Jahr geplantem Studium in Tübingen vorbereiten. Gemeinsam mit Philipp kehrte er im August 1611 nach Tübingen zurück, wo die beiden bei Matthias Hafenreffer aufgenommen wurden. Nach dem überraschenden Tod beider Eltern Philipps von Gemmingen im Oktober 1611 endete dieses Dienstverhältnis im April 1612. Andreae war bei der Beisetzung seines Dienstherren in Rappenau zugegen und schrieb eine seine Wertschätzung zum Ausdruck bringende Gedenkrede, die 1619 auch gedruckt erschien.Rudolf Rothenhöfer: Die Familie von Gemmingen in Rappenau und Johann Valentin Andreae, in: Bad Rappenauer Heimatbote Nr. 22, 21. Jahrgang, Dezember 2011, S. 46–49.

Begegnung mit Johannes Calvin in Genf – die Jahre 1611 bis 1638 In Genf lernte er 1611 die von Johannes Calvin geprägte reformierte Kirche kennen, deren strenge Forderung nach einem arbeitsamen und gottgefälligen Leben ihn faszinierte und die er sich zeitlebens zum Vorbild nahm. Er studierte ein Semester in Padua und kehrte 1612 nach Tübingen zurück. Dort nahm er am Tübinger Stift das Theologiestudium wieder auf. Nach dem Schlussexamen 1614 wurde er zum „Diakonus“ (oder „Helfer“, d. h. in der damaligen Terminologie der lutherischen Kirche nicht etwa „Diakon“ im heutigen Sinn, sondern „zweiter Stadtpfarrer“) in Vaihingen an der Enz berufen und heiratete im August 1614 Agnes Elisabeth Grüninger (* 1592 in Schützingen; † 1659 in Calw). Aus der Ehe gingen neun Kinder hervor.

Andreaes Haltung zum Orden der Rosenkreuzer nimmt eine Wende Seinen Anteil an der Entstehung des Ordens der Rosenkreuzer, der mittlerweile in Europa eine weit verbreitete Anhängerschaft hat, rechtfertigt Andreae im Rückblick als Jugendsünde.

In Vaihingen wollte Andreae ein radikales Programm zur Überwindung von Zuchtlosigkeit und Armut durchsetzen. Sorgfältige Jugendunterweisung und die Einführung von Kirchenzucht sollten Sittenlosigkeit, Fluchen, Trunkenheit, Ehe- und Nachbarschaftsstreit und die Entheiligung des Sonntags bekämpfen. Die Zehn Gebote wurden gesetzliche Grundlage, Richter waren der Pfarrer und der Bürgermeister zusammen mit einigen angesehenen Bürgern. Als Strafe wurden Geldbußen für die Armenkasse und bis zu drei Tagen Arrest verhängt, von den Bußgeldern Arme unterstützt und Notstandsarbeit finanziert. Andreaes Vorhaben scheiterte aber am Widerstand der Bevölkerung.Wilhelm Hahn: In: Kreiszeitung / Böblinger Bote. Ausgabe vom 26. Juni 2004.

Andreae wird Superintendent in Calw 1620 wurde Andreae Superintendent in Calw, wo er mehr Erfolg mit der Reformation von Schul- und Sozialwesen und Armenpflege hatte. Calw war damals mit etwa 3.500 Einwohnern halb so groß wie Stuttgart und durch seine florierende Wollproduktion eine der wirtschaftlich bedeutendsten Städte des alten Württemberg, zugleich herrschte soziale Not. Andreae überzeugte die reichen Calwer Handelsherrn von der Notwendigkeit der Gründung „einer christlichen, gottliebenden Gesellschaft“ zur Unterstützung der Armen, Kranken und der Jugend. So entstand aus einem Kreis von 13 Männern und 7.100 Gulden Grundvermögen die sogenannte Calwer Färberstiftung, eine soziale Einrichtung, die bis 1923 Bestand hatte.

Im Zuge des Dreißigjährigen Krieges verliert Andreae seinen gesamten Besitz mini|Heutige Ansicht auf Aichelberg. Die Kirche, das Pfarrhaus und weitere Gebäude waren damals noch nicht vorhanden. Die Kirche und das Pfarrhaus stammen aus dem Jahr 1907. Für den Wiederaufbau der Stadt, die im Dreißigjährigen Krieg nach der Schlacht bei Nördlingen 1634 durch die kaiserlichen Heere niedergebrannt worden war, beschaffte er unter anderem durch seine Schilderung des Elends in Threni Calvensis Geld und leistete tatkräftige Hilfe, obwohl er selber seinen gesamten Besitz verloren hatte, darunter sein Haus, seine Bibliothek und seine Gemäldesammlung. Er gründete die karitative „Christliche Gottliebende Gesellschaft“, um der Stadt zu helfen. Doch als Calw 1638 noch einmal verwüstet wurde, flüchtete Andreae mit der Bevölkerung in den Schwarzwald. Er flüchtete nach Neuweiler und fand dort bei der Pfarrerfamilie Zuflucht. Auf dem Neuweilener Kirchhof bei der Kirche sind am dortigen Grab die Inschriften eines seiner Kinder bis heute am dortigen Grabstein zu erkennen. Über Aichelberg, das damals zum Amt Neuweiler zählte (ab 1850 selbständig als Gemeinde Bergorte und ab 1974 im Rahmen der Gemeindegebietsreform kommunal zu Bad Wildbad gekommen), gelang ihm die Flucht vor dem kaiserlichen Heer. Zur Strafe für die gelungene Flucht wurde der Hof des reichsten Bauern von Aichelberg samt Bauer und Familie niedergebrannt. Nach dem Rückzug der Truppen kehrten von den 4.000 Einwohnern nur noch 1.500 zurück. Von denen starb die Hälfte an einer anschließenden Pestepidemie.

Der mittellose Andreae wird zum Hofprediger und Konsistorialrat in Stuttgart ernannt mini|links|Johann Valentin Andreae 1638 wurde der mittellose Andreae zum Hofprediger und Konsistorialrat in Stuttgart ernannt, wo er für eine grundlegende Kirchenreform eintrat. Er promovierte 1641 an der Universität Tübingen zum Doktor der Theologie. Seine Schrift Theophilus veranlasste Herzog Eberhard III. 1642 im Herzogtum Württemberg den Kirchenkonvent einzuführen – eine Art Sittengericht, das Gemeindemitglieder verurteilte, die durch Glücksspiel, Fluchen, Zank oder anderweitig „gottesungefällige Lebensweise“ aufgefallen waren.