mini|hochkant=2|Kimmerer im Zentrum Kleinasiens um 600 v. Chr.

Die Kimmerer oder Kimmerier (altgriechisch Κιμμέριοι, Kimmérioi; assyrisch Gimir-ri/Gimir-rai, Singular Gimir, biblisch Gomer) waren ein indogermanisches Reitervolk der Antike, welches nach griechischen Autoren wie Herodot ursprünglich am Kimmerischen Bosporus (die heutige Straße von Kertsch zwischen der Krim und Südrussland) und im nördlichen Kaukasus ansässig war. Nach übereinstimmenden griechischen und assyrischen Quellen zogen die Kimmerier ab dem späten 8. Jahrhundert v. Chr. über den Kaukasus nach Kleinasien, wo sie zunächst das Reich der Phryger zerschlugen und jahrzehntelang eine Bedrohung für die griechischen Städte Kleinasiens und das Lyderreich waren.

Schriftquellen Griechen In der OdysseeHomer, Odyssee XI, 12–19. Zu dieser Stelle siehe Michaela Rücker: Die Hüter des Hades. Zur Bedeutung und Interpretation der homerischen Kimmerier. In: Digital Classics Online. Band 3, Nummer 1, 2017, S. 19–43, DOI:10.11588/dco.2017.1.40180. beschreibt Homer das Land und die Stadt der kimmerischen Männer, die im äußersten Rand des tiefen Okeanos, nahe am Eingang des Hades, lägen. In ihrem Gebiet herrschten stete Nacht und Nebel („kimmerische Finsternis“) und Helios würde hier nicht leuchten. Vielleicht sind auch die in der IliasHomer, Ilias XIII, 5–6. erwähnten Hippemolgen, „das trefflichste aller Völker“, als Kimmerer zu identifizieren.

Aristeas erwähnt die Kimmerer als Bewohner der Steppen am Nordufer des Schwarzen Meeres (Arimaspeia), etwa im 7. Jahrhundert v. Chr. In der Erdbeschreibung des Hekataios von Milet wird ein Einfall der Skythen in das Gebiet der Kimmerer beschrieben. Dieses Werk gilt als Quelle Herodots für den Skythenfeldzug des persischen Königs Dareios I.

Herodot berichtet, dass die Kimmerer lange vor seiner Zeit am Nordrand des Schwarzen Meeres ansässig waren und durch die Skythen, die zu Herodots Zeit dort lebten, einst aus ihrer ehemaligen Heimat vertrieben wurden. Darauf weisen Herodot zufolge Ortsnamen wie Kimmerische Feste, Kimmerische Furt und Kimmerischer BosporusHerodot, Historien IV, 12.. Die Kimmerer wurden von Königen regiert, wichtige Entscheidungen wurden aber anscheinend von der Volksversammlung getroffenHerodot, Historien IV, 11.. Es kam zu einer Schlacht, da die Kimmerer von den Skythen bedroht wurden und sich das Volk sowie die Könige nicht darauf einigen konnten, ob sie fliehen oder im Widerstand zu Grunde gehen sollten. Die Toten wurden anschließend am Fluss Tyras bestattetHerodot, Historien IV, 11.. Daraufhin flohen die Kimmerer, der Meeresküste folgend, nach Kleinasien, nur wenige fanden Zuflucht auf der Krim. Die Skythen verfolgten sie, nahmen aber eine andere Route nach Süden, mit dem Kaukasus zur Rechten, also näher am Kaspischen Meer, und konnten sie daher nicht finden.Herodot, Historien IV, 2. PhillipsE. D. Phillips: The Scythian domination in Western Asia: its record in history, scripture and archaeology. In: World Archaeology. Bd. 4, Nr. 2, 1972, S. 129–138. nimmt an, dass die Kimmerer die Darialschlucht in der Mitte des Kaukasus benutzten, während die Skythen über Derbent im Osten vordrangen. Sie griffen stattdessen die Meder an. Die Kimmerer ließen sich später auf der Halbinsel von Sinop nieder.Herodot, Historien I, 12.

Nach Strabo drangen die Kimmerer nach Paphlagonien vor und griffen das Reich der Phryger an. Ihr König Midas, Sohn des Gordios, habe sich beim Angriff der Kimmerer auf die Hauptstadt Gordion (696 oder 679 v. Chr.) durch Trinken von „Ochsenblut“, vermutlich ein aus Realgar hergestelltes Arsen-Gift, das Leben genommen. Die Kimmerer siedelten sich um Sinop an und erschlugen den Milesier Habron.In manchen Publikationen wird der Name auch als Habrondas oder Abrondas wiedergegeben. Siehe hierzu Askold I. Ivantchik: Die Gründung von Sinope und die Probleme der Anfangsphase der griechischen Kolonisation des Schwarzmeergebietes. In: Gocha R. Tsetskhladze (Hrsg.): The Greek Colonisation of the Black Sea Area. Historical Interpretation of Archaeology. Fran Steiner Verlag, Stuttgart 1998, ISBN 3-515-07302-7, S. 298 Anm. 2.

Aristoteles berichtet, dass die Kimmerer Antadros am Fuße des Ida einnahmen und für hundert Jahre beherrschten. Die Kimmerer griffen den Lyderkönig Ardys II., Sohn des Gyges, an und nahmen seine Hauptstadt Sardes bis auf die Akropolis ein. Zusammen mit den Trerern plünderten sie die Städte der ägäischen Küste. Schließlich wurden sie von König Alyattes II., Sohn des Sadyattes II., Enkel des Ardys II., geschlagen und aus Kleinasien vertrieben.Herodot, Historien I, 16.

Dionysios Periegetes, ein Schriftsteller des 2. Jahrhunderts n. Chr., beschreibt die Kimmerer als Nachbarn der Sinder und Kerketen, also wohl als im Kaukasus ansässig.

Lateinische Quellen Nach Pomponius MelaPomponius Mela, Chorographia 1, 12. lebten an der Küste des Kaspischen Meeres die Komaren, Massageten, Kadusier, Hyrkanier und Hiberer. Jenseits davon lebten die Hyperboräer und Amazonen, und oberhalb von diesen die Cercetae, Kimmerer, Cissianti, Achaei, Georgili, Moschi, Phoristae, Rimphaces und Arimphaei.

Assyrische Quellen mini|Einfall der Kimmerer im 8. Jahrhundert v. Chr. über den Kaukasus nach Kleinasien Die Kimmerer werden oft mit den Gimirri der assyrischen Quellen gleichgesetzt. Als Bezeichnung für nomadische Stämme im Norden findet sich häufig der Name „umman-manda“ (Meder), der seit der Akkad-Zeit belegt ist. Auch mit dieser Bezeichnung werden oft Kimmerer und Skythen identifiziert. Des Weiteren werden sie von Sargon II. auch Gutäer genannt, was womöglich als Schimpfwort genutzt wurde. Der Harper-Brief ABL 112 erwähnt Kimmerer in MannaiAnne Katrine Gade Kristensen: Who were the Cimmerians, and where did they come from? Sargon II, the Cimmerians, and Rusa I (= The Royal Danish Academy of Sciences and Letters. Historisk-filosofiske meddelelser. Bd. 57). Munksgaard, Kopenhagen 1988, ISBN 87-7304-191-2..

Kronprinz Sanherib berichtet 714 v. Chr. an Sargon II., dass die Gimirri aus Gamirru nach Urartu eingefallen seien, wobei der Statthalter von Uaiš fiel. In dem Gottesbrief über seinen achten Feldzug beschreibt Sargon II. unter anderem den Selbstmord des Rusa I. von Urartu wegen des Falls von Musasir und der „Gefangenschaft“ des Gottes Ḫaldi. Dieser Erfolg war möglicherweise durch einen Einfall der Kimmerer möglich geworden. Sargon selbst fiel 705 v. Chr. auf seinem neunten Feldzug gegen die Kulummu. Manche Forscher (Winkler) glauben aber, dass die Kimmerer für seinen Tod verantwortlich waren.

Die nächste Erwähnung der Kimmerer stammt aus dem Jahr 679 v. Chr. Asarhaddon unterwarf den kimmerischen König Teušpa in Hubušna. Aus einem Brief des Kronprinzen Assurbanipal an seinen Vater Asarhaddon ist bekannt, dass die Kimmerer die Stadt Kudana eingenommen hatten. Der stark zerbrochene Brief erwähnt auch den „Sohn“ von ú-ak-sa-ta (Kyaxares I.?) und einen gewissen pa-ra-m[u] (Phraortes?). Ein weiterer Brief (83-1-18, 283) erwähnt Kimmerer in Minda.

Die Annalen des Assurbanipal berichten, dass Guggu (Gyges?), König von Luddu, zwei Häuptlinge der Gimirri gefangen nach Ninive schickte und sich um ein Bündnis mit Assyrien bemühte. Kurz danach verbündete sich Guggu aber mit Psamettich und sandte diesem Söldner. Ardys, Guggus Sohn, stellte um 646 v. Chr. wieder freundschaftliche Beziehungen zu Assurbanipal her. Dugdamme, König der Saka Ugutumki, zerstörte Sardes und zog weiter nach Kilikien, wo er erkrankte. Er spuckte Blut und seine Genitalien verfaulten.

Bibel In der Bibel wird „Gomer“, ein Volk aus Mitternacht (Norden) „von den Enden der Erde“ erwähnt, das oft mit den Kimmerern gleichgesetzt wird. Die Völkertafel in führt Gomer unter den Kindern Jafets. Die anderen Nachfahren Jafets sind Magog, Madai (Meder), Tubal (Tabal in der heutigen Osttürkei), Mesech (Phryger) und Tiras. Gomer wurde im Mittelalter und der frühen Neuzeit auch als Kimbern gedeutet und wurde so zum Beispiel zum Vorfahren der Briten und Schweden. Unter den Kindern Gomers findet sich Aschkenas, der unter anderem mit den Skythen gleichgesetzt wird.

nennt Gomer zusammen mit dem Haufen Thogarma (Tilgarimmu?) unter den Gefolgsleuten Gogs im Lande Magog und Oberherr von Mesech und Tubal (39,2) und prophezeit, dass er zu Rosse über Israel kommen werde wie eine Wolke (38,16). Aber JHWH werde ihn mit Pestilenz, Blut und Feuer- und Schwefelregen vernichten und ihm den Bogen aus der Hand schlagen. Der Prophet beschreibt, wie die Bewohner Israels die Schilde, Bögen, Pfeile, Keulen und Spieße von Magog und Gomer verbrennen und so sieben Jahre kein Feuerholz brauchen (39,10). Die Reste des Heeres werden im Tal Abǎrim oder Hamon Gog östlich des Toten Meeres bestattet.

beschreibt die Bögen, Pferde und Wagen von Gomer.

Armenische Quellen Nach armenischen Quellen besiedelten die Kimmerer Kleinasien, das nach ihnen Gamirk genannt wirdE. D. Phillips: The Scythian domination in Western Asia: its record in history, scripture and archaeology. In: World Archaeology. Bd. 4, Nr. 2, 1972, S. 129–138, hier S. 136..

Herrscher der Kimmerer Teušpa Dugdamme

Archäologische Funde Die Funde der Tschernogorowka- und Nowotscherkassk-Kulturen der frühen Eisenzeit, zwischen dem 9. und 7. Jahrhundert v. Chr., am Nordufer des Schwarzen Meeres werden traditionell den Kimmerern zugeschrieben. Diese Kulturen lösten die Belosjorka-Kultur ab, deren Träger feste Siedlungen bewohnten und sich von Ackerbau und Viehzucht ernährten. Mit dem Beginn der frühen Eisenzeit lässt sich ein Wechsel der Wirtschaftsweise zur nomadischen Viehzucht erkennen. Die Funde beschränken sich fast völlig auf die Waldsteppe und die Steppe, bewaldete Gebiete werden gemieden, hier findet sich die Tschorny-Les-Kultur. Deren befestigte Siedlungen werden von einigen Forschern als Schutz gegen nomadische Überfälle gedeutet. Jedoch ist Handel zwischen Tschorny-Les und Nowotscherkassk wahrscheinlich, da auch Vollnomaden auf gewisse Erzeugnisse des Ackerbaus angewiesen sind.

Tschernogorowka Die Tschernogorowka-Kultur wird in das 9. und frühe 8. Jahrhundert v. Chr. datiert. Sie ist nach einem Fundort beim Dorf Tschernogorowka (heute Stadt Siwersk bei Bachmut) benannt. Typisch sind ost-west-orientierte Hockerbestattungen unter Grabhügeln, manchmal in Nischen, die von einem zentralen unterirdischen Schacht ausgehen. Männer erhielten eherne Tüllenpfeilspitzen, Pferdegeschirr und Eisendolche mit Bronzegriff als Beigaben. Die Metallurgie der Tschernogorowka-Kultur ist vermutlich durch die nordkaukasische Koban-Kultur beeinflusst.

Nowotscherkassk Die Nowotscherkassk-Kultur wird aus der bronzezeitlichen Srubnaja(Balkengrab)-Kultur abgeleitet. Sie datiert in das 8. und 7. Jahrhundert und ist nach einem Fundort in der Oblast Rostow benannt. Sie war zwischen Donau und Wolga verbreitet. Typisch sind West-Ost ausgerichtete gestreckte Bestattung unter niedrigen Grabhügeln (Kurganen), auch Nachbestattungen in älteren Hügeln kommen vor. Die Grabbeigaben der Männer bestehen aus Waffen, Kompositbögen, rautenförmigen Tüllenpfeilspitzen sowie Lanzen, Schwertern und Dolchen aus Eisen, Steinkeulen, Wetzsteinen und Pferdegeschirr aus Bronze und Bein. Pferdebestattungen (Girejewa Mogila) sind selten. Frauengräber enthalten hauptsächlich Keramik. Einzelne Gräber sind sehr reich ausgestattet, unter anderem mit Goldschmuck, dies deutet auf gesellschaftliche Differenzierung. Ein Hortfund der Nowotscherkassk-Kultur ist aus Surmuschi in Georgien bekannt. Die Nowotscherkassk-Kultur endete im 7. Jahrhundert abrupt und wird durch Funde abgelöst, die den Skythen zugeschrieben werden. Dies könnte die Angaben Herodots über den Einfall der Skythen in kimmerisches Gebiet stützen.